Rücktritt vom Rücktritt - Ein Kommentar

20.11.2019 | 15:54

Am 18. November 2019 passiert das, was wahrscheinlich jeder MÖTLEY CRÜE-Fan insgeheim erwartet hat. Die Band kommt aus dem vorzeitigen Ruhestand zurück und geht im kommenden Jahr wieder auf große Tour!

Wenn aber doch jeder damit gerechnet hat, warum dann überhaupt hierzu noch mehr Worte verlieren? Weil es eine Entwicklung im Musik-Business in den letzten Jahren demonstriert, die mir als eingefleischtem Fan langsam gehörig auf die Nerven geht. Aktuell lässt sich ja kaum zählen, wie viele Bands sich gerade auf ihrer Abschiedsreise befinden. OZZY OSBOURNE umrundet den Globus bereits seit 1991 unter dem Motto "No More Tours", die Herren von SLAYER wollen sich von ihren Fans noch einmal verabschieden und KISS befindet sich gerade auf der angeblich letzten Konzertreise, die nun aber im kommenden Sommer auch schon ein zweites Mal in Deutschland halt machen wird. Ob einer dieser Rücktritte wirklich von Dauer sein wird, muss sich aber erst noch zeigen. Immerhin war PHIL COLLINS im Jahr 2004 so klug, sein damaliges letztes Hurra vor dem Ruhestand selbstironisch "First Final Farewell Tour" zu nennen. Inzwischen ist natürlich auch er wieder unterwegs unter dem nicht minder süffisanten Titel "Not Dead Yet".

Doch wenn das so eine ganz normale Praktik ist, warum veranlasste mich die Ankündigung von MÖTLEY CRÜE zum Schreiben dieser Zeilen? Weil noch keine Band ihren Abschied so medienwirksam zelebriert hat, wie es Tommy Lee, Mick Mars, Vince Neil und Nikki Sixx im Jahr 2013 taten. So wurde auf einer groß anberaumten Pressekonferenz ein Vertrag unterzeichnet, der es den Bandmitgliedern ab dem Neujahrstag 2016 verbot, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Das klingt auf den ersten Blick nach einem ernstzunehmenden Plan, wobei natürlich unerwähnt blieb, dass ein solcher Vertrag auch immer im Einvernehmen aller Parteien aufgelöst werden kann. Die Unterschriften des Vierers waren also eigentlich nicht viel mehr Wert, als das Papier auf dem sie geschrieben standen. Und trotzdem pilgerten zahlreiche Fans (wozu auch ich gehörte) zu den Konzerten, nahmen weite Anreisen in Kauf, bezahlten die teilweise horrenden Ticketpreise, nur um ihre Helden ein letztes Mal zu erleben. Natürlich wird das finale Konzert auch noch auf DVD/Blu-ray veröffentlicht und kommt für einen Tag in ausgewählte Kinos, damit die Fans die Wiederverwertung des Abschieds auch noch einmal bezahlen können. Sechs Jahre später ist das jetzt alles wieder vergessen und die Band geht erneut auf Tour, um dieses mal dank dem Reunion-Bonus abzukassieren. Was soll dann dieser ganze Zirkus, darf man sich berechtigter Weise fragen. Fällt denn Musikern beim besten Willen nichts mehr Frisches ein, sodass sie nur noch mit ihren alten Hits entweder auf Abschieds- oder Reunion-Tour sein können? Oder bringt so eine Konzertreise, bei der man der Anhängerschaft vorgaukelt, es wäre die letzte Gelegenheit, einfach noch einmal mehr Geld? Egal wie, hier wird auf dem Rücken von uns Fans Kohle gescheffelt und mit den Gefühlen der Anhänger gespielt. Denn vergessen wir nicht, dass bei vielen Fans die Zuneigung zu einer Band weit über normale Maße hinausgeht und nicht selten auf einem Abschiedskonzert auch die ein oder andere Träne verdrückt wird.

Da ich selbst Musiker bin, kann ich auf der anderen Seite auch die Protagonisten verstehen. In eine Platte und eine Band fließt viel Herzblut, in den Songs stecken Erinnerungen und so etwas auf Dauer einfach ad acta zu legen, ist unheimlich schwer. Also warum überhaupt einen Abschied ankündigen? Hier wünschte ich mir, dass sich viele Musiker mal einen Scheibe bei den ROLLING STONES abschneiden würden. Keith Richards antwortet auf die Frage, ob die aktuelle Tour denn nun die letzte sei, immer mit der gleichen Antwort: "Ich weiß es nicht!" So eine einfache Antwort, die aber den Fans gegenüber ehrlich ist. Richards und Co wollen so lange Musik machen, wie es ihnen Spaß bereitet und sie es körperlich können - das gleiche gilt wahrscheinlich für nahezu jede der anderen auf Abschiedstour befindlichen Bands ebenfalls. Ob es eine weitere Tour gibt, ist sowieso immer mehr als fraglich - immerhin werden auch viele Fans, die im Jahr 2017 ein LINKIN PARK-Konzert besucht haben, wohl kaum damit gerechnet haben, dass dies ihre letzte Chance gewesen ist. Also bitte, hört doch endlich auf damit, gekünstelt auf die Tränendrüse zu drücken und euren treuen Anhängern mit Abschieden und Rücktritten vom Rücktritt unnötig Geld aus der Tasche zu ziehen. Der Markt für Konzerte ist wahrscheinlich aktuell so groß wie noch nie und wir Fans kommen auch, wenn ihr einfach nur mit euren Klassikern oder einem neuen Album die Hallen hierzulande bespielt. Und wenn ihr euch schon wirklich verabschieden wollt, dann steht auch bitte zu eurem Wort. Doch der Ruf des Geldes wird am Ende wie immer stärker sein und so prohezeie ich mutig, dass wir uns alle 2025 bei der KISS-Reunion wiedersehen. Am besten direkt mit MÖTLEY CRÜE auf ihrer nächsten Farewell-Tour im Vorprogramm, dann kann man die sowieso schon astronomischen Ticketpreise direkt nochmal verdoppeln...

Redakteur:
Tobias Dahs

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