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SABATON: Interview mit Joakim Brodén

20.05.2010 | 23:24

Schmeißt das Raumschiff an - SABATON greifen mit "Coat Of Arms" nach den Sternen. Sänger Joakim gibt das Startsignal und wir reisen mit.

Enrico:
Hallo Joakim – schön, dass du Zeit für uns hast. Die Tage erscheint euer neues Album "Coat Of Arms". Was müsste als Beschreibung auf dem Artwork von stehen?

Joakim:
Heavy Fucking Metal! Das Album ist nicht nur ein Querschnitt unseres bisherigen Schaffens, sondern geht ein wenig darüber hinaus. Kompositorisch hat es viele Gemeinsamkeiten mit "Metalizer", aber anderseits auch mit neueren Alben wie "Primo Victoria" und "The Art Of War". Dagegen gibt es Songs wie 'The Final Solution' oder 'Wehrmacht', welche etwas Neues darstellen und die zeigen, was die Zukunft für SABATON bereit halten könnte.

Enrico:
Wo siehst du die größten Unterschiede, gerade was "The Art Of War" betrifft.

Joakim:
Der größte Unterschied liegt auf Seiten der Lyrics. Bei "The Art Of War" folgten wir Sūnzǐs Buch "The Art Of War", so dass wir Kriege und Themen finden mussten, welche zu den jeweiligen Kapiteln passten. Bei "Coat Of Arms" konnten wir uns hingegen lyrisch völlig frei bewegen. Beim Songwriting machen wir uns vorher nie einen Plan, wie ein Album klingen soll. Es ist aber schon etwas melodischer ausgefallen als "The Art Of War".

Enrico:
Mit knapp unter 40 Minuten ist "Coat Of Arms" das kürzeste Album eurer Karriere. Warum ist es denn so kurz?

Joakim:
Keine Ahnung – ich war selber überrascht (lacht). "Primo Victoria" und "Attero Dominatus" waren aber auch nicht viel länger. Eines meiner alten Lieblingsalben ist "Rising" von RAINBOW, welches nur sechs Tracks enthält. Wenn du ein Album mit 17 Songs veröffentlichst, kann nicht jeder die gleiche Qualität besitzen. Daher mag ich lieber kürzere Alben mit acht bis maximal zwölf Songs, welche dann aber richtig stark sind. Als Künstler sollte man sich lieber mit den richtig guten Songs beschäftigen, als versuchen das Album künstlich aufzupumpen.

Enrico:
Wann habt ihr mit dem Schreiben für "Coat Of Arms" begonnen?

Joakim:
Das war gleich nach den Aufnahmen zu "The Art Of War". Wir sind da ziemlich eifrig. Ich habe vor einigen Wochen schon mit dem Schreiben für das nächste Album begonnen (lacht). Ich schreibe eigentlich immer und suche unentwegt neue Ideen. Richtig ernst wurde es mit "Coat Of Arms" kurz nach der "The Art Of War"-Tour im Dezember 2008.

Enrico:
Brauchst du eine bestimmte Atmosphäre für dein Songwriting? Bier, ein guter Film?

Joakim:
Bier hilft auf jeden Fall, aber ein toller Film ist noch besser. Ich kann zwar aus einem Film keine Riffs klauen, aber seine Atmosphäre (lacht). Beim Schreiben versuche ich alles andere aus meinen Geist zu verbannen. Wenn ich zehn andere Dinge im Kopf hätte, würde es natürlich nicht funktionieren. Ich gehe meistens mitten am Tag ins Studio und verlasse es gegen 7 Uhr am nächsten Morgen. Wenn alle anderen Menschen in diesem Gebäude zu arbeiten anfangen, gehe ich nach Hause (lacht).

Enrico:
SABATON wächst und wächst und hat mit Nuclear Blast nun auch ein richtig großes Label im Rücken. Fühlst du steigenden Druck?

Joakim:
Ja, schon. Das hat aber nichts mit dem Label zu tun, sondern eher mit den Fans. Ich möchte keinen SABATON-Fan mit der neuen Platte enttäuschen, daher war ich gerade zu Beginn des Schreibens und der Produktion extrem selbstkritisch. Nichts war gut genug. Aber dann kamen plötzlich zwei Songs, die mir zeigten, dass ich diesen Shit immer noch drauf habe (lacht).

Enrico:
Wie glücklich seid ihr mit der Zusammenarbeit mit Nuclear Blast?

Joakim:
Sehr – als wir den Vertrag unterschrieben haben, sagten viele Leute zu uns, dass die Jungs extrem geschäftsorientiert wären und dass es nur ums Geld statt um die Musik gehen würde. Ich kann sagen, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Als wir das erste Mal direkt mit den Jungs von Blast uns getroffen haben, haben wir 80% der Zeit über "Transcendence" von CRIMSON GLORY gequatscht (lacht). Das war eine richtig gute Atmosphäre.

Enrico:
Deutschland hat sicherlich einen großen Einfluss auf euch als Band, als auch auf eure Texte. Welche Verbindung hast du zu Deutschland?

Joakim:
Sehr viele – ich muss sagen, dass Deutschland echt cool ist, denn mindestens 50% unserer Songs drehen sich ja um euch Deutsche (lacht). Aber die deutschen Fans nehmen die Texte gut auf, weil sie verstehen, dass wir Geschichte präsentieren und aufarbeiten. Es geht nicht um persönliche Einstellungen, sondern um real existierende Geschichte. Im Gegensatz dazu bekamen wir aus Argentinien vor einigen Jahren sehr starken Gegenwind für den Song 'Back In Control'. Dabei erzählen wir die Geschichte des Falkland-Krieges aus einer britischen Sicht. Sie waren echt angepisst. Aber ich kann es nur wiederholen, dass wir keine politische Band sind, sondern nur Geschichten erzählen. Bei 'Back In Control' war es eben aus britischer Sicht. Anscheinend gehen einige Länder sehr seltsam mit ihrer eigenen Geschichte um, wenn man die Sicht der anderen einnimmt.

Enrico:
Wenn du den Namen Deutschland hörst – an was denkst du zuerst: Bier, Bratwurst oder den 2. Weltkrieg?

Joakim:
Bier und Wacken! Unser Auftritt im Jahr 2008 war einfach unglaublich. So viele freundliche und tolle Menschen. Wir sind oft in den Massen herumspaziert und auch wenn uns die Fans erkannt haben, haben sie uns nicht angemacht sondern einfach nur Spaß gehabt. Die deutschen Fans sind da sehr entspannte Leute, wenn man sie auf Festivals trifft. "Okay, lass uns ein Bier zusammen trinken." Und wenn man ihnen erzählt, dass man in 30 Minuten auf die Bühne muss, wünschen sie dir Glück und verabschieden sich. Sie verhalten sich ganz normal, dass gefällt mir sehr.

Enrico:
Dennoch denke ich, dass ihr jede Menge Bier auf dem Wacken Open Air getrunken habt.

Joakim:
Oh ja (lacht)!

Enrico:
Mir fällt dabei das Interview auf der Wacken-DVD ein...

Joakim:
Ach – der "Gay-Part"? War der auf der DVD?

Enrico:
Logo!

Joakim:
Okay (lacht)! Ja, das war nach der Show als wir mit Peter Tägtgren ein bisschen herumalbern wollten (lacht; im Original sagte er übrigens "fuck around with Peter"), aber er gerade ein Interview hatte. Daniel und ich wussten das aber nicht und platzten herein. Wir haben uns dann verzogen, bis der Interview-Typ (Gunnar Sauermann – Anm. d. V.) mit der Kamera zu uns kam und uns erzählte, dass Peter meinte, dass wir alle schwul wären (lacht). Oh Gott, wir hatten echt einen sitzen.

Enrico:
Lass uns noch einmal auf "Coat Of Arms" zurückkommen. Der Song 'The Final Solution' ist einer meiner Lieblinge, mit einem fetten Mitsing-Refrain. Aber in Gottes Namen – ihr singt über die Endlösung und den Holocaust. Wenn ich mir vorstelle, dass auf den Festivals 10.000 Menschen 'The Final Solution' mitsingen und dabei lächeln, wird einem ganz anders.

Joakim:
Ja, das stimmt. Das wäre echt schlimm, wenn jemand, der uns nicht kennt, eine Videoaufnahme sehen würde, wo alle die Zeile "Enter The Gates, Auschwitz Awaits" mitsingen. Wir haben das innerhalb der Band sehr oft diskutiert und uns erst kürzlich mit unserem Stage-Manager unterhalten. Wir haben entschieden, dass wir diesen Song in einer Akustikversion spielen werden. Obwohl wir, was solche Sachen anbelangt, eine sehr "untrue" Band sind und viel herumspringen und die Fans animieren, können wir das einfach nicht machen, wenn wir darüber singen, wie Menschen auf grausame Art und Weise getötet werden. Das wäre selbst für uns zu viel des Guten. Auf den Festivals würde diese Version nicht funktionieren, daher lassen wir den Song dort weg.

Enrico:
Was war eigentlich dein Lieblings-Schulfach? Geschichte oder Musik?

Joakim:
Musik! Meine Geschichtslehrerin war grauenvoll. Wir mussten immer irgendwelche historische Daten auswendig lernen. Klar, Guttenberg war ein wichtiger Mann und seine Erfindung des Buchdrucks genial, aber ehrlich: Wen interessiert es, in welchem Jahr das passierte?

Enrico:
Für 'Uprising' war ein Video geplant? Wie ist der momentane Stand der Dinge?

Joakim:
Zuerst wurde es wegen des tödlichen Unfalls des polnischen Präsidenten verschoben – wir wollten das Video in Polen drehen, doch haben dies zunächst auf Eis gelegt, weil wir nicht inmitten der Trauerzeit unser Video drehen wollten. Beim zweiten Versuch kam die blöde Vulkanasche dazwischen. Im Moment suchen wir eine andere Option, um den Clip doch noch drehen zu können. (Die wurde gefunden, denn aktuell wird der Clip abgedreht – Anm. d. V.).

Enrico:
Nach den Sommerfestivals geht ihr auf Tour – im Schlepptau habt ihr ALESTORM. Warum gerade die Piraten?

Joakim:
Jeder braucht Piraten (lacht). Wir haben uns letztes Jahr auf dem Legacy-Fest zum ersten Mal getroffen und uns prima verstanden. Sie mögen unsere Musik, wir mögen ihre Musik. Wir sind beide eher Party-Bands und haben sicherlich ähnliche Fans. Der normale SABATON-Fan wird ALESTORM sicherlich auch mögen. Daher fanden alle die Idee klasse, gemeinsam auf Tour zu gehen. Es wird sicherlich ein "Pirate-Blitzkrieg" werden (lacht).

Enrico:
Klasse – die Location in der ihr in Leipzig spielt, ist gerade mal zwei Kilometer von meiner Wohnung entfernt.

Joakim:
Perfekt – dann kannst du ja nach Hause kriechen (lacht).

Enrico:
Das habe ich vor. Die Tour ist ziemlich lang und hat nur wenige freie Tage. Wie hältst du das durch? Hast du ein besonderes Training?

Joakim:
Bevor eine Tour beginnt, fange ich mit Joggen an. Nicht wie ein Verrückter, aber so, dass ich etwas in Form komme. Ich möchte nicht bei den ersten Shows schon aus der Puste kommen. Ansonsten bringe ich meine Stimme durch viel Singen in Form und schlafe sehr viel. Aber auch auf Tour versuche ich, mich nicht ganz gehen zu lassen. Man kann dann halt nicht jeden Abend Party machen. Klar, wenn ein Samstag-Konzert ansteht und wir am nächsten Tag frei haben, dann kann man vor der Party gar nicht flüchten, aber ansonsten möchte ich nicht mit einem Kater auf der Bühne stehen. Die Fans zahlen viel Geld und nehmen teilweise sehr lange Anreisewege auf sich, um uns zu sehen. Das wäre ihnen gegenüber nicht fair.

Enrico:
Schaut ihr euch auf Tour auch die Sehenswürdigkeiten der jeweiligen Städte an?

Joakim:
Wir versuchen es immer. Aber es hängt eben auch davon ab, wo sich der Club befindet. Oftmals hat sich der lokale Promoter auch schon was ausgedacht und arrangiert – was besonders cool ist. Vor allem wenn wir in der Nähe der Schlachtfelder spielen, welche wir in unseren Songs besingen. Aber auch sonst besuchen wir gerne die örtlichen Museen.

Enrico:
Was vermisst du am meisten auf Tour?

Joakim:
Schwere Frage. Ich denke aber schwedischen Kaviar und das normale Essen. Aber eigentlich fühle ich mich im Tourbus wie zuhause (lacht).

Enrico:
Kannst du eigentlich irgendwas auf Deutsch sagen?

Joakim:
"Noch ein Bier, bitte!" (lacht)

Enrico:
Mehr braucht man nicht zu wissen.

Joakim:
Ich hatte sogar Deutsch-Unterricht in der Schule für zwei Jahre. Aber ich habe alles vergessen, bis auf die Wörter, die sich um Alkohol und Pussys drehen (lacht). Wenn ihr euch aber langsam unterhaltet, dann bekomme ich schon ungefähr mit, über was geredet wird.

Enrico:
Ich habe nur einen Satz auf Schwedisch drauf: "Sug Min Kuk!".

Joakim:
Sehr gut (lacht)!

Enrico:
Wenige Minuten vor unserem Interview habe ich ein Video gesehen, bei dem du dich auf der Bühne ausgezogen hast. Was ist die Story dahinter?

Joakim:
Das war damals die letzte Show auf der Tour mit HAMMERFALL. Ich habe meine Weste dem Promoter des Clubs geschenkt, damit wir ein bisschen mit HAMMERFALL herumschnacken konnten (lacht). Und dann flogen eben immer mehr Klamotten durch die Gegend.  

Enrico:
Hast du vor, dich auf der kommenden Tour öfter auszuziehen?

Joakim:
Nein, nein (lacht). Außer wenn ich betrunken bin. Wenn Schweden besoffen sind, wollen sie nackt sein. Das kann man häufig im Backstage-Bereich der Festivals beobachten, dass da mehr als ein SABATON-Mitglied ohne Klamotten herumläuft (lacht).

Enrico:
Wenn du selber in einer epochalen Schlacht kämpfen müsstest, wen hättest du gern an deiner Seite – einen Ritter, einen Piraten oder einen Metalhead?

Joakim:
Also entweder einen Piraten oder einen Metalhead.

Enrico:
Aber der Metaller ist immer besoffen.

Joakim:
Ja, aber er weiß, wann Zeit ist, davonzulaufen (lacht). Der Ritter nicht.

Enrico:
Die letzten Worte gehören dir.

Joakim:
Noch ein Bier, bitte!

 

Redakteur:
Enrico Ahlig
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