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SAMAEL: Interview mit Vorph

17.04.2009 | 09:24

Anfang März überraschte SAMAEL die Welt mit einer echten Walze. "Above" klang so hart, dass es selbst Wilhelm Tell die Armbrust aus der Hand schlug. Was ist nur in der Schweiz los? Fragen wir doch Mastermind Vorph einfach selber.

Enrico:
Hallo Vorph, Glückwunsch zur neuen Scheibe. Wie zufrieden bist du in der Retrospektive?

Vorph:
Natürlich bin ich zufrieden. Es ist immer toll, ein neues Album am Start zu haben, aber diesmal sind wir besonders stolz auf das Resultat?

Enrico:
Was ist dein momentaner Lieblingssong?

Vorph:
Irgendwie mag ich sie natürlich alle, aber im Moment würde ich da wohl 'Black Hole' und 'Virtual War' nennen.

Enrico:
Nach zwei eher leichteren Scheiben plötzlich das volle Brett - wieso?

Vorph:
Das liegt eigentlich daran, dass die Songs für ein Nebenprojekt gedacht waren. Wir schrieben ein paar Songs und einige Lyrics und plötzlich hatten wir genug Material für ein ganzes Album. Ursprünglich wollten wir das Projekt ABOVE nennen. Wir wollten nicht direkt als Personen auftreten, sondern mit Avataren und dem ganzen Zeugs. Es sollte halt ein richtig freakiges Konzept dahinter stehen. Wir haben dann das Album letzten Sommer aufgenommen, und haben uns nach der US-Tour das Werk zusammen angehört. Alle dachten das Gleiche, dass es großen Spaß machen würde, einige der Songs live zu spielen. Außerdem wäre es eine große Überraschung für alle, wenn wir diese Songs unter dem SAMAEL-Banner veröffentlichen würden. Daher riefen wir Nuclear Blast an. Sie waren total begeistert und gaben uns grünes Licht.

Enrico:
Manche sagen, es wäre eine Rückkehr zu den Wurzeln?

Vorph:
Das ist nicht ganz falsch, obwohl wir das ja gar nicht planten. Wir wollten einfach ein wenig Spaß haben und haben uns von unseren Instinkten leiten lassen. Die letzten drei Alben waren vom Konzept her ziemlich durchgeplant und verschlossen. Diesmal dachten wir gar nicht nach, sondern spielten einfach drauf los.

Enrico:
Wovon handeln die Texte?

Vorph:
Normalerweise sammle ich Ideen und schreibe einfach was mich bewegt. Wenn die Musik dann steht, schau ich wie es passt und wir fügen es zusammen. Inhaltlich geht es wohl in die "Eternal"-Richtung, nur mit weniger Metaphorik. Die Sprache ist direkter, wie auch die Musik.

Enrico:
Gibt es diesmal einen echten Drummer?

Vorph:
Nein, wir nutzen den Drumcomputer nun schon seit 15 Jahren. Weißt du, wenn du heute in die Studios schaust, dort siehst du viele Bands, die zwar mit einem Drummer ankommen, aber im Nachhinein alles in den Rechner werfen, damit es perfekt klingt. Wir haben es dann so eingestellt, dass es eben nicht perfekt klingt, so dass man glauben könnte, es wäre ein echter Drummer. Natürlich sollten keine Fehler drin sein, aber es sollte nicht künstlich perfekt klingen. Wir haben quasi den Spieß umgedreht und genau das Gegenteil gemacht, was heutzutage üblich ist.

Enrico:
Schau an, ich dachte diesmal wirklich, dass es ein echter Drummer wäre.

Vorph:
Das ist doch eine gute Sache. So sollte es sein. Wir haben seit "Eternal" immer versucht, es so real wie möglich klingen zu lassen. Diesmal ist es uns wohl gelungen.

Enrico:
Fandet ihr, dass es Zeit war für einen Neuanfang? Ich fand, dass "Solar Soul" wie "Reign Of Light" Part 2 klang und wenig eigene Identität aufwies.

Vorph:
Damit stimme ich nicht überein, obwohl du nicht der einzige bist, der diese Meinung vertritt. Bei "Reign Of Light" gab es sehr viele elektronische Elemente. Auf "Solar Soul" waren es mehr orchestrale Sounds, mehr Keyboards – es war ein anderer Sound. Vielleicht klingt es für viele gleich, da wir den gleichen Produzenten für beide Alben genutzt haben.

Enrico:
Lassen wir uns für einen kurzen Moment einem anderen Thema zuwenden. Wie glaubst du wird die Wirtschaftskrise die Musikbranche treffen? Werden noch weniger CDs verkauft?

Vorph:
Oh, schwere Frage. Es kann in beide Richtungen gehen. Die CD-Verkäufe können noch weiter sinken. Andererseits wollen die Leute immer ihren Spaß. Nachdem sie ihre Rechungen und ihr Essen bezahlt haben, wollen sie auch in Krisenzeiten ihren Fun. Und den holen sie sich durch Bücher oder eben durch Musik.

Enrico:
Wie sieht es denn in der Schweiz mit der Krise aus? In Deutschland erfahren wir sehr wenig über unseren Nachbar.

Vorph:
Ich bekomme auch sehr wenig mit (lacht). Aber es gibt deutliche Anzeichen. Es ist schwerer für uns, dass die Plattenfirmen Geld in uns stecken. Alle wollen sparen. Wir merken das gerade in Deutschland auch bei den Fans. Obwohl wir vor einiger Zeit nur für zwei Konzerte in Deutschland gaben, waren das die Shows der Tour mit den wenigsten Besuchern.

Enrico:
Was macht eigentlich der Metal-Nachwuchs in der Schweiz? CELTIC FROST sind mal wieder tot und ihr schon lange dabei. Was kommt nach euch?

Vorph:
Aber wir sind noch frisch (lacht). Es gibt viele junge, tolle Bands. Eine davon ist SYBREED, mit denen wir 2008 auf Tour waren. KRUGER ist eine weitere interessante Band, obwohl es eher in die Hardcore-Richtung geht.

Enrico:
Wie lange wollt ihr eigentlich noch spielen? Solange bis ihr von der Bühne purzelt?

Vorph:
Haha, solange wir es interessant finden und Spaß an neuen Ideen haben. 2001 dachten wir, der Punkt wäre gekommen. Kaos verließ die Band und wir konnten nicht touren. Wir haben dann das ERA ONE-Projekt begonnen, was nur elektronische Musik enthielt. Es sah für ein Jahr wirklich so aus, als ob das Kapitel SAMAEL zu Ende wäre. 2002 haben wir uns zusammengerissen und eine Art Neuanfang gewagt

Enrico:
Wie viel Spaß habt ihr im Moment? Der jahrelange Rechtsstreit hat euch ja ziemlich auf Eis gelegt. Jetzt könnt ihr unbeschwert aufspielen und veröffentlichen was ihr wollt. Es muss einem ja wie eine Neugeburt vorgekommen sein.

Vorph:
Es fühlt sich im Moment einfach großartig an. Wir haben einen tollen Vertrag und totale Kontrolle über unsere Musik. Nuclear Blast mischt sich in die Musik nicht ein, sondern veröffentlicht sie nur. Das ist großartig. Sie würden ohne unsere Zustimmung uns nicht mal auf einen Sampler draufsetzen. Wirklich cool.

Enrico:
Ihr wart kürzlich ja wieder in den USA. Wie lief es für euch?

Vorph:
Ja, wir waren für einige Wochen mit CARCASS in den Staaten und es war wieder mal sehr toll. Das Problem mit der USA ist nur, dass wir eben sehr selten da sind. Das erste Mal war 1994 mit CANNIBAL CORPSE, dann 1999 und dann wieder 2003. Es sind immer vier oder fünf Jahre dazwischen. Dadurch haben die Fans wenig Gelegenheit, dich in ihrem Gedächtnis zu behalten. Wir sollten da echt öfter hin.

Enrico:
Wo ist der größte Unterschied zu einer Europatour?

Vorph:
Auf jeden Fall die großen Distanzen zwischen den Shows. Die Gigs selber unterscheiden sich gar nicht so großartig. Höchstens, dass die Leute in Europa mehr unterhalten werden wollen.

Enrico:
Was war mit der Geschichte mit dem Feueralarm in San Antonio? Was lief denn da genau ab?

Vorph:
So groß ist die Geschichte gar nicht. Es gab eben einige dumme Leute. Die haben unseren Lichtmännern vergessen zu sagen, dass wir keinen Rauch auf der Bühne verwenden dürften. Und nach dem fünften Song ging eben der Feueralarm an. Wir mussten dann für zehn Minuten unterbrechen. Das war schon seltsam, weil wir somit eigentlich komplett von Vorne anfangen mussten, was die Stimmung betrifft. Wir brauchten dann zwei Songs, um wieder zurück ins Set zu finden.

Enrico:
Was ist mit Südamerika? Auf eurer Website sieht man viele Fans, die euch anflehen, dass ihr endlich mal in ihr Heimatland kommt.

Vorph:
Das stimmt, wir waren dort leider noch nie. Wir haben zwar Kontakt in diese Region, aber es ist immer schwierig, jemanden Seriösen zu finden. Es war mal etwas im Mai oder Juni in Planung. Dies wäre natürlich eine aufregende Sache.

Enrico:
Ihr blickt mittlerweile auf eine 20-jährige Geschichte zurück. wie hat dich die Musik in diesen zwei Jahrzehnten verändert?

Vorph:
Das ist schwierig zu sagen, ob dich die Musik oder andere Dinge beeinflusst haben.

Enrico:
Was war der schönste Moment in all den Jahren?

Vorph:
Das erste Mal ist immer der schönste Moment. Als wir unsere erste Platte veröffentlicht haben, war das wohl der tollste Augenblick. Wir dachten nie, dass es dazu jemals kommen würde. Ein Traum wurde wahr. Aber auch die erste Europatour war ein Highlight, genau wie die erste Amerika-Tour. Das nächste Highlight wäre dann wohl die angesprochene Südamerika-Tour. Das Neue ist immer aufregend.

Enrico:
Und der schlimmste Moment?

Vorph:
2001 war wirklich das schlimmste Jahr. Wir haben eigentlich keine Zukunft mehr für die Band gesehen. Zum Glück haben wir dies hinter uns gelassen.

Enrico:
"Above" – Above was?

Vorph:
Diese Antwort überlasse ich dir. Das ist gut, dass jeder was anderes darin sieht. Aber ich bin eben schon davon fasziniert, dass es nach dem Leben irgendwo weitergeht. Über uns, unter uns, daneben – wo auch immer (lacht).

Redakteur:
Enrico Ahlig

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