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SILENT DECAY: Interview mit Stefan Hammer

04.02.2006 | 16:32

Die bayrischen Modern Metaller SILENTDECAY haben mit "World Of Lies" ein gutes Debütalbum vorgelegt. Im Interview nimmt Bassist Stefan Hammer dazu Stellung, erzählt etwas zur Bandgeschichte und von der Tour mit PRO-PAIN, erklärt, warum man SILENTDECAY live sehen muss, was das Internet für die Band bedeutet und was es mit dem ominösen "Wuaschdkobf" auf sich hat. Und Erfolg hin oder her, eine Alternative gibt es eh nicht.

Herbert:
Da die wenigsten euch kennen, erzähl doch mal was zur Bandgeschichte von SILENTDECAY.

Stefan:
Die Band gibt es schon seit 1993, seit der Zeit gab es einige Besetzungswechsel und auch der Stil hat sich etwas geändert. So richtig ernsthaft sind wir seit 2000/2001 dabei. Seitdem klingen wir auch so wie heute, also die Ecke moderner Metal irgendwo zwischen MACHINE HEAD und was auch immer (lacht).

Herbert:
Um mal auf euer Album zu sprechen zu kommen, wie waren denn die Reaktionen und seid ihr damit zufrieden? Und wie sehen die Verkaufszahlen aus?

Stefan:
Die Reaktionen waren weitestgehend ziemlich gut, die einzig richtig miese Reaktion kam von Hammer. Wir haben uns mal angeschaut, was der Typ sonst so reviewt, das sind halt nur irgendwelche Hardcore-Geschichten. Das klang halt so, als könnte er mit der Musik nichts anfangen. Die Verkaufszahlen sind, so weit ich weiß, nicht so berauschend. Wir haben schon ein paar verkauft, allerdings sind wir eine kleine Band, haben ein kleines Label, es ist nicht so viel großartig Promotion gemacht worden, weil der Etat relativ überschaubar ist, von dem her entspricht es für ein Debütalbum ungefähr den Erwartungen.

Herbert:
Verkauft ihr auch viel auf Konzerten oder geht das überhaupt nicht?

Stefan:
Auf Tour haben wir verkauft und das ging schon einigermaßen gut weg. Das ist auch ein fester Bestandteil, was wir weiterhin machen, dass wir auf Konzerten verkaufen. Wenn die Leute dich live gesehen haben, ist das ein guter Grund, die CD zu kaufen.

Herbert:
Seid ihr denn immer noch mit dem Resultat zufrieden? Mal abgesehen von den kleinen Details, die einen Musiker immer stören.

Stefan:
Wir haben davor ja schon ein paar mal Demos aufgenommen, es ist nicht die erste Veröffentlichung, die wir machten, aber halt die erste richtig große. Bis jetzt ist es tatsächlich so, dass wir alle immer noch ziemlich zufrieden damit sind, von den kleinen Details abgesehen.

Herbert:
Wenn man sich die CD von euch musikalisch anhört, sind für euch zwei Dinge wichtig: einmal die Kombination von Melodien und Härte und andererseits Dynamik. Würdest du dem zustimmen oder siehst du das anders?

Stefan:
Ja doch, das kann man im Großen und Ganzen so sagen. Es geht auf alle Fälle um Energievermittlung. Für uns geht's beim Musikmachen um Schweiß und die Sau rauslassen und das Ganze soll auf Platte gebracht werden. Es hat einen starken emotionalen Bezug, aber es ist nichts zum Hinsetzen und besinnlich drüber nachdenken, sondern es soll sich was rühren. Und das entsteht sicherlich aus dem Zusammenspiel von melodischen und Abgehparts.

Herbert:
Ihr habt für die Scheibe ja auch fünf alte Songs neu aufgenommen und mit fünf neuen kombiniert. Das war ja zeitlich begründet. Gibt es denn vielleicht weitere alte Songs, die ihr gerne noch aufgenommen hättet?

Stefan:
Wir haben das zu dem Zeitpunkt so gemacht, dass wir uns zusammengesetzt haben, jeder seine Favoriten aufgelistet hat und dann haben wir im Prinzip ausgewählt, was wir machen wollen, auch in Rücksprache mit Herrmann (Frank, ACCEPT-Gitarrist - Anm. d. Red.), unserem Produzenten. Wir waren uns eigentlich relativ einig, es gab ein, zwei, über die es Diskussionen gab, aber im Großen und Ganzen war's das auch. Das Kapitel ist auch mit den Songs abgeschlossen. Auf die neue Scheibe kommt mit Sicherheit nichts drauf, was nicht aktuell ist. Wir haben uns auch weiterentwickelt. So ganz würden die alten Sachen auch nicht mehr dazupassen.

Herbert:
Was heißt denn Weiterentwicklung konkret?

Stefan:
Einerseits lag es daran, dass wir in der Zeit von den Songs zwei Besetzungswechsel an der Gitarre hatten, der Tom ist eingestiegen, ist dann wieder ausgestiegen, inzwischen spielt der Christoph an der zweiten Gitarre, allein dadurch hat sich schon viel getan. Wir haben relativ viel live gespielt, es entwickelt sich einfach weiter. Es ist halt eine Reise, um es pathetisch zu sagen, es geht halt weiter und es hat eine weitere musikalische Entwicklung gegeben. Wir sind generell ein bisschen von diesen extremen, rhythmusbetonten Groove-Einflüssen weg, dafür ist es ein bisschen rockiger geworden, bisschen mehr Riffarbeit. Wir arbeiten gerade an den Tracks für die neue Scheibe und das klingt schon anders als die Sachen davor.

Herbert:
Aber Stilwechsel hin oder her, man kann euch eigentlich in diesen Nu-, New- oder Modern-Metal-Bereich ansiedeln. Ist diese Kategorisierung für euch in Ordnung, auch vor dem Hintergrund, dass das Genre in den letzten zwei Jahren ja auch immer wieder totgesagt wurde?

Stefan:
Es gibt, glaube ich, keine Band, die so richtig mit irgendeiner Kategorisierung zufrieden ist. Wir haben an sich kein Problem damit, wenn jemand uns als Nu-Metal-Band bezeichnet. Es ist aber schon so, dass das Ganze seit längerem negativ behaftet ist und wir selber es deshalb nicht verwenden. Es löst bei vielen die falschen Assoziationen aus. Wenn du über Nu Metal redest, denken viele an HipHop-Einflüsse, die sich bei uns schon immer wenig gefunden haben.

Herbert:
Denkst du, das euer Sänger sich auch etwas abhebt, weil man merkt, dass er singen kann? Und das ist ja auch etwas, was viele Bands heutzutage nicht haben. Würdest du also sagen, dass euch das abhebt und zu etwas Besonderem macht?

Stefan:
Das hebt uns auf alle Fälle ab. Einerseits ist es schon so, dass der Sitti gerne singen will und wir es auch cooler finden, wenn mehr gesungen wird und Schreien und aggressive Sachen mehr als Stilmittel denn als tragendes Element eingesetzt werden. Aus den Feedbacks auf die Platte haben wir mitbekommen, dass ein paar Leute sich sehr am Gesang stören und andere den Gesang sehr geil finden, das polarisiert in gewisser Weise und das spricht doch dafür, das er sich von den anderen abhebt.

Herbert:
Du hattest ja die Besetzungswechsel, von denen ihr ja schon ein paar hattet, angesprochen. Ist das für Bands wie euch auch Normalität?

Stefan:
Bei uns hatte das auch viel mit dem Status der Bandentwicklung zu tun. Das Ganze hat als Schülerprojekt angefangen und ist dann immer ernsthafter geworden, was dann auch dazu geführt hat, das manche Mitglieder das aus verschiedenen Gründen nicht mehr mittragen konnten. Wir hatten bis 2001 so einen Konsolidierungseffekt, bis sich halt herauskristallisiert hat, wer eigentlich wirklich dahinter steht und sich auch entsprechend einbringen kann. Wir brauchten dann eine zweite Gitarre, weil wir mit einer Gitarre das, was wir machen wollten, nicht mehr umsetzen konnten und da war der Tom eine gute Wahl, weil wir den schon kannten. Das hat relativ leicht geklappt.
Wir sind dann aber an einen Punkt gekommen, auch weil wir die Platte aufgenommen haben und viel unterwegs waren, wo der Tom gemerkt hat, dass es nicht mehr klappt und er sich zwischen Beruf und Band entscheiden muss. Letztlich hat er sich für Beruf entschieden, was zwar sehr schade ist, aber damit muss man leben. Mir ist da auch lieber, jemand zieht dann selber vorher die Bremse, als wenn es irgendwann zu dem Punkt kommt, wo man was machen muss, weil es nicht mehr klappt. Das war eine extrem gute und faire Geste von ihm. Jetzt haben wir mit Christoph jemanden gefunden, bei dem die Bereitschaft da ist, die Band an erste Stelle zu stellen und genauso viel Zeit, Aufwand und Geld wie der Rest zu investieren. Damit war's das hoffentlich auch erstmal mit Besetzungswechseln.

Herbert:
Hast du dir schon mal vorgestellt, wo der Weg der Band noch hingehen könnte?

Stefan:
Die Leute, die jetzt noch in der Band sind, haben eigentlich gar keine andere Wahl, völlig egal, wo es hingeht. Wir wissen einfach, dass wir das machen wollen und auch wenn daraus nichts wird und es irgendwann an Erfolglosigkeit scheitern sollte, es gibt keine Auswahl dazu. Jeder fragt sich, ob das richtig ist. Wir stecken sehr viel Zeit rein, die von anderen Sachen abgeht. Wir haben alle Freundinnen, die extrem viel Verständnis dafür aufbringen müssen und das auch machen. Aber wir kennen uns schon lange genug und haben das Thema auch schon oft diskutiert und ich weiß, dass jeder da 100 Prozent dahinter steht.

Herbert:
Also auch noch mit sechzig mit SILENTDECAY touren?

Stefan:
Mal sehen (lacht).

Herbert:
Um mal auf ein anderes Thema zu sprechen zu kommen: Die Texte, die schreibt ja euer Sänger. Ist das so, weil er die auch singt?

Stefan:
Es ist mit Sicherheit so, dass ich es sinnvoll finde, dass derjenige die Texte schreibt, der sie auch singt, weil er einfach am besten weiß, was und wie er es ausdrücken will. Die Texte von Sitti sind auch ziemlich persönlich, es geht da um Dinge, die er erlebt oder verarbeitet und da macht es keinen Sinn, wenn jemand anderes außer ihm die schreibt. Es ist aber auch so, dass das Interesse, Texte zu schreiben bei den anderen deutlich hinter dem Interesse am Musikmachen zurücksteht. Texte sind halt eher sein Aufgabenbereich, der Rest kümmert sich lieber um andere Sachen.

Herbert:
Dann noch mal eine andere Frage: Würdest du mir zustimmen, das ihr in erster Linie eine Liveband seid? Ich will jetzt nicht eure Leistung auf "World Of Lies" schmälern, aber im Endeffekt ist es ja auch so, das einige Leute, die das auf CD nicht so gut finden, sich euch trotzdem live angucken.

Stefan:
Das stimmt auf alle Fälle. Wir sehen uns auch selber klar mehr als Live- denn als Studioband. Live macht uns auf alle Fälle mehr Spaß als im Studio und es kommen auch noch andere Sachen dazu. Du hast die Optik und es bewegt sich was auf der Bühne. Es ist halt sehr schwierig, was live ist, auch auf CD einzufangen. Wir sind da auch noch nicht so weit, wie wir sein könnten und wo wir hinwollen. "World Of Lies" war sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung und kommt schon sehr viel näher an die Livesachen heran als die CDs davor, aber da gibt es noch sehr viele Steigerungsmöglichkeiten. Das ist auch ein Punkt, an dem wir mit der nächsten Scheibe wieder arbeiten werden.

Herbert:
Wo wir grad beim Live spielen sind: Ihr tourt ja ziemlich viel und wart auch gerade auf Tour mit PRO-PAIN. Wie war das überhaupt, anstatt Wochenendgigs mal eine richtige Tour, wenn auch nur teilweise, mitzufahren?

Stefan:
Es war eine richtig gute Erfahrung, weil du einen ganz anderen Einblick in Abläufe von einer professionell organisierten Tour bekommst als du es bei irgendwelchen Wochenendgigs bekommst. Das war auf jeden Fall sehr lehrreich für uns. Es hat auch richtig Spaß gemacht, weil die gesamte Crew und die anderen Bands, die dabei waren, einfach richtig geil waren. Wir sind mit PRO-PAIN verdammt gut ausgekommen und waren auch froh, dass das alles so funktioniert hat.
Wenn man Stories von anderen Leuten kennt, wie die als Vorbands behandelt wurden, dann hätten wir es kaum besser treffen können. Wir hatten ganz, ganz selten das Gefühl, der Opening-Act zu sein, sondern wir waren halt eine von drei Bands, die grad zusammen auf Tour waren. Wir hatten 45 Minuten Spielzeit, wenn wir spät dran waren, haben PRO-PAIN ihren Soundcheck gekürzt, damit wir unseren Set nicht kürzen mussten, lauter solche Sachen halt. Wir sind halt völlig korrekt behandelt worden.

Herbert:
Ihr hab ja auch eine recht intensiv genutzte Homepage, die ihr selber auch mit Inhalten füllt (z.B. Tourtagebücher – Anm. d. Red.). Wie wichtig ist das für euch?

Stefan:
Als Kommunikationsmittel ist es schon ziemlich wichtig. Internet ist eine sehr kostengünstige und einfache Möglichkeit, etwas über dich zu verbreiten und du kannst es selber kontrollieren, das ist ein großer Vorteil. Was es genau bringt, ist schwer zu sagen, weil man nicht weiß, wer jetzt alles draufschaut und was es bei denen bewirkt. Aber wir haben schon relativ viele Hits und bekommen es häufiger mit, wenn wir mit Leuten auf Konzerten reden, dass sie über die Seite auf uns gekommen sind oder darüber Informationen bezogen haben. Insgesamt ist es schon ein relativ wichtiges Medium.

Herbert:
Was ist allgemein deine Haltung zum Internet und zur Downloadproblematik?

Stefan:
Dass das ganze Probleme mit sich bringt, ist relativ klar. Das Schwierige finde ich immer, dass die Diskussion so geführt wird, als könnte man dagegen etwas machen. Es ist eine Entwicklung, die halt kommt, mit der man leben muss und die man bestenfalls ein bisschen steuern kann. Dass Leute Sachen runterladen, brennen und kopieren können, damit muss man klar kommen, damit müssen andere Branchen auch klar kommen. Die entscheidende Frage ist halt nicht, wie ich die Leute daran hindere, meine Sachen runterzuladen, sondern wie ich die Leute dazu bringe, meine Sachen zu kaufen.
Internet ist beides - es ist Chance und eine Bedrohung für die konservativen Marktschienen, die sich nicht anpassen wollen. Rein gefühlsmäßig ist es eher was Gutes als was Schlechtes. Einfach, was du an Kommunikation hast zwischen Bands und Fans, Communities, die sich bilden, man hat schon deutlich mehr Möglichkeiten, etwas zu machen. Einige Kontakte hätten wir vor ein paar Jahren nicht so ohne weiteres hingekriegt. Grad auch organisatorisch ist es eine Riesenhilfe.

Herbert:
Noch mal was anderes, was ihr in euren Tourtagebüchern ansprecht, dass ihr berichtet, dass ihr in Clubs locker aufgenommen werdet, bis dann rauskommt, dass ihr aus Bayern seid und die Leute reservierter werden. Ist es nicht komisch bzw. traurig zu sehen, wie sich Klischeedenken auch in den Köpfen von Menschen festsetzt, von denen man das gar nicht erwartet?

Stefan:
Dass ist auf alle Fälle so, wobei ich sagen muss, dass die Sachen, die richtig scheiße waren, die Ausnahmen waren. Aber es ist auch vorgekommen und das ist dann richtig blöd. Ich sehe es ja noch ein, wenn die Leute im Vorfeld Voruteile haben. Das ist zwar dumm, aber wenigstens nachvollziehbar (lacht).

Herbert:
Als Abschluss eine Frage zum Booklet. Als norddeutsch Gebildeter habe ich alles verstanden, aber was ist denn ein "Wuaschdkobf"?

Stefan:
(lacht) Der "Wuaschdkobf" ist der Kopf, der da im Cover drin ist und an dem wir ziemlich lange rumgebastelt haben, bis er so geworden ist wie er sollte. Beim Bier und vorm Rechner sitzen kam dann dieser Name dafür auf. Frag mich bitte nicht, wie wir drauf gekommen sind, aber von da an stand der Begriff, weil jeder das Ding so genannt hat (lacht).

Herbert:
Irgendein letztes Statement, das du gerne abgeben möchtest?

Stefan:
Die Konzertsaison ist ja für uns erstmal vorbei, einerseits aus gesundheitlichen Gründen bei unserem Sänger, andererseits wegen des Songwritings, aber im Frühjahr wird's dann wieder losgehen und dann will ich die Leute auf den Konzerten sehen, denn wer von uns live nicht überzeugt ist, dem ist auch nicht mehr zu helfen (lacht).

Redakteur:
Herbert Chwalek

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