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SLIPKNOT: Interview mit Paul Gray

01.01.1970 | 01:00

SLIPKNOT in Köln. Listening Session verbunden mit Interview. "Prima, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen" denkt man sich und macht sich unter tiefdüsterem Himmel auf ins Crown Plaza Hotel, das sich grell beleuchtet in den Himmel streckt. Vor den Zimmern angekommen, aus denen schon vielversprechender Krach dringt, wartet schon eine Dame von den Roadrunner Records, und man merkt dass die eigene Nervosität ein Witz gegen ihre ist. Die erste Session läuft schon, und das was man durch die Tür hört macht einen stutzig.
Das sollen Slipknot sein? Ziemlich ruhig, wenn man das mit den alten Werken vergleicht. War das ein Solo? Und was ist das für ein Gesang?
Auf die Frage ob man das Tape mit STONE SOUR verwechselt hat lacht die RR-Dame gequält, ist wohl heute nicht das erste Mal dass sie diese Frage gestellt bekommt.

Nach fünf Minuten kann ich mir dann auch mit einigen anderen Vertretern der schreibenden Zunft ein paar neue (ungemasterte, aber im Nachhinein kaum veränderte) Songs der neuen Scheibe anhören. Was ich da zu hören bekomme verwirrt mich immens: die typischen SLIPKNOT Merkmale sind verschwunden. Keine Blastbeats, keine polternden Riffs mehr, kein Groove, und Corey erlaubt sich die Frechheit zu SINGEN. Das einzige was darauf hinweist dass man es tatsächlich mit SLIPKNOT zu tun hat ist die knallende Percussion, die daran erinnert dass immernoch Shawn und Chris auf die übergroßen Blechbüchsen einschlagen.
Dann kommt der Song der mich bis heute verfolgt: "Vermillion". Eine kranke Ballade zwischen Wahnsinn, abgebrühtem Wechsel zwischen Melodie und Chaos und einer geballten Ladung Emotion die berührt. Wahnsinn. Ich bin begeistert. Beim zweiten Durchlauf erscheint das dargebotene Material schon weniger ausserirdisch, und Bassist Paul Gray hat seinen Mordsspass an der eigenen Musik. Mit einem riesen Grinsen wirft er sich quer durchs Zimmer und hat Probleme auch nur eine Sekunde stillzustehen, zum Verdruss seines Bandkollegen Chris Fehn, der gelangweilt auf dem Bett liegt und müde mit dem Kopf wippt.

Später ist Paul nur noch der Meinung dass die neueste Scheibe "the fuckin' craziest and coolest thing we've ever done!". Kein Wunder, nie haben SLIPKNOT so penibel darauf geachtet dass bloß keiner der Bandmember mit seinen Ideen zu kurz kam. In Paul's eigenem Zimmer, das ungefähr 4 mal so klein ist wie der Raum den er gerade nach Sprüngen abgemessen hat, legt sich der mittelgroße und braungebrannte Amerikaner locker auf das Bett um sich wieder darüber zu beschweren dass Chris' Zimmer viel besser sei als sein eigenes.

Einflüsse?

Keine konkreten.

Der Songwriting Prozess?

Ein einziges Chaos. Man habe erst einmal jede Menge Frust abgeladen um überhaupt wieder zusammen arbeiten zu können. Den Stress, der sich die letzten 2 Jahre angesammelt habe, habe man halt musikalisch ausgelassen, weil man sich sonst durchgehend an die Kehle gegangen wäre.
Kein Wunder, war die Presse die Zeit um die "Iowa"-Scheibe voll mit den Streiteren zwischen den Bandmitgliedern, die immer irgendetwas an den musikalischen Ambitionen der anderen auszusetzen hatten. Letztendlich hätte man sich nurnoch mit Rick (Rubin, der Produzent der neuen Scheibe) in ein Haus eingeschlossen um erst einmal diese Probleme zu lösen.

Warum dieser Umbruch im Sound? Warum die Melodie?

Paul zuckt die Achseln, warum denn nicht? Man hätte so einfach die "Iowa" kopieren können und einfach ein neues Grindcore-Ding zusammenschrauben können, aber das wollte man einfach nicht. Die letzten Jahre waren eigentlich durchgehende Scheisse. Dauernd erwartete man von SLIPKNOT dieses und jenes, was in Wirklichkeit garnichts mit der Band an sich zu tun hatte, und irgendwann kam einfach der Zeitpunkt an dem er und Joey sich mit dem Gedanken einer Melodie anfreundeten. Einfach einen Song mit einer Melodie zu schreiben die nahe geht. Wirklich "fuckin'" nahe. Wenn "Iowa" ein Album war an dem die Band einfach ihre Wut rausgeschrien hätte, so wäre diese Scheibe das Teil in dem nachgedacht würde. Einfach die Erwartungen vergessen und sich darauf konzentrieren was SLIPKNOT vor dem ganzen Medienrummel war, eine Band die einfach nur Musik der Musik willen machte. Gleichzeitig die Energie immernoch da, die dafür sorgte dass das neue Teil genug knallte, und deswegen sei die Musik ziemlich hin und her gerissen zwischen dem Wutschrei und der nachdenklichen Ruhe. DAS sei SLIPKNOT, dieser Zwist, und nicht das was man von ihnen erwartete.

Dass Paul ziemlich aufgeregt und euphorisch über den neuen Stoff ist kann man nicht übersehen, und vor allem nicht überhören. Jedes zweite Wort ist ein "fuckin'". So wollte man einfach nur den fuckin' Erwartungen fuckin' in den Arsch treten um fuckin' endlich das zu machen was man fuckin' machen wollte, nämlich fuckin' Musik, mehr nicht, fuckin'.

Und wieso der Wechsel zu Rick Rubin? Warum nichtmehr Ross Robinson, der die Band schließlich beinahe mitdefiniert hatte?

Paul starrt einen aus seinen großen Augen an. Diese Frage ist unbequem... du müsstest einen guten Freund gegen einen anderen austauschen! Es wäre ja nicht so dass man plötzlich die Schnauze voll hätte von Robinson, man liebe den Kerl schließlich wie einen Bruder, weil er so viel für die Band getan hätte. Aber man dachte sich dass wenn die Ideen für das neue Album schon in eine komplett andere Richtung gehen, solle man sich auch einen Produzenten ins Boot holen der diese Veränderung verstand. Und Rick fuckin' Rubin, man habe ihn einfach auf Tour mit SYSTEM OF A DOWN gesehen, er habe "Reign In Blood" zusammengeschraubt, er hat ein paar fuckin' gute Alben produziert, und deswegen wollte man ihn dabei haben.

Okay, war das aber alles? Hatte es nicht damit zu tun dass Ross Robinson zu sehr mit "Nu Metal" in Verbindung gebracht wurde, weil er mit KORN, COAL CHAMBER und SLIPKNOT an dem Sound gebastelt hätte?

Paul sucht seine Zigaretten raus und verdreht die Augen leicht, was mit seinem Grinsen ziemlich komisch aussieht.

Dieses verdammte NuMetal Ding. Er könnte es immernoch nicht fassen. Paul erinnert sich an seine Zeit in einer TESTAMENT und SLAYER Coverband, an seine Zeit in einer Deathmetalband in den 90ern. Aber dieses verdammt NuMetalDing würde ihm immernoch quer sitzen. Ross Robinson habe tatsächlich geholfen dieses Genre groß zu machen, weil KORN, fuckin', KORN waren was verdammt anderes mit ihrem ersten Album, und es hat ALLE von den Socken gehauen. Aber danach alles nach diesem Trend einzuordnen den sich die die Plattenfirmen ausgedacht haben um endlich mal wieder Rockmusik in Millionen zu verkaufen? Keine Chance. Ross sei eben verdammt cool, aber er habe halt das Problem mit diesem Trend identifiziert zu werden, wie die Bands die er produziert hat. Und SLIPKNOT? Nein, SLIPKNOT sind anders. Er liebe fuckin' JUDAS PRIEST, IRON MAIDEN auch ein wenig. Und die göttlichen fuckin' BLACK SABBATH erst.Und natürlich SLAYER und TESTAMENT. Und dieses NuMetal Teil? Nein, man könne ihm tausende NuMetalBands nennen, und er würde nicht einmal ihren Namen kennen. Warum auch? NuMetal sei doch nur die Kopie der Kopie der Kopie der Kopie von KORN, warum sich also mit der NuMetal Kopie abgeben wenn man das verdammt coole Original haben könnte? Er sei eh der Fan von klassischer Rockmusik. Nein, NuMetal sind SLIPKNOT niemals. NuMetal sei einfach ein bißchen Blastbeat mit einem Sänger der nix drauf hat. Warum also diesem Trend hinterherlaufen der eh unbedeutend ist?

Schön gesagt, ist SLIPKNOT dann einfach nur SLIPKNOT?

Irgendwie schon. Ja, genau. So könnte man das sehen. NuMetal ist tot, und SLIPKNOT sind es nicht. Man sei einfach gelangweilt von diesem Müll.

Der Kollege von Poisonfree.com gibt sich damit nicht zufrieden und will wissen was denn neben den härteren Parts für die Fünfzehnjährigen hüpfende Leute übrig sei.

Fünfzehnjährige hüpfende Leute? Was zur Hölle sollen fünfzehnjährige hüpfende Leute sein?

Nachdem er erklärt bekommt dass fünfzehnjährige springende Leute sich mit Trendklamotten eindecken, so eine Mischung aus Teenie-Goth und Punk darstellen und sich dem "we're 555 and you are 666" Ding hergeben, scheint Gray ein wenig entsetzt.

Man wolle ihm nicht wirklich klarmachen dass der Heretic Song ein NuMetal Song sei, oder? Man wolle ihm nicht wirklich klarmachen dass der extreme fuckin' Doublebass und die fuckin' Riffs fuckin' NuMetal seien? Das sei verdammt nochmal kein NuMetal. Er könne sich eigentlich garnicht an eine NuMetalBand erinnern...

Der Kollege kommt auf LINKIN PARK zu sprechen und Paul fliegt fast vom Bett als er sich vor Lachen windet.

Ja, LINKIN PARK, genau. Die seien kein Metal, die seien... soetwas wie.. (der PF.com Kollege wirft die BACKSTREET BOYS in den Raum) .. genau, wie die BACKSTREET BOYS.
Als der Kollege weiterhin darüber referiert dass NuMetal für ihn keinen Stil bezeichnet, und mehr eine Zielgruppe flippt Paul völlig aus.

Haargenau das sei es. Aber man könne dagegen nichts unternehmen. Es seien einfach Kids die dabei sind ihre Identität zu finden, und trotzdem könne man die Szene doch nicht einfach so auf ein paar Prototypen festlegen. Wer da nur an langhaarige Menschen mit düsterem Gesichtsausdruck und einem SLAYER Patch hinten drauf denkt habe doch keine Ahnung, die Szene sei so bunt wie ihr Image, und das nicht zu unrecht.

Apropos Bunt. Habe er schon einmal bei einem Konzert auf der Bühne gedacht "in 30 Minuten ist mein Part vorbei, aber was zum Teufel trägst du denn da?" über ein paar NuMetal Clowns?

Paul schaut ein wenig verwirrt aus der Wäsche, und zieht eine Augenbraue beeindruckend hoch in die Stirn.
In der Menge? Oder wovon rede er da? Achso, alles klar. Naja, es gebe einen riesigen Haufen an "weired Motherfuckers" da draussen, aber die krankeste Gestalt die er jemals gesehen hatte war hier in Deutschland, aber der Typ kam aus Holland. Er hätte sich danach nur gefragt wie zum Teufel der Kerl es schaffe jeden Morgen aus dem Bett zu kommen.
Aber das hätte mit der Band ja nichts zu tun. Sie hätten angefangen Musik zu machen, und sahen von Anfang an so aus. Und es wäre verdammt beschissen gewesen, eine Metalband in Demoines (Heimatstadt von SLIPKNOT) darzustellen, und das wäre verdammt viel mehr als nur ein Image. Man könne sich ja wirklich fragen ob die Band so viele Alben verkauft hätte wenn sie ohne Masken aufgetreten wären, oder halt anders herum, hätten sie mit Masken so viele Alben verkauft wenn ihre Musik einfach nur scheisse wäre? Sie machten einfach Musik die keine Masken brauchte um gut zu sein, die sich selber erklärt, aber es gehöre halt zu der Band. Man höre ja auch eine CD, und nicht ein verdammtes Poster, oder?

Demoines. Guter Hinweis. Paul ist von Anfang an dabei gewesen, er hat die Band mitbegründet. Wie sehe er auf die 10jährige Bandgeschichte zurück, von der Zeit der "Mate Feed Kill Repeat" bis heute?

Paul schmunzelt und nickt mit dem Kopf.

Yeah, die MFKR war schon eine verdammt coole Sache. Aber im allgemeinen? Die letzten Jahre wären einfach das verrückteste gewesen was man sich könne vorstellen. Einen Plattenvertrag zu bekommen wäre quasi unmöglich für eine Band in Demoines, und überhaupt ein paar Leute dazu zu bekommen mal etwas anderes als Countrymusik zu hören. Aber wir hatten mehr als Glück. Es war nicht so dass man einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, man hätte sich den verdammten Arsch aufgerissen um da raus zu kommen.

Paul schaut verwirrt auf den Fernseher, in dem gerade LINKIN PARK über eine Bühne rennen.

Wer sei das? Die BACKSTREET BOYS? Jo, genau die. Im Gegensatz zu denen hätte man wirklich für den Erfolg arbeiten müssen, was ein fuckin' Stück Arbeit gewesen sei.

Was er im Moment höre?

Paul schließt die Augen und wirft sich längs auf das Bett. Nach einer Weile stemmt er sich wieder hoch und dreht die Augen nach hinten.

Im Moment? LYNYRD SKYNRYD! Er habe im Moment eine SLAYER CD im Auto, daneben PORTISHEAD, SLIPKNOT, SIMON AND GARFUNKEL und DANGEROUS MOMENTS. Er hätte angefangen mit der Musik als "Punkrock Kid", und mit den SUICIDAL TENDENCIES, weil alle seine Freunde das gehört hätten. Dann hätte er das erste mal die SUICIDAL TENDENCIES in eine Garage spielen gesehen, und das wäre verdammt cool gewesen. Er möge Punkrock, aber Metal sei sein Leben.

Und was würde er machen wenn er nicht als Musiker arbeiten würde?

Pauls Augen fangen an zu leuchten, und sein gellendes Lachen erfüllt den ganzen Raum als er sich auf die Schenkel schlägt.

"Man, I would be fuckin' poor!" Er hätte mit Beton gearbeitet bevor er mit SLIPKNOT so erfolgreich wurde. Wäre SLIPKNOT nicht so erfolgreich, er würde wahrscheinlich als Türsteher arbeiten, und mit seiner strippenden, nein, ex-strippenden Freundin zusammenleben. "But that bitch is gone! After we got signed, I kicked her off!"

Um nochmal auf das neue Album zurückzukommen, man munkelte ja dass dieses das absolut letzte Album von SLIPKNOT sei. Sei da jetzt was dran, oder ist das wieder nur ein Marketing-Gag?

Paul wüsste auch nicht wer dauernd auf diesen Müll käme. Natürlich sei das nicht das letzte Album der Band, aber sie schlügen sich immer wieder mit solchen Gerüchten rum. Die Atmosphäre in der Band sei bestens, seitdem man weniger Zeit miteinander verbrächte. Vorher hätte man 24 Stunden am Tag 7 Tage die Woche und 4 Wochen der Monat aufeinander rumgehockt, kein Wunder dass man sich dann nach einer Weile nichtmehr sehen konnte, aber das wurde durch die Medien unnötig aufgebauscht und hätte fast nixmehr mit der Wahrheit zu tun. Man sei eine Familie die zusammen verdammt coole Mucke machte, und Streit gehöre halt dazu.

Und die Seitenprojekte?

Null und nichtig. Klar wollten die anderen sich auch mal woanders austoben, aber das sei okay. Man könne halt nicht alle musikalischen Ideen in eine Band packen, deswegen gehören die MURDERDOLLS und STONE SOUR eben dazu.Er selber würde auch eine Band am Start haben, eine Mischung aus Noise und Death würden sie spielen, verdammt cool. Das würde seine Arbeit mit SLIPKNOT aber nicht beeinträchtigen. Sie hätten halt viele Geliebte, würden ihrer Frau aber unendlich treu bleiben. "SLIPKNOT is the mainband, man!"

Und die Masken?

Paul hält sich die Hände vor das Gesich und seufzt laut auf.

Die Masken, die verdammtem Masken. Er hasse und liebe sie zugleich. An einem heissen Festivaltag seien sie die pure Hölle! Aber sie gehören immernoch dazu, und deswegen würden sie auch nie ohne Maske auftreten. Was waren KISS denn schon ohne Schminke? Nichts, ihre Musik wäre zwar genau die gleiche coole Sache gewesen, aber es wäre doch nicht das gleiche gewesen! Sie trägen die Maske ja auch nur zu Auftritten, und das wäre schon okay so.

Und was ist mit den Groupies? Sind die Masken da nicht eher kontraproduktiv?

Paul stutzt ein wenig, grinst dann aber über beide Ohren.

Oh, yeah, Groupies. Es gäbe da draussen einen Haufen von "hot chicks"... aber das hätte nix mit den Masken zu tun.

"We don't do them with our masks on, dude!"

Redakteur:
Michael Kulueke

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