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SODOM: Interview mit Tom Angelripper

25.04.2013 | 21:18

Einmal Fan, immer Fan. Tom Angelripper, der SODOM-Junge von nebenan, hat mit seinen Jungs "Epitome Of Torture" eingeprügelt, was wir zum Anlass nahmen, ihm auf den Zahn zu fühlen. Was er über das neue Bollwerk, die aktuelle Lage der Thrash-Metal-Szene und die Aussichten auf eine Tour mit KREATOR, DESTRUCTION und TANKARD zu verkünden hatte, seht ihr hier.

Tom, vielen Dank für das Interview. Wie geht es dir?

Mir geht’s gut. Zurzeit viel um die Ohren, das Album kommt, die gesamte Promophase ist anstrengend, aber ich bin froh, dass es wieder bei uns los geht und wir wieder etwas machen können. Wenn das Album fertig ist, kann man ein wenig durchatmen.

Ja, kaum zu glauben, dass "In War And Pieces" auch schon drei Jahre auf dem Buckel hat.

Die Zeit rennt, mir kommt das vor wie gestern. Wir sind natürlich in der Lage, jedes zweite Jahr ein neues Album zu machen. Mir war es auch wichtig, dass wir nach "In War And Pieces" auch nicht lange warten, sondern weitermachen.

Im Vorfeld möchte ich dir auch ein großes Kompliment zu euren "Lords Of Depravity"-DVD’s loswerden.

Na dann hat sich der Aufwand ja gelohnt. Ich hab sie mir vor kurzem auch nochmal angeguckt. Und das fand ich ganz skurril. Man bleibt ja speziell beim ersten Teil dran und ich glaube, wir sind auch die erste Band, die das in dem Umfang so ausgearbeitet hat. Das gab es in dem Format ja vorher gar nicht. Es sind ja auch Low-Budget-Produktionen, mit wenig Geld gemacht und ich denke, das müsste uns erst einmal einer nachmachen. Ich würde sowas natürlich auch gern von anderen Bands sehen. Aber das war sehr viel Aufwand und ich bin froh, dass wir das geschafft haben.

Kommen wir einmal zu eurer aktuellen Lage. Beim letzten Album saß noch Bobby hinter der Schießbude. Wie konnte sie Makka, euer neuer Mann am Schlagzeug, in das Songwriting des neuen Albums einbringen?

Der konnte sich super einbringen. Wir schreiben die Songs ja noch auf die alte Weise, wir treffen uns zweimal die Woche im Proberaum, machen eine Jam-Session und so entstehen schließlich die Songs. Da ist Makka voll integriert und bei Bobby war das nicht anders. Der Unterschied war es nun, dass Makka in der Lage war, auch mal etwas schneller zu werden, wodurch wir wieder ein wenig back to the roots gehen konnten.

Darauf wollte ich später noch einmal zurückkommen. Ich fand, ehrlich gesagt, die Produktion von "Sodom" und dem letzten Studioalbum ein wenig druckvoller. Gab es diesbezüglich im Vorfeld irgendwelche Veränderungen?

Die 2006er ("Sodom" – Anm. d. Red.) find ich jetzt beispielsweise überhaupt nicht so druckvoll. Die ist sehr schwachbrüstig. Und die "In War And Pieces" klingt von den Gitarren her ein wenig nach Metalcore, obwohl die schon ein wenig druckvoller klingt. Bei der jetzigen hab ich beim Sound ein wenig Regie geführt und gesagt, dass ich das Ganze gern etwas schmutziger hätte. Dieser SODOM-Schmutz, den wir früher immer hatten. Ich wollte auch den Bass ein wenig lauter machen lassen, was dann im Vorfeld zu kleinen Streitigkeiten führte. Wir konnten aber Kompromisse finden. Schließlich war der Bass bei VENOM auch laut und es hat funktioniert. Aber damals, in den 80ern, hat man ja auch komplett anders aufgenommen, mit viel mehr Raum. Das ist der Unterschied von damals und heute. Früher war die Band vier Wochen im Studio und nahm in einem richtigen Tonstudio auf. Grundsätzlich geht dort heutzutage mit der Zeit etwas verloren.

Also bist du mit der Produktion der Neuen komplett zufrieden?

Ja, natürlich, ich hätte zwar gern zusätzlich ein größeres Schlagzeug bekommen, hab das aber nach vielen Diskussionen nicht gekriegt. Das Schlagzeug ist eben ein großes Instrument und muss auch dementsprechend rüberkommen. Man kann heutzutage zwar viel mit einem Drumcomputer arrangieren, aber bei uns wurde jedes Becken, jeder Tom und jede Snare gespielt. Aber mit dem Budget und den Möglichkeiten, die wir im Vorfeld hatten, haben wir das Optimum rausholen können.

Ich finde es ziemlich schwer, das aktuelle Album mit dem Vorgänger zu vergleichen. 'S.O.D.O.M.' ist ein richtiger Bandhit geworden, 'Stigmatized' schraubt den Härtegrad nach oben und daneben gibt es noch mit 'Cannibal' und 'Tracing The Victim' auch melodische Parts, bei denen Bernemann (Gitarrist – MR) enorm viel Feingefühl beweist. Für mich sind SODOM abwechslungsreicher denn je, wie kommt das?

Ja, ein paar melodische Stücke hatten wir bisher auf jedem Album drauf. Auf "M-16" war es beispielsweise 'Napalm In The Morning'. Bei uns macht es eben die Mischung zwischen hart, schnell und auf der anderen Seite etwas zurückgefahren und speziell DAS ist Bernemanns Handschrift. Dieses melodisch-einfühlsame auf der anderen Seite ist genau das, was ich so liebe. Nur, weil man ein SLAYER-mäßiges Stück schreibt, muss man ja nicht direkt ein SLAYER-mäßiges Solo drauf packen. Und ein Solo ist bei Bernemann ein richtiges Arrangement. Es ist einfach die Mischung zwischen so und so, auch beim Gesang. Bei 'Stigmatized' gibt es etwas Death-Metal-mäßiges, auf anderen Stücken mehr Black-Metal-Screams und auf 'Into The Skies Of War' blitzt dann ein wenig MOTÖRHEAD oder TANK noch hinaus. Ich will mich nicht selber loben, aber ich bin sehr variabel in solchen Sachen.

Ich kann auf eure Konzerte gehen und es gibt Abwechslung pur. Dadurch wächst auch das Hörvergnügen, was ich bei den anderen Thrash-Metal-Bands aus Deutschland ein wenig vermisse.

Ja ich bin von den Sängern her auch der Beste, haha. Nein, aber eine Band steigt und fällt mit dem Sänger. Nur weil beispielsweise KREATOR bekannter ist, heißt das nicht, dass sie auch den besseren Sänger haben. Dadurch bin ich auch kein großer KREATOR-Fan. Ich tendiere da eher zu DESTRUCTION. Ich bin da eben von Sängern wie Algy Ward (TANK - MR) oder auch Cronos beeinflusst, er ist auch ein guter Sänger. Und dadurch, dass ich nebenbei noch ONKEL TOM mache, hab ich das Singen eben gelernt.

Ist es denn schwer, gleichzeitig zu Singen und Bass zu spielen?

Es kommt auf die Songs an. Zudem gibt es Menschen, die das perfekt beherrschen, wie beispielsweise Geddy Lee von RUSH oder John Gallagher von RAVEN. Die hab ich noch live gesehen und mir ist die Kinnlade runtergefallen. Ich könnte das nicht. Das heißt, ich müsste zwei Gehirnhälften unabhängig voneinander arbeiten lassen und das klappt bei mir nicht so ganz, haha. Es gibt eben Stücke, da beiß ich mir die Zähne aus und andere wiederum gehen leicht von der Hand.

Wie sieht es denn mit euren Bonustracks des neuen Albums aus?  Also 'Waterboarding' und 'Splitting The Atom'. Was kannst du uns über die Stücke sagen? Warum kamen sie nicht auf die reguläre Fassung des neuen Albums?

Grundsätzlich finde ich das nicht gut, dass es da zwei verschiedene Versionen gibt, einmal mit zehn und einmal mit zwölf Titeln. Aber das ist die Politik der Plattenfirmen, da kann ich mich gar nicht gegen wehren. Die haben eben ihre eigene Verkaufsstrategie, es geht um Chart-Einstiege, Vorbestellungen bei Amazon und da halte ich mich einfach raus. Ich musste eben zwei Titel auswählen, die auf der Jewelcase-Version nicht veröffentlicht werden. Das war sehr schwer, weil die beiden Stücke vollwertige Nummern sind, wie die anderen auch. Im Nachhinein ärgere ich mich, weil wir 'Waterboarding' nicht drauf haben und das eine erstklassige Nummer ist. Schön old-school im VENOM-Stil gehalten mit langsamem, schwermütigem Refrain und schnellen Strophen. Für mich gehören die zwölf Stücke einfach zusammen.

Gibt es hinter den Stücken, ob jetzt regulär oder auf der Digipack-Version, denn interessante Hintergründe, an denen dir sehr viel liegt, sie preiszugeben?

Hm, der Zustand der Welt zieht sich wie ein roter Faden durch die Stücke des Albums. Beispielsweise handelt 'Cannibal' vom Kannibalen von Rotenburg. Die Geschichte ist für mich heute immer noch unvorstellbar. Ich mach mir eben meine Gedanken, was hier hinter all den verschlossenen Fenstern und Türen passiert. Es ist schon sehr faszinierend und diese Geschichte, dass die sich angeblich im Internet kennengelernt haben und alles reell gefilmt haben, ist unglaublich. Es sind eben Sachen, die mich aufwühlen. Beispielsweise was jetzt mit Nordkorea abgeht, sind Sachen, die mich berühren, beschäftigen und mich auch traurig stimmen. Und trotzdem sind all diese wahre Inspirationsquellen.

Und dadurch, dass so viel Unheil herrscht, wird es auch weiterhin typische SODOM-Texte geben.

Es sind bei uns ja weniger die kritischen Texte, ich beschreib es ja nur. 'Katjuscha' zum Beispiel, es ist der russische Raketenwerfer, der seit dem Zweiten Weltkrieg Millionen von Menschen auf dem Gewissen hat und noch immer benutzt wird. Aber gleichzeitig ist es auch ein russisches Volkslied und auch Mädchenname. Es ist diese Absurdität, die dahinter steckt und mich fasziniert. Ich arbeite all dies für mich auf, manchmal stehe ich nachts auf und schreib alles spontan nieder. Worüber sollen wir sonst schreiben? Wir sind eben eine Thrash-Metal-Band. Ich hasse Floskel-Texte und viele meiner Kollegen, ich will jetzt hier keine Namen nennen, haben eben solche. Texte wie von MANOWAR schreibe ich dir am Tag zehn Stück von. Für mich muss es eben eine Geschichte sein, es muss pfiffig sein, das Versmaß muss passen, es muss ein geschickter Reim sein, es muss einfach passen.

Das stimmt. Ihr habt nach langer Zeit einmal mehr ein Video abgedreht. Diesmal zu 'Stigmatized'. Was kannst du uns denn über den Dreh erzählen?

Wir wollten mal wieder einen kleinen Mini-Spielfilm, wie beispielsweise zu 'Fuck The Police', machen. Es ist auch bereits alles abgefilmt, ohne Computeranimationen, sondern mit Laiendarstellern. Im Prinzip ist das Drehbuch ganz einfach: Wir sind gegen religiöse Fanatisten, wir sind gegen Kinderschänder, wir sind gegen korrupte Politiker und und und. Das versuchen wir alles mit vielen Szenen rüberzubringen. Am Ende aber sind wir die Doofen und werden umgebracht. Wir sind politisch natürlich nicht aktiv, wir sind aber unbequem, wir sind dagegen und darum werden wir letztendlich vernichtet. Der Clip ist schon fertig.

Das ist nach 'Fuck The Police' euer erster Videoclip, oder?

Ich glaub, zu 'City Of God' hatten wir auch einen am Start, der aber mehr aus Live-Ausschnitten bestand. Das ist weniger ein offizieller Videoclip als mehr eine Aneinanderreihung von Live-Material. Bei uns hat es wenig in Sachen Videoclips gegeben, schließlich muss die Band das selber bezahlen. Früher gab es auch andere Plattformen, da gab es Fernsehpremieren, das ist heute natürlich ganz anders. Aber bevor es einen Billig-Clip in einer Fabrikhalle mit herein geschnittenen Atombomben gibt, lass ich es lieber ganz sein.

Die Stücke werden so oder so gehört, ob nun mit Clip oder eben ohne.

Ich denke auch. Wir wollten uns eben auch hier zurückmelden und auch mit dem Clip erklären, worum es auf dem Album geht.

Dass unter dem Viergestirn des deutschen Thrash-Metals eine jahrelange Freundschaft besteht, dürfte klar sein. Wie empfandest du eigentlich die Veröffentlichungen des letzten Jahres, sprich "A Girl Called Cerveza", "Phantom Antichrist" und "Spiritual Genocide"?

Beim Schmier hab ich ja bei einem Song mitgemacht. Das war auch für einen guten Zweck, da wir einen schwerkranken, gemeinsamen Freund haben, der alle vier Bands sehr mag. Gerre hat die Spuren geschickt, ich war live im Studio und Mille war auf Tour. Und wenn speziell Schmier und ich uns treffen, lachen wir uns kaputt. Wir respektieren uns gegenseitig. Der Schmier muss ja kein SODOM-Fan oder der Mille DESTRUCTION-Fan sein, der Respekt ist da die Hauptsache. Ich meine, ich bin stolz auf alle Bands, dass es die auch noch gibt und das honoriere ich auch. Dicke Freunde sind wir aber jetzt auch nicht. Den Mille hab ich schon längere Zeit nicht mehr gesehen, der ist mit KREATOR sehr viel unterwegs und auch äußerst angesagt. Gerre hingegen hab ich vor zwei Wochen noch auf einem Festival getroffen und wir haben etwas gequasselt. Ich würde schon gerne mal etwas zusammen machen. Im Mai steigt ja das "Beastival", wo man alle vier Bands auf einmal sehen kann. Ein Traum wäre es natürlich, ein paar mehr Shows damit zu machen. Wenn ich jetzt mit SODOM und einer Vorband XY auf Tour gehe, weiß ich gar nicht, ob das vielleicht in die Hose geht. Da sollte man eigentlich in die Vollen gehen und sagen, die vier Thrash-Bands, die in einem Atemzug zu nennen sind, sollten wirklich ein paar Shows zusammen spielen. Da kann man Deutschland mit drei, vier Shows auch gut abhandeln.

Dann auch mit dem 2000er-System, wo ihr mit KREATOR und DESTRUCTION auf Tour wart und sich der Headliner Show für Show abgewechselt hat?

Ich weiß nicht, ob sich eine Band vielleicht dagegen wehrt. Gerecht wäre es allemale. Klar ist KREATOR größer als wir, was ich noch nicht einmal an den Verkaufszahlen festmache. Aber ich würde es auf jeden Fall machen, jede Band kriegt eine Stunde, jede Band gibt ihr Bestes. Ich würde KREATOR auch gerne mal wieder in einem kleineren Club und „nackt“ sehen. Ohne Laufsteg und meterhohes Banner im Hintergrund. Ich find das ja auch spektakulär, aber eigentlich ist es nicht das, was Thrash Metal bedeutet. Ich mag es lieber in einem kleineren Laden auf einer kleineren Bühne, um auch direkt bei den Fans zu sein.

Wie beispielsweise in der Bochumer Zeche, wo ich euch zu eurer "In War And Pieces"-Tour gesehen habe und es einfach familiärer und intimer fand.

Absolut, in Bochum hab ich mich auch wohl gefühlt. Klar konnten wir unser kleines Banner im Hintergrund aufhängen, aber das sind im Endeffekt die Bühnen, auf die wir drauf gehören. Heutzutage ist es ja auch nicht einmal selbstverständlich, dass man die Zeche Bochum vollmacht. Die Zeiten sind ja auch vorbei. Es sind in der Zeche die Traditionsvereine wie AXEL RUDI PELL oder GRAVE DIGGER, bei denen die Konzerte noch richtig gut besucht sind. Deshalb finde ich, wenn wir solch ein Package wirklich mal schaffen sollten, wenn sich die Firmen und Booking-Agenturen, wenn sich alle einig sind, sollten wir den Fokus auch wirklich auf die Bands und die einzelnen Musiker legen. Ich mein, KREATOR haben ein Backdrop, das 18 Meter lang ist. Das ist natürlich auch geil, aber wir sind schließlich nicht RAMMSTEIN. Da fehlt dann auch diese Intensität und der direkte Kontakt zu den Fans. Aber ich arbeite dran, das wäre meine Idee für eine Tour.

Viel Glück dafür. Auf ein Thema wollte ich nochmal zu sprechen kommen: Die Renaissance im Thrash Metal. Es gibt viele kleine ambitionierte Thrash-Bands, die seit einiger Zeit vielfach aus dem fruchtbaren Boden sprießen. Mir fallen spontan ESSENCE, PESSIMIST oder LOST SOCIETY ein. Hast du mittlerweile die Befürchtung, das s solche Bands den älteren Truppen wie SODOM, KREATOR, EXODUS und SLAYER den Rang ablaufen oder freust du dich ruhigen Gewissens zu wissen, dass die Thrash-Szene nicht ausstirbt?

Beides. Natürlich gibt es Bands, die uns schon den Rang abgelaufen haben. Die gehen dann aber eher in den Metalcore-Bereich. Aber ich merke, dass eine historische Rückbesinnung kommt und ganz junge Fans ankommen und sagen, dass sie nur das ganz alte Zeug aus den 80ern hören. Bereits um 2000 gab es ja eine Art Thrash-Revival, wir selbst haben das aber nie als solchen realisiert. Wir waren ja schon immer da und haben die Musik gemacht, die wir wollten. Natürlich wäre es schön, wenn es Bands wie SODOM, KREATOR und DESTRUCTION irgendwann nicht mehr gibt, dann andere in diese Fußstapfen treten können. Das wird dann aber kein Thrash Metal mehr sein, der in den 80er Jahren geboren wurde. Es gibt viele Bands, die versuchen, so zu klingen wie wir, was aber nicht funktioniert. Wir haben 1987 die "Persecution Mania" gemacht und mit solch einem Album kannst du heutzutage nicht mehr kommen. Das zeigt aber, das wir wirklich etwas erreicht haben, wenn es von vielen Seiten heißt: "Wir wollen so sein wie die!". Ich finde, dass man Musik, wie wir sie machen, nur machen kann, wenn man wir sind. Selbst wir haben Schwierigkeiten, unseren eigenen Spirit beizubehalten, obwohl ich das immer wieder versuche. Da liegen fast 30 Jahre dazwischen. Aber wie sich die Metal-Szene in den letzten Jahren verändert hat, das wird mir alles zu unübersichtlich. Zu kurzlebig, da viele Bands ein, zwei Platten rausbringen und man Jahre später von denen nichts mehr hört. Und ich mach mir auch so meine Gedanken, wie es in 10, 20 Jahren so aussieht. Ich mein, wenn MAIDEN, MOTÖRHEAD, SLAYER oder METALLICA irgendwann aussterben, wer soll denn danach kommen? Dann sind es vielleicht AMON AMARTH oder andere Gruppen. Die Großen sind dann aber nicht mehr da, zum Teil, weil es auch zu viel, zu unübersichtlich geworden ist. Aber wir können uns überhaupt nicht beschweren, wenn so Bands wie wir einfach weitermachen und ihr Ding durchziehen.

Und das auch mit einer treuen Fanbase, die seit 30 Jahren hinter ihren Pappenheimern steht.

Ja, natürlich, wenn dann die SODOM-Fans das neue Album beispielsweise in den Händen halten, dann ist das ein schönes Gefühl. Ich hab schon viele e-Mails erhalten. Wenn wir im Proberaum sind, dann haben wir die Scheuklappen auf. Natürlich, wenn es dann heißt, dass die neue DESTRUCTION oder KREATOR draussen ist, dann werden Stimmen laut, dass wir nun dran sind. Aber das funktioniert so nicht, ich will denen ja auch keine Konkurrenz machen. Wir machen eben unser Ding und so macht das der Mille bestimmt auch. Wir versuchen uns auch immer neu zu (er)finden und das ist nicht ganz einfach. Wir versuchen eben innovativ zu bleiben und nicht zu sein wie MOTÖRHEAD, wo die letzten 10, 20 Alben beinah gleich klangen. Das funktioniert dann nur, wenn man im Proberaum mit den Musikern zusammen ist. Dadurch kommt das gute Flair eben auf und das ist unser Ding. Wir sind vielleicht nicht die besten Musiker, aber wir schreiben gute Songs. Und das haben wir auf den letzten Platten auch beweisen können. Da sind kaum Durchhänger, von denen man sagen kann, dass sie nicht in den Ohren bleiben können. Das wird bei uns nicht passieren. Die Revolution muss passieren, die Härte muss bleiben sowie die Eingängigkeit der Songs. Das muss auch verständlich bleiben für den geneigten SODOM-Fan.

Ich hab auch, ehrlich gesagt, keine Lust und die Zeit, mir Material dieser neuen Welle anzuhören. Wir sind auch nicht neidisch auf irgendeine Band, weil sie eventuell mehr Platten verkaufen, auf größeren Bühnen spielen oder ein dickeres Backdrop haben. Das ist ja nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, dass man mit dem Herzen dabei ist und man das ehrlich, authentisch meint, sich also nicht verstellt. Und dafür stehen wir.

In den letzten Jahren ist schließlich auch viel Durchschnittsware im Thrash-Metal-Sektor veröffentlich worden.

Es gibt eben viel, was mir nichts gibt. Speziell im Metal-Bereich ist das so. Dann greife ich doch lieber zu dem älteren Zeug und dabei ist es wichtig, dass wir eben so bleiben, wie wir sind. Wir verstellen uns nicht und müssen der alten Fanbase eben gefallen. Wenn dann Neue hinzukommen, freue ich mich natürlich. Und schließlich müssen wir uns selbst gefallen. Ich bin auch kein Rockstar. Wenn ich beispielsweise in Wacken spiele, stehe ich zwei Stunden später unten im Graben und gucke mir andere Bands an. Es ist ja nicht so, dass ich mich verstecke. Wir sind authentisch, wir sind die Jungs von nebenan. Wir bleiben ja auch Metal-Fans. Wenn ich dann aber Musik höre, greife ich lieber in die 80er-Ecke.

Eine kleine Frage hab ich noch. Bis auf zahlreiche Festival-Auftritte ist bisher keine Tour bestätigt. Gibt es denn Pläne diesbezüglich?

Also eine Tour in diesem Sinne wird es nicht geben. Aber wir spielen ja praktisch jedes Wochenende woanders. Wenn man auf den Tourplan guckt, ist der Drops schon gelutscht. Wann sollen wir da auf Tour gehen? Das einzige, was für mich Sinn machen würde, wäre eine Tour mit den Großen Vier. Ich will wirklich etwas Besonderes machen und da brauche ich meine Kollegen für. Ich will ein Fest feiern, wo die Fans sagen, dass es das nur einmal und nie wieder geben würde.

So, wie ihr es 2007 mit vielen alten SODOM-Mitgliedern in Wacken gemacht habt?

Gut, das war ja nur eine Show und mittlerweile sind wir auch wieder zwei weniger geworden. Ich hab zum 30. Geburtstag auch überlegt, sowas zu machen, aber es ist sehr zeitaufwendig, das alles zu planen und zu managen. Die Organisation hat sehr viel Zeit und Kraft gekostet. Aber ich fand es sinnvoll, diese Zeit und diese Kraft in ein neues Album zu stecken. Nach einem Besetzungswechsel ist es eben wichtig, dass man sich so schnell wie möglich zurückmeldet.

Und mit dem neuen Album wünsche ich euch definitiv viel Erfolg.

Danke, den werden wir, denke ich, auch haben. Wir sind mit dem Ergebnis zufrieden, das ist die Hauptsache, und alles Weitere entscheiden dann letztendlich die Fans. Wenn es eben nicht läuft, machen wir es beim nächsten Mal eben besser.

Liest du denn selber die Rezensionen oder fehlt dir dafür die Zeit?

Doch, Olli Hahn von unserer Plattenfirma SPV schickt mir immer die ganzen Reviews, der sammelt das akribisch und das lese ich mir dann auch durch. Man erfährt dadurch eben, was man besser machen könnte. Aber das, was ich bisher gelesen habe, war durch die Bank weg gut. Es gab noch keine schlechten Noten, es gab zwei Magazine, die es mit der Höchstnote bewertet haben, aber da kann ich mir auch ein Ei drauf pellen. Im Prinzip freue ich mich, wenn man es eben gut findet, aber SODOM ist eine Band, die auch mal schlechte Kritiken bekommen hat und das hat uns auch nie geschadet. Viele Redakteure verallgemeinern das ja auch, was ich aber verstehen kann, wenn man im Monat hunderte Platte hören muss und irgendwo dazwischen die neue SODOM liegt. Die Kritik muss objektiv sein und nicht wahllos gewählt. Dadurch sollten die Redaktionen auch die neue Platte mit insgesamt zwölf Stücken bekommen. Man muss sich damit auch beschäftigen, aber das machen die meisten bei der Neuen eben auch. Die Vorbestellungen sind gut, es wird wahrscheinlich auf die Charts hinauslaufen, aber mich interessiert das eigentlich auch nicht. Wichtig ist, was der Fan am Ende sagt.

Wohl wahr. Tom, dann wäre ich mit meinen Fragen auch am Ende und bedanke mich recht herzlich, dass du dir Zeit für das Interview und die Fragen genommen hat. Viel Erfolg mit "Epitome Of Torture". Die obligatorisch letzten Worte gehören dir.

Ja, die letzten Worte gehen natürlich an die Fans. Dies vergessen eben viele, denn was wäre eine Band ohne die Fans? Ich bedanke mich nach über 30 Jahren für die Unterstützung der Fans, dass ihr immer noch zu uns haltet, uns die Stange haltet und das macht mich sehr stolz, danke.

Redakteur:
Marcel Rapp

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