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SOLSTAFIR: Interview mit Gudmundur

16.02.2009 | 17:43

Die Isländer von SÒLSTAFIR haben mit "Köld" ein neues, ungewöhnlich schwer zu verortendes Album entstehen lassen. Das ist die Zeit, um Drummer Gudmundur Oli Palmason, genannt "Gummi", mit einigen "harten" Fakten zu konfrontieren, die er ebenso virtuos wie sein Schlagzeugspiel zu beantworten weiß.

Mathias Harz:
Wir Deutschen haben ja Klischees von Island: Dort gibt es Kälte, Düsternis, Geysire, SIGUR ROS, Holzkirchen, friedliche Einwohner, Lavagestein, Schafe, MÙM, BJÖRK und Frauen in flatternden Gewändern. Was davon trifft zu?

Gummi:
Das alles, was du sagst, außer das mit MÙM, deren wahre Existenz nie so richtig bewiesen wurde. Wahrscheinlich ist das nur ein Horrorszenario, welches erfunden wurde, um kleine Kinder zu schrecken. Getreu nach dem Motto: "Wenn du 'Indierock' hörst, wirst du als eine Tucke enden - wie MÙM."

Mathias Harz:
Wo aber in dieser Stereotypen-Liste ist der DOOM? Ha!

Gummi:
Sag du's mir, du hast die Liste gemacht! Auf jeden Fall ist SÒLSTAFIR der Repräsentant der NWOIDM: New Wave of Icelandic Doom Metal!

Mathias Harz:
Aha, so bist du also ein typischer Isländer?

Gummi:
Nö, der typische Isländer fährt Range Rover. Aber das kann man sich gerade nicht mehr leisten. Wir fahren nur noch Trabant!

Mathias Harz:
Was eigentlich ist der Unterscheid zu uns "Kontinental-Europäern?"

Gummi:
Wir sehen viel, viel besser aus!

Mathias Harz:
Wo wir schon mal beim Thema sind: Fühlst du dich eher als Europäer, Amerikaner oder schlichtweg als Skandinavier? Ich meine, ihr lebt alle genau auf einem Riss zwischen zwei tektonischen Platten. Wo geht's denn hin?

Gummi:
Wir fühlen uns, als trieben wir in einem "Ozean des Chaos" dahin, keiner weiß, wer wir überhaupt sind oder wo wir hingehen werden!

Mathias Harz:
Wann und wo habt ihr dann eure Songs geschrieben?

Gummi:
In Breidholt, in Reykjavik. 2007 und 2008.

Mathias Harz:
Gemeinsam? Oder wer ist der Chef?

Gummi:
Zusammen, aber unter der harten und führenden Hand eines verrückten Tyrannen, der nicht seinen Namen nennen will, aber uns allen ist er bekannt als "The Foringinn"...

Mathias Harz:
Ihr seid nun seit 15 Jahren eine Band. Seid ihr auch Freunde?

Gummi:
Ja, das sind wir. Außer Svavar, wir wissen wirklich überhaupt nix über diesen Typen. Wir trafen ihn, als er Drogen verkaufte, manchmal - in Grafarvogur, dem übelsten Getto Reykjaviks - auch seinen Körper. Bis jetzt wissen wir nicht, wo er eigentlich lebt, oder wie er seine Zeit vergeudet. Jetzt, da er nicht mehr anschaffen geht. Die einzige Chance, die wir haben, um ihn zu erreichen, ist, seinen "Beeper" anzurufen. Er hat noch kein Mobiltelefon. Dann hinterlassen wir einen Code: "Eins" ist das Zeichen für Drogen, "Zwei" bedeutet: "Wir haben Bandprobe". So oder so, er kommt auf jeden Fall zwei Stunden später im Proberaum vorbei, meist in Begleitung dubioser Leute aus der Reykjaviker Unterwelt des Verbrechens.

Mathias Harz:
Was aber sind dann die Gemeinsamkeiten?

Gummi:
So wirklich viele gibt es gar nicht. Wir alle stehen auf gute Musik und Kebab.

Mathias Harz:
Mal sehen: Eure Musik birgt Einflüsse des Black Metal, von Post Rock, Doom, Classic Rock ... und vielleicht auch Klassik? Ihr alle bringt diese Versatzstücke mit in die Mischung ein, oder etwa nicht?

Gummi:
Ja, jeder von uns bringt sich ein, in diese unsere immer noch unfertige Vorstellung, wie diese Band klingen sollte. Heraus kommt dann eben diese seltsame Mixtur. Es ist ja so, dass jeder einzelne von uns ein sehr weites Spektrum an Musikstilen bevorzugt. Es ist aber nicht so, dass nur der eine den Black-Metal-Einfluss mit einbringt, der andere das Postrock-Gewürz, der dritte den Klassik-Rock-Part und der vierte ausschließlich den Punk, oder so etwas in der Richtung.

Mathias Harz:
"Köld" ist sehr atmosphärisch. Müssen isländische Bands denn atmosphärische Musik machen?

Gummi:
Ja, das ist Gesetz. Das steht so in unserer Verfassung! So wirklich brutalen Shit machen eigentlich die meisten Metalbands oder Hardcoretruppen auf Island nicht mehr.

Mathias Harz:
Ich kann mich aus dem Bereich an gesehene und gehörte Bands wie I ADAPT, ANDLAT oder BRAIN POLICE erinnern. Es scheint, dass ein Typ, der sich "Dordingull" nennt, eine berühmte Figur in dieser Musikszene ist. Trübt der Eindruck?

Gummi:
Sigvaldi ist "The Grandfather", jaaa! An ihn die besten Grüße an dieser Stelle!

Mathias Harz:
Aber wer ist das genau?

Gummi:
Ein Geek am Rechner, ein Hardcore-Fan... (Naja, zu seiner Entschuldigung ... ja, er mag DANZIG! Wir grüssen Glen Danzig!). Er gibt wirklich vielen isländischen Bands eine Plattform im Internet, um sich zu auszutoben (zu finden unter http://www.myspace.com/dordingull - M.H.)

Mathias Harz:
Scheinbar habt ihr in Island aber eine sehr dynamische Metalszene. Was bringt in deinen Augen die Zukunft?

Gummi:
Die Death-Metal-/Black-Metal-Szene ist hier in den letzen paar Jahren ziemlich gewachsen, angeführt von Bands wie MOMENTUM, SEVERED CROTCH, HELSHARE, ATRUM und Newcomern wie der Death-Doom-Sludge-Band PLASTIC GODS, BENEATH, DARKNOTE etc. Die Hardcore-Fahne wird indessen hochgehalten von Bands wie CELESTINE und GAVIN PORTLAND. Und dann hätten wir im Black Metal da noch vereinzelt Kämpfer und Exzentriker. Wie unseren Freund Eldur von POTENTIAM, welcher in seiner Höhle schon seit 1995 Schwarze Opern komponiert.

(Gummi war so gut und hat auch gleich zu den genannten Bands die passenden Links mitgesandt. Die finden sich am Ende des Interviews, wer reinhören möchte - M.H.)

Mathias Harz:
Habt ihr denn für uns einen so richtigen isländischen Nachwuchs-Geheimtipp? Wer ist das?

Gummi:
SÒLSTAFIR?

(Zur nächsten Frage muss der Leser vorab wissen, dass ich sie per Mail gestellt habe mit der Vorinformation, Sänger Addi zum Gesprächspartner zu haben.)

Mathias Harz:
Sag mal, singst du den ganzen Tag auch so leise vor dich hin?

Gummi:
Was? Hä? Speak Danish or die!

Mathias Harz:
Na gut! Wir haben es zufällig gesehen: Teuflische Bürger zünden in Reykjavik Feuer an, euer Premierminister muss die Flucht antreten. Ihr lebt also doch in Angst, oder?

Gummi:
SOLSTAFIR fürchtet gar überhaupt nichts! Außer, dass wir eines Tages solche öden Schleimer werden wie MÙM.

Mathias Harz:
Warum das denn? Was ist los?

Gummi:
Weil MÙM aufgesetzte und anmaßende Scheiße ist!

Mathias Harz:
Das Cover von "Köld" zeigt ja, wie eine Seele ihre Frau verlässt. Ist das Zufall, eine Metapher für oder etwa Kritik an irgendetwas?

Gummi:
Das ist die knallharte Wahrheit! Das ist die Realität! Das ist eine Fotographie und jeder weiß ja, dass diese Aufnahmen nicht in der Lage sind zu lügen. Sie bildet nichts als die Wahrheit ab, ohne auch nur irgendwelche Interpretationen oder Ausdeutungen zuzulassen.

Mathias Harz:
Letzte Frage: Bist du denn Optimist? (Wenn du jetzt lachst, dann bist du keiner...) Ich meine, wir haben doch hier unsere Klischees. Und du bist ja nun mal Isländer!

Gummi:
Alle Isländer sind manisch depressiv. In acht Monaten im Jahr leben wir in der totalen Finsternis, das macht uns zu depressiven Alkoholikern. Zwei Monate lang geht die Sonne gar nicht unter, was uns zu manischen Partyholics macht, wir feiern dann immer, egal ob Nacht ist oder Tag. Nonstop.
Party, Party, Partymaskina!


Und hier noch die versprochene Bandliste von weiteren isländischen Bands, die Gummi empfiehlt:

MOMENTUM http://www.myspace.com/momentumtheband
SEVERED CROTCH http://www.myspace.com/severedcrotch
HELSHARE http://www.myspace.com/helshare
ATRUM http://www.myspace.com/atrumiceland
PLASTIC GODS http://www.myspace.com/plasticgods
BENEATH http://www.myspace.com/beneathdeathmetal
DARKNOTE http://www.myspace.com/darknotemetal
CELESTINE http://www.myspace.com/celestinemusic
GAVIN PORTLAND http://www.myspace.com/gavinportland
POTENTIAM http://www.myspace.com/blackmetaleldur

Redakteur:
Mathias Freiesleben

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