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SONATA ARCTICA: Interview mit Tony Kakko

16.09.2009 | 10:59

In wenigen Tagen erscheint mit "The Days Of Grays" das lang erwartete neue Album der finnischen Ausnahmeband. Wenn das kein Grund ist, Mastermind Tony mal so richtig auf den Zahn zu fühlen...


Enrico:
Hallo Tony, zunächst Gratulation zu "The Days Of Grays". Ich hätte eigentlich gedacht, dass niemand "Skyforger" von AMORPHIS in diesem Jahr mehr schlagen würde. Aber ihr habt es echt geschafft. [Wie bitte??? - Anm. d. Lektors]

Tony:
Wow, vielen Dank.

Enrico:
Wie fühlst du dich so kurz vor der Veröffentlichung des Albums?

Tony:
Ich bin schon aufgeregt, aber nicht nur wegen des neuen Albums, sondern auch wegen der anstehenden Tour, die in Kürze beginnen wird.

Enrico:
Wie würdest du "The Days Of Grays" in wenigen Worten beschreiben?

Tony:
Ich glaube, es ist einfacher als "Unia", zugänglicher, um es mal kurz zu machen.

Enrico:
Da gebe ich dir Recht. "Unia" war ein ziemlich komplizierter Brocken. War es geplant, ein wenig "back to the roots" zu gehen?

Tony:
Schon ein bisschen. Die Entwicklung zu "Unia" war wirklich ein wenig extrem. Ich schrieb damals einfach Songs, die mir in den Sinn kamen und hab dabei SONATA ARCTICA völlig aus den Augen verloren. Ich schrieb unglaublich viel und waren damals auch sehr glücklich über die Veränderungen, weil wir uns davor fast als Band zerstört hatten. "The Days Of Grays" ist wirklich eine kleine Richtungsänderung - eine kleine Korrektur zurück, dass die Leute sehen, dass es SONATA ARCTICA, so wie die Fans uns kennen, noch gibt.

Enrico:
Auch live waren die Songs von "Unia" sicherlich nicht einfach zu performen.

Tony:
Ja, das stimmt. Vor allem die Gesangslinien waren zu komplex, um sie live richtig darzubieten. Teilweise waren es bis zu fünf Gesangsspuren gleichzeitig. Daher hab ich beim Schreiben der neuen Songs darauf geachtet, dass es nur eine Hauptgesangsspur gibt. Das macht das Hören viel einfacher. Außerdem können die Fans jetzt wieder mitsingen (lacht).

Enrico:
Also würdest du auch sagen, dass "Unia" schon ein wenig zu extrem war.

Tony:
Alle, die ich kenne, mögen dieses Album. Und auch ich liebe "Unia" vielleicht sogar mehr als "The Days Of Grays". Es war einfach für mich und die Band unglaublich wichtig, um mal wieder frische Luft zu schnappen. Jetzt können wir wieder frei durchatmen und sind gesund. Aber natürlich befinden sich auf dem neuen Werk auch viele "Unia"-Elemente wieder. Doch die fröhlichen Momente sind zurück, was dich sicherlich an die alten Alben erinnert.

Enrico:
Wie bei 'Flag In The Ground'.

Tony:
Genau. Ursprünglich war der Song als Bonustrack geplant, doch zum Schluss wurde er sogar der Song zum ersten Video der Scheibe (lacht). Das ist schon verrückt.



Enrico:
Welchen Song hörst du denn aktuell am liebsten?

Tony:
Ich glaube, es ist wohl 'The Dead Skin'. Jedesmal wenn ich ihn höre, bekomme ich ein tolles Gefühl.

Enrico:
Wann hast du mit dem Schreiben der Songs begonnen?

Tony:
Das war, als die letzte Tour beendet wurde - Dezember 2008. Zwei oder drei Songs waren da schon fertig, aber nachdem ich mir einige Wochen eine Auszeit gegönnt habe, fing ich Ende Januar mit dem Schreiben der anderen Songs an. Es ging alles sehr schnell. Schau, wir haben die Songs im April produziert und im März haben wir schon geprobt. Als wir ins Studio gingen, fehlten uns sogar noch zwei Songs. Im Nachhinein lief das wirklich sehr schnell und sehr gut ab.

Enrico:
"The Days Of Grays" ist auch das Debüt eures Gitarristen Elias. Welchen Part an dem neuen Album hat er?

Tony:
Er hat wunderbar auf meine Befehle gehört (lacht). So viel von ihm steckt nicht in "The Days Of Grays", dafür hat er seine eigene Projekte und Solo-Alben. Er ist ein wunderbarer Teamplayer, der mir viel mehr zugehört hat, als das bei Jani der Fall war. In der Zukunft werde ich ihn sicherlich auch darum bitten, mehr von sich einzubringen, weil er ein toller Gitarrist ist. Die Zusammenarbeit war wunderbar, weil er auch wahnsinnig schnell begreift, was ich gern hören würde. Sein Potential wird sicherlich irgendwann mehr zur Geltung kommen, als auf diesem Album.

Enrico:
Als ich den Anfang von 'Deathaura' zum ersten Mal gehört hatte, bekam ich echt Gänsehaut, weil mich der weibliche Gesang total umgehauen hat. Wer ist die junge Dame?

Tony:
Ihr Name ist Johanna Kurkela. Ich habe sie vor einigen Jahren bei einer unserer Shows kennengelernt - damals kannte ich sie aber bereits schon als tolle Sängerin. Es stellte sich heraus, dass sie ein großer Fan von uns war und im Gegensatz zu ihrer eigenen Musik ein echtes Metalchick ist. Sie fragte mich Anfang des Jahres, ob ich ihr einige Songs schreiben würde, doch ich hatte leider keine Zeit. Also sagte ich ihr, dass ich eine weibliche Stimme brauchte. Zunächst dachte ich an Simone Simons von EPICA, doch dann dachte ich mir, dass es toll wäre, eine frische Stimme für die Metalszene anzubieten. Dass es am Ende sogar der Eröffnungstrack wurde, hat sich auch erst sehr spät herausgestellt. 'Deathaura' ist ein episches Meisterwerk und beim Mischen haben wir gemerkt, dass solch ein Monster nicht in die Mitte eines Albums gehört, denn es würde die Fluss der Werkes brechen und es in zwei Teile splitten. Außerdem reden die Leute mehr darüber, wenn man den Überraschungseffekt an den Anfang stellt (lacht).

Enrico:
Das ganze Album klingt sehr opulent und groß. War es immer noch billiger als die letzten NIGHTWISH-Alben?

Tony:
(lacht) Ja, auf jeden Fall, viel billiger. Die orchestralen Sachen werden vom gleichen Typen produziert, der auch für NORTHERN KINGS verantwortlich ist.

Enrico:
Weil wir gerade davon sprechen: Ich war vor einigen Monaten in Helsinki und total überrascht, als ich in einem Musikladen ein zweites Album der NORTHERN KINGS entdeckte. Warum kam es nie in Deutschland heraus?

Tony:
Ich weiß es echt nicht. Irgendwas muss beim Label zwischen dem ersten und zweiten Album passiert sein. Offensichtlich wurden einige Leute ausgetauscht. Und die Neuen mochten offenbar die Idee hinter dem Projekt nicht wirklich. Daher weiß ich auch gar nicht, wo es überhaupt veröffentlicht wurde. Es war auch so, dass ich für das zweite Album gerade einmal zwei Interviews gab. Beim ersten waren es noch 20. Das ist schon ein gewaltiger Unterschied.

Enrico:
Sind weitere Alben in Planung?

Tony:
Schön wäre es, aber im Moment ist der Kopf so voll mit SONATA ARCTICA, dass ich manchmal einfach nur schreien könnte (lacht).


Enrico:
Lass uns wieder zum neuen Album kommen. Für mich klingt das Werk wie ein magisches und düsteres Musical. Und wenn ich mir die Texte dazu anschaue, dann muss es sich doch wirklich um ein Musical handeln, oder?

Tony:
Nicht wirklich (lacht). Es sind nur einzelne Songs, die miteinander nichts zu tun haben.

Enrico:
Aber es klingt doch so?

Tony:
Es macht mich echt happy, dass du das so siehst. Nun ja, es ist schon ein Musical. Aber ich erzähle nie etwas über die Bedeutung der Songs, was wie zu bedeuten hat oder ob es einen roten Faden gibt. Für mich sind es einfach nur einzelne Songs. Aber manchmal sehen die Menschen da eine Verbindung zwischen all diesen Songs und diese will ich auch niemanden rauben. Es ist so wunderschön, wenn die Hörer da etwas Größeres heraushören und es wäre eine Schande, diese Gefühle zu zerstören.

Enrico:
Hörst du dir auch selbst Musicals an?

Tony:
Das kommt schon vor, aber öfter höre ich Film-Soundtracks, wie von Danny Elfman. Ich liebe "Nightmare Before Christmas" oder "Corpsebride" und du hörst es sicherlich bei 'Deathaura' auch ganz deutlich heraus.

Enrico:
In welcher Stimmung schreibst du eigentlich diese traurigen Lyrics? Brauchst du deine Ruhe und eine gute Flasche Wein?

Tony:
Manchmal ja (lacht). Aber es stimmt schon, dass ich für das Schreiben der Texte meine Ruhe brauche, das kann aber auch auf Tour vorkommen, wenn mir plötzlich eine Idee kommt. Zum Schluss nehme ich dann einfach alles, was mir in den Sinn kommt, weil ich da doch ziemlich faul bin. Erst wenn die Deadline zum Greifen nah ist, lege ich richtig los. Wenn du mir sechs Jahre Zeit gibst, dann bekommst du dein Album auch erst in sechs Jahren. Und wenn du mir nur einen Monat einräumst, dann wirst du auch nach einem Monat das Album haben (lacht).

Enrico:
Ich finde es immer wieder überraschend, wie eine Metal-Band so oft und so viel über Liebe singen kann. Wie kommt das?

Tony:
Ich denke, dass wir im Moment keine Metal-Band mehr sind. Vielleicht sind wir eine symphonische oder melodische Metal-Band, aber ich kenne viele Leute, die lachen, wenn man uns als Metal bezeichnen würde.

Enrico:
Oder die euch eher als Mädchen-Metal sehen.

Tony:
(lacht) Genau. Ich glaube, Nuclear Blast bezeichnen uns im Moment als Heavy Rock. Damit kann ich wirklich gut leben, das ist echt cool.

Enrico:
Aber was zum Teufel ist Heavy Rock?

Tony:
Keine Ahnung (lacht). Sag du es mir.

Enrico:
Ich weiß es auch nicht.

Tony:
Was ist Hard Rock? Das ist genauso schwierig. Wir haben so viele Elemente, die mit Metal nun gar nichts zu tun haben. Anderseits nutzen wir kräftige Gitarren und ein fettes Schlagzeug. Für eine lange Zeit habe ich, wenn die Leute wissen wollten, was für Musik für machen, immer gesagt, dass wir Melodic Metaaal machen würden. Aber heute hab ich darauf keine Antwort mehr. Klar haben wir symphonische Elemente drin, aber deshalb sind wir noch lange keine Symphonic-Metal-Band. Offensichtlich haben wir ein eigenes, unbenanntes Genre gegründet. Ich hab mir heute gedacht, wenn meine Eltern jemandem die Unterschiede zwischen den einzelnen Metal-Genres erklären würden, würde die ganze Genre-Geschichte keinen Sinn mehr machen (lacht).

Enrico:
Wenn ich mir deine Lyrics so anschaue und dich singe höre, denk ich mir immer: "Oh mein Gott, Tony muss der traurigste Mensch der Welt sein". Bist du eigentlich immer unglücklich verliebt?

Tony:
Oh nein. Ich beobachte einfach die Welt. Aber ich bekomme von glücklichen Sachen einfach keine Inspiration. Ich bewerte traurige Dinge immer irgendwie höher als die glücklichen. Das macht zwar irgendwie keinen Sinn, aber so bin ich eben. Vielleicht ist es einfach meine finnische Mentalität. Wenn ich mich entscheiden müsste, ob ich mit meiner Kunst jemanden zum Lachen oder zum Weinen bringen muss, dann würde ich mich für das Weinen entscheiden.

Enrico:
Also bist du im "realen" Leben doch eher ein Optimist?

Tony:
Nicht wirklich. Ich bin doch eher der Pessimist (lacht). Dennoch versuche ich immer die guten Seiten zu sehen. Doch das geht oftmals einfach nicht. So wie bei den ganzen Download-Sachen. Die legalen Downloads sind cool, aber die illegalen machen einfachen keinen Sinn. Deswegen heißt es ja auch illegal - es ist ein Verbrechen und macht von daher für niemanden Sinn.

Enrico:
Es ist aufällig, dass bei vielen eurer Alben Frauennamen als Songtitel vorkommen. Sind diese Mädchen real oder Fiktion?

Tony:
Sie sind alle Fiktion. Ich kenne keine Dana, keine Tallulah oder auch keine Shamandalie. Dieser Name ist von uns erfunden, obwohl ich gehört habe, dass jemand seine Katze nach diesem Song benannt hat (lacht). Beim aktuellen 'Juliet' spielt Shakespeare eine große Rolle.


Enrico:
Also singt Romeo die traurigen ersten Verse?

Tony:
Caleb singt sie, bekannt aus "Unia". Dieser Songs beendet diese kleine Stalker-Saga.

Enrico:
Würdest du das neue Album jemandem empfehlen, der tags zuvor von seiner Freundin verlassen wurde?

Tony:
Mhhh. Vielleicht. Manchmal gibt dir ein Song ein gutes Gefühl, obwohl er tieftraurig ist. Man spürt dann, dass es Menschen gibt, die das gleiche fühlen und das du dich nicht allein bist auf dieser Welt.

Enrico:
Na dann haben wir das auch geklärt. Aber ich vermisse die Wölfe, wo sind sie?

Tony:
Du findest sie bei 'The Last Amazing Grays'. Auf dem Artwork zur Single findest du ihn.

Enrico:
Ihr habt zusätzlich zu 'Flag In The Ground' einen Artwork-Contest veranstaltet. Wie kam es dazu?

Tony:
Ich hatte die Idee ursprünglich schon für das Albumcover, aber das war etwas riskant, weil wir wenig Zeit hatten. Also erzählte ich es Florian von Nuclear Blast, dass wir sowas für die Single machen könnten und er war total begeistert. Wir bekamen zwischen 200 und 300 Vorschläge und es war echt schwer sich für einen Gewinner zu entscheiden. Dass der Gewinner dann sogar aus Finnland kam, wussten wir zunächst selber nicht. Das war schon überraschend für uns. Wir haben alle Punkte vergeben und am Ende hatten wir einen Sieger aus Finnland (lacht).



Enrico:
Da war sicherlich auch viel kranker Müll dabei?

Tony:
Natürlich. Manche sind sicherlich unter viel Alkohol entstanden. Aber die meisten waren wunderschön und wirklich außergewöhnlich.

Enrico:
Was hat es mit der Bonus-CD auf sich?

Tony:
Es sind einfach einige Songs ohne Band. Nur Tony, Johanna und das Orchester. Sowas müsste man mal im richtig großen Stil aufziehen.

Enrico:
Habt ihr schon einige der neuen Songs live getestet?

Tony:
Ja das haben wir - 'The Last Amazing Grays' und 'Flag In The Ground'. Vor allem 'Flag In The Ground' kam super an, weil es auch ein sehr einfacher Song ist, bei dem die Leute sofort ausflippten. Wenn wir 'Deathaura' gespielt hätten, würden die Leute wohl alle erstmal ziemlich überrascht schauen. Aber wir werden es sicherlich bei der Europa-Tour spielen.

Enrico:
Das will ich doch hoffen. Ich will 'Deathaura' live hören.

Tony:
Das wirst du (lacht).

Enrico:
Hast du noch ein paar Worte für eure Fans?

Tony:
Checkt das Album aus und kommt zu unseren Shows - wir werden eine Menge Spaß haben.

Enrico:
Dann danke ich dir für deine Zeit Tony.

Tony:
Ich danke dir Enrico und wir sehen uns auf der Tour.

Redakteur:
Enrico Ahlig

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