STRATOVARIUS: Interview mit Jörg Michael

01.01.1970 | 01:00

Es war ein äußerst sonniger und somit entsprechend heißer Nachmittag, als das schwäbische Platten-Label Nuclear Blast am 16. Juli zu einer Listening Session eingeladen hat. Im Mittelpunkt sollte "Elements Pt. 2" stehen, STRATOVARIUS' Nachschlag zu ihrem im Januar veröffentlichten Album "Elements Pt. 1".

Leider habe ich es aus den verschiedensten Gründen nicht früher geschafft, einen entsprechenden Bericht zu veröffentlichen. Sorry!

Inzwischen ist der Release-Termin (27.10.2003) bereits in unmittelbare Nähe gerückt, und deshalb möchte ich euch auch gar nicht mit Einzelheiten zu den Songs langweilen, sondern verweise euch auf die CD-Besprechung von Kollege Björn.

Was ich euch aber auf keinen Fall vorenthalten möchte, ist das Interview, das ich im Rahmen der Listening Session mit Schlagzeuger Jörg Michael führen konnte. Jörg hat sich dabei als äußerst sympathischer und nicht minder gesprächiger Interview-Partner herausgestellt, und was er zu sagen hatte, könnt ihr im folgenden nachlesen:


Martin:
Hallo Jörg, dann wollen wir doch gleich mal durchstarten. - Wie oft hast du denn das neue Album nun schon gehört, seit es fertig ist?

Jörg:
Na, gut. Ich habe es natürlich nun schon - ich sag mal - so zwanzigmal gehört. Ja, das dürfte hinkommen.

Martin:
Ist es für dich eigentlich ein anderes Gefühl, wenn du das Album dann - so wie heute - zusammen mit knapp zwanzig Leuten hörst?

Jörg:
Es ist jetzt natürlich nicht so, dass ich da unsicher werde, oder so in der Art. Aber es ist schon etwas anderes, vor allem, weil man es hier mal so richtig schön laut hören konnte. Außerdem war das ja jetzt auch mehr eine Gesangsanlage als eine HiFi-Anlage, und das ergibt auch wieder einen anderen Sound. - Ja, es war schön. Eigentlich wollte ich die ganze Zeit auch rausgehen, aber dann hat es mir ganz gut gefallen, das Album mal so laut zu hören, und auch mal mit einem anderen Sound in einem großen Raum zu hören. Und deshalb habe ich gerne mal zugehört.

Martin:
Und wie bist du bzw. wie seid ihr nun mit dem Ergebnis von "Elements Pt. 2" zufrieden?

Jörg:
Ich sehe das ja immer mehr gemeinsam... Ja, ich bin eigentlich sehr zufrieden. Wir haben aber auch eine Menge reingesteckt, also sehr viel investiert. Das fing ja schon damit an, wie wir das Album dieses Mal vorbereitet haben, sprich, wie wir an die Proben herangegangen sind, mit welchem Luxus wir das Album aufgenommen haben - von der Zeit im Studio -, wie wir das mit den Proben geplant haben, dass wir die Demos schon vorher gemacht und eigentlich vernünftig schon aufgenommen haben, welches Equipment wir zusätzlich noch gemietet haben, das einfach gar nicht vorrätig war, usw. Und das merkt man dann am Ende schon am Sound. Das Problem ist nur: Um eine Produktion nur um ein Prozent besser zu machen, musst du etwa 50 Prozent mehr Geld investieren. Das ist leider heutzutage so, und es holt einen auch ganz schnell schon wieder ein, und dann ist es praktisch nächstes Jahr schon wieder veraltet. Aber ich denke schon, dass STRATOVARIUS schon immer für einen qualitativ sehr hochwertigen Sound gestanden haben, und dann kannst du natürlich nicht auf einmal damit anfangen und eine Probeproduktion abliefern, mit der du dann selber nicht mehr leben kannst. Vielleicht denken auch alle Journalisten nur, dass die Musiker die Platten nur machen, um Geld zu verdienen. Doch wenn du damit anfängst, dann hast du eigentlich schon verloren. Wenn das dann dazukommt und du auf einer professionellen Ebene arbeiten kannst, dann ist das schon sehr, sehr schön und macht einfach Spaß, weil dein Hobby zum Beruf wird. Aber trotzdem ist es natürlich so, dass du die Platte für dich machst, du musst die Songs ja hinterher spielen und auch anhören. Wenn du dann am anderen Tag in den Spiegel kuckst und denkst 'Scheiße, jetzt kommt das Ding auch noch raus', dann wirst du deines Lebens nicht mehr froh.

Martin:
Mit welchen Erwartungen blickt ihr auf den 27. Oktober, an dem das Album ja offiziell erscheinen soll?

Jörg:
Wir wären jetzt nicht unbedingt überrascht, wenn sich "Elements Pt. 2" nicht so gut verkaufen würde wie "Elements Pt. 1", was sicherlich daran liegt, dass "Elements Pt. 1" schon in diesem Jahr herausgekommen ist, Dafür haben wir europaweit immerhin 35-40 Cover-Stories bekommen, und das wird mit dem neuen Album allein schon aus dem Grunde nicht zu erreichen sein, dass Magazine halt nur zwölfmal - wenn sie monatlich erscheinen - die Chance haben, jemanden aufs Cover zu nehmen. Und da werden sicherlich viele sagen 'Hey, hör mal, die hatten wir dieses Jahr schon!', und dementsprechend ist die Promotion dann vielleicht nicht ganz so präsent für eine Scheibe. Trotzdem glaube ich aber nicht, dass das Album irgendwie schwächer ist - das hat damit meiner Meinung nach nichts zu tun. Es ist ein bisschen anders... (kurze Unterbrechung, da Jörgs Handy klingelt)
Wo war ich stehengeblieben? Achso, bei den Verkaufszahlen... Ich denke, dass wir nicht überrascht wären, aber du weißt es letztendlich nie. Wenn ein Album gut ist, dann wird es sich immer durchsetzen, 'in the long run'. Bei einigen Bands ist es so, sie veröffentlichen ein Album, und dann verkaufst du in den ersten ein, zwei, drei Monaten einfach keine Einheiten, alle Fans, die die Band gerne hören, kaufen sich auch das Album, und dann flacht das manchmal ganz extrem ab. Bei uns ist das ein bisschen anders - wir haben nicht sofort den ganz großen Schwung, aber dafür geht das so kontinuierlich. Und auch die alten Alben verkaufen sich komischerweise immer noch erstaunlich gut. - Es ist natürlich aber schon klar, dass wenn ein Album rauskommt, dann gehen die Die-hard-Fans sofort los und holen sich das Album... Das wird man alles sehen, aber ich denke, dadurch, dass das Album auch wieder stark ist, brauchen wir jetzt nicht unsicher werden oder Angst haben. STRATOVARIUS ist eine weltweit etablierte Band, und so werden wir wohl auch mit "Elements Pt. 2" wieder ganz gute Verkäufe erzielen. - Hinzu kommt natürlich, dass insgesamt der ganze CD-Markt sowieso im Arsch ist durch die ganzen Bootlegs. Uns hat es tatsächlich lange Zeit nicht so getroffen, doch mittlerweise sind alle, also alle Bands, davon betroffen. In Südamerika ist es vermutlich am schlimmsten, aber auch in Ländern wie Russland, da ist dann vielleicht jede zehnte oder fünfzehnte verkaufte CD von dir wirklich eine originale. Aber es ist so wie es ist, da nützt es nichts darüber zu heulen.

Martin:
Gut, kommen wir jetzt aber mal direkt zum neuen Album selbst. Wie würdest denn du die neuen Songs charakterisieren - gerade im Vergleich zum "Elements Pt. 1"?

Jörg:
Ja, ganz klar, "Elements Pt. 1" ist Opera Metal, 'a kind of STRATOVARIUS' - symphonisch, bombastisch... Von da aus kann es eigentlich nirgends mehr hingehen. Nimm nur einen Song wie 'Elements' - was willst du denn danach noch machen? Ich bezeichne ihn ja immer als unsere 'Bohemian Rhapsody' - nur eben so, wie wir halt Musik spielen. Und nun auf dem zweiten Album, und so war auch die Songauswahl von vornherein gedacht, geht es nun ein bisschen zurück. Wir haben natürlich immer noch einen Song wie 'Alpha & Omega' - das war der erste von dem Album -, der könnte sicherlich auch auf "Elements Pt. 1" sein, aber der Rest ist schon mehr rockiger, mehr metalliger, und ein bisschen mehr simpel. Die progressiven Elemente fehlen fast komplett, und so ist die Songauswahl auch getroffen worden. Wir könnten natürlich auch sagen, wir hätten die Lieder jetzt komplett gemischt, und dann wäre es eben ein Album. Aber so haben wir das schon ein bisschen mit Absicht so gemacht, dass das ein wenig zusammenpasst. Es hat natürlich schon auch damit etwas zu tun, dass das nun 'Wind' und 'Erde' ist und das andere 'Feuer' und 'Eis' war. Und somit ist "Elements Pt. 2" eben ein bisschen erdiger, und da kann man auch hier einen kleinen Aufhänger sehen...

Martin:
Wie ist das denn bei dir - sind für dich alle Songs gleichbedeutend, oder gibt es auf "Elements Pt. 2" einen Song, den du besonders magst?

Jörg:
Gleichbedeutend kann man ganz bestimmt nicht sagen, denn jeder Song hat - wie sagt man - seinen eigenen 'Vibe'. Und dadurch, dass die Songs alle ein bisschen verschieden sind, gibt es natürlich Songs, die du magst, und eben Songs, die du nicht magst. Und so gibt es zum Beispiel auch Songs, die ich persönlich von STRATOVARIUS ungemein gut finde, die aber bei den Fans überhaupt nicht gut ankommen...

Martin:
Zum Beispiel?

Jörg:
Ähm, 'Abyss Of Your Eyes' - das ist glaub' ich vom "Destiny"-Album (okay, fast - es ist auf "Visions" zu finden - Anm. d. Verf.) - ist einer meiner persönlichen Favourites. Wir haben es am Anfang auch ein bisschen live gespielt, aber der Song ist nie angekommen. Und auch bei diesem Album ist es so... Für mich ist mein Favorit von beiden Alben 'Alpha & Omega', aber auch 'Soul Of A Vagabond', 'Elements' und 'Find Your Own Voice' sind so die Highlights. Gerade 'Find Your Own Voice' mit der Doublebass-Drum, weil es für uns schon schwierig ist, den Song so zu spielen, dass man sich nicht selbst wiederholt. Das ist mittlerweile schwieriger geworden - nach so vielen Platten hat man schon auch so ein eigenes Strickmuster. Sicherlich auch hier auf der Platte - nehmen wir 'I'm Still Alive', das ist von der Grundstruktur vielleicht nicht so viel anders wie andere Songs, aber es ist extrem hart gespielt, mit sehr viel Spielfreude und sehr viel Intensität, so dass man es schon durchgehen lassen kann. Aber 'Find Your Own Voice' ist klasse, denn so einen Song hat es von STRATOVARIUS einfach noch nicht gegeben. - 'Alpha & Omega' ist definitiv mein großer Favorit, und es hat heute wieder Spaß gemacht, ihn so richtig laut mal zu hören.

Martin:
Wie läuft denn das Songwriting bei euch allgemein so ab? Ist das immer der gleiche Ablauf, oder ist das von Platte zu Platte verschieden?

Jörg:
Das ist tatsächlich von Platte zu Platte total unterschiedlich. Die gleichen Strukturen finden am Anfang statt, wenn der Tolkki (Timo Tolkki (g.) - Anm. d. Verf.) erstmal in sich geht und die ganzen Ideen sammelt, beispielsweise auch die anderen Musiker, die teilweise mitschreiben, wie Kotipelto (Timo Kotipelto (v.) - Anm. d. Verf.) und Johansson (Jens Johansson (k.) - Anm. d. Verf.). Und dann gibt's irgendwie so ganz einfache Tapes, wo die Grundstrukturen und die Grundmelodien, zusammen vielleicht mit dem Schlagzeug-Pattern, aufgebaut sind. Das wird dann an die Musiker verschickt, und dann kann sich jeder diese Grundstrukturen erstmal draufschaffen. Wir gehen also nicht in den Proberaum und der Tolkki erklärt dann großartig rum, sondern da kommt jeder und kann das erstmal schon so spielen. Dann bringt natürlich jeder auch seine eigenen Ideen mit - speziell der Schlagzeuger hat beispielsweise ganz andere Ideen zu den jeweiligen Pattern. Und dann wird eben angeboten, aufgenommen, gehört, entschieden. An den Arrangements wird dann natürlich auch noch viel gefeilt, weil die Leute eigene Ideen haben, zu Breaks, usw. - Ich bezeichne das immer so - der Tolkki stellt den Weihnachtsbaum da hin, und dann gehen alle hin und behängen ihn, bis er dann hinterher leuchtet. So kann man sich das eigentlich ganz gut vorstellen... Diese Prozedur ist eigentlich immer gleich - unterschiedlich ist jedoch, wie wir dann da drangehen. Da ist zum Beispiel das "Visions"-Album, oder auch das "Destiny"-Album... Für das "Visions"-Album haben wir drei Tage geprobt, für das "Destiny"-Album gar nicht. Da geht man direkt ins Studio und nimmt die Songs auf, um die Frische des ersten Takes zu erhalten, usw., wie heißt es so schön, um die Takes möglichst frisch klingen zu lassen. Bei den "Elements"-Alben haben wir ultra-viel geprobt vorher - ich habe alleine, bevor ich ins Studio gegangen bin, einen Monat nur geübt (nachdem die Songs feststanden). Dann haben wir die Demos gespielt - die ersten Tage wurden eben die Demos aufgenommen, und dann sind die anderen in einen anderen Raum gegangen - wir hatten ein ganzes Haus gemietet in Helsinki - und haben die Demos weiter aufgenommen, die Gitarren auf die Drums gespielt, Bass, usw. Und ich bin dann jeden Tag wieder in den Raum gegangen und habe die Platten durchgespielt, und das einen ganzen Monat lang, bevor wir ins Studio gegangen sind. Das heißt, du bist also ins Studio so fit gekommen, dass dir die Songs eigentlich schon fast zum Hals rausgekommen sind. Deswegen haben wir davor auch ein paar Tage Pause gemacht, also nachdem ich sozusagen auf einem Level war, dass ich gesagt habe "jetzt macht mir das keinen Spaß mehr", haben wir gestoppt, ein paar Tage gewartet, und dann sind wir ins Studio gegangen. Das hatte natürlich den Vorteil, dass man extrem rehearsalt war und die Songs mit einer bestimmten Gewohnheit einspielen konnte. Man hatte zwar manchmal das Gefühl, naja, das ist ja jetzt langweilig, weil es eben so einfach auch geht, aber es hat natürlich den Vorteil, dass die Band sich da in Höchstform präsentieren konnte. Ich denke nicht, dass es ein anderes Album von STRATOVARIUS gibt, das so gut gespielt ist. Und das ist natürlich damit verbunden...

Martin:
Diese "Elements"-Geschichte ist jetzt mit dem zweiten Teil abgeschlossen, oder folgt da noch ein dritter Teil?

Jörg:
Du bist der Erste, der das fragt, der Allererste. Alle sagen nur: "Wenn es "Elements Pt. 1" gibt, dann gibt es bestimmt auch Part 2." Und dann machen wir uns immer einen Scherz: "... und Teil 3, und Teil 4." - Nein, es ist damit abgeschlossen. Es gab einfach diese "Elements"-Sessions, und ich als Schlagzeuger habe auch beide Alben zusammen eingespielt - in loser Reihenfolge. Ich habe also nicht zuerst "Elements - Pt. 1" eingespielt, und dann "Elements Pt. 2", sondern ich habe die Songs so genommen, wie sie auf der Tafel standen. Manchmal sagt man sich ja schon: "Jetzt spiel' ich erstmal den oder den Song, aber an den trau' ich mich noch nicht ran." Das habe ich nicht gemacht - ich war einfach so gut rehearsalt und habe gesagt: "Ich geh jetzt einfach von oben runter - eins nach dem anderen." - Das ist dann tatsächlich auch abgeschlossen... Das ist praktisch das Jahr 2003 - wir bringen die Platte raus, wir spielen die Tour, und wir bringen die zweite Platte raus. Und damit ist das auch erledigt.

Martin:
Kommen wir doch gleich zu der von dir angesprochenen Tour, u.a. mit SYMPHONY X. Wie erfolgreich war diese Tour denn für euch?

Jörg:
Wir haben sehr erfolgreiche Shows gespielt, und wir haben eigentlich in allen Ländern mehr Tickets verkaufen können als auf der letzten Tour. Dabei denke ich eigentlich, dass wir auf der "Infinite"-Tour mit RHAPSODY noch den stärkeren Partner hatten als mit SYMPHONY X...

Martin:
Ähm, das sehe ich anders...

Jörg:
Vom musikalischen Standpunkt vielleicht nicht, aber von den Plattenverkäufen ist RHAPSODY ganz sicher stärker. Und das war natürlich toll. - Aber in Deutschland war das komischerweise nicht so, und das kann ich dir auch nicht erklären. Ich kann es dir einfach nicht erklären, und ich kann dir auch nicht erklären, warum wir in Stuttgart auf der "Infinite"-Tour 1800 Leute hatten und dieses Mal nur noch 1100. Aber in allen anderen Ländern war das anders, und deshalb sind wir auch sehr zufrieden. Wir können jetzt nicht sagen, nur weil... - irgendwas ist ja schließlich immer! Das war schon super... Wir haben teilweise in einigen Ländern jetzt einen großen Status erreicht, wo wir als Independent-Band in Ländern wie Frankreich, Italien oder Spanien vor 3000 bis 4000 Leuten spielen - konstant. In Paris waren es zum Beispiel 5000 Leute, und das ist für eine Independent-Band schon gut. Und dann spielst du in Slowakien, da kommen auch 3000 Leute, und da warst du eigentlich noch nie. Das ist natürlich riesig - in Ungarn waren es auch 2000 Leute, in Stockholm 1500, schon super...

Martin:
Wie bereits angesprochen, habt ihr ja eigentlich immer recht bekannte Bands - wie RHAPSODY oder SYMPHONY X - im Vorprogramm, während viele andere Bands eher zu unbekannten Bands greifen, um sich dann gut verkaufen zu können...

Jörg:
Ja, und davor war ANGRA - die sind in Deutschland jetzt nicht ganz so populär, aber im übrigen Europa schon. Und das machen wir natürlich schon mit Absicht, da wir ein starkes Package auf Tour bringen wollen, um vor möglichst vielen Leuten zu spielen. Wir denken eben, STRATOVARIUS und Band X und Band X, oder STRATOVARIUS und ein anderer hochwertiger Act, fast selber Headliner-Status oder sogar Headliner-Status, und dann kommen auch mehr Leute. Natürlich essen die auch eine Menge und verkaufen auch viele T-Shirts - sollen sie aber auch -, aber wir können uns dann natürlich super präsentieren, indem wir größere Hallen und größere Bühnen haben. Inwiefern da jetzt SYMPHONY X in einigen Ländern mitgespielt hat - in Spanien sicherlich überhaupt nicht, in Italien vielleicht ein bisschen, aber in Frankreich haben sie uns sicherlich sehr geholfen, denn da sind die nämlich auch stark... Das ist natürlich immer eine Herausforderung, du musst dich jeden Abend beweisen, weil du weißt, dass da schon eine starke Band vor dir ist. Aber das macht doch auch viel mehr Sinn, als eine Band unter-ferner-liefen spielen zu lassen. Das letzte Mal hatten wir SONATA ARCTICA - auch eine finnische Band - auf dem 'first slot', und diesmal jetzt THUNDERSTONE... (erneut kurze Unterbrechung durch Jörgs klingelndes Handy)

Martin:
Ich habe euch während eurer Tour in Stuttgart gesehen, und ehrlich gesagt hatte ich das Gefühl, dass ihr an diesem Abend nicht so gut drauf wart. Oder habe ich mich da getäuscht? - Beispielsweise habt ihr auch 'Elements', das ihr bei anderen Auftritten gespielt habt, weggelassen - gab es dafür einen Grund?

Jörg:
Nun, die Band fand, dass das Publikum extrem scheiße zu uns war, und aus diesem Grunde wurde das gecancelt. Ich persönlich fand das sehr unprofessionell und möchte mich auch dafür entschuldigen. Ich sehe es nämlich nicht so, dass das Publikum den ersten Schritt machen soll - den soll schon die Band machen. - Es war tatsächlich so, dass es ein bisschen lahm war - das konntest du nicht mit der Stimmung vergleichen, die wir im Longhorn hatten -, und das ist eben aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen auf den Magen der Band geschlagen. Aber man muss natürlich auch sehen: Du bist auf Tour, du hast wenig Schlaf über Wochen, du reist immer im Bus, du schläfst immer, wenn der Bus auch fährt, und da kann es schon mal vorkommen, dass die Nerven ein bisschen blanker liegen oder vielleicht auch schneller gereizt sind. Aber das war nur ein Tag auf einer Tour! - Ich fand es selbst nicht so stark, und wir haben uns als Band sicherlich nicht von unserer besten Seite gezeigt.

Martin:
Du kennst ja nun die deutsche und auch die finnische Metal-Szene. Wie würdest du diese beiden vergleichen?

Jörg:
Nun, es gibt zum Beispiel bei den finnischen Bands sehr viel mehr Zusammenhalt untereinander. Da wird sich gegenseitig ausgeholfen, und hier gönnt einer dem anderen ja nicht mal den Hering auf dem Teller. Aber das ist ja die typisch deutsche Mentalität, alles wird sehr viel negativer gesehen. Das gibt es zwar in Finnland auch, aber da gibt es eben auch einen tollen Zusammenhalt unter den Bands und in der ganzen Metal-Szene überhaupt. Das Metal-Festival in Helsinki - Tuska -, wo wir auch gespielt haben, war ausverkauft mit 8000 Leuten, und das war so etwas wie ein großes Familienfest. Da feiern die Bands dann zum Beispiel die anderen Bands ab, und auch die Distanz zu den Fans wird sehr gering gehalten. Gut, Finnland ist natürlich auch ein kleines Land... In Deutschland habe ich immer das Gefühl, die Bands bzw. die Leute sind in erster Linie Rock-Stars - sie haben erstmal eine super Lederjacke und das beste Stage-Outfit, aber wissen nicht, wie rum sie die Gitarre halten müssen. Das kommt dann danach... Und das ist in Finnland genau andersrum - sie können dort alle erstmal spielen, sie beherrschen alle ihre Instrumente wirklich sehr gut. Wenn du da mal in die Proberäume gehst und hörst da, was da so aus der Tür raus klingt, dann denkst du dir "wow" - die sind alle gut, die haben alle ein bestimmtes Level. Ich führe das darauf zurück, dass die a) so lange Winter haben und nicht wissen, was sie machen können, und b), sie sind auch so 'far out' von dem eigentlichen Herz - hier in Deutschland haben wir ganz viele Plattenfirmen, die sehr erfolgreich arbeiten, Modern Music, SPV, Nuclear Blast, und noch mehr, wie heißen die von EDGUY, ach ja, AFM, und da gibt es in Finnland eben nur Spinefarm. Und das heißt, wenn sie eben nicht von Spinefarm gezeichnet werden, dann müssen sie eben irgendwie auf sich aufmerksam machen. Und vor allem dann, wenn du 2000 km weg wohnst vom eigentlichen Herzen der Szene, das für Finnland definitiv in Deutschland ist, dann musst du natürlich besonders gut sein. Und da hat - das darf man ruhig mal so sagen - STRATOVARIUS einen Riesen-Anteil daran, weil das eigentlich die erste finnische Band war, die es aus der Independent-Szene hier in ganz Europa oder vielleicht sogar in der ganzen Welt zu einer gewissen Popularität geschafft hat. Und dann wurden auf einmal viele Plattenfirmen aufmerksam - was ist das überhaupt für eine Szene in Finnland -, und dann kamen ja ganz schnell NIGHTWISH, CHILDREN OF BODOM, usw. WALTARI möchte ich da jetzt auch durchaus lobend erwähnen, die ja auch als erste finnische Band in der Szene ein bisschen getourt haben - auch schon vor STRATOVARIUS. Und mittlerweile ist die finnische Szene extrem stark. Da sind ja allein schon die Bands, die in der Tradition von STRATOVARIUS spielen, sprich: NIGHTWISH, die jetzt natürlich mit dem Gesang eine ganz andere, eigene Facette mit eingebracht haben, aber auch THUNDERSTONE, SONATA ARCTICA, die ja sehr in der Tradition von STRATOVARIUS liegen, aber auch so Bands wie CHILDREN OF BODOM, die ja mittlerweile... - die touren weltweit, die touren in Japan, in Südamerika, in ganz Europa. - Es ist also eine starke Szene - HIM nicht zu vergessen, das ist ja fast eine Major-Band, ja, es ist eine Major-Band, die in Deutschland 8000 bis 10000 zieht.

Martin:
Und wie geht es mit STRATOVARIUS weiter? Gibt es schon Pläne für die Zukunft - eine DVD ist ja anscheinend im Entstehen?

Jörg:
Ja, wir werden jetzt erstmal eins nach dem anderen machen. Wir bringen jetzt erstmal das Album raus, oder sprich: wir spielen erstmal die Tour zu Ende. Gut, das überschneidet sich jetzt ein bisschen, weil man genügend Vorlauf braucht in der Presse, was ja normal ist. Wir spielen jetzt - lass mich kurz überlegen - nächstes Wochenende in Finnland zwei Festivals, dann in Schweden das Wochenende drauf Festivals, dann spielen wir in der Schweiz und in Wacken, und dann gehen wir eine Woche nach Hause. Am 12. August fliegen wir dann nach Südamerika, bis Anfang September, und dann ist die Tour zu Ende. Danach werden wir sicherlich eingebunden sein in weitere Promo-Aktivitäten für die neue Platte, und gleichzeitig müssen wir sehen, dass wir endlich die DVD fertig kriegen, an der wir aber auch jetzt schon arbeiten - zumindest der Kameramann bzw. die Filmfirma. Aber die brauchen natürlich auch unseren Segen, und das wird sicherlich auch noch eine Menge Arbeit kosten. Dann werden wir Anfang des Jahres versuchen, die DVD rauszubringen, wobei man auch sagen muss, dass wir erstmal sehen müssen, wie gut das alles überhaupt ist, denn wir haben das alle noch gar nicht gesehen. Dadurch, dass wir die ganze Zeit auf Tour waren, haben wir einfach noch keine Zeit gehabt. Es ist auch jetzt erstmal nur so zusammengeschnitten, dass man sich überhaupt ein Bild machen kann, was wir da für eine Qualität vorweisen können. Wenn das alles gut genug ist und das so ist, wie wir uns das vorstellen, dann bringen wir die Anfang nächsten Jahres raus. Und dann werden wir vielleicht irgendwann nächstes Jahr, so wie wir fertig werden und Lust haben, wieder zusammenkommen, um an einem neuen Album zu arbeiten, was ja auch... Wie gesagt, das Album jetzt hat über sechs Monate gedauert, von 'start' bis 'finish' - das dauert, da hast du beispielsweise bei der Plattenfirma drei Monate vorher Abgabe. Also, vor 2005 wird es sicherlich kein neues Album geben können... Das sage ich jetzt so als vagen Plan, aber da kann sich noch schnell was ändern, aber es kann auch noch irgendwas Unvorhergesehenes passieren - Krankheit in der Familie oder so. Wir haben da jetzt keinen bestimmten Plan gemacht.

Martin:
Nachdem ich ja von einem Online-Magazin bin, muss ich natürlich schon fragen - wie siehst du Online-Magazine, gerade im Vergleich zu Print-Magazinen?

Jörg:
Nun, ich meine, es ist für uns sehr schwer einzuschätzen, wie stark diese Online-Magazine sind. Ich finde aber grundsätzlich, dass das Internet ein Medium ist, das STRATOVARIUS sehr stark gemacht hat. Ich glaube nicht, dass STRATOVARIUS heute da stehen würde, wo sie jetzt stehen - ohne Internet. Gerade weil sie aus Finnland sind, und STRATOVARIUS waren eine der ersten Bands - jedenfalls in denen ich gespielt habe und die ich kenne und in deren Umfeld ich mich bewegt habe -, die eine professionelle Homepage hatten. Schon als ich in die Band gekommen bin, hatten die das bereits organisiert. Und wir haben auch einen, der sich nur darum kümmert, der auch viel Zeit dafür investieren muss. Das könnte natürlich immer noch besser sein, aber ich sag mal so - da wird sich schon darum gekümmert. Manchmal hilft die Band da mehr mit, manchmal weniger, letztendlich müssen die Informationen aber von der Band kommen, damit der Mann, der Webmaster, vernünftig arbeiten kann. - Nur, wie gesagt, ist es für uns schwer einzuschätzen, wie stark diese Magazine sind. Und was ich als großen Nachteil empfinde, ist, dass unheimlich viele Leute dieses Medium 'Online-Magazin' dazu benutzen, einfach backstage den Bands das Bier wegzusaufen. Es ist bei STRATOVARIUS nicht ganz so einfach, einen Backstage-Pass zu kriegen, wenn du ein Online-Magazin hast. Ich habe andererseits noch nicht ein Interview gecancelt, weil ich finde, dass das Schwachsinn ist - ich mache jedes Interview für jedes Online-Magazin. Und es gibt auch einige Sachen, die wirklich sehr stark sind, und ich will es noch einmal wiederholen - ohne das Internet wäre STRATOVARIUS nicht so populär wie heute. - Ich kann mich noch erinnern - da habe ich noch bei RUNNING WILD gespielt, da gab's noch gar keine Homepage von RUNNING WILD. Und das ist natürlich schon... Wir haben in den Hochzeiten, ich weiß nicht wieviele Hits das sind und ich kann das auch immer ganz schlecht einschätzen, das sind so ein paar Hundertausend, und wenn dann ein Album rauskommt, noch mehr, also, ich glaube, so 700000 oder 800000, und das ist natürlich schon eine Wahnsinnszahl. Und da kann man dann natürlich schon ein paar gute Sachen damit machen... Was zum Beispiel interessant ist: Wenn wir jetzt in Finnland spielen, dann verkaufen wir überhaupt keine T-Shirts mehr. Alle Finnen sind in diesem ganzen Internet und Mobilfunk so fit, dass in Finnland 80 Prozent aller unserer T-Shirts übers Internet verkauft werden. - Also grundsätzlich halte ich das Internet für eine Super-Sache, aber es wird halt immer noch viel Schmuh gemacht. Gerade die Musiker haben durch die ganzen Bootlegs arg drunter zu leiden, und auch durch diese ganze Download-Scheiße, wobei ich aber auch sagen muss, dass es auch viele Leute gibt, die haben irgendwie einen Song von STRATOVARIUS im Internet gehört, und die kaufen sich danach das ganze Album, weil sie es geil fanden. Schwer zu sagen... Ich stehe dem Ganzen aber positiv gegenüber, und deswegen unterstütze ich das auch.

Martin:
"Elements Pt. 1" kam ja mit einem Kopierschutz auf den Markt - wird es auf dem zweiten Teil auch wieder einen Kopierschutz geben?

Jörg:
Nein, das werden wir uns dieses Mal schenken, das hat nichts gebracht.

Martin:
War das mit dem Kopierschutz eure Idee, oder kam diese vom Label?

Jörg:
Grundsätzlich etwas zu machen, um uns zu schützen, dass Bootlegs gemacht werden oder dass die Platten ins Netz gestellt werden - das kam von uns; die Idee mit dem Kopierschutz kam von Nuclear Blast. Das haben wir natürlich unterstützt, und ich weiß, dass wir sehr viel Ärger dafür kassiert haben. Aber ich muss auch sagen... Einzelne haben geschrieben: "Das ist ja totale Scheiße. Ich bin seit soundso vielen Jahren STRATOVARIUS-Fan und ich kann das Ding auf meinem Computer jetzt nicht mehr hören, und ich habe keine Stereoanlage mehr. Dafür will ich den Herren von STRATOVARIUS irgendwie mal danken. Und ich musste diese Platte aus dem Netz runterladen, damit ich sie überhaupt hören konnte." Ja, da muss ich ihm aber sagen: Mein lieber Freund, deshalb ist der Kopierschutz doch drauf, damit du die Scheibe nicht mehr auf dem Computer hören kannst. Ich meine... (lacht)

Martin:
Ärgerlich ist es halt dann, wenn die CD auch in nagelneuen Autoradios nicht läuft, und da spreche ich aus eigener Erfahrung.

Jörg:
Stimmt, das ist natürlich ein Problem. - Da muss ich dann aber auch sagen, dass das weder die Schuld von STRATOVARIUS, noch die Schuld von Nuclear Blast ist, sondern da hat uns diese Pressing Company, diese Produktions-Company, die diesen Kopierschutz da draufgemacht hat, Scheiße erzählt. Die wussten es vermutlich nicht besser, weil sie noch nicht so viel Erfahrung damit gemacht haben - das kann ich denen nicht richtig anlasten. Letztendlich ist das ein fehlerhafter Kopierschutz, der da drauf ist, aber das ist weder der Band noch Nuclear Blast wirklich anzulasten - wir haben es einfach nur probiert. Aber es hat letztlich wenig genutzt. - Wir haben letztes Jahr eine Aktion gestartet - von, ich weiß es nicht genau, ich sage mal, von 500 Promo-CDs sind nur 100 mit dem ganzen vollen Album verschickt worden, an ganz ausgesuchte Journalisten. Die haben die 100 CDs am einen Tag losgeschickt, und am anderen Tag stand die Platte im Netz. Es kann also nur einer dieser 100 Journalisten gewesen sein, und das sind eigentlich Leute, denen man vertraut - weltweit, wohlbemerkt...

Martin:
So, damit wären wir nun durch. Möchtest du noch ein paar abschließende Worte loswerden?

Jörg:
Nein, ich habe eigentlich alles gesagt, gerade wie ich zu Online-Magazinen stehe, und das ist gerade für dich auch wichtig. Also möchte ich mich bedanken für die Leute, die uns gerade über das Internet so fleißig unterstützt haben. Bei uns gibt es ja auch Chatrooms und alles auf der Homepage - ich arbeite da nicht so viel dran, weil ich viele andere Sachen mache, aber ich weiß, dass Kotipelto, Johansson und Tolkki da teilweise rege diskutieren mit den Fans. Das ist natürlich eine Riesen-Sache - du kannst dich da einklicken, wenn du willst, und wenn du nicht willst, dann eben nicht. Und deshalb auf diesem Wege mal herzlichen Dank!!!

Redakteur:
Martin Schaich

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