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STRATOVARIUS: Interview mit Jörg Michael

28.02.2010 | 12:14

Es hat sich viel getan im Hause STRATOVARIUS: Der manisch-depressive Ex-Gitarrist und Songwriter Timo Tolkki feuerte ein paar Bandmitglieder, stellte die ominöse Miss K als neue Sängerin vor, fügte die Band im alten Line-up zusammen, um sie ein Album später aufzulösen. Doch die übrigen Mitglieder der internationalen Combo wollten nicht aufgeben, erhielten von Tolkki die Rechte an der Band und machten ohne ihn weiter. Im Mai vergangenen Jahres erschien mit "Polaris" das erste STRATOVARIUS-Album, an dem Tolkki nicht mitwirkte. Vor ihrem Auftritt in Hamburg am 3. Februar habe ich mit Jörg Michael gesprochen. Der sympathische Schlagzeuger erzählte viel über das aktuelle Album und die damit verbundene Tour, das neue Bandgefüge und die Zukunftspläne von STRATOVARIUS.

Pia-Kim Schaper: Wie lief eure Tour bisher?

Jörg Michael:
Wir sind schon recht lange unterwegs. Angefangen hat das Ganze vergangenen Mai. Mit dem neuen Gitarristen (Matias Kupiainen - Anm. d. Verf.) müssten wir jetzt bei 90 Shows liegen. Wir sind einmal um die Welt getourt und da haben wir natürlich viel Neues erlebt, weil wir gesagt haben, wie wollen alles spielen. Die Band ist jetzt praktisch fünf Jahre lang weg vom Fenster gewesen. Die letzte Platte liegt fast fünf Jahre zurück und somit auch die letzte Tour. Da haben wir natürlich auch an ein paar Plätzen gespielt, wo wir vorher noch nie waren. Grundsätzlich sind wir alle sehr zufrieden, aber wir müssen natürlich auch sehen, dass wir in einigen Ländern bei einigen Fans schon an Kredit eingebüßt haben. Das hat man zum Teil zu spüren bekommen. Aber es gab auch großartige Erlebnisse, wo wir immer noch vor ganz vielen Leuten gespielt haben. Das war ganz toll und das hat uns auch sehr gefreut. Das gibt einem natürlich auch viel Motivation für die Zukunft. Die Tour ist auch in ein paar Tagen zu Ende, dann treffen wir uns wieder in Finnland und schreiben, bespielen und arrangieren direkt neue Songs und wollen dann versuchen, relativ kurzfristig ein neues Album aufzunehmen. Wobei das bei uns jetzt nicht so viel zu sagen hat, denn das letzte Album hat genau ein Jahr gedauert. Das wird dieses Mal bestimmt ein bisschen schneller gehen, weil wir die Wege besser kennen, wie das funktioniert in diesem neuen Line-up. Aber grundsätzlich zurück zur Tour: Alles lief super! Jetzt hier diesen letzten Teil im Winter zu spielen und auch noch bei so einem Wintereinbruch in Europa ist manchmal nicht so ganz angenehm. Aber da muss man durch. Außerdem sind die meisten in der Band ja auch Finnen, die kennen das eh nicht anders. Es hätte auch alles ganz anders laufen können. Ganz am Ende bist du froh, wenn du das noch machen kannst. Das ist im Moment spielen und das hat es in den vergangenen zwei Jahren überhaupt nicht gegeben. Der lange Streit mit der Plattenfirma, mit Timo Tolkki, das ist nicht spurlos an uns vorüber gegangen. Einfach nur wieder hier zu sein und zu sagen, wir haben 90 Konzerte gespielt in den vergangenen acht Monaten, das ist eine tolle Sache.

Pia: Was würdest du als Highlights der Tour bezeichnen?

Jörg:
Es ist sicherlich unterschiedlich, wenn du die anderen fragst. Ich fand Peking total scheiße und das fanden die anderen alle super. Ich bin großer Südamerika-Freund. Mir hat natürlich sehr gut gefallen, im "Nokia Theatre New York" gespielt zu haben, als kleiner Junge aus Dortmund da mal hingekommen zu sein. Das war eine ganz tolle Stimmung. Da musst du aber sehen, dass in New York ganz viele Südamerikaner kommen, denn da ist die Band sehr populär und wenn wir eine US-Tour machen, dann spielen wir mehr Dates in Kanada, als wirklich in den USA. Die ganzen Jahre sind wir ja nie bei MTV und so weiter promotet worden. Wir kriegen die Hütte zwar voll, aber das sind zu 80 Prozent Mexikaner.
Dann gibt's natürlich das Konzert in Argentinien, das war für mich toll. Beim Sauna Open Air in Finnland haben wir direkt vor NIGHTWISH gespielt, da mussten wir uns natürlich auch beweisen und wir sind super bei den Fans angekommen. Das hat uns natürlich viel Motivation gegeben. Jetzt muss ich mal überlegen: In Ecuador drehen die natürlich völlig am Rad, wenn du da hinkommst nach so vielen Jahren, das ist auch super. Und auch hier, da haben wir sehr viel im Osten gespielt. Da kommen wir jetzt gerade her: Bratislava, Sofia, das war auch klasse. Belgrad war nicht ganz so toll, obwohl ich die Halle super fand. Aber eins weiß ich auch schon: Morgen wird sicherlich ein Tiefpunkt auf der Tour. Das ist ein ganz kleiner Club in Kopenhagen und wir wissen, dass der ziemlich verranzt ist. Wir wollten aber unbedingt mal wieder dort spielen.

Pia: Der Split mit Tolkki ist schon eine Weile her. Trotzdem möchte ich dich kurz bitten, die ganze Geschichte einmal zusammenzufassen.

Jörg:
Wir hatten eigentlich eine Übereinkunft mit der Plattenfirma, dass wir jetzt aufhören, darüber zu reden. Das haben wir am Anfang noch gemacht, weil es einfach auch so war, dass Timo Tolkki so viel Scheiße, so viele Lügen erzählt hat, dass ich das Gefühl hatte, ich muss mich davon noch mal befreien und einfach auch mal die Wahrheit sagen. Ich möchte da nicht viel zu sagen, aber ein ganz kurzes, simples Update sei uns gestattet: Ich denke tatsächlich, dass es mit der "Elements"-Tour angefangen hat. Damals war die Band tourneemäßig am erfolgreichsten und es war die größte Tournee, die wir je gemacht haben. Ich denke, dass es für alle ein bisschen schwierig geworden ist; die Stiefel sind zu groß geworden. Man hat angefangen, zu fliegen, speziell auch Timo Tolkki. Wir haben das zuerst gar nicht so richtig mitgekriegt, aber eine gewisse Arroganz war damals schon zu spüren. Dann kam dazu, dass wir diese Platte gemacht haben, "Stratovarius", danach ist er das erste Mal zusammengebrochen und damit wussten wir auch, dass wir ein ernstes Problem haben. Das hat sich in manischen Depressionen geäußert. Wir haben versucht, viel zu helfen, wir haben damals auch wahnsinnig viel Geld verdient, konnten das dadurch auch immer wieder finanziell auffangen. Wir haben bis 2007 weiter Festivals gespielt, aber diese Lustlosigkeit von Timo Tolkki war schon damals da. Was dann letztendlich passiert ist: Wir hatten einen Vertrag bei Sanctuary, der wurde aber von der Plattenfirma nicht mehr sehr ernst genommen. Die hatten andere Probleme und sind danach pleite gegangen. Timo Tolkki hat diese Songs genommen, die wir gemeinsam erarbeitet haben und von denen es schon Demos gab, und hat sie hinter unserem Rücken an eine andere Plattenfirma verkauft und gleichzeitig die Band aufgelöst. Dadurch konnten wir keine Regressansprüche an Sanctuary mehr geltend machen, weil der Vertrag an die Individuen der Band gekoppelt war - also wenn ich da aussteige, dann ist so ein Vertrag null und nichtig. Nicht nur, dass er uns hintergangen und verarscht hat, er hat uns auch noch eine ganze Stange Geld gekostet und dann noch zwei Jahre im Internet Lügen und Scheiße über uns verbreitet. Das ist im Prinzip das, was passiert ist. Das Ganze, was ich jetzt erzählt habe, musst du aber unter dem großen Mantel sehen, dass der Junge auch echt krank ist. Und deswegen hasse ich ihn auch nicht. Es kann vielleicht jedem von uns so passieren.
Aber das ist die Geschichte, ganz simpel. Dann haben wir aber auch gesagt, wir wollen auf jeden Fall weitermachen, Timo, Jens und ich. Lauri hat schon einen anderen Status, weil er 2005 dazugekommen ist. Den haben wir aber auch gefragt, der war auch sofort mit Feuer und Flamme dabei, hat auch gesagt: "Find ich großartig, dass ihr mich fragt." Dann brauchten wir nur noch einen Gitarristen.

Pia: Habt ihr verfolgt, was Tolkki danach noch gemacht hat - auch musikalisch?

Jörg:
Eine Zeitlang war es tatsächlich so: Du stehst auf und musst erst mal gucken, was er über Nacht wieder so verfasst hat in allen Foren. Jens ist unser Computernerd, der kann das alles abrufen.
Die erste Platte, diese Rock-Opera, die er gemacht hat, die habe ich schon ein bisschen verfolgt. Mittlerweile echt nicht mehr.

 

 

Pia: "Polaris" ist schon ein bisschen älter, aber bist du zufrieden mit dem ersten Album ohne Tolkki?

Jörg:
Wir hätten das Album nicht rausgebracht, wenn wir damit nicht zufrieden gewesen wären. Ich bin jetzt sogar noch sicherer geworden, dass es ein gutes Album ist, aber natürlich waren wir sehr, sehr lange unsicher und das ist auch der Grund - wie ich eben schon mal erwähnt hab - warum das so lange gedauert hat. Von einigen Songs gibt es sieben bis acht Mixe, weil wir immer wieder hingegangen sind und gesagt haben: "Das ist nicht gut genug." Auch aus eigener Unsicherheit natürlich. Vorher hat das immer Timo Tolkki produziert. Ich bin froh, dass wir das immer wieder gespielt haben und auch dass Jens (Johansson, Keyboarder - Anm. d. Verf.) bei den Drum-Aufnahmen immer wieder gesagt hat: "Jörg, da musst du noch mal ran! Da finde ich das noch nicht gut genug." Jens ist seit vielen Jahren mein bester Freund in der Band, der darf mir das auch sagen. Dann bin ich auch nicht sauer, sondern ich weiß, er meint das als Freund und damit das hinterher für die Band gut ist. So haben wir uns gegenseitig immer wieder angeschoben und sind jetzt natürlich auch mit dem Resultat zufrieden. Es gab mal eine kleine Überlegung, ob wir das alles rechtzeitig schaffen - der Mix und das alles ist noch so weit in die Länge gezogen worden. Das wäre bei anderen Plattenfirmen auch nicht möglich gewesen, das dann in dieser Schnelle noch zu machen. Wir hatten da dann gar nichts mehr mit zu tun. Unsere Managerin hat das mit Edel AG geklärt und wir haben es echt hingekriegt. Das war auch ein amtlicher Release. Von unserer Seite gibt es da auch nichts zu meckern. Das hat sich super gegenseitig befruchtet, sonst hätten wir das Album auch nicht mehr vorm Sommer rausgekriegt. Das wäre für uns ganz schlecht gewesen, weil die ganzen Festivals schon gebucht waren. Normalerweise spielst du eine Europatour auch direkt nach dem Release, damit du auch die Promo mitnimmst. Das haben wir aber auch aufgrund dieser Festivalperformances nicht gemacht und sind erst nach diesem Around-The-World-Trip nach Europa gekommen. Deshalb ist das Album auch jetzt schon so weit weg, aber das nächste kommt schneller.

Pia: Hat sich ein Hauptsongwriter herauskristallisiert oder macht ihr das alle zu gleichen Teilen?

Jörg:
Von den Ideen her sind es Jens Johansson und Lauri Porra (Bass - Anm. d. Verf.), die die Basis erbringen, und hinterher im Bearbeiten sind das alle. Aber Masse oder Quantität spricht nicht immer für Qualität und den besten Song auf dem neuen Album hat Matias geschrieben: 'Deep Unknown' ist für mich persönlich der beste Song, weil er das neue Gesicht von STRATOVARIUS zeigt. Während einige Sachen, die von Lauri kommen natürlich auch sehr angelehnt sind an dem, was vorher war. Es ist zwar noch durch einen Filter gegangen, aber sowas habe ich trotzdem schon mal gehört von STRATOVARIUS, aber wir wollten jetzt auch nicht irgendwie was Neues erfinden. Das haben wir mit Tolkki 2005 versucht mit so einer komischen Platte, die ich persönlich ganz gut finde, die aber nicht so viel mit STRATOVARIUS zu tun hat. Da ist keine Doublebassdrum dabei, alles ist sehr getragen, ein bisschen düster und dann mit dem hellen Gesang von Timo (Kotipelto, Sänger - Anm. d. Verf.) - da kann man sich drüber streiten, wie weit das passt. Aber ich denke, dass wir alle zusammengehören, um eine gute STRATOVARIUS-Platte zu machen. Nicht so, wie der Tolkki das alleine hätte machen können - außer dass er kein Schlagzeug spielen konnte - aber das Talent hat von uns keiner. Wir müssen als Team arbeiten und dann können wir vielleicht sogar besser werden.

Pia: Wo siehst du die Hauptunterschiede zwischen "Stratovarius" und "Polaris"?

Jörg:
In der Musik natürlich. (lacht) Das "Polaris"-Album ist eigentlich ein typisches STRATOVARIUS-Album. Das könnte man einordnen in diese ganze Phase von 1996 bis '99, "Infinite". Dann mit "Elements" ging das noch mal ein Stück weiter mit diesen ganzen Chören, mit diesem ganzen Orchester. Da haben wir das wirklich an die Grenze geführt. Von da aus wussten wir auch nicht mehr, wohin wir noch gehen sollten. Wenn du schon einen Hundert-Mann-Chor hast, dann passiert auch nicht mehr viel, wenn du da 200 Leute hinstellst. Ich habe immer gesagt, dieses "Elements"-Album, speziell der Titeltrack, war unser 'Bohemian Rhapsody', denn da war alles drin. Ich weiß nicht, wie viele Spuren wir da hatten. Und wo willst du da hingehen? Das einzige, was du da machen kannst, du reduzierst dich. Das haben wir auch probiert und haben dann eben sehr getragene Nummern gespielt, haben die Doublebassdrum komplett gestrichen, die Harmonien sind wesentlich düsterer geworden; wir haben versucht, die ganzen Songs wesentlich simpler zu arrangieren. Das ist der Hauptunterschied: Die Harmonien und die Stimmung des Albums und dann eben das Arrangement. "Polaris" ist eigentlich ein typisches STRATOVARIUS-Album. Wenn du einen STRATOVARIUS-Fan siehst und ihn fragst, welche Platte die Band am besten wiedergibt, dann nennt er dir sicherlich eine dieser Scheiben, die ich dir gerade gesagt habe. Und "Polaris" ist daran angegliedert. Das hätte auch mittendrin sein können oder nach "Infinite" oder dem "Destiny"-Album. Da hätte das durchaus auch kommen können. Habe ich eben auch erwähnt und es ist mir auch wichtig: Wir haben nicht versucht, das Rad neu zu erfinden. Das machen wir vielleicht beim nächsten Album, weil wir jetzt wissen, dass wir es können. Aber uns war erst mal wichtig, auch eine Sicherheit zu kriegen und erst mal ein Album zu machen, das wir selber gut finden, um eine solide Basis zu haben. Dass sich da natürlich Unterschiede ergeben - auch zu früheren STRATOVARIUS-Alben - indem wir jetzt viel mehr Keyboard-Themen dabei haben, das Keyboard ein bisschen mehr herausragt, das mag ja sein. Aber trotzdem: Wenn ich ein Lied aus der "Polaris" rausnehme und ich mische das mit diesen vier anderen Platten, die STRATOVARIUS groß beziehungsweise erfolgreich gemacht haben, würdest du mir nicht sagen können, dass das jetzt das Lied ist, das zehn Jahre später erschienen ist, wenn du vom Planeten Mars kommen und die zum ersten Mal hören würdest.

 

 

Pia: Gibt es für das neue Album schon Material?

Jörg:
Ich hab persönlich noch nichts gehört, aber die sind immer kräftig hier mit ihren Laptops am Ideen sammeln. Wie gesagt: Wir fangen dann am 1. April an. Vorher kriege ich sicherlich ein paar Ideen zugemailt. Das sind dann aber wirklich nur ein paar Fragmente. Die nehmen wir mit in den Proberaum und dann fangen wir an, das zu arrangieren. Wirklich gehört habe ich aber noch nichts. Ich habe aber echt noch keine Zeit gehabt, da mal reinzuhören.

Pia: Plant ihr die Veröffentlichung einer DVD?

Jörg:
Wir planen das tatsächlich seit vielen Jahren. Wir haben damals die große Milano-Show aufnehmen lassen mit, ich glaube, zwanzig Kameras, was ein unglaublicher Aufwand war und ganz viel Geld gekostet hat. In ähnlichem Rahmen haben wir die Sao-Paulo-Show 2005 gefilmt, das sind alles Shows, da waren vier-, fünf-, sechstausend Leute. Das fand Timo Tolkki alles zu schlecht und hat es nicht veröffentlicht. Da bin ich ganz anderer Meinung: Diese Tapes sind absolut erste Sahne. Das ist tolles Material. Warum er das nicht rausgeben wollte, hat vielleicht auch sehr viel mit seiner Krankheit zu tun. Mit dem neuen Line-Up wollen wir noch warten, weil wir fast nur altes Material haben und für eine DVD mehr neue Songs benötigen.

Pia: Ich habe auf eurer Homepage gelesen, dass ihr altes Merchandise gefunden habt und jetzt wieder verkauft, das nennt sich dann "Treasure Chest". Wie kam es dazu?

Jörg:
Wir haben die Merchandise-Rechte von der Band an keine Firma verkauft, wir machen das tatsächlich selbst und haben somit auch kein Retour-Recht. Diese ganzen alten Shirts sind irgendwann mal in einem großen Store-House eingelagert worden. Da stehen die ganzen Sachen von NIGHTWISH, da stehen die Sachen von CHILDREN OF BODOM, alle finnischen Bands sind da. Das musst du dir aber auch riesig vorstellen. Das ist, ich glaube, vier Level hoch, da kommt man mit 'nem Gabelstapler ran. Irgendwann ist das ganz schwierig gewesen mit den Rechten. Da ist das über die Jahre auch verloren gegangen. Also die letzte Tour war ja tatsächlich 2005. Da sind aber auch noch alte Sachen dabei, "Destiny"-T-Shirts und so weiter. Und im Zuge dessen, dass die Finnen es nicht auf die Reihe gekriegt haben, da mal ein bisschen vernünftig nachzugucken, bin ich irgendwann mal in dieses Store-House gefahren und hab die da tatsächlich wiedergefunden. Dass sie da sind, das wusste ich. Zwei Riesen-Stapel Euro-Paletten. Da unsere Webpage nie richtig betreut worden ist, haben wir gesagt, dass wir das jetzt jemandem auch geben. Auch wenn wir da jetzt was dafür bezahlen, aber es kann einfach nicht sein, dass mir ein Fan dreißig Euro schickt und ein T-Shirt haben will und dann dauert es sechs Monate, bis er es kriegt. Da so die Fans zu bescheißen, das wollen wir nicht. Und Jukka Nevalainen, der Drummer von NIGHTWISH, der hat einen EMP-Zweigladen in Finnland aufgemacht. Der macht das jetzt und der hat dann gesagt: "Ey ihr habt doch bestimmt noch altes Merch", und so kam dann eins zum anderen.

Pia: Ihr bloggt sehr viel. Was hältst du persönlich von Blogging - MySpace, Twitter und Konsorten?

Jörg:
Da fragst du den richtigen, den Opa in der Band. Ich bin der letzte, der ein Mobilfunktelefon hatte von den ganzen Leuten. Natürlich braucht man heute einen Laptop und ein Handy, sonst kannst du auch keine Booking-Agentur leiten oder irgendwie was anderes machen, aber früher haben die auch Welt-Tourneen gemacht, da hatten die noch nicht mal Fax-Geräte. Da hat ein Wort noch gezählt, das fand ich gut und das vermisse ich heute. Wenn ich mich mit jemandem in Helsinki am Bahnhof verabrede, dann komme ich dahin - und zack - habe ich schon eine SMS: "Ich komme eine Viertelstunde später". Das ist eine Beleidigung. Wer gibt mir diese fünfzehn Minuten wieder? Vielleicht ist das deutsch, aber ich hasse das. Und dieses ganze Twitter und all dieses... Ich habe auch drei Kinder und bin deshalb ein bisschen sprachlos: Die reden ja alle nicht mehr miteinander, die sind alle nur noch vor Computern, alle haben Twitter und Facebook und MySpace und haste-nicht-gesehen, anstatt sich vielleicht in einem Café zu treffen und sich zu unterhalten. Also ich finde das ganz doof und denke auch, dass man darauf achten muss. Das verarmt die Kommunikation zwischen den Leuten und das ist schlecht. Abgesehen davon finde ich auch noch, Bewegung tut allen gut. Nur vor diesem Laptop zu sitzen, Coca-Cola und Pizza zu fressen, da musste mal sehen, was daraus wird, wenn die alle zwanzig sind. Oder du kannst es dir schon angucken, wenn du in die Staaten fährst. Da ist es nämlich schon so und deswegen bin ich kein großer Freund davon. Ich habe weder Twitter, noch Facebook noch irgendwas anderes. Es gibt einen Fan in Italien, der leitet meine MySpace-Seite, darüber kann man mich auch erreichen und das wird ein- bis zweimal im Jahr geupdatet. Ähnlich ist das mit meiner Homepage, die von Jens Johansson betreut wird. Das ist eine, die wird nur einmal in zwei Jahren geupdatet, wenn er mal Lust hat. (lacht) Jens ist natürlich auch ganz groß bei uns im Forum. Der ist da ja auch der Moderator, leitet auch die Homepage. Der redet mit den Fans und das ist ja auch gut.

Pia: Wie kommuniziert ihr innerhalb der Band? Du bist Deutscher, Jens Johansson kommt aus Schweden und die anderen Drei sind Finnen.

Jörg:
In den meisten Fällen über E-Mail und über SMS und es ist tatsächlich auch so, dass wenig geredet wird. Telefongespräche gibt es allenfalls mal zwischen Jens Johansson und mir, zwischen Kotipelto und mir und zwischen Kotipelto und Johansson. Aber es ist auch so, dass die Finnen grundsätzlich nicht viel reden. Da findet nicht viel statt. Es kommt auch manchmal vor, dass wir Timo fragen, ob er ein Interview machen kann. Drei Wochen später kam immer noch keine Antwort. Du darfst aber nicht vergessen, dass wir uns auch ständig sehen. Selbst in diesen zwei Jahren, in denen wir nichts gemacht haben, war ich trotzdem ständig in Helsinki wegen irgendwelcher Meetings. Oder wenn ich mit Timo oder Jens eine Telefonkonferenz habe, kann das auch schon mal acht Stunden dauern. Also wenn Bedarf für Kommunikation besteht, dann haben wir die auch.

Pia: Hast du schon viel Finnisch oder Schwedisch gelernt?

Jörg:
Das sind hoch entwickelte, zivilisierte Länder. Die Leute sprechen dort fast alle Englisch. Das ist nicht so wie hier in Deutschland. Ich denke, wenn du hier nach Deutschland kommst und versuchst, so intensiv zu arbeiten, wie ich das jetzt fast vierzehn Jahre lang bei STRATOVARIUS gemacht habe, müsste man Deutsch lernen. Und das war am Anfang auch mein Anspruch, bis ich dann gehört habe, wie die Sprache klingt. Das ist ein ganz anderes System. Die Jungs in der Band sagen immer, ich verstehe Finnisch und gebe das nur nicht zu. Das stimmt nicht. Ich verstehe es tatsächlich nicht. Ich brauche es auch nicht zu lernen, denn jeder spricht da Englisch, ich selbst kann auch ganz gut Englisch und dann gibt es da überhaupt kein Problem. Es gibt natürlich Fragmente, die verstehe ich. Ich könnte zum Beispiel eine Karte lesen. Aber wenn du dir das anhörst, merkst du auch, so interessant kann das gar nicht sein, was die da jetzt sagen. Und es ist ein komplett anderes System. Du musst es wirklich lernen.

Pia: Lauri Porra hat im Zuge seiner Solokarriere mittlerweile sein zweites Album rausgebracht. Was sagst du zu der Musik, die er da macht? Es ist ja schon etwas anders.

Jörg:
Das ist sehr gut, dann kann er bei STRATOVARIUS sein Heavy-Metal-Herz ausleben. Lauri hat eine Waldorf-Karriere hinter sich. Er ist ein Waldorf-Schüler. Und deswegen wundert mich das nicht. Ich selbst hab auch drei Kinder und meine Frau hat auch eine Waldorf-Karriere hinter sich, also ich weiß so ein bisschen, was dahinter steckt. Meine Kinder werden auch sehr in diese Richtung erzogen. Das Ganze, was er auf seinen Soloplatten so macht, hat natürlich sehr viel mit dieser ganzen Entspannung und den komischen Sitzungen zu tun, die die da auch machen. Ich nenne das Sphären-Musik. Ich kann mir aber auch sehr gut vorstellen, dass er in zwei, drei Jahren mal ein Jazz-Album rausbringt. Wir wollen das alle nicht hören, aber das kann passieren. Also sagt nicht, ihr seid nicht gewarnt worden.

Pia: Timo Kotipelto hat ebenfalls schon zwei Solo-Alben rausgebracht. Ist es problematisch, dass sie auch ihre eigenen Karrieren anschieben oder sagen sie, dass STRATOVARIUS die Hauptband ist und alles andere dahinter zurückstehen muss?

Jörg:
Das muss jeder sagen. Jeder hat andere Aktivitäten in seinem Leben, aber jeder muss die Hand auf den Tisch legen und sagen: "STRATOVARIUS ist die Nummer Eins in meinem Leben." Sonst kann das nicht funktionieren. Das ist manchmal problematisch, aber aufgrund dieser Regel auch eindeutig definiert. Also es kann keiner sagen, er möchte lieber mit seiner Mutter in den Urlaub fahren, statt ein Konzert in Argentinien zu spielen. Das geht nicht. Ich habe auch das Gefühl, wenn du eine Band wie STRATOVARIUS nicht 100-prozentig machst, solltest du es lieber sein lassen. Diese Band hat eine so großartige Karriere nach zwanzig Jahren mit großartigen Alben und großartigen Tourneen. Da kannst du das nicht einfach wischi-waschi laufen lassen. Man wird ja auch älter und wenn ich jetzt das Gefühl hätte, das passt mir jetzt alles nicht mehr, dann würde ich lieber sagen: "Jungs, sucht euch jemanden, der motiviert ist und das weiterführen kann." Die Band, der Name STRATOVARIUS ist größer als jede Person, die dahintersteht. Sonst würde das nicht gehen. Ich glaube aber, das ist bei jeder Band so. Wenn du das nur so halb machst, das wird nichts.

Pia: Machst du selbst noch ein anderes Projekt nebenher?

Jörg:
Ich betreibe eine Booking Agency, also eine Konzertagentur, mit der wir zum Beispiel auch diese ganzen Tourneen mit STRATOVARIUS machen. MINISTRY habe ich gemacht und CELTIC FROST. Das ist klein, aber fein. Das macht mir nebenher sehr viel Spaß, aber du musst dann natürlich auch immer noch schauen, dass du nebenher immer noch genug Zeit für STRATOVARIUS hast. Du holst mich jetzt auch aus dem Produktionsbüro, da habe ich auch gerade wieder was dafür gemacht. Manchmal überschneidet sich das dann mit dem Stress und dann muss man da kürzer treten. Jetzt ist es ja Gott sei Dank so, dass wir erst mal Pause haben. Dann spielen wir erst wieder am 10. April oben in Finnland, das ist ein Ski-Resort für russische Touristen. Da haben sie CHILDREN OF BODOM und STRATOVARIUS gebucht. Das Geile daran ist, dass wir da auch Skihütten zur Verfügung gestellt kriegen mit Sauna. Finde ich total klasse. Ich nehme meine ganze Familie mit und da freuen wir uns schon drauf. Aber das gibt uns jetzt natürlich ein bisschen Luft. Am 10. Februar bin ich wieder zu Hause bis zum 1. April.

Pia: Habt ihr mal darüber nachgedacht, einen zweiten Gitarristen in die Band zu holen?

Jörg:
Wir sind keine Metal-Riff-Band. Ich bin großer JUDAS PRIEST-Fan, das passt auch, aber wir brauchen keinen zweiten Gitarristen. Dafür haben wir das Keyboard, das ist viel zu dominant bei uns. Wir haben den weltbesten Keyboarder in unserer Band. Es gibt keinen besseren, der Metal spielt. Dem würdest du damit ja nur einen Arm abschneiden, wenn du noch einen Gitarristen da mit reinnehmen würdest.

Pia: Das letzte Wort gehört dir! Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?

Jörg:
Ich hoffe, dass das viele lesen. Ich möchte alle grüßen, die uns besucht haben auf der Tour. Und dann geht es mit der neuen Platte ins neue Jahr.

Redakteur:
Pia-Kim Schaper

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