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Subsignal Listening Session 28.5.2011

03.06.2011 | 11:50

Die Band SUBSIGNAL rief zur ersten Hörprobe für ihr neues Album in die Kohlekeller Studios in Seeheim.

Eine kleine Schar geladener Gäste, die sich weitgehend kennen und gegenseitig mit großem Hallo begrüßen, haben sich bei leckerem asiatischem Essen in die Studios von Kristian Kohlmannslehner in einem Ortsteil von Seeheim bei Darmstadt eingefunden und  warten mehr oder weniger geduldig darauf, dass die Band und der anwesende Kohlmannslehner endlich in den Kontrollraum rufen. Die Band ist vollständig anwesend und scheint ziemlich entspannt angesichts der Tatsache, dass ihre neuen Songs erstmalig den Ohren Außenstehender vorgeführt werden.

Kristian kündigt an, dass wir sieben Songs zu hören kriegen würden und erwähnt auch gleich, dass es diesmal etwas früher im Schaffensprozess ist als letztmals, und wir diesmal keine Promo-CDs mitnehmen können würden. Schade. Das bedeutet, wir müssen umso besser hinhören.

Den Anfang macht ein recht langes Intro - jedenfalls kommt es mir so vor -, das irgendwo zwischen den Antipoden DREAM THEATER und THE POLICE liegt. Klingt seltsam? Nein, klingt gut! Der Song heißt ' Feeding Utopia', wobei uns allerdings mitgeteilt wird, dass die Songreihenfolge noch nicht endgültig feststeht. Der Song hat alle SUBSIGNAL-Trademarks und würde sich bestimmt als Opener gut machen. Er ist härter als das Meiste, was auf dem Superalbum "Beautiful & Monstrous"  zu finden war. Es fällt auf, dass Markus Steffen stärker mit Verzerrer arbeitet als zuletzt. Der Song ist abwechslungsreich und hat einen tollen Chor, das Gitarrensolo klingt nach typisch britischem Prog, die Keyboards sind klasse. Das erste erleichterte Ausatmen erfolgt. Klar, natürlich möchte man Entwicklung, aber man möchte natürlich auch noch mehr von dem Stoff, der immerhin mein Album des Jahres 2009 ausgemacht hat.

Gleich der Nachfolger 'My Sanctuary' zeigt aber, dass SUBSIGNAL durchaus in der Lage sind, Songs im Stile des Debüts zu schreiben, nur ist das Drumming viel versierter. Die Britprog-Reminiszenzen in Richtung IQ oder ähnlicher Bands sind immer mal wieder hörbar und lockern den orhwurmverdächtigen, straighten Rocker auf. Das ist ja schon zweimal voll getroffen gewesen. Doch dann holt die Band zum ersten Mal die Überraschungskeule raus und Markus schlägt uns zu Beginn von 'The Lifespan At A Glimpse' ein Riff um die Ohren, das Thrash-Qualitäten hat. Hui, was geht ab,  Herr Steffen? Und gleich die zweite Überraschung: Eine Gastsängerin! Wer einen Arno Menses am Mikro hat und sich noch Gastsänger einlädt, der ist wirklich von seinen Sachen überzeugt. Die Dame ist allerdings noch nicht bekannt, Arno hat die junge Holländerin selbst entdeckt. Gut gemacht, Arno! Das klingt absolut überzeugend. Der poppige Chor im Kontrast zu der zeitweise harten Musik klingt für mich vom Gefühl her ein bisschen wie "Systematic Chaos" des Traumtheaters. Allerdings ist die emotionale Auflösung besser, die Harmonien noch gefälliger.

Mit 'The Size Of Light On Earth', der ursprünglich mal als Titelsong im Gespräch gewesen war, wird es balladesker. Wieder fällt auf, dass die Refrains und auch gelegentliche Zwischenparts typisch SUBSIGNAL seicht sind, aber insgesamt doch ein gewisser stärkerer Drive das Album dominiert. Der Song fällt durch die großartigen Backgroundgesänge auf, die auch eine deutliche Steigerung zum Debüt darstellen, das hatte sich live bereits angedeutet. Womit man das vergleichen kann? Nun, JADIS mit frühem BRYAN ADAMS treffen ASIA. Oder so. Ist aber auch egal, denn der nächste Song fängt gleich wieder härter an. Und ich merke,  'As Dreams Are Made On' ist ein echter Hit! Allerdings ernte ich später mit dieser Bemerkung Gelächter bei der Band, denn technisch ist das der anspruchsvollste Song des Albums. Auch der abgehackte, hektische Gesang lädt nicht zum Mitsingen ein. Aber der Song ist aufregend und anders, nur der tolle Chor bietet einen schönen Kontrast. Ja, das ist Prog. Ja, das ist absolut klasse.

Dann gibt es wieder etwas auf die Ohren, denn Markus packt zu Beginn von 'Echoes In Eternity' wieder die Thrash-Gitarre aus. Das klingt jetzt sicher seltsam, denn von Thrash ist "Touchstones" natürlich weit entfernt. Aber dennoch: für sich allein ist das, was Markus Steffen teilweise auf der Gitarre macht, kein Prog. Arno Menses nimmt mit einer gefälligen Melodie die Widerhaken raus und im Gitarrensolo zitieren die Fünf ungeniert sich selbst und flechten eine Melodie aus dem Erstling ein. Grinsen in allen Gesichtern. Funktioniert gut, und niemand nimmt Anstoss an der Wiederaufnahme des Themas. Es ist die Frage, in welchem Song die Melodie besser funktioniert.

'Con Todas Las Palabras' ('Mit allen Worten', wie mir meine Spanischkenntnisse zuflüstern) folgt und ist der siebte Song, also der letzte, den Kristian Kohlmannlehner angekündigt hat. Ein kraftvoller Song, relativ typischer progressiver Rock mit einer starken Gesangsmelodie, wieder ein wenig Britprog – oder vielleicht bin das ja auch nur ich, der diese Verbindung zieht – und ein Song endet, der meiner Ansicht nach wie für die Liveauftritte der Band gemacht scheint.
Aber es ist noch nicht zu Ende. Kristian stürzt herein und drückt ein paar Knöpfe, und es geht nahtlos weiter. Das war zwar so nicht geplant, wie die Band nachher sagt, aber wird auch nicht unterbrochen. Kristian sagt noch, dass alle folgenden Songs in zufälliger Reihenfolge kommen. Zwar waren die ersten auch noch nicht ganz sicher, aber trotzdem nicht mehr in willkürlicher Reihenfolge, doch nun kann es wirklich durcheinander gehen. Der Song 'Embers', der den Beginn einer Songtrilogie darstellt, die auf den kommenden Alben fortgeführt werden soll, beginnt mit Piano und Samples. Dann setzen Streicher ein. Hier muss David Bertok mal ein Kompliment gemacht werden, der an den Keyboards virtuos, aber songdienlich arbeitet, und der auch die klassischen Instrumente in München einspielen lassen hat. Die Streicher sind ein echtes Highlight des Songs, der sonst von einer starken Gesangsmelodie dominiert wird.

Weiter geht es: Der Beginn von 'Finisterre' erinnert mit an SIEGES EVEN. Ich hatte mir vorgenommen, den Namen nicht zu erwähnen, aber jetzt sind die Umstände anders. Mensch, es liegt mir auf der Zunge, aber ich finde nicht heraus, woran es mich erinnert. Wer mich kennt, weiß, dass das ein Lob ist und kein Vorwurf, den die beiden letzten SIEGES EVEN-Alben sind unter meinen All-Time-Faves. Das Riffing ist wieder typisch Markus Steffen, aber wie für dieses Album charakteristisch, spielt er es verzerrter, härter. Prog Metal, nicht Rock! Das beeindruckende klassische Gitarrensolo ist ein weiterer Höhepunkt eines tollen Songs, dem ein gradliniger, treibender Song folgt, der einen AOR-Part und einen ruhigen Piano-Teil enthält und sicher live auch ein Sieger sein dürfte. 'The Essence Of Mind' heißt das Stück.

Nun folgt das Titellied, 'Touchstones'. Eine Oboe fällt zuerst auf – wieder bei den Aufnahmen überwacht von David Bartok – und dann, dass dieser Song unmöglich beim ersten Hören zu erfassen ist. Wieder harte Gitarren,  vielschichtige Arrangements, Abwechlung pur. Und lang ist er! Der zweite Teil des Liedes wird dann von David mit Pianosounds und Arno allein bestritten. Ha ha, er singt 'a sense of change' (Titel des 1991er SIEGES EVEN-Werks, PK). Witzig. Der Song ist ein Killer!

Als letztes folgt der Track 'Wingless’, der schon als Demoversion auf dem Japan-Benefiz-Sampler von AOR Heaven ein Heim gefunden hatte. Seicht, poppig, straight, sehr gefällig und glatt mit einem eingängigen Chorus. Hier kann man mitsingen, was bislang nicht allzu häufig der Fall war. Das ist eigentlich, was ich erwartet hatte!

Aber was ich erwartete, habe ich nicht bekommen. Überhaupt nicht! Das neue Album "Touchstones" ist definitiv nicht einfach ein neuer Aufguss von "Beautiful & Monstrous". Die Band hat sich weiterentwickelt und bewusst etwas mehr Bumms in die Songs gepackt und dem Ganzen ein bisschen Schwung gegeben. Die Arrangements sind viel ausgefeilter, die Band ist insgesamt gewachsen. Für das, was Roel Van Helden an den Drums macht, sollte man ein eigenes Ohr haben. Und wenn Ralfs Bassspiel keine gesonderte Erwähnung findet, dann ist das weil nach einmaligem Hören einfach die Feinheiten noch nicht zu Tage treten.

Natürlich kann ich nach einem Durchlauf kein Urteil fällen, sondern nur einen ersten Eindruck wiedergeben. Aber mit "Touchstones" steht uns ein Highlight ins Haus, davon bin ich fest überzeugt. Über siebzig Minuten feinster Prog, der allen Fans ganz sicher die Kinnlade runterklappen lassen wird. Wie gut das Album nun wirklich ist, wird sich erst erweisen, wenn es weitere zwanzigmal rotiert ist. Aber ich freue mich sehr darauf, das Scheibchen intensiv genießen zu dürfen. Und ihr solltet euch den 30. September ganz fett markieren. Könnte sein, dass dann das Album des Jahres erscheinen wird.

Redakteur:
Frank Jaeger

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