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THE HIRSCH EFFEKT: Interview mit Nils Wittrock

18.08.2017 | 07:54

"Metal ist nicht gleich Metal." Der Wahnsinn geht in die nächste Runde, und der HIRSCH EFFEKT entpuppt sich zunehmend als singuläres musikalisches Phänomen. Gibt es in Sachen zeitgenössischem Metal etwas Vergleichbares? Diese Frage stellen sich auch immer mehr internationale Magazine. Zum Release von "Eskapist", dem mittlerweile vierten Langspieler der Hannoveraner, plauderte Gitarrist und Sänger Nils Wittrock mit uns über Wacken, den Schreibeprozess im Hirsche-Lager und die Lage der Nation.

Wir erwischen Nils unmittelbar nach dem Wacken Open Air, bei dem der HIRSCH EFFEKT 2017 seine Premiere abgeliefert hat. "Das Wacken war auf jeden Fall eine geile Erfahrung, es hat echt Bock gemacht, dass trotz der frühen Uhrzeit so viele Leute da waren. Allgemein ließe sich über das Wacken sicher ein ganzes Interview führen..." Auch musste die Band als Wacken-Neuling und vermeintlicher Exot keineswegs heimische Unterstützung mitbringen: "Ich habe wenige Leute mit einem HIRSCH EFFEKT-Shirt gesehen. Ich glaub es ist schon das Wacken-Metal-Publikum gewesen, das sich zu uns verirrt hat." Ist das nicht eine bemerkenswerte Entwicklung für die Band – auch in musikalischer Hinsicht? "Ich weiß gar nicht... Ich habe auf dem Wacken auch nochmal gemerkt: Metal ist nicht gleich Metal. Das UK Tech-Fest, das Euroblast, das ist das was für mich "Metal" ist. Das Wacken ist schon eine andere Art... Da geht's viel um Gemeinschaftsgefühl, um Mitmach-Parts, all das – und ich hab ehrlich gesagt gar nicht so viele Metal-Bands auf dem Wacken gesehen. KREATOR, klar, das ist natürlich die Blaupause des Thrash-Metals, aber ich hab da noch PRONG gesehen, ULI JON ROTH, was zwar super war, aber sicherlich kein Metal ist. SERENITY aus der Schweiz hab ich mir angeguckt, und dachte mir, das ist doch sicher vieles, aber kein Metal..."

Weiter vertiefen wollte Nils die Reflexionen über das Metal-Festival schlechthin aber nicht, und daher schlugen wir zunächst den Bogen in die Vergangenheit – nämlich wie es mit den Hirschen losging, und wann und wie eigentlich der Metal ins Spiel kam: "Das hat angefangen, als sich meine alte Band aufgelöst hatte. Ich hab früher eher Indie-Rock gemacht, das war wirklich noch meine alte Schulband, meine alten Schul-Abi-Kollegen. Und als die sich aufgelöst hat, hab ich einfach in Hannover 'nen Aushang gemacht, und da hat sich der damalige Schlagzeuger (Philipp Wende – TK) relativ schnell drauf gemeldet, und dann haben wir zu zweit angefangen. Und irgendwann haben wir dann Ilja gecastet." Relativ schnell kristallisierte sich dann auch die musikalische Ausrichtung von THE HIRSCH EFFEKT heraus: "Philipp und ich haben die beiden Songs, mit denen das erste Album beginnt und endet, 'Epistel' und 'Epitaph', fertig gemacht, und das war sozusagen die Blaupause mit der wir diese Band gegründet haben, mit der wir dann auch den Bassisten gesucht haben. Das war ein bisschen punkiger, post-coriger vielleicht, weniger Metal als es heute ist. Aber die Idee, drei Mann, Orchester vom Band, was wir auf dem zweiten Album auch ziemlich ausgereizt haben, das ist eigentlich da schon genau so gewesen."

"Es hat sich heraus kristallisiert, dass wir am besten zu zweit arbeiten können."

Manch einer dürfte sich schon gefragt haben, wie ein derart komplexes Unterfangen wie ein THE HIRSCH EFFEKT-Album eigentlich angegangen wird. Gibt es da ein Patentrezept? "Eigentlich gibt es keinenCover richtig festen Songwriting-Ablauf bei uns. Es hat sich herauskristallisiert dass wir am besten zu zweit arbeiten können, in unterschiedlichen Konstellationen, und bei diesem Album war's sogar so, dass vieles auch alleine gemacht wurde. Jeder von uns hat zuhause, auch am Rechner, viel geschrieben und anschließend herumgeschickt. Manche Songs sind komplett alleine geschrieben worden, Ilja hat beispielsweise 'Lifnej' alleine gemacht. Wir haben dann kurz vor dem Studio gesagt, dass wir jetzt diesen oder jenen Song zusammen mal durchspielen müssen, aber insgesamt waren wir bei diesem Album wirklich wenig im Proberaum gewesen." Und auch die Texte stammen nicht mehr alleine aus Nils' Feder: "Ja, es war auch ein Novum bei diesem Album, dass Ilja zwei Texte auf Englisch geschrieben hat, aus denen ich dann einen deutschen Text gemacht, in meine Worte verfasst habe, mehr oder weniger übersetzt. Das ist bei 'Lifnej' und 'Berceuse' der Fall gewesen, und beim letzten Song, 'Acherej', hat Ilja mir so eine Art loses Gedicht zugesteckt, und gesagt, das wäre so seine Idee, worum es in dem Song gehen könnte, und das habe ich dann als Vorlage genommen und einen Songtext daraus gemacht."

Flexibilität scheint ohnehin eine Stärke der drei Kreativlinge zu sein: "Was ziemlich cool ist - ich weiß nicht ob das alle Bands so können -, also so ein bisschen unsere Stärke, ist, dass diese Rollen bei uns nicht so fest sind. Dadurch dass wir nur zu dritt sind. Wenn wir noch jemand vierten, einen weiteren Sänger hätten, könnte ich mir vorstellen, dass es schwieriger wäre. Es war auch bis zum Schluss nicht klar, wer eigentlich die Songs singt." Das klingt in der Tat eher ungewöhnlich für eine Metal-Band! "Wir waren im Studio, und haben relativ spontan entschieden: Lass Ilja das machen! Und dann macht Ilja das halt. Dass wir da nicht so feste Rollen haben, dass ich der Sänger bin und deswegen auch alles singen muss, gibt uns die Möglichkeit, hier und da nochmal ganz neue Farbe rein zu bringen, weil Ilja auch wirklich ein guter Sänger ist."

"Wir waren schon immer konzertwütig!"

Soviel zur Arbeit der Hirsche im Studio. Doch gerade auch Live macht die Band regelmäßig auf sich aufmerksam. Was THE HIRSCH EFFEKT 2017 an Konzerten absolviert, kann guten Gewissens als "konzertwütig" beschrieben werden... "Wir waren schon immer relativ konzertwütig. Ich glaube das ist zunächst auch der Weg für jede Band. Wenn du nicht von Anfang an eine Plattenfirma im Hintergrund hast, auf irgend einen fahrenden Zug aufspringst, ist das der einzige Weg, um das Ganze so richtig ins Laufen zu bringen. Aber wir waren eigentlich schon immer ziemlich konzertwütig; das haben früher vielleicht nur nicht so viel Leute mitbekommen."

Und wie sieht es mit der internationalen Resonanz bislang aus? "Eskapist" wird ja auch im Ausland fleißig rezensiert. "Also, 'Inukshuk' (2.Singleauskopplung von "Eskapist" – TK) war ja in der Türkei in den iTunes Rockcharts auf Platz irgendwas. Aber ernsthaft: Wir waren letztes Jahr ja auf dem UK Tech Metal Fest, das ist so unsere größte außer-deutschsprachige Erfahrung gewesen. Wir waren auch in Belgien auf einem Postrock-Festival, mit Ilja waren wir auch schon in Dänemark, und in Holland waren wir auch schon unterwegs, aber UK war die bisher größte Erfahrung international, im nicht-deutschsprachigen Raum. Dort haben wir auch gemerkt, dass es gar nicht so wichtig ist, in welcher Sprache die Texte sind. Da waren Leute in London, die haben mitgesungen; der Refrain war auf jeden Fall irgendwie da. Ich weiß nicht genau was die genau gesungen haben, aber dass die Leute auch außerhalb Deutschlands mitsingen, das ist schon ganz interessant."

"Es gibt Stimmen, die sagten nach 'Inukshuk' schon "Ausverkauf!"..."

Während viele Bands im Laufe ihrer Entwicklung softer werden, werden die Hirsche härter – so zumindest mein Eindruck. Nils würde das nicht unbedingt so unterschreiben: "Das ist ganz interessant dass du das sagst; ich glaube da ist die Wahrnehmung ganz unterschiedlich. Ich habe heute erst irgendwo gelesen: Keine Sorge, THE HIRSCH EFFEKT ist zwar nicht weicher, aber doch zugänglicher geworden. Und ich habe gerade mit jemandem gesprochen, der hat bislang nur die ersten zwei Singles Bandgehört, und meinte: Ja krass, findet er voll gut, aber dass da auch schon Stimmen waren, die jetzt gesagt haben "Ausverkauf", weil 'Inukshuk' jetzt irgendwie... Er meinte für ihn sei das jetzt die Brücke zum Mainstream-Publikum. Wir haben die Singles natürlich schon so ausgerichtet, dass wir gedacht haben: Wir machen jetzt eine abgefahrene Ballernummer, und als nächstes die poppigste Nummer vom Album, um so ein bisschen das Spektrum aufzuzeigen. Aber eigentlich haben wir die Popnummern schon immer dabei gehabt. Witzig dass du jetzt sagst wir sind härter geworden..." Zumindest sind die Orchesterpassagen weniger geworden, und die eine oder andere Nummer ist deutlich metallischer als die Band früher geklungen hat – oder? "Ja das stimmt. Das Album ist wahrscheinlich noch metalliger geworden als die Alben davor. Ich hätte bei der "Anamnesis" auch noch nicht gesagt dass wir eine Metalband sind. Wir hatten ja mehr so diese Postpunk-Basis, und jetzt ist die Basis eher Metal. Das hat auch mit unserem neuen Schlagzeuger zu tun (seit 2013 dabei – TK). Ich habe aber auch das Growlen auf jeden Fall für mich entdeckt. Da gab's auf der "Anamnesis" schon erste Versuche, auf der "Agnosie" haben wir das dann etabliert und jetzt ist es so, dass ich fast kaum noch schreie, was sicherlich auch den stärkeren Metal-Charakter ausmacht. Ich persönlich habe auch bei der ersten Platte noch überhaupt nichts mit Metal zu tun gehabt, habe den Metal im Prinzip erst durch die Band entdeckt. Meine ersten METALLICA-Platten habe ich nach der "Anamnesis" gekauft..."

"Nach "Holon : Agnosie" wollten wir einen Schlussstrich ziehen."

"Eskapist" beschreitet also tatsächlich neue Wege. Auch inhaltlich, wo die "Holon"-Reihe nun endgültig abgeschlossen wurde? "Ja. Wir wollten das ja schon auf dem zweiten Album beenden, und haben beim dritten festgestellt, dass es thematisch schon noch mit den ersten zwei Alben verbunden ist, auch noch Zitate von den ersten Alben beinhaltet, so wie auf dem zweiten Album Zitate vom ersten Album drauf sind. Da haben wir bei "Agnosie" gemerkt, dass wir da auch noch Bock drauf haben. Aber danach wollten wir einen Schlussstrich ziehen, uns auch textlich mal in eine andere Richtung bewegen. Das hat auch damit zu tun, dass sich die Lebenssituation bei allen verändert hat, vor allem auch bei mir, der ich ja der Haupttexter bin. Wir haben von Anfang an versucht, bei "Eskapist" mal ein paar Sachen anders zu machen, haben mit anderen Gitarrenstimmungen herumprobiert, sind thematisch auch noch politischer geworden. Aber auch dieses Ding, das Orchester als viertes Bandinstrument, davon wollten wir jetzt einfach mal weg. Natürlich klingt die Platte immer noch nach HIRSCH EFFEKT. Es ist interessant, wenn die Leute jetzt schreiben, das sei jetzt so ein Next Level, ein anderer Schritt..."

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Zum Abschluss unseres letzten Interviews vor zwei Jahren gab Nils noch ein kurzes Statement zur Lage der Nation ab und kritisierte, dass im Deutschland des Jahres 2015 immer noch keine gleichgeschlechtliche Ehe erlaubt sei. Nach einem denkwürdigen Schwenk der Bundeskanzlerin sieht es damit zwei Jahre später plötzlich anders aus... Nils lacht: "Eigentlich ist das ist ja total genial. Also alles was ich in diesem Interview sage, was die Bundesregierung machen soll, wird dann ja statistisch gesehen umgesetzt. Nicht?" Könnte man so sagen, ja... "Das heißt ich hätte mich eigentlich viel besser darauf vorbereiten sollen, was ich hier von der Regierung jetzt hier fordere." Hätten wir das mal gewusst! Was wäre dann so eine grobe Skizze für Deutschland in 2 Jahren, zum nächsten Hirsche-Album? "Alkohol ist in zwei Jahren hoffentlich endlich verboten, Cannabis legalisiert, und Autos sind generell in allen deutschen Großstädten verboten, außer für Gewerbetreibende." Wenn also Cannabis in zwei Jahren legalisiert wurde, sollten wir uns ernsthaft Gedanken machen... "Ja ich werde mir das jetzt mal notieren und werde das für das fünfte Album dann etwas ausgefeilter haben, welche Forderungen ich an die Bundesregierung stelle."

Damit aber genug der Worte. Es bleibt uns nur noch, eine dringende Aufforderung auszusprechen: Macht euch auf und zieht euch eine der kreativsten und livefreudigsten deutschen Bands unserer Zeit rein – auch diesen Herbst wird es dafür noch weidlich Möglichkeiten geben! Und wer sich wirklich noch nicht an THE HIRSCH EFFEKT gewagt haben sollte - spätestens mit "Eskapist" ist die Zeit dafür definitiv gekommen!

Redakteur:
Timon Krause
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