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THE TEX AVERY SYNDROME: Interview mit Laura und Nico

30.07.2021 | 22:56

Am 16. Juli 2021 erschien mit 'Howl' eine neue Single von THE TEX AVERY SYNDROME. Es ist die erste Veröffentlichung mit dem neuen Schlagzeuger Nico. Dieser und Vokalistin Laura sprachen mit uns über kommende Songs, den Inhalt von 'Howl' und wie sich der Sound der Band verändert hat.

Hallo Laura und hallo Nico! Oder soll ich vielleicht lieber Hubert sagen?

Nico: Ja, ich hätte es auch noch kurz eingebracht! Ich bin der Schlagzeuger, nicht der Gitarrist, also 'Hubert' für die Öffentlichkeit! Das Mysterium rührt daher, dass ich vor etwa eineinhalb Jahren zur Band hinzugekommen bin und es gab schon einen Nico. Das hat einfach für Verwirrung gesorgt und Laura war der festen Überzeugung, dass...

Laura: Nein! Ich war das nicht! Das war der Kipper!

Nico: OK. Der Kipper war der Meinung, mein Zweitname wäre Hubert und nicht Holger. Das hat er dann mal in den Raum geworfen und dann war mir klar, dass das jetzt der Spitzname für die Band ist. Jetzt bin ich halt der Hubert von THE TEX AVERY SYNDROME.

Laura: Falls also auf den CDs jemand mit Hubert unterschreibt, das ist dann der Schlagzeuger.

Wir sprechen heute, weil am 16. Juli 2021 eure neue Single 'Howl' veröffentlicht wurde. Es ist wieder ein krasser Song geworden mit tiefen Melodien, hauptsächlich Growls und es geht ziemlich brachial zur Sache. Ich denke mal, eure Fans werden nicht enttäuscht sein. Wie würdet ihr denn selbst euren Sound beschreiben?

Laura: Ich würde sagen, der hat sich tatsächlich ein bisschen geändert. Wir haben sehr - ich sag mal - typisch metallisch angefangen mit verschiedenen Einflüssen hier und da. Viele sagen, wir wären eine Hardcore-Band. Ich sehe das überhaupt nicht so, aber Einflüsse hat man gehört. Auch im Sound waren wir ein bisschen rougher, was auch gewollt war. Wir haben uns tatsächlich in den vergangenen zweieinhalb Jahren neu entwickelt, auch durch Hubert, der noch mal einen ganz neuen Stil in die Band gebracht hat. Deswegen würde ich sagen, dass der neue Sound wesentlich moderner ist, wahrscheinlich auch ein bisschen härter und der Song hat auch leichte Black-Metal-Einflüsse. Würdest du dein OK dazu geben?

Hubert: Ja, ich hätte tatsächlich gesagt, der Arbeitstitel ist immer relativ wichtig und das war in diesem Fall 'Black Ruby'. Das war tatsächlich der erste Song, den wir dann mit mir zusammen gestaltet haben. Da gab es natürlich auch einen großen Einfluss von mir. Ich mache noch Musik in einer anderen Band, in der es noch ein bisschen härter zur Sache geht. Natürlich hat die ganze Band zusammengearbeitet, aber gerade 'Howl' ist mit dem einen oder anderen Black-Metal-Element gespickt. Ich finde es auch härter als unser "Origin"-Album.

In dem Song selbst geht es nach meiner Interpretation um eine Art Selbstfindung und auch um das Abkapseln von einer Person oder einem höheren Wesen verbunden mit einem inneren Kampf und innerer Abhärtung. Liege ich damit richtig oder bin ich auf dem Holzweg?

Laura: Du liegst absolut richtig. Ich hatte kurz Gänsehaut. Ich hätte nicht gedacht, dass man das so gut interpretieren kann. Tatsächlich habe ich etwas in dem Song verarbeitet, vor allem die vergangenen zwei bis zweieinhalb Jahre als Musikerin. Ich war immer der Meinung, dass wenn man wirklich von Herzen Musik macht und in seinem Können auch gut und authentisch ist, man irgendwann den Erfolg bekommt, den man verdient hat. Dass die Leute sehen, dass man am Boden geblieben ist und dass sie das feiern. Gerade in den vergangenen Jahren, in denen wir bekannter geworden sind und mehr mit Menschen aus dem Musikbusiness zu tun hatten, kamen immer mehr Tipps - sage ich mal - und mir wurde gesagt, ich solle androgyner sein und mich nicht schminken oder ich soll mich mehr schminken, stylischer sein und dieses oder jenes auf der Bühne tragen. Ich habe immer mehr gemerkt, dass die Menschen irgendwie nach Künstlerfiguren und Idolen suchen. Sie wollen das Unantastbare. Ich habe mir oft überlegt, wie ich mich verändern könnte, damit wir doch noch mehr Erfolg haben. Kann ich das überhaupt und sollte ich das? Das war ein innerer Kampf und das hat mich auch sehr traurig gemacht und zeitweise auch frustriert, weil ich so hart an mir arbeite und noch nicht da bin, wo ich sein möchte.

Wenn ihr noch mehr über THE TEX AVERY SYNDROME wissen möchtet, empfehlen wir unsere Podcast-Folge:

Was war für dich die Konsequenz daraus?

Laura: Ich weiß ehrlich gesagt noch nicht, ob ich eine Konsequenz gezogen habe. Ich habe diesen Zwiespalt auch in unserem Video verarbeitet, weil das sehr abstrakt ist. Einerseits habe ich dann gedacht, wenn ihr eine Künstlerfigur wollt, kriegt ihr sie jetzt. Andererseits ist es aber auch meine Echtheit, die überwiegt. Ich kann nur mir selbst treu sein und nur dann kann die Musik wirklich von Herzen kommen. Wer den Weg mitgeht, geht den Weg oder eben nicht.

Hubert: Wir sprechen auch im Proberaum darüber, denn wir sind automatisch ein bisschen stigmatisiert, weil eine Frau bei uns singt. Es ist nicht genre-typisch, auch wenn es inzwischen vermehrt so ist, dass eine Frau screamt und man muss sich damit auseinandersetzen, wie man da wahrgenommen wird. Manche Leute sehen nur das Aushängeschild und da wird überhaupt nicht auf Lauras Qualität geachtet, die für mich unantastbar ist. Es geht für uns darum, Musik zu machen, die wir fühlen und die wir machen möchten. Wer dann eine Künstlerfigur verlangt, weil es sich besser vermarktet... Wir möchten doch alle so sein, wie wir sind, und die Musik machen, die wir machen möchten. Dass man dann nach einer Figur verlangt, die gar nicht in der Band ist, empfinden wir als fragwürdig und das ist auch Thema des Songs.

Laura: Ja. Ich hatte tatsächlich viele Diskussionen darüber mit Bandmitgliedern, weil ich das auch angesprochen habe. Ich bin dankbar, dass sie da ein offenes Ohr hatten und hinter mir standen. In meinem Kopf ist das noch nicht ganz ausdiskutiert, aber diese Wut und diese Verzweiflung habe ich geschafft, in dem Song auszudrücken, und ich freue mich, dass das so klar rüberkommt.

Ich habe da mit anderen Musikerinnen auch schon drüber gesprochen, wie es ist, als Frau auf der Bühne stehen, und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass du dich als Frau nicht verstecken kannst. Als Mann hast du die Wahl: Du kannst dir eine bunte Perücke aufsetzen, ein Kleid anziehen, dir Glitzer ins Gesicht schmieren und dann fällst du auf. Wenn du das nicht mehr möchtest, setzt du die Perücke ab, ziehst das Kleid aus und wischst den Glitzer aus dem Gesicht. Das kannst du als Frau nicht. Deshalb die Frage an dich, Nico, kommen an dich auch Ratschläge, wie du deinen Stil verändern könntest, um die Band erfolgreicher zu machen? Ich weiß, man kann es nicht 1:1 vergleichen, weil die Person am Mikro mehr im Fokus steht als die Person am Schlagzeug.

Hubert: Das ist mir bisher noch nie passiert. Mit 16 hat einem vielleicht mal jemand gesagt, die Klamotten müssen schwarz sein und man darf kein weißes Shirt auf der Bühne tragen. Aber jetzt sind wir in einem Alter, in dem das keine Rolle spielen sollte. Ich wurde nie damit konfrontiert, dass ich mir z.B. noch das Gesicht tätowieren lassen sollte, damit ich gefährlicher aussehe und das Gesamtkonzept auf der Bühne schlüssiger wirkt und damit alle so böse wie möglich aussehen. Ganz und gar nicht, das ist für mich unbekannt.

Kommen wir zu 'Howl' zurück. Dazu gibt es auch ein Video, das ebenfalls sehr ausdrucksstark ist. Hauptsächlich sieht man Laura in schwarzer Kleidung und mit einer schwarzen Schmiere performen, sage ich mal. Man sieht teilweise die Lyrics an der Wand und teilweise schreibst du sie auf. Man sieht den Struggle, den man auch in den Lyrics wahrnimmt. Das Konzept stammt von euch, also erst mal Kompliment, falls das eure Intention war!

Laura: Ja. Eigentlich war der Plan, einfach nur ein Lyric-Video zu machen. Wir wollten eigentlich ein, zwei Aufnahmen drehen und da den Text drüberlaufen lassen. Ich weiß gar nicht mehr, wie es dazu kam, dass wir ein mehr oder weniger richtiges Video gemacht haben. Ich bin sehr happy, was daraus geworden ist.

Hubert: Ich bin kein Fan von Lyric-Videos, denn in den meisten Fällen hat man ein paar Animationen und der Text fliegt ein - das war's. Ich verliere da schnell das Interesse und es wertet einen Song für mich ab. Trotzdem hatten wir die Idee, bei dem düsteren Song die düsteren Lyrics zu zeigen. Über dem Pub, den ich betreibe, gibt es eine leerstehende Wohnung ohne Wasser und Heizung. Ich habe ganz nett unseren Hausverwalter gefragt, ob ich die Wände zur Verfügung bekomme, weil das Ambiente gestimmt hat. Dann haben Laura und ich die Lyrics an die Wand gezeichnet und wollten das abfilmen. Weil die Lyrics Laura sehr beschäftigen, sollte sie das dann präsentieren und man sollte auch sehen, wie sie die Lyrics an die Wand zeichnet. Vieles haben wir vor Ort improvisiert.

Laura: Man muss dazu sagen, dass wir sehr viel Glück hatten in den vergangenen Monaten mit Leuten, die uns unterstützen. Marcel, der das Video gedreht hat, hat auch gesagt, wir sollen uns über das Finanzielle keine Gedanken machen. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, so ein schönes Video abzuliefern.

'Howl' ist nicht auf eurem Album "Origin". Ist der Song als Standalone-Single geplant oder kommt da bald noch mehr von euch?

Hubert: Perspektivisch arbeiten wir immer auf ein Album hin. Wahrscheinlich war ich am meisten hinterher, 'Howl' erst mal alleinständig aufzunehmen, weil ich seit eineinhalb Jahren in der Band bin, Live-Shows gespielt habe, es aber keinen Release mit mir gibt. Ich sollte dann auf Alben unterschreiben, mit denen ich nichts zu tun hatte. Mir war es deshalb wichtig, ein Zeichen zu setzen, dass jetzt jemand anderes mit dabei ist und dass es in eine neue Richtung geht. Mir war auch wichtig, zu zeigen, dass THE TEX AVERY SYNDROME weiter existiert. Es ist aber nicht der einzige Song, der fertig ist. Wir haben noch mehr geschrieben und arbeiten an weiteren Songs. Es gibt kein Datum für einen Studiobesuch, aber wie gesagt ist das Album das große Ziel.

Laura: Wir haben auch die Coronazeit genutzt, um neue Songs zu schreiben. Da ist einiges auf unserer Festplatte. Dieses Jahr möchten wir noch einen weiteren Song veröffentlichen und müssen dann sehen, ob wir ein Album oder eine EP veröffentlichen. Das ist auch eine finanzielle Frage. Ich möchte mich auch noch mal bei den Leuten bedanken: Wir haben Polaroids verkauft und gesagt, wer möchte, kann spenden. Da kam einiges zusammen.

Hubert: Auch von mir vielen Dank! Ich möchte noch ergänzen: Ein neues Bandmitglied verändert den Sound, aber auch den Aufnahmeprozess. Für uns war wichtig, jemanden zu finden, der das repräsentieren kann, was wir geschrieben haben. Wir haben es dann einem Freund von mir gegeben, der auch andere Bands von mir produziert hat. Wir sind damit sehr glücklich und haben uns gut aufgehoben gefühlt. Es ist sehr wichtig, dass der Produzent versteht, was die Band sagen möchte.

Laura: Ich bin sehr stolz auf Hubert, denn abgesehen davon, dass er sich damals innerhalb von zwei Wochen unser Set antrainiert hat, hat er auch frischen Wind in die Band gebracht und ich bin froh, dass er jetzt Gesicht zeigen kann mit dem neuen Song.

Ihr habt 'Howl' als den Beginn einer neuen Ära bezeichnet. Bleibt es künftig so düster oder was erwartet uns da?

Hubert: Düster ist schwierig zu verallgemeinern. Wir schreiben die Songs über Wochen hinweg und die Stimmung in der Band ist immer eine andere. Meines Erachtens ist es etwas experimenteller und etwas härter. Aber es ist nicht in jedem Song ein Black-Metal-Element und auch nicht immer ein Hardcore-Element. Ich würde sagen, es ist ein bisschen schneller und ein bisschen härter. Das würde ich auf alle neuen Songs beziehen.

Laura: Ich schließe mich in allen Punkten an. Das Songwriting ist noch ausgefeilter geworden und ich denke, dass ich mich stimmlich entwickelt habe.

Ihr steht bald wieder auf der Bühne: Am 24. Juli spielt ihr in München mit THE HIRSCH EFFEKT. Wie fühlt sich das für euch an?

Laura: Ich glaube, das wird ungewohnt, aber es ist auch ein bisschen wie Fahrrad fahren. Wenn du einmal angefangen hast, professionell Musik zu machen, gibt es Grundmechanismen, die einfach eingeschliffen sind. Aber ich bin aufgeregter als sonst, weil es auch ein Konzert ist, das nicht in unseren Bereich fällt. Die Leute werden uns zum großen Teil nicht kennen, es ist ein Sitzkonzert nach aktuellem Stand, aber wir wissen, es wird nicht so ein Metal-Konzert, wie man es eigentlich kennt. Ich finde auch die Betitelung der Tour ganz gut: "Besser als nichts." Ich schließe mich dem an, es wird einfach toll, wieder Zeit mit der Band zu verbringen und gemeinsam auf der Bühne zu stehen.

Hubert: Ich bin auch der Meinung, wir werden ein bisschen nervös sein, dann läuft das Intro und nach dem ersten Song läuft's wieder. Wenn man seine Energie auf der Bühne gefunden hat und sich nach dem ersten Song zugenickt hat, wird das schon.

Redakteur:
Pia-Kim Schaper

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