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TRANSATLANTIC: Interview mit Pete Trewavas

03.02.2021 | 20:52

Vollgepackte Terminkalender, Hürden bei der Visa-Vergabe und nicht zuletzt Corona: Die Begleitumstände für das fünfte TRANSATLANTIC-Album waren alles andere als rosig.

Wie es die Band dann letztendlich geschafft hat, ein umfangreiches Mehrfach-Album aufzunehmen, erzählt uns Berufsoptimist und Tiefton-Routinier Pete Trewavas im Interview.

"Es war ungewohnt für uns, zum ersten Mal nicht in den USA aufzunehmen", erinnert sich Pete. An die zehntägige Arbeitsphase denkt er trotzdem gerne zurück: "Wie üblich kamen Neal, Roine und ich mit vielen Ideen ins Studio. Manches davon fertige Songs, anderes nur Fragmente oder Melodien." So glich der Aufenthalt im Studio eher einer großen Puzzle- denn Aufnahme-Session, möchte man meinen. Das Material wurde schließlich aber komplett durchgespielt und für Demos arrangiert, was bei der schieren Menge an Musik einer Mammutaufgabe glich. Pete sinniert: "Ich wäre gerne mit den rudimentären Schlagzeug- und Bass-Spuren nach Hause gefahren. Aber nicht einmal Mike konnte die Drums richtig aufnehmen, das hat er später in Neals Studio in Nashville nachgeholt. Wir haben einige Tage gebraucht, um uns einen Überblick zu verschaffen und an einer großen Tafel alle Ideen zu katalogisieren. Wenn wir Vier dann aber das Material durchspielen, nehmen die Dinge ihren Lauf und es herrscht eine gewisse Magie im Studio. So wurden zwar einige Ideen verworfen, es kamen aber auch viele weitere im Laufe der Tage hinzu."

Die anschließende zeitliche und geografische Distanz musste die Band also nutzen, um die Songideen konkret auszuarbeiten und alle Spuren individuell aufzunehmen. Eigentlich kein Problem für eine Profi-Truppe wie TRANSATLANTIC, sollte man meinen. "Normalerweise gehen wir mit dem Grundgerüst des Albums nach Hause und jeder nimmt seine Parts auf, arrangiert hier und da die Harmonien etwas um und es fügt sich zu einem großen Ganzen", erklärt Pete und bringt die Pandemie ins Spiel: "Sobald die Veröffentlichung dann gemixt und gemastert wurde, geht sie zum Label und man geht auf Tour. So war es auch mit TRANSATLANTIC geplant. Doch dann kam Covid und wir hatten plötzlich mehr Zeit als gedacht, um uns weiter mit den Aufnahmen zu beschäftigen. Plötzlich kam Roine mit einer neu arrangierten und ebenfalls neu eingesungenen Version des Songs 'Rainbow Sky', Neal hatte ähnlich viele Ideen. So entwickelten sich langsam aber sicher zwei Versionen des selben Albums." Ausgerechnet Neal als Verfechter epischer Longtracks fand das Album in seiner ursprünglichen Form aber zu lang. "Ich konnte ihm nicht folgen", erinnert sich Pete. "Neal wollte aus 90 Minuten Musik eine einzige CD machen, entgegen seinen sonstigen Vorlieben. Er hat beispielsweise die 'Overture' bearbeitet und manch andere Stelle zusammengekürzt. Andererseits brachte er noch den Song 'Can You Feel It' ein, den es auf "Forevermore" nicht gab."


Die Band stand am Scheideweg und musste sich auf eine Fassung einigen. "Wollen wir ein sehr zielstrebiges Album, oder wollen wir die volle Prog-Erfahrung?", schildert Pete die damalige Diskussion. Gut, dass Portnoy vorschlug, an beiden Versionen weiterzuarbeiten. Die Band ging auf den Vorschlag ein: "Das Ergebnis dieser flinken Idee hört bekanntermaßen auf die Namen "Forevermore" und "The Breath Of Life", Neals ursprünglichen Titelwunsch für das Album. So konnten wir unsere beiden Wünsche verwirklichen."


Das Label InsideOut war zum Glück begeistert von der Idee und so konnten Neal an der kurzen und Roine an der Langfassung in ihren Studios den Feinschliff ansetzen. Dass die Produktion an manchen Stellen sehr unterschiedlich klingt, findet Pete gut: "Du hörst teilweise mehr Gitarren, manchmal mehr und andere Keyboards. Jede der zwei Versionen hat eine eigene Handschrift. Für nicht wenige Stellen haben wir auch die Bass-Spuren neu aufgenommen, wenn es besser passte." Nicht zuletzt wurden auch die Songtexte überarbeitet, was auch an der großen Pandemie lag. So war es beispielsweise ein Anliegen von Neal, dass sich die größte Krise des jüngeren Zeitgeschehens auch textlich wiederfindet. Wer beide Versionen kauft, hat beim Durchsehen der Texte also genau so eine Aufgabe wie beim Vergleichen der Musik.

Kaum zu glauben, dass der kreative Prozess vier altgedienter Prog-Helden noch einmal so herausfordernd wurde. Andererseits waren sich die vier Musiker auch ganz zu Beginn von TRANSATLANTIC nicht sicher, wohin die Reise gehen würde. "Ich dachte eigentlich, ich wäre die falsche Person für diesen Gig. Mike und Neal hatten so viele Ideen, die in die Prog-Metal-Richtung gingen, mit schnellen Läufen und so weiter. Ich hingegen bin eher ein ruhiger Spieler, der Wert auf Harmonien und Melodien legt", erklärt Pete. Dem BEATLES-Vergleich, den ich Mike Portnoy im Hinblick auf die Besetzung einfach unterstelle, stimmt der MARILLION-Bassist aber zu: "Paul McCartney war der Erste, der auf diese Art und Weise Bass spielt. Mike liebt die ganzen Alben ebenso wie ich. Für TRANSATLANTIC sollte ich einfach so spielen, wie es mir in den Sinn kommt." Dass die Erfolgsformel gleich gezündet hat, war aus Sicht der Beteiligten nicht vorherzusehen. Pete erinnert sich: "Wir mussten in die Rolle hineinwachsen, TRANSATLANTIC zu sein. Anfangs waren wir vier Musiker, die einfach ihre Ideen eingebracht haben. Eine richtige Band wurden wir erst mit dem Touren. Auf der Bühne lernst du schnell, du merkst wie sich die Dynamik zwischen den Musikern entwickelt und welche Energie sich entwickelt. Und du musst schauen, dass die Musik live genau so gut funktioniert wie auf dem Studioalbum."

Bei der Frage, für welche Version des Albums die Band sich in Bezug auf hoffentlich kommende Konzerte entscheiden wird, bringt Pete die dritte Version des Albums ins Spiel. "Wir haben mit "The Breath Of Life" und "Forevermore" die beiden Versionen. Aber wenn du dir den 5.1 Mix der Blu-ray anhörst, dann hast du Mikes favorisierte Fassung des Albums. Diese ist noch einmal länger als "Forevermore" und verbindet beide Versionen miteinander. Mit über 100 Minuten haben wir noch einmal zehn Minuten mehr Material. Und ich weiß, wie Mike tickt. Das ist sein Liebling." Wir bleiben noch etwas beim Thema Konzerte und sprechen über die Auswirkungen der Pandemie, aber auch des Brexits auf Künstler. Der stets gut gelaunte Brite ist einerseits verwundert über die Zustimmung vieler seiner Landsleute zum EU-Austritt, sieht aber den Silberstreif am Horizont. "Konzerte werden kommen, wir werden alles nachholen", beginnt er eifrig. Auch die Bürokratie werde Musikern nicht alles rauben können. "Vielleicht wird es schwieriger und teurer als bisher, aber wir haben immer Lösungen gefunden. So wird es auch in Zukunft sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass die EU und Großbritannien sich auf einige Dinge verständigen werden."


So pessimistisch wie sein früherer Bandkollege bei MARILLION, Fish, sieht er die Dinge bei weitem nicht. Dieser hatte vor kurzem ein flammendes Plädoyer gegen die vermuteten Brexit-Beschränkungen für Berufsmusiker gehalten, das Pete nicht ganz nachvollziehen kann. "Auch wenn die Lage kompliziert scheint und Covid derzeit allen die Stimmung vermiest, aber die Konzerte werden wieder kommen und wenn es darum geht, dass Touren teurer werden, muss man sich über die Finanzierung einfach mehr Gedanken machen. Es betrifft schließlich nicht nur uns Musiker, sondern auch andere Wirtschaftszweige und alle, die hier in Großbritannien Geld verdienen möchten. Erst einmal hoffen wir auf flächendeckende Impfungen und vielleicht können wir mit MARILLION noch dieses Jahr wieder Konzerte spielen. Hoffe auf das Beste, bereite dich auf das Schlimmste vor", mit diesen Worten beenden wir das Interview und sehnen uns nach den Tagen, an denen plötzlich alle Konzerthallen der Welt wieder ihre Türen für Bands und Fans öffnen und wir uns entscheiden müssen, was wir zuerst nachholen.

 

Bandfotos von Tobias Andersson, bereitgestellt von InsideOut

Redakteur:
Nils Macher

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