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TÝR: Interview mit Heri Joensen

06.10.2013 | 10:14

Die Färinger von TÝR haben vor kurzem mit "Valkyria" ihr siebtes Studioalbum veröffentlicht, welches scheinbar sehr gut ankommt und bei uns durchaus kontrovers diskutiert wird – mir gefällt es sehr. Drum war ein Gespräch mit Mastermind Heri Joensen, welcher sich hier viel mehr als Realist, denn als Romantiker herausstellt, sicher fällig.

Könntest du als Erstes das neue Album mal mit den Vorherigen vergleichen? Für mich hat es sogar ein bisschen etwas von "Ragnarok", es ist wieder etwas proggiger, verglichen mit den beiden Vorgängern. Hattet ihr irgendeine spezielle Herangehensweise an die neuen Songs?

Mag sein, dass du damit richtig liegst. Allerdings war es keine bewusste Entscheidung, es wieder "progressiver" zu machen, die wir auf den letzten zwei Alben allerdings zwanghaft vermieden haben. Diesmal haben wir das ganze etwas hörerfreundlicher gestaltet, denke ich, also sahen wir auch nicht die Notwendigkeit, die progressiveren Stellen rauszunehmen. Ich hoffe, dass das Teil unserer konstanten Entwicklung als Band und Songschreiber ist.

Ich habe wegen einiger Statements den Eindruck, dass du auf sehr bewusste und "klassische" Art und Weise komponierst, also eher ungewöhnlich in dieser Szene. Wie siehst du diese Diskussion "Gefühl vs. Technik"? Ich denke, dass viel zu viele Leute den Wert und die Vorteile einer guten theoretischen Ausbildung unterschätzen.

Absolut richtig! Ich bin mir dieser "klassischen" Art zu komponieren sehr bewusst. Es gibt einen Grund, warum sie als solche bekannt ist: Sie funktioniert nämlich. Nachdem du allen klassischen Standards entsprechend komponiert hast, kannst du anfangen, der Musik Gefühl beizufügen und diese Art zu arbeiten, diese Priorisierung sorgen für die besten Ergebnisse.

Das Songwriting hat sich etwas verändert, da Terje nun eine größere Rolle spielt, soweit ich weiß. Warum erst jetzt? Wie würdest du seinen Einfluss beschreiben?


Terje hat seit "Ragnarok" Songs für die Band geschrieben und seine Rolle sollte größer sein, als sie bisher war. Also wuchs sein Anteil an diesem Album und ich denke wir werden es auch in Zukunft so halten.

Es wurde ja schon vorher bekanntgegeben, dass Liv Kristin einen Teil auf dem neuen Album singen wird. Aber wie kam es dazu?

Ich sang als Gastsänger auf dem Wacken letztes Jahr für Livs Band LEAVES EYES. Sie bot an, als Gegengabe auf unserem Album zu singen und so war es dann auch. Wir sind mit dem Resultat sehr zufrieden und das Feedback gerade für diesen Song war auch sehr gut.

Eine weitere Person, die stark an diesem Album beteiligt war, ist George Kollias. Auch wenn sowohl ihr, als auch NILE ziemlich technische Musik spielt, liegen doch Welten zwischen euch. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?


Unser Manager kennt George, sie arbeiteten früher mal zusammen. Als es klar wurde, dass wir einen neuen Schlagzeuger fürs Studio bräuchten, brachte er uns in Kontakt mit George. Er hat einen großartigen Job gemacht. Er hat sehr gut die Mitte zwischen dem gefunden, zu was er fähig ist und wie unser Schlagzeug normalerweise klingt. Er ist ein Musiker mit Geschmack.

Hört ihr selber Extreme Metal wie NILE?

"Extreme" ist nicht wirklich ein ausschlaggebender Faktor für mich. Wenn es melodisch und harmonisch ist, kann ich‘s mir anhören. Aber ich hab mir NILE bis jetzt noch nicht gegeben. Also weiß ich nicht wirklich, was das für Musik ist und ob ich es mag.

Seit Kári gegangen ist, habt ihr mit George im Studio gespielt und Amon Ellingsgaard live, wenn ich richtig liege. Wie sieht es gerade aus, wird Amon ein dauerhaftes Mitglied werden?

Wir sind ja gerade als Support für FINNTROLL auf Tour und Amon ist als Schlagzeuger mit dabei. Kurz nach dem Studio-Aufenthalt haben wir zwei Festivals mit einem finnischen Schlagzeuger namens Waltteri Varynen gespielt. Der zukünftige TÝR-Schlagzeuger ist noch nicht entscheiden, vielleicht nach dieser Tour.

Das neue Album ist ein Konzept-Album über die Beziehung zwischen Mann und Frau. Was würdest du sagen ist hier die Grundaussage zu dem Thema?

Das Ende einer Beziehung ist nicht das Ende der Welt, für jeden, der dabei involviert ist. Es kann alles zu etwas Besserem ausgehen, so wie beim Protagonisten unserer Geschichte. Der moderne Weg sieht so aus, dass Beziehungen enden und andere kommen und das regelmäßig. Es war in der Vergangenheit nicht so einfach und ich finde es eine positive Entwicklung, dass dies heute mehr und mehr akzeptiert wird. Es ist wirklich zu jedermanns Bestem.

Du sagtest zum neuen Album, "die Valkyrie ist der Link zwischen den beiden, da sie den Mann von irdischen zu göttlichen Frauen trägt".  Welche Rolle spielt diese "göttliche Frau"? Ich meine, ist es nicht sogar etwas gefährlich, auf eine Art perfekte Frau zu warten? Was unterscheidet diese göttliche Frau von der irdischen, mal auf unser heutiges Leben übertragen?

Die göttliche Frau ist natürlich fiktiv, ich glaube an nichts Übernatürliches. Der Punkt ist hier, dass es möglicherweise etwas gibt, was besser ist, als du schon hast und dass das eine sehr natürliche Weise für Männer ist, so zu denken. Die Geschichte auf unserem Album handelt von einem Mann, der sich dazu entscheidet, diesem Impuls zufolge zu handeln.

Zu welchem Grad umfasst das Konzept alle Songs? Ich meine, 'Nation' scheint mir beispielsweise das Thema eher auf eine politische Ebene zu bewegen.

Ja, es gibt einige Songs, die man auch in einem größeren Zusammenhang betrachten kann und sich nicht direkt auf das Konzept beziehen. Aber man kann es auch so sehen: Der Protagonist hat gerade seine irdische Frau verlassen, 'The Lay Of Our Love' und ist auf dem Weg in die Schlacht um zu sterben, 'Another Fallen Brother'. Eine Grund für seinen Mut mag nationaler Natur sein, er möchte seine Heimat und seine Familie verteidigen. 

Du hast Musik in Dänemark studiert. Bist du in einer "Musik-Familie" aufgewachsen, oder hast du diesen Weg aus eigenem Antrieb aufgenommen und weiter verfolgen können?

Meine Familie hat mir nie irgendeine Art von Musik aufgezwungen und ich kannte niemanden in meiner Familie, der ein Instrument spielte. Aber meine Mutter hat einen sehr guten Musikgeschmack, die erste Musik die ich bewusst gehört habe, sind die Kassetten meiner Mutter. Skandinavischer Pop und amerikanischer Country und Western. Mein großer Bruder fing an, Gitarre zu spielen und ich folgte ihm kurze Zeit später. Ich interessierte mich mehr und mehr dafür, wie Musik funktioniert und bekam schließlich diese Ausbildung.

Du hast vor kurzem angefangen, Gitarren-Unterricht via Skype zu geben und die Reaktionen schienen mir ziemlich gut. Wie läuft's?

Ja, es läuft gut, die Reaktionen waren wirklich sehr gut. Gerade auf Tour kann ich das nicht aufrechterhalten, aber ich möchte wieder damit anfangen, sobald ich zu Hause bin. Ich habe viel Freude am Unterrichten und hoffe, dass ich ein paar weitere Videos mit eher generellen Infos zum Gitarrespielen auf meinem YouTube-Kanal bereitstellen kann. Ich bin HeriJoensenTyr bei YouTube.

Soweit ich weiß verschwindet, wie eigentlich in allen anderen europäischen Ländern auch, die Folklore Stück für Stück. Könnt ihr mit eurer Musik jüngere Generationen wieder für Folklore begeistern?

Ich denke nicht, dass die Folklore verschwindet, so lange wie sie dokumentiert wurde. Und ich denke, dass alle färöische Folklore heute dokumentiert ist. Es gibt immer einen Teil der Bevölkerung, der das mag und die Folklore weitertragen will und ich denke, dass auf den Färöern der Bevölkerungsanteil dieser Gruppe recht hoch ist. Ich sage das, ohne dass ich es weiß, es ist eher eine berechtigte Annahme. Aber wie auch immer sehe ich keine Gefahr, dass die Folklore verschwinden wird.

Ist es kein Widerspruch für dich, einen Thorshammer zu tragen, während du dich doch als Atheist bezeichnest? Was ist der Unterschied zwischen einer speziell "heidnischen" Sicht und den heute gewöhnlichen atheistisch-humanistischen Werten, wenn nicht Götter?

Wenn ich irgendeine Form von Heide bin, dann bin ich nur ein kulturell bedingter Heide. Ich glaube nicht, dass Odin, oder irgendeine andere Gottheit in Person existiert. Die Idee, dass jemand sich heutzutage noch dazu entscheiden kann, so etwas Bescheuertes zu glauben, finde ich bemerkenswert. Niemand zwingt solch einen Glauben anderen auf, niemand indoktriniert Kinder mit so etwas, wenn du so etwas also wirklich glaubst, hältst du dich selber zum Narren und es ist ein verachtenswerter Selbstbetrug. Wir leben in einer erleuchteten und technologisch fortschrittlichen Zeit, aber werden immer wieder ausgebremst von rückwärtsgewandten Ideen, die nur langsam sterben und ich würde es hassen, zu sehen, dass das Neu-Heidentum eine von ihnen wird. Aber! ...ich habe großen Respekt vor der nordischen Tradition und das ist der Grund, warum ich den Hammer trage.

Ich würde sagen, das TÝR über die letzten Jahre konstant gewachsen ist, könnt ihr heute also von eurer Musik leben?

Niemand von uns ist momentan Vollzeit-Musiker.

Über die letzten Wochen hinweg habe ich immer wieder gelesen, dass ihr versucht, euch von diesem "Wikinger-Image" zu lösen. Aber die Themen sind ja nach wie vor dieselben, auch hatte ich nie den Eindruck, dass ihr Teil der typischen Pagan-Szene seid. Zu welchem Grad seht ihr Teil dieser Szene sein oder nicht sein als problematisch an und versucht euch davon zu distanzieren?

Ich würde sagen, wir haben versucht, uns von diesem typischen, etwas unerwachsenen Wikinger-Image zu distanzieren. Die Themen sind aber immer noch dieselben und sie werden es vielleicht auch bleiben. Vielleicht versuchen wir die grundlegenden Charakteristika mit in andere Szenen zu nehmen, und nicht in der Pagan-Szene festzustecken. Ich bin froh, dass du diesen Eindruck hattest, denn das könnte ein Zeichen dafür sein, dass unsere Bemühungen erfolgreich waren.

Als Gegengewicht zu eurer Entwicklung in Richtung eines eingängigeren Songwritings hattest du HELJAREYGA gegründet. Das Debüt kam 2010 raus, können wir in nächster Zukunft auch etwas von der Seite erwarten?

Ja, ich hoffe, mindestens zwei weitere Alben mit HELJAREYGA zu veröffentlichen. Ich werde jetzt anfangen, mir die musikalischen Ideen, die wir bis jetzt haben, anzuschauen und wieder daran zu arbeiten, sodass hoffentlich ein Album in nicht allzu langer Zeit erscheinen wird.

Als letzte Frage würde ich gerne wissen, welche Alben oder Bands dich in letzter Zeit gefesselt haben?

MYRATH aus Tunesien haben mich vor einigen Monaten ziemlich gefesselt. (zu denen ihr hier mehr findet - CS)



Vielen Dank an Hang Mai Le für die Hilfe beim Finden von Fragen.

Redakteur:
Christian Schwarzer
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