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The Wizards Of Oz: ein Blick auf die australische Progressive-Rock-Szene.

28.05.2012 | 19:06

Australien - Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Eine Erfahrung, die der Autor in den letzten Monaten und Jahren immer häufiger gemacht hat. Bands wie DEAD LETTER CIRCUS, KARNIVOOL, THE BUTTERFLY EFFECT, FLOATING ME und natürlich COG haben einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen. Der Sound dieser Bands - so unterschiedlich er auch ist - hat tief im Innern etwas gemeinsam, was in einem Berliner Haushalt für tiefste Entzückung sorgt.

Grund genug also, tiefer in die australische Szene einzutauchen und auf die Suche nach Bands zu gehen, die es wert sind auch in diesem Teil der Welt sich Gehör zu verschaffen. Dass der Fokus dabei auf alternativen, progressiven und instrumentalen Bands liegt, hat natürlichen etwas mit persönlichen Vorlieben zu tun. Es dürfte keinen Bereich geben, in dem es nicht auch ein australisches Gourmetstück zu gibt. Man denke nur an MORTAL SIN oder an VOYAGER.

Was ist nun so besonders an Australien und seiner Musik? Da ist natürlich die Lage am anderen Ende der Welt. Sydney ist mehr als 16.000 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt, für die man mindestens 24 Stunden Reisezeit benötigt. Und auch von Los Angeles aus ist Sydney mehr als 12.000 Kilometer entfernt. Eine geografische Nähe kann man das nicht nennen. Und obwohl Australien der flächenmäßig sechstgrößte Staat der Erde ist und mit 7.7 Millionen Quadratmetern beinahe doppelt so groß wie die Europäische Union, leben hier nur etwas mehr als 21 Millionen Menschen. Das sind nicht einmal drei Menschen pro Quadratkilometer. In Deutschland sind es 230 Menschen auf demselben Raum. In Bangladesch gar mehr als 1.000. Und natürlich hat jeder von euch schon gehört, dass vor allem im Kern Australiens die Menschen zum Nachbarn fliegen. Mit einem Flugzeug. Dichter bevölkert ist im Grunde vor allem die Küstenregion im Süden und Osten sowie ein wenig im Westen mit den Großstädten Perth, Brisbane, Adelaide, Canberra, Melbourne & Sydney. Und so verwundert es auch nicht, dass die allermeisten der im Folgenden vorgestellten Bands aus eben diesen Gegenden kommen.

Musikalisch ist es dagegen viel schwieriger, eine Eingrenzung für diese meist eher modernen Vertreter des alternativen und/oder progressiven Rocks zu finden. Natürlich wird man auch in Down Under von amerikanischen oder europäischen Bands beeinflusst. TOOL, MUSE, FAITH NO MORE oder MOGWAI sind da bei vielen der gleich vorgestellten Bands zu nennen. Aber man spürt doch beinahe immer auch dieses Stück Unabhängigkeit, diesen Willen eigenständig und unverwechselbar zu klingen. Und genau das ist es, was hier den Autor besonders fasziniert.

Das beste Beispiel dafür ist wohl COG. Das Trio aus Sydney hat mit "The New Normal" und "Sharing Space" zwei Meilensteine zeitgemäßer, progressiver Musik aufgenommen. In Australien fuhren die Herren dafür auch den entsprechenden Erfolg ein, während die Veröffentlichung von "Sharing Space" auf dem hiesigen Label Superball Music nahezu unbeachtet blieb. Dabei steht das Zahnrädchen (engl.: cog) für echte Progressivität und absolute Freiheit. Das Zusammenspiel aus alternativen Rocksounds, progressiven Songstrukturen, Dub-Elementen und (sozial-)politischen Texten ist so einzigartig wie Flynn Gowers Stimme. Eine Band, die mit einer deutlichen Vision ihre Musik ausgelebt hat und den Erfolg in der Heimat eher hinnahm als auslebte. Die auf der DVD "Twelve Years With You - The Sound Of Three" vom australischen Musiker, Songwriter und Spoken-Words-Performer Ezekiel Ox (u. a. MAMMAL, OX & THE FURY) moderierte Dokumentation zeigt dies ebenso deutlich, wie die Entscheidung, die Band auf dem bisherigen Karrierehöhepunkt aufzulösen und sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Eine dieser neuen Herausforderungen hört auf den Namen FLOATING ME und ist ein Konglomerat aus Musikern von COG (Lucius Borich, dr.), KARNIVOOL (Jon Stockman, b.) und SCARY MOTHER. Das Ergebnis auf dem Debütalbum ist ein Bastard aus TOOL-ähnlichen Klängen, grungigem Gesang und einer allumfassenden düsteren Atmosphäre. Leider ist das Album bislang nicht in Deutschland erschienen und ist daher nur als recht teurer Import direkt aus Australien oder den USA zu beziehen.

Und da hier schon KARNIVOOL-Bassist Jon Stockman genannt wurde, ist dies die perfekte Überleitung zu seiner Hauptband. KARNIVOOL gehört neben COG und THE BUTTERFLY EFFECT zu den erfolgreichsten harten, anspruchsvollen Rockbands in Australien. Mit "Themata" und "Sound Awake" haben Sänger Ian Kenny & seine Mannen zwei feinste modern-progressive Alben abgeliefert. Vor allem Kennys traumhaft schönen, immer leicht entrückten Gesangsmelodien heben die Truppe deutlich von halbwegs vergleichbaren Bands wie ENGINE oder TOOL ab. Das in Perth, an der Westküste Australiens, beheimatete Quartett legte jüngste eine Pause ein, damit sich Ian Kenny um sein zweites Standbein, BIRDS OF TOKYO, kümmern konnte.

Ihr merkt schon, man kann so einen Artikel relativ leicht aufbauen, da es in Australien leicht inzestuös zugeht und irgendwer immer in noch einer anderen Band spielt. Die BIRDS OF TOKYO liegen irgendwo zwischen mainstreamigen und alternativen Rock, auf dem jüngsten Album "Birds Of Tokyo" wird es sogar etwas poppig. Interessant für Leser dieser Zeilen dürfte in erster Linie das Zweitwerk "Universes" aus dem Jahr 2008 sein. Hier gibt es diverse mitreißende Alternative-Rock-Hits, die natürlich auf die Stimme Kennys zugeschnitten wurden. Vor allem 'Silhouettic' und 'Broken Bones' sind hier zu nennen, die auch hierzulande bei entsprechendem Airplay für Furore hätten sorgen können.

Wir reisen vom Südwesten Australiens wieder zurück an die Ostküste. Nach Brisbane, Hauptstadt des Bundesstaates Queensland im Nordosten Australiens und Heimatstadt von THE BUTTERFLY EFFECT. Deren drittes Album "Final Conversation Of Kings" wurde hier anno 2009 im Soundcheck auf Platz 2 gehievt und brilliert auch heute noch mit anspruchsvollem Alternative Rock, der gerne aus bekannten Schemen ausbricht. Das eröffnende, siebenminütige 'Worlds On Fire' ist dafür das beste Beispiel. Ohne wirklichen Refrain, dafür aber mit drei großartigen Hooklines und ganz feinen Bläsereinsätzen versehen, wird die Spannung hier mit jeder Minute größer. Auch das Gitarrenspiel von Kurt 'Poodles' Goedhart besticht mit viel Kreativität, die aus Songs wie 'In These Hands' kleine Perlen machen. Darüber thront der leicht zerbrechlich wirkende Gesang von Clint Boge, der auf den frühen Werken allerdings gezeigt hat, dass er es auch aggressiver kann. Wo "Begins Here" noch recht deutlich von TOOL beeinflusst wurde, schwamm sich die Band bereits mit dem Zweitwerk "Imago" stilistisch frei, was auch ein Grund für den großen Erfolg in der Heimat sein dürfte. Während "Final Conversations Of Kings" via Superball Music auch in Deutschland veröffentlicht wurde, ist es etwas schwieriger "Imago" zu beziehen. Über eBay wird man aber meist fündig. Wie die Zukunft von THE BUTTERFLY EFFECT aussieht, ist derzeit nicht zu sagen, da Sänger Clint Boge ausgestiegen ist, um sich seiner Solokarriere und seiner neuen Band zu widmen.

Diese hört auf den schönen Namen THOUSAND NEEDLES IN RED und zeigt Clint Boge wieder so aggressiv wie in den frühen Tagen seiner ehemaligen Band. Das erste Album "Empires" wurde allerdings ebenfalls noch nicht in Europa veröffentlicht und ist bislang nur als teurer Australien-Import oder digital zu beziehen. Die etwas härtere Ausrichtung der Band rückt sie etwas mehr in die Nähe von Truppen wie DISTURBED, aber letztendlich verfügen sie schon dank Clint Boges Stimme über genug Eigenständigkeit, um Fans seiner alten Band begeistern zu können. Mit 'Scars', 'Marble Arc' und 'The Sentinel' gibt es auch schon mindestens drei Hits.

Bleiben wir in Brisbane, wo noch einige andere Bands ihr Unwesen treiben. Eine davon hört auf den Namen CHASING GRAVITY und hat sich dem eher straighten Alternative Rock verschrieben. Dank der beiden Singlehits 'Bright Lights' und 'The Latest Enemy' konnte man in Down Under erste Erfolge feiern, was natürlich durch die Tour mit den BIRDS OF TOKYO befeuert wurde. Die sind auch generell eine gute Referenz, um Freunde der Truppe zu finden. Gerade Sänger Peter Thornley hebt die Band vom Einheitsbrei ab, so dass "Autumn In The Platinum Desert" ein sehr gutes Album geworden ist. Ebenfalls empfehlenswert sind die EPs der Vorgängerband ELEPHANT MOJO, die aber einmal mehr nicht so einfach aufzutreiben sind.

Kommen wir zu der Band, die in Australien wohl als Nächstes den Durchbruch schaffen wird: DEAD LETTER CIRCUS. Nach zwei EPs war das 2010er-Album "This Is The Warning" ein episch-vielschichtiges Werk, das durchaus mit den besten Momenten von FAIR TO MIDLAND (mit denen sie just in Australien auf Tour sind), KARNIVOOL, THE BUTTERFLY EFFECT oder TOOL mithalten kann. Im Moment arbeitet die Band am neuen Album. Wenn der vorab verschenkte Song 'Wake Up' dafür als erste Referenz dienen darf, wird der progressiv-alternative Rock erneut überzeugen. Tolle Band, die ihr unbedingt antesten solltet.

Und auch wenn wir jetzt den Ort wechseln, gibt es doch eine Verbindung zwischen DEAD LETTER CIRUS aus Brisbane und CLOSURE IN MOSCOW aus Melbourne, da beide Bands mit dem gleichen Management zusammenarbeiten. Auch den jungen Herren aus Melbourne darf man wohl eine erfolgreiche Zukunft in mindestens Australien vorhersagen. Musikalisch orientiert man sich auf "First Temple" eher an Bands wie THE MARS VOLTA, COHEED & CAMBRIA oder MUSE, ist dabei aber typisch australisch kompakt. Songs wie 'Kissin' Cousins' oder 'A Night At The Spleen' sind in gleichem Maße Single-Hit wie verquerer Prog. Eine erstklassige Mischung, die die Herzen der Fans der Referenzband höher schlagen lassen sollte.

Ebenfalls aus Melbourne kommt BELLUSIRA, deren Sound sehr an Bands wie DEAD LETTER CIRCUS oder THE BUTTERLY EFFECT erinnert, sich aber in einem Punkt grundsätzlich von diesen Bands unterscheidet, denn am Mikro steht mit Crystal eine Frau. Und so sind Gedanken in Richtung EVANESCENCE oder LACUNA COIL wahrscheinlich nicht zu verhindern, auch wenn sie nicht wirklich passen. Die Dame und ihre drei Herren gehen bei Songs wie den Singles 'Closer To Me' oder 'Culprit' komplett kitschfrei zu Werke. Da gibt es keine Pianoparts oder Gothic-Anleihen. Das ist schon alles alternativer, in der Gitarrenarbeit auch leicht progressiver Rock. Am ersten Album wird derzeit gearbeitet. Werde ich im Auge behalten.


Mit der vielleicht härtesten Band dieses Artikels verabschieden wir uns aus Melbourne. Bei CIRCLES darf man das Wort "Djent" in den Mund nehmen, allerdings ist die Gitarrenarbeit nicht so anstrengend, wie bei VILDHJARTA, TESSERACT oder anderen Szenevertretern, dazu ist der Gesang von Perry meist clean gehalten. Man darf dabei mittlerweile an die finnischen Newcomer von ODDLAND denken, auch wenn die Australier nicht ganz so vertrackt und abwechslungsreich zu Werke gehen. Dennoch ist die erste EP "The Compass" schon ein starkes Ausrufezeichen geworden, das auch in Deutschland über Basick Records veröffentlicht wurde. Hoffen wir, dass es bis zum ersten Longplayer nicht allzu lange dauert.

Auf dem Weg zurück nach Syndney, wo wir unsere Australien-Rundfahrt beenden werden, machen wir noch einen Stop im beschaulichen Albury. Albury liegt tatsächlich etwa auf halbem Weg zwischen Melbourne und Sydney, etwa 450 Kilometer Land einwärts von der Ostküste und ist eine Kleinstadt mit etwa 45.000 Einwohnern. Das ist die Heimat von A CANDELA LIE. Im Vergleich zu den anderen hier vorgestellten Bands ist die Musik von A CANDELA LIE auch sehr vom klassischen Progressive Rock inspiriert. Es ist zwar immer noch moderne Musik, aber sie ist durchsetzt mit diversen Elementen, die man auch bei SPOCK'S BEARD oder RIVERSIDE finden würde. Dazu wird ganz massiv mit Flamenco-Gitarren gearbeitet, die das Geschehen immer wieder auflockern. Das erste Album "The Beauty In Detail" ist in der Tat eine Schönheit, die sich vor allem dann erschließt, wenn man auf die Details achtet. Ein schönes Album, das man bei der Band direkt beziehen kann.

Wir sind wieder in Sydney, wo wir uns jetzt noch der Post-Rock-Szene zuwenden wollen, da es dort verschiedene, sehr beachtenswerte Bands gibt. Im Gegensatz zum Alternative Progressive Rock des Landes, hört man dem Post Rock seine Herkunft aber nicht zwingend an. Post Rock ist offensichtlich ein globales Phänomen. Das macht es natürlich nicht besonders leicht, ein eigenes Gesicht zu wahren, was man einer Band wie PANZER QUEEN auch durchaus vorwerfen kann. Die Musik auf dem ersten Album "When All Our Fathers Worshipped Stock And Stone" ist zwar sehr schön, aber auch sehr wenig eigenständig. Es werden bekannte Zutaten gekonnt genutzt, aber neue Akzente setzt die Truppe nicht. Etwas, was MENISCUS vor allem auf visueller Ebene erreichen möchte und daher im Line-up auch einen Mann für 'Live Visuals' aufzählt. Musikalisch ist man sehr viel schroffer als PANZER QUEEN, lockert zudem die Chose auf "War Of Currents" immer wieder mit Sprachsamples auf und rückt daher auch etwas in die Nähe der deutschen Szeneheroen von LONG DISTANCE CALLING. Das gilt nicht für PIRATE, die es auf "Left Of Mind" auch gerne mal djentig-jazzig werden lassen, dabei aber immer noch gänzlich auf Worte verzichten. Das ist insgesamt etwas anstrengender, aber damit für einige vielleicht auch etwas spannender als die anderen beiden Bands. Mein instrumentaler Favorit aus Australien hört aber auf den schönen Namen SLEEPMAKESWAVES (Foto) und gehört mit dem Album "...And We Destroyed Everything" und der unbetitelten EP zu den eher epischen Vertretern, die mit ausufernden Songs und haufenweise tollen Melodien um sich werfen. Vergleiche zu TIDES FROM NEBULA aus Polen sind da durchaus berechtigt. Was alle diese Bands neben der Herkunft noch vereint, ist das Label. Das australische Label "Bird's Robe Records" hat neben SLEEPMAKESWAVES, MENISCUS, PIRATE oder PANZER QUEEN noch allerlei andere progressive und instrumentale Bands im Angebot, die es tatsächlich alle wert sind, gehört zu werden. Auf der Labelhomepage kann man sich einen Überblick schaffen, inklusive Songproben von allen Veröffentlichungen. Ein tolles Label, das jede Unterstützung verdient.


Als Allerletztes verlassen wir das australische Festland einmal und machen uns auf den Weg nach Tasmanien, wo das Trio WHEN DAY DESCENDS seine Heimat hat. Das unbetitelte 2010er-Werk war ein starkes Album irgendwo zwischen Post Rock, Progressive Rock und OPETH. Schwierig zu kategorisieren, was ganz deutlich als Kompliment aufgefasst werden darf. Derzeit arbeitet die Band am neuen Album, das vielleicht sogar noch in diesem Jahr erscheinen wird. Bis dahin kann man das immer noch aktuelle Werk u. a. bei der Band direkt erwerben.

Damit sind wir dann auch am Ende unserer australischen Rundfahrt, die noch vielen weiteren Bands wie THE SUNPILOTS, KILLING HEIDI, I SAID THE SPARROW, SECRETS IN SCALE, SELF IS A SEED, ESKIMO JOE, BLATHERSKITE, A SOUND MIND, CROSSBREED SUPERSOUL und vielen, vielen mehr hätte Platz bieten können, aber irgendwann muss auch einmal Schluss sein. Sie werden dann ggf. in einem möglichen zweiten Teil Platz finden. Wer sich einen Überblick über die unfassbar große australische Musikszene machen möchte, sollte auf Triple J Unearthed vorbeisurfen und kann dann mehr als 20.000(!) Bands im Bereich Rock & Metal kennenlernen. Viel Spaß dabei.

Redakteur:
Peter Kubaschk
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