UNDER-RADIO: Interview mit Eric Zimmermann

01.01.1970 | 01:00

Die amerikanische Band um den sympathischen Gitarristen Eric Zimmermann, der auch die nicht ganz unbekannten Gebrüder Bisonette (SATRIANI, ROTH usw.) zugehören, mixt auf ihrem neuen Album "Bad Hair Ways" einen kräftig schmeckenden Adrenalin-Cocktail aus Heavy Rock, Prog/Artrock, Alternative und Blues Rock. Für Leute, die auf basslastigen Powerrock stehen, dürfte das sicherlich ein Leckerbissen sein. Ein offensichtlich gut gelaunter Eric Zimmermann gab mir per Mail ausführliche Antwort auf meine Fragen – vor allem aber informative Antworten, die es ermöglichen, noch ein paar Aspekte der Musik mehr wahrzunehmen.

Jörg:
Die Musik von UNDER-RADIO ist sehr schwer einzuordnen. Ihr lauft unter der Bezeichnung "Prog Rock", aber ich denke "New Heavy Artrock" trifft es besser. Wo siehst du selbst eure Musik?

Eric:
Ich denke, dass deine Beschreibung die aktuelle Musik von UNDER-RADIO wirklich gut trifft. Ich glaube, dass der Begriff "Prog Rock" inzwischen sehr überaltert ist und synonym ist mit Musik, die versucht, den Hörer zu verwirren. In den alten Tagen von YES, RUSH und LED ZEPPELIN ging es darum, etwas zu riskieren und sich mit den Songs in einen kreativen Rahmen hinauszuwagen, wie PINK FLOYD’s "The Wall" oder selbst QUEENSRYCHE’s "Operation: Mindcrime". Was ich zu sagen versuche, ist, dass die Leute das Wort "progressiv" in Progressive Rock aus den Augen verloren haben. Wenn man diesem Gedankengang weiterverfolgt, war die erste Veröffentlichung von VAN HALEN eine Progressive-Rock-Scheibe. Diese CD definierte den Rock ’n’ Roll neu und ist zeitlos.

Gegenwärtig ist ein Großteil der UNDER-RADIO-Musik im 4/4-Takt, aber die harmonischen und modalen [d.h. die um den Grundton kreisenden – Anm. Jörg] Strukturen weichen immer wieder von der Norm ab. Wir verwenden einige wirklich unkonventionelle Modulationen. Wenn man die Taktarten beachtet, wird man feststellen, das viele ungewöhnliche Takte zu hören sind, aber ich versuche sie auf eine Weise zu präsentieren oder zu schreiben, die den Eindruck erweckt, dass die Musik fließt. Wenn du dir zum Beispiel das dritte Stück 'Noel (The Christmas Truce)' anhörst, wirst du feststellen, dass die Strophen im 6/8-Takt sind, der Refrain im 4/4-Takt und der Endteil sich zwischen 5/4 und 4/4 bewegt, während die Akkorde dazwischen variieren. Aber es klingt und scheint trotzdem eingängig. Für mich ist genau diese Machart eine Herausforderung.

Jörg:
Im Presseinfo steht, dass du beinahe in der psychologischen Abteilung des FBI gearbeitet hättest, aber dann alles aufgegeben hast, um eine Rockband zu gründen. Wie kam es damals zur Gründung von UNDER-RADIO? Wie hast du Matt Bissonette (u.a. JOE SATRIANI, DAVID LEE ROTH) getroffen?

Eric:
Ich habe das College mit einem "Bachelor of Arts" [amerikanischer Hochschulabschluss für Geisteswissenschaften – Anm. Jörg] in Psychologie abgeschlossen und einige meiner Professoren wollten mich durch die richtigen Kanäle in diese FBI-Sache bringen. Ich entschied mich schlicht für einen anderen Weg und das war die Musik.

UNDER-RADIO ist das Resultat aus der Arbeit mit verschiedenen Musikstilen und mit verschiedenen Leuten – um zu sehen, was dabei herauskommt. Ich verstehe, wieso und warum einige Leute die CD hören und sich fragen: Was passiert da und warum? Es kann verwirrend sein und scheint nicht zusammenzupassen. Wie auch immer, ich denke, nach mehrmaligem Hören setzt sich alles zusammen. Schau dir eine LED-ZEP-CD an: Du wirst ganz unterschiedliche Stimmungen wahrnehmen im Laufe des Albums.

Ich traf Matt Bissonette, als ich nach Kalifornien ging über meinen Freund Doug Bossi, der ein alter Bandkamerad von ihm war. Doug ist ein klasse Gitarrist und hat eine Weile bei WHITESNAKE gespielt.

Jörg:
Du hast unter anderem bei dem DREAM THEATER-Gitarristen John Petrucci dein Spiel gelernt. Deine Gitarrenarbeit ist aber völlig anders. Wo liegen deine Einflüsse? Was hörst du privat für Musik?

Eric:
Ich höre viele Arten von Musik. Selbst wenn mich eine Band nicht besonders interessiert, versuche ich doch, etwas Positives an den Künstlern zu entdecken. Das kann vielleicht eine großartige Produktion sein oder eine coole Gesangslinie. Und was ich gerade zu Hause oder im Auto höre... ich höre DEPECHE MODE. Ich meine jetzt nicht dieses schwule Dance-Zeug (jeder, der sich jetzt über den Gebrauch des Begriffes schwul aufregt, sollte bedenken, dass schwul auch fröhlich heißt) ["gay" im Englischen kann beide Bedeutungen haben – Anm. Jörg]. DEPECHE MODE haben eigentlich eine Menge wirklich dunkler und atmosphärischer Musik produziert, besonders auf den Alben "Music For The Masses" und "Black Celebration".
Das mag möglicherweise etwas seltsam klingen, da sie nur wenige Gitarren in ihrer Musik haben, aber ich höre Musik wegen der Gesamtdarbietung und der Ausstrahlung eines Liedes – nicht nur wegen des Gitarrenspiels. Andererseits habe ich die neue DREAM THEATER-CD und finde sie richtig gut. Für gewöhnlich höre ich im Auto nur Talk Radio. Die Radiolandschaft in den USA ist extrem langweilig.

Jörg:
Woher kam die Idee, außerhalb der regulären Drums so massiv Percussion in eure Rockmusik einzubinden?

Eric:
Das stammt ursprünglich von meinem Freund Chris Howard. Vielleicht habe ich mal den einen oder anderen Percussionpart mit angeregt, aber er ist derjenige, dem die Idee zu verdanken ist. Ich mag diese Sache, weil sie die Lieder ein bisschen auflockert, dich eben etwas außerhalb der regulären Drums bringt, wie du schon sagtest.

Jörg:
Wie wichtig sind die Texte für dich? Gibt es d a s UNDER-RADIO-Thema?

Eric:
Da ist die eine Seite der Münze, wo die Texte sehr wichtig sind, wo du also wirklich etwas zu sagen versuchst, und es gibt die andere Seite, wo du sagen kannst, was immer du möchtest und wenn es cool ist, dann ist es eben cool. Wenn man beispielsweise einen Refrain hat, der lautet "I wanna rock and roll all night and party everyday", so ist das nicht gerade die intellektuellste Sache auf der Welt, aber wenn es rockt und abgeht, dann ist es eben perfekt. Wie auch immer, wenn du etwas Komplexeres aussagen willst, wirst du dir ein paar intelligentere Sätze einfallen lassen müssen.

Auf der "Bad Heir Ways"-CD gibt es ein Thema. Sie stellt sicherlich alles andere als ein Konzeptalbum dar, aber du kannst ständige Bezüge auf Autos, Krieg und psychologisches Fehlverhalten finden. Außerdem existieren einige zeitgeschichtliche Verweise, denn wir haben zwei Songs, die sich auf die Periode um den Ersten Weltkrieg beziehen. '1916' ist über die Haiangriffe in New Jersey in diesem Jahr und 'Noel (The Christmas Truce)' handelt von einer historischen Begebenheit. Die Songs sind also locker miteinander verflochten.

Jörg:
Bist du zufrieden mit dem neuem Album? Wo, denkst du, liegen die Hauptunterschiede zu eurem Debüt?

Eric:
Insgesamt bin ich sehr glücklich damit. Es gibt immer Dinge, die ich mir im Nachinein noch mal vornehmen und ändern würde und die ich cooler oder besser machen könnte. Auf dieser Veröffentlichung habe ich absichtlich einem Heavy-Mix für die Gitarren bevorzugt mit einer durchgehend sehr rauhen Produktion. Klar geht das gegen den Trend in der heutigen Musik. Es ist ja kein Geheimnis, dass man mit Pro-Tools alles superglatt polieren kann. Unsere neue Veröffentlichung ist grundsätzlich etwas "eqing" [d.h. mit aufgedrehten Bässen und Höhen – Anm. Jörg] und ein wenig Hall/Echo auf den Vocals. Alles andere ist zum Großteil ungeschliffen und wenn ich Effekte benutze, dann verwende ich Stomp-Boxen.

Jörg:
Auf dem Coverbild sind Menschen in Steinhüllen auf einem Meer zu sehen und im Vordergrund jemand, der sich daraus zu befreien sucht. Welche Bedeutung verknüpfst du mit dem Coverbild?

Eric:
Das Cover zeigt verschiedene Figuren auf schachbrettförmigen Fundamenten. Die Figuren versuchen sich aus dem Beton zu befreien, bevor das Wasser steigt. Auf dem Backcover kann man sehen, was übrigbleibt, nachdem das Wasser gestiegen ist. Die Aquarellzeichnungen im Innensleeve sind Kritzeleien, die ich gemalt habe, während mir langweilig war.

Jörg:
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Mark Zonder von FATES WARNING?

Eric:
Ich bin mit Mark seit ungefähr sieben Jahren befreundet. Ein gemeinsamer Freund erwähnte, dass Mark etwas außerhalb von FATES WARNING machen wollte und stellte uns einander vor. Witzigerweise machte mich Petrucci mit der Musik von FATES WARNING bekannt, als ich damals Lehrstunden bei ihm nahm. Ich nahm mir alle Taktarten der "Perfect Symetry" vor, als eine Studie in ungewöhnlichen Taktarten. Wie auch immer, als ich Mark traf, wollte keiner von uns den Schwerpunkt der Musik darauf setzen und wir machten alles im 4/4-Takt. Auf der ersten UNDER-RADIO-CD entstanden alle drei Stücke, die ich mit Mark zusammen schrieb, als eine echte Gemeinschaftsarbeit. Auf der neuen CD spielte Gregg Bissonette die Drums ein, bis auf das eine Lied, bei dem Mark mitspielte.

Jörg:
Kommt euer Sänger Robbie Wycoff eigentlich aus der Blues-Ecke? Er klingt zumindest so...

Eric:
Ja!! Robbie hat definitiv einen Blues-Rock-Background und ich liebe das. Ich mag es definitiv, Blues-Elemente in die Musik von UNDER-RADIO einzubringen. Für mich existiert eine Unvollkommenheit in der Vollkommenheit und Blues ist genau die Musik, die nicht danach klingt, als wäre sie mit einem Lineal abmessen worden. Ich mag einen rohen Lauschangriff und ich denke, du bekommst Ergebnisse, die du gar nicht willst, wenn du versuchst, alles zu perfekt durchzuplanen. Beispielsweise gibt es in dem Lied 'Devils From A Midwest Town' zwei Rhythmusgitarren. Den linken Kanal habe ich nach zwei Durchgängen aufgenommen und den rechten in einem. Die Gitarren sind lässig, mal absolut harmonisch im Einklang mit dem Song, mal absolut disharmonisch im Song. Doch es klingt wie Rock ’n’ Roll und funktioniert. Ich merkte, wenn ich versuchen würde, es nach Blues klingen zu lassen, würde es kein Blues mehr sein. Die Musik entspricht den Lyrics und dem Inhalt – und damit passt es. Das Lied handelt von diesem Bonnie-und-Clyde-Ding, bei dem zwei Ausgeflippte sich ihren Weg durch den mittleren Westen schießen, um sich Anerkennung zu verschaffen.

Das Verrückte dabei ist, dass es wiederum Dinge gibt, die man mehr technisch und kontrolliert angehen muss. In dem Stück 'Cornerstone' zum Beispiel gibt es innerhalb des überbrückenden Instrumentalparts dieses Stakkato-Riff, das bei der sechzehnten Note abbricht. Würde man diesen Part zu locker und nachlässig spielen, würde er idiotisch klingen. Du brauchst also immer den richtigen Ton für den jeweiligen Part. Beginne kein Baseballspiel mit einem Fußball, wenn du weißt, was ich meine.

Jörg:
Du bist auch ein erfahrener Producer. Wie ist es für dich, deine eigene Musik zu produzieren? Ist es schwer einen "objektiven" Blick zu behalten?

Eric:
Ich mag es, meine eigene Musik zu produzieren. Es kann schwer sein, objektiv zu bleiben. Also nehme ich für gewöhnlich erstmal ein paar einfache Demo-Ideen auf und lasse sie für eine Weile liegen und komme später wieder auf sie zurück. Wenn ich sie dann gut finde, arbeite ich weiter mit ihnen, wenn nicht, begrabe ich die Idee. Auf der letzten CD habe ich einige Songs rausgeschmissen, weil ich dachte, dass sie richtiger Mist sind. Außerdem frage ich einige Freunde nach ihrer Meinung, und sie äußern ihre ehrliche Ansicht.

Jörg:
Im Pressinfo lese ich, dass du dich stark für Kampfkunst interessierst. Welche Art von Kampfkunst trainierst du? Ist das mehr ein Sport für dich oder verbindest du damit irgendwelche Werte?

Eric:
Ich lerne Krav Maga. Das ist definitiv mehr ein Sport für mich – insbesondere, weil ich seit einem Jahr nicht ein verdammtes Fitzelchen dafür getan habe. Haha. Ich werde im Sommer wieder ein bischen mehr machen, aber ich habe einfach zu viel zu tun, um mich richtig dahinterzuklemmen. Es interessiert mich rein aus Gründen der Selbstverteidigung.

Jörg:
Werdet ihr eigentlich auch in Europa touren? Vielleicht in Deutschland?

Eric:
Ich würde es gerne tun. Wenn es geschehen sollte, dann erst nach der dritten CD. Realistisch gesehen, muss es natürlich eine Nachfrage dafür geben.

Jörg:
Was sind eure nächsten Pläne mit UNDER-RADIO?

Eric:
Ich bin vor kurzem nach Dallas, Texas, gezogen und ich liebe die Gegend. Mein Frau und ich bauen gerade ein Haus und ich baue ein richtig gutes Studio mit ein. Ich plane, eine neue UNDER-RADIO-CD aufzunehmen mit der neuen Ausrüstung und den neuen Ideen, die ich habe. So weit ich das jetzt sagen kann, wird diese CD düsterer ausfallen. Ich denke, das ist schon ein wenig seltsam für jemanden, der sich über nichts in seinem Leben beklagen kann.

Jörg:
Danke für das Interview und die ausführliche Beantwortung der Fragen!

Eric:
Danke für die coolen Fragen!

Redakteur:
Jörg Scholz

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