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UNDERTOW: Interview mit Thomas Jentzsch und Rainer Pflanz

22.05.2006 | 17:22

Interview mit Tom (Bass) und Rainer (Schlagzeug) von UNDERTOW - http://www.undertow.de - am 31. März 2006 im LKA in Stuttgart.

Lars:
Ihr hattet vor einer Woche die Release-Party für euer neues Album "Milgram" in Aalen. Wie waren die ersten Resonanzen nach dem Konzert?

Tom:
Das Konzert war ein Flash. Wir haben zu jedem Album eine Release-Party gemacht, weil wir eine gewisse Bindung zu der Gegend haben, wo wir herkommen, und wir das mit den Leuten feiern möchten, wo wir angefangen haben. Es war Veröffentlichungstermin und Release-Party. Das Album war Ende November fertig und wir waren sehr gespannt auf die ersten offiziellen Reaktionen. Vor einem Monat ging es los mit den Reviews der Print -und Online-Mags. Was soll ich sagen - es ist der Hammer. Wir sind völlig platt. Auch wenn die Punktzahlen oder - in Bezug auf die Print-Magazine - die Soundcheck-Positionen nicht so gut sind wie bei "34CE", wo wir im "Hammer" auf dem 2. Platz waren und im "Rock Hard" auf Platz 6, so sind wir dieses Mal besser bei den Durchschnittszahlen.

Lars:
Ihr habt euch selbst mit dem neuen Album "Milgram" bezüglich der Reviews gegenüber dem letzten Album "34CE" nochmals getoppt?

Tom:
Die Reviews zu "34CE" waren schon im Gegensatz zu "Unit E", dem Album davor, supercool. Wir hatten zum ersten Mal einen anderen Produzenten. Wir hatten auch zum ersten Mal den Sound, den wir wollten. Bei "Milgram" haben wir wieder mit dem selben Produzenten zusammen gearbeitet. Die Reviews sind aber im Vergleich zu "34CE" inhaltlich wesentlich mehr nach unserem Geschmack, weil man uns attestiert hat, was wir eigentlich schon immer wollten. Es war jahrelang halt so und es ist auch jetzt noch immer so, dass in 90 % aller Reviews der Name CROWBAR auftaucht. Wir waren mit CROWBAR auf Tour. Der Sänger hat bei uns auf einem Album mitgesungen - coole Band, aber schon auf "Unit E" sind viele Sachen drauf gewesen, die man nicht mehr mit dem "CROWBAR-Sandförmchen" erklären kann.

Lars:
Ihr habt euch mit dem neuen Album emanzipiert?

Tom:
Das klingt so als wäre es Absicht. Es ist einfach so.

Lars:
Ihr habt euch entwickelt?

Tom:
Ja, also das ist ganz wichtig. Ich mag am liebsten immer die Bands, die sich mit jedem Album verändern. Die nicht jedes Mal das gleiche Album aufnehmen. Es gibt Bands die dürfen das, die müssen das - AC/DC, BAD RELIGION - das ist ja auch okay. Bei uns war das schon immer so, dass wir nie analysiert und gesagt haben: "Oh, wir hatten auf dem letzten Album vielleicht zu wenig schnelle Songs, lass uns das auf dem nächsten Album geplant so machen" - ist nicht so. Wir treffen uns ein- bis zweimal die Woche zum Proben, und da kommt was kommt, wir kauen drauf rum, verwerfen manches, und manches landet dann eben auf dem Album.

Lars:
Das Album als Ausdruck eines fortlaufenden Kreativitätsprozesses und somit eine Momentaufnahme?

Tom:
Ja, Momentaufnahme. "Milgram" ist der Stand.

Lars:
Ihr habt mit "Milgram" einen Titel gewählt, der anlehnt an den Namen "Stanley Milgram", Sozialpsychologe, der in den 60er Jahren Experimente zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität durchgeführt hat. Gab es einen bestimmten Grund, das Album so zu nennen?

Tom:
Die Titel der Vorgänger-Alben "Harm OnE", "Unit E" und "34CE" waren alle wortwitzartig aufgebaut. Es waren immer mehrere Interpretationen dieser Titel möglich. Bei "34CE" war einerseits diese Drei für die Anzahl der Bandmitglieder - Dreiermacht, Dreigestirn -, andererseits unser drittes offizielles Album und unser viertes, wenn man das Demo "Slope" mitzählt. Für uns war klar, dass alle wieder ein Wortspiel erwarteten; im Freundeskreis gab es auch schon die ersten Scherze darüber. Irgendwann haben wir gesagt, wir werden definitiv kein Wortspiel machen. Wir wollten etwas anderes. Dann hatte das Kind eine ganze Zeit lang keinen Namen. Ich habe dann irgendwann, weil ich ja kein Psychologe bin, sondern Bibliothekar, was über das Milgram-Experiment gelesen, und ich habe es am Anfang echt nicht geglaubt. Es lässt sich für mich auf so viele Situationen übertragen, dass eben irgendjemand sagt, was man tun soll, weil es gut ist dafür und dafür. Beispiele aus Musik, Politik und Religion gibt es genügend. Es ist nicht so, dass dieses Album ein Konzeptalbum ist, aber der Gedanke, wenn jemand schreit nach rechts gehen, schaue ich auf jeden Fall nach links, steht im Hintergrund, und ein paar Texte lassen sich in dieser Richtung lesen.

Lars:
Wann geht ihr mit dem neuen Album auf Tour?

Tom:
Wir haben Glück, besonderes Glück, dass es geklappt hat. Besonders deswegen, weil wir alle berufstätig sind, und zwar alle so berufstätig sind, dass wir sagen, wir haben in irgendeiner Weise unseren Traumjob und würden den für die Musik nicht hinschmeißen. Mit der Musik, die wir machen, ist eh kein Geld zu verdienen. Insofern war es für uns cool, dass wir eine Plattenfirma gefunden haben, die an das Material glaubt, dass sie und wir damit Geld verdienen können und sie uns die Aufnahme ermöglicht. Unser Sänger Joschi ist Krankenpfleger auf einer psychiatrischen Station. Quelle vieler Inspirationen für Texte. Er muss seinen Urlaub im Dezember des Vorjahres für das kommende Jahr angeben. Und als wir wussten, das Album kommt im März raus, war klar, der Joschi nimmt im April Urlaub. Unser Booker hat die PRO PAIN-Tour aufgerissen und das ist ideal. Ab 18. April spielen wir für knapp zwei Wochen mit PRO PAIN, und was für uns sehr cool ist, wir kommen zum ersten Mal in viele Länder, in denen wir zuvor nie gespielt haben - Frankreich, Belgien, Tschechien, Österreich und Schweiz. Das ist cool.

[Rainer kommt zum Interview hinzu.]

Lars:
Wer sind die Menschen hinter UNDERTOW? Haben die Familie? Haben die Kinder? Was waren die musikalischen Einflüsse?

Tom:
Das sind jetzt viele Fragen. Fangen wir mit der familiären Situation an. Unser Sänger lebt mit seiner Freundin zusammen und ist seit zweieinhalb Jahren Vater einer Tochter. Das ist auch ein Grund, warum sich in unserer Band einiges geändert hat. Da er früher in seiner Freizeit viel Gitarre gespielt hat und sich dieses, seit er Vater geworden ist, geändert hat, kommt er nicht mehr mit fertigem Material in den Probenraum, so dass wir mehr zusammen dran arbeiten. Auch weil der Rainer, unser neuer Drummer seit zwei Jahren, einen ganz anderen musikalischen Hintergrund hat. Wir jammen, was wir früher nie gemacht haben. Es entsteht mehr zusammen. Ich bin seit Jahren mit meiner Freundin zusammen und werde im Juli zum ersten Mal Vater. Unser Schlagzeuger hat eine Freundin. Er ist Lehrer und gerade am Ende seiner Ausbildung.
Joschi und ich haben uns in der Disco kennengelernt. Wir sind dort wegen der Musik hingegangen und wir kaufen bis heute total viele CDs im Monat. Wir checken die neuen Bands, entdecken auch neue. Das war die Motivation, selbst mit Musik anzufangen, vor 13 Jahren. Es war und ist die Motivation, dass man selbst Musik liebt und genießt, sie zusammen zu spielen.
Und dann ging es so weiter, dass eines Tages jemand, der gerade angefangen hatte sein eigenes Label zu machen, uns haben wollte. Wir hatten nichts verschickt. Wir hatten nie daran gedacht, das zu professionalisieren, geschweige denn einen Plattenvertrag zu haben.
Zu den musikalische Einflüssen gehörten METALLICA und SCORPIONS. Meine erste Platte war von den SCORPIONS ("World Wide Live"). Richtig Gefallen an der Situation habe ich gefunden als Bands wie HELMET, PRONG und LIFE OF AGONY anfingen, neue musikalische Wege zu beschreiten, und die "Klischees" aufbrachen. Kutten und Nieten waren nie mein Ding, aber: Jedem das Seine. Dann haben wir angefangen, selber Musik zu machen. Ich denke, man ist bis zu einem gewissen Grad immer das Produkt von den eigenen Einflüssen. Es haben nur ganz wenige Bands diesen Touch, musikalisch noch nie Dagewesenes vorzulegen - SYSTEM OF A DOWN, TOOL, RAGE AGAINST THE MACHINE...

Lars:
Auf eurer Homepage steht, dass ihr eure Musik u. a. als "klischeefrei" bezeichnet. Kannst du das umrahmen?

Tom:
Klischee, das ist eine Sache vom Standpunkt des Betrachters. Ich denke, wenn meine Mutter unsere Musik hört, dann sind wir genauso schrecklich wie MARILYN MANSON, aber wir schminken uns nicht und inszenieren uns nicht. Bei uns ging es immer nur um die Musik. Wir haben uns nie Gedanken gemacht, welche Klamotten wir auf der Bühne tragen, sondern nehmen die, die wir auch privat tragen. Auch müssen wir keine Mysterien um die Welt aufbauen. Einfach unverkrampft.

Lars:
Ferner steht dort, dass "hochgradig wiedererkennbare Songstrukturen)" eines eurer Trademarks sind. Was meint ihr damit?

Rainer:
Beim ersten Hinhören wirken unsere Songs oft undurchschaubar, aber nach mehrmaligem Hören sind sie eingängig. Wir spielen das, was uns im Probenraum gefällt.

Tom:
Es war nie ein Kriterium zu zeigen bzw. es gibt keinen Anlass zu sagen, dass wir komplizierte Musik machen möchten.

Lars:
Wenn man diese Dreiteilung von Beruf, den Familien, die im Laufe der Zeit hinzu gekommen sind und dem Erfolg mit dem neuen Album - wie lässt sich das alles noch handhaben? Ihr gebt euren Urlaub, um auf Tour zu gehen. Irgendwann ist die Energiequelle vielleicht auch mal leer, oder?

Tom:
UNDERTOW gibt uns Bestätigung. Ich sehe das nicht als verschwendeten Urlaub. Das ist das, was wir am liebsten machen. Es ist jetzt über die 13 Jahre gegangen, das mit sämtlichen anderen Interessen zu koordinieren, und so wird das auch weiter gehen. Wir würden unsere Jobs nicht dafür geben, ich würde meine Beziehung sicherlich nicht dafür geben, aber meine Freundin und mein Arbeitgeber wissen seit Jahren, dass dieses ein wesentlicher Bestandteil von meiner Persönlichkeit ist. Meine Freundin würde nie auf die Idee kommen zu sagen, du musst dich jetzt entscheiden zwischen mir und dem (zukünftigen) Kind und der Band. Sie weiß, dass das Eine nicht ohne das Andere geht. Tom und Musik - das gehört zusammen.

Lars:
2006 - das erste Quartal ist herum. Was glaubt ihr, wie dieses Jahr wird? Gibt es besondere, große Veranstaltungen, wo ihr auftreten werdet?

Tom:
Ich gehe davon aus, dass wir mit "Milgram" im ersten Veröffentlichungsjahr mehr Konzerte spielen wollen als mit "34CE". Mit "34CE" waren es 27 Konzerte im Jahre 2003. Für 2006 sind 22 bestätigt. Ich glaube, wir werden es packen. Wir freuen uns besonders auf die Festivals "Summer Breeze" - http://www.summer-breeze.de -, da dorthin sehr viele Bands kommen, die wir selbst toll finden, und "Rock am Härtsfeldsee" - http://www.rockamhaertsfeldsee.de -. Da sind wir total geplättet, denn der bestätigte Headliner für den Tag, an dem wir spielen, ist ALICE COOPER. Das ist eine Legende. Das ist cool. Zuvor im April, die PRO PAIN-Tour, wird auch eine große Geschichte.

Rainer:
Ich freue mich nicht auf die Tour, denn ich komme nicht mit (beide lachen). Um noch mal auf die vorherige Frage zurückzukommen. Manchmal ist das schon schwer miteinander zu vereinbaren. Manchmal denke ich, ich führe ein Doppelleben. Vormittags Viertklässler zu unterrichten und abends im Probenraum oder auf der Bühne zu sein. Ich glaube, meine Lehrerkollegen können nicht ganz nachvollziehen, was ich abends so mache, aber gleichzeitig gibt es mir, obwohl es körperlich viel Energie kostet, auch sehr viel zurück.

Lars:
D. h., es gibt immer jemanden, der einspringen kann für diese Situationen?

Tom:
Das gab es bisher eigentlich nicht. Bisher ließ sich das immer arrangieren. Wenn Rainer nicht konnte, dann hieß es, wir können die Show nicht spielen. Aber jetzt, so eine Sache wie eine Tour absagen zu einem Album, das gerade veröffentlicht wurde, da hätte uns das Label den Hals umgedreht. Deswegen haben wir gesagt, wir müssen die Tour spielen und wir müssen jemanden finden, der mit uns unsere Gigs spielen kann. Natürlich spielen wir am liebsten mit Rainer. Wir haben einen Schlagzeuger gefunden, der das sehr gut macht. Vor allem auch in Anbetracht der Zeit, die wir hatten, uns aufeinander einzuspielen. Das wird.

Lars:
Gibt es auf "Milgram" Stücke, von denen Ihr sagt: "Da fühlen wir uns besonders gut; da kommen wir voll zur Geltung; da gibt man alles; da bin ich voll in meinem Element"?

Rainer:
Als Schlagzeuger gesprochen ist 'Two Fingers' mein absoluter Lieblingssong, weil ich da schon ein bisschen angeben darf. Vom Bandfeeling her 'Stomping Out Ignorance', 'D-Mood' und 'Crawler'.

Tom:
Mir fällt als erstes 'Homemade Funeral' ein, weil man den Song richtig schön zelebrieren kann. Den haben wir schon ultra-langsam gespielt und er hat trotzdem noch super geschmiert. Er ist einer der Songs, der sehr früh entstanden ist.

Rainer:
Sogar der erste, den wir in der Neu-Besetzung geschrieben haben.

Tom:
Wobei, als er am entstehen war, dachte ich: "Oh Gott, oh Gott - alle werden uns wieder mit CROWBAR vergleichen". Eine der Qualitäten, was uns auch in den Reviews attestiert wird, ist eben, dass das Album sehr abwechselungsreich ist. Das genießen wir, dass es nach einer Band klingt, die sehr breit vorgeht. Wir haben sehr doomige Nummern, wie 'Homemade Funeral', wir haben Songs, die richtig in die Bässe gehen, wie 'D-Mood' und Groove-Monster wie 'Crawler'.

Lars:
POWERMETAL.de dankt euch für dieses Interview.

Tom:
UNDERTOW danken POWERMETAL.de für dieses Interview.

Lars:
Wir wünschen euch ein wunderbar erfolgreiches Jahr. Jeder für sich mit seiner Familie und natürlich bei den ganzen Gigs, die da kommen werden.

(Lars Mischke)

Redakteur:
Gastautor

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