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UNHEILIG: Interview mit Graf

01.02.2005 | 00:33

Kaum hat der Graf alias UNHEILIG die EP "Freiheit" veröffentlicht, schon steht mit "Gastspiel" die erste Live-CD der Bandgeschichte in den Regalen. Der Graf – Sänger, Songschreiber und Produzent in Personalunion – bittet zur Online-Audienz und lässt dabei tief in sein Inneres und sein musikalisches Schaffen blicken.

Carsten:
Kurze Vorfrage: Wie bist du eigentlich auf dein Pseudonym gekommen?

Graf:
In dem Namen "Der Graf" steckt im Grunde mehr von meiner Person, als man im ersten Moment vermutet. Der Name gibt mir auch die Möglichkeit, die Musik zu transportieren. Der Name rahmt für mich die Musik ein.

Carsten:
Dann lass uns gleich mal zum neuen Album kommen. Auf "Gastspiel" ist gar nicht angegeben, bei welchem Konzert das Album aufgenommen wurde. Oder enthält das Album Mitschnitte von der gesamten Tour?

Graf:
Wir haben bei einigen Auftritten einfach mal alles aufgenommen, um zu schauen, was danach dabei herauskommt. "Gastspiel" war eigentlich nicht geplant, schließlich wussten wir ja nicht, wie die Tour wird. Im Nachhinein habe ich dann von einigen wenigen Auftritten die besten Songs ausgewählt für "Gastspiel". Die meisten Songs stammen allerdings von einem Auftritt am Anfang der Tour. Ich bin sehr froh darüber, dass alles so gut geklappt hat.

Carsten:
Gerade bei der Zugabe schienst du ja ziemlich überwältigt von den Reaktionen der Zuschauer. War die Stimmung wirklich so gut und wie viele Gäste waren eigentlich da?

Graf:
Die Tour hat in kleineren Clubs stattgefunden. Es waren im Durchschnitt ca. 400-500 Gäste da. Es war einfach überwältigend, als das Publikum so gut mitging und die Auftritte zu etwas Besonderem machten. Dieses Gefühl werde ich nie vergessen.

Carsten:
Und wie war die gesamte Tour im Rückblick?

Graf:
Die Tour war ein voller Erfolg für uns. Alles hat funktioniert und ich denke, so etwas ist sehr selten.

Carsten:
Bist du zufrieden mit dem Ergebnis, das auf "Gastspiel" nun zu hören ist?

Graf:
Es ist immer schwierig, die Waage zu finden zwischen Live-feeling und Klang bei einem Live-Album. Das ist immer Geschmackssache. Ich habe "Gastspiel" gemischt und bin daher nach meinem Empfinden gegangen. Genauso mache ich es, wenn ich Songs produziere. Ich denke, ich habe eine gesunde Mischung gefunden.

Carsten:
Hast du mal daran gedacht, neben der CD auch eine DVD raus zu bringen? Das macht ja inzwischen fast jede Band.

Graf:
Wenn die Zeit reif ist, wird mit Sicherheit eine DVD kommen. Allerdings muss auch hier der Inhalt an Material eine DVD rechtfertigen, bevor einfach etwas veröffentlicht wird. Mal sehen, was 2005 so kommt.

Carsten:
Ich war verwundert, wie nahe Songs wie beispielsweise 'Fabrik der Liebe' live am Original waren. Gerade beim Refrain musst du live einige Samples benutzt haben.

Graf:
Ich versuche bei den Live-Auftritten immer so nah wie möglich ans Original heran zu kommen. Dazu bediene ich mich natürlich auch verschiedener Drumloops, Samples etc. Bei 'Fabrik der Liebe' habe ich auch meine eigenen Chor-Samples benutzt.

Carsten:
Waren 17 Tracks eigentlich wirklich zu viel, um sie auf eine CD zu pressen?

Graf:
Wir hatten ziemlich viel gutes Material, welches nicht alles komplett auf eine CD passte. Daher kam die Idee zwei CDs zu machen. Auf der einen das Konzert und auf der anderen die Zugaben. Der Zuhörer bekommt somit einen realen Ablauf eines UNHEILIG-Konzertes geboten, da auf der zweiten CD die aufgezeichneten Zugaben der Konzerte sind.

Carsten:
Die meisten Songs stammen ja vom vorigen Album "Zelluloid". Ist das aus deiner heutigen Sicht das beste UNHEILIG-Album bzw. welche Bedeutung hat das Album für dich? So weit ich weiß, wolltest du mit "Zelluloid" auch den Tod einiger Freunde überwinden.

Graf:
Ich kann heute nicht sagen, ob "Zelluloid" das beste Album ist. Ich habe mich sicherlich mit jedem Album weiter entwickelt. Es heißt, dass wir im Augenblick des Todes unser Leben wie einen Film vorüberziehen sehen. Bruchstücke aus unserer Vergangenheit, die tief in uns vergraben waren. Ängste, Ereignisse, unerfüllte und erfüllte Wünsche. Menschen, die wir liebten und uns verletzten, sowie Hoffungen und Träume, die uns begleitet und geprägt haben, soll man in diesem Moment sehen können. Das war mein Grundgedanke zu "Zelluloid". "Zelluloid" ist ein Rückblick in meine Vergangenheit, eine Art Film, der vor dem geistigen Auge abläuft. Jeder, der die Songs hört, hat die Möglichkeit durch die Musik in mein Leben zu schauen, da die einzelnen Titel sich an eben diesen Momenten aus meiner Vergangenheit orientieren.

Carsten:
Sind Songtexte generell ein Ventil für deine Gefühle? Spiegeln sie auch stets einen Teil von dir wieder?

Graf:
Alles, was mich umgibt, worüber ich nachdenke und was mich beschäftigt, sind die Inhalte meiner Songs. Songs sind immer eine Art Momentaufnahme. Sie sind das, was mich in dem Moment beschäftigt hat, als ich den Song geschrieben habe. Wenn ich ein Lied schreibe, z.B. über einen Menschen der gestorben ist, dann spielt Religion und Liebe natürlich eine Rolle für mich und diese Thematik fließt mit in den Titel ein. Musik hilft mir, dass Geschehene zu verarbeiten und damit klarzukommen. Bei vielen Menschen ist das nicht anders, daher finden sie sich wahrscheinlich in den Songs wieder.

Carsten:
Auf dem ersten UNHEILIG-Album gab es noch viele englischsprachige Songs. Heute sind deine Texte in der Regel auf Deutsch. Wie kam es zu diesem Wandel?

Graf:
Ich habe mich nach dem ersten UNHEILIG-Album "Phosphor" dafür entschieden, nur noch in Deutsch Lieder zu schreiben. Einen speziellen Grund gab es nicht, die Ideen waren einfach dafür da. Es macht mir auch viel mehr Spaß, deutsche Texte zu schreiben als englische. Man kann die Dinge viel klarer sagen, wie sie sind, als in einer anderen Sprache. Der Umgang mit der deutschen Sprache kann sehr vielschichtig sein, wenn man sich damit auseinandersetzt.

Carsten:
Wie würdest du deine musikalische Entwicklung seit "Phosphor" beschreiben?

Graf:
Wenn ich alle Alben von UNHEILIG miteinander vergleiche, merke ich, dass neue Songs reifer und fertiger im Bezug zu den Vorgängern klingen. Sie kommen der Grundidee am Anfang eines Songs immer näher als früher.

Carsten:
Hast du die Jahre über eigentlich immer mit denselben Musikern zusammen gearbeitet oder hast du gern auf jedem Album bzw. auf jeder Tour andere Mitstreiter?

Graf:
Seit Anfang 2003 mache ich alles alleine, ohne andere Musiker, Produzenten oder Sänger. Ich komme so der Grundidee für einen Song viel näher und das Arbeiten ist wesentlich entspannter. Ich kann auch nicht von anderen Musikern erwarten, dass sie mir Tag und Nacht zum Einspielen zur Verfügung stehen. Da mache ich es lieber selber, da ich so viel unabhängiger bin. Live sieht das anders aus, da nehme ich mir Gastmusiker.

Carsten:
Was sind in deinen Augen eigentlich die Vorteile einer – nennen wir es mal – Ein-Mann-Band? Und hast du im Lauf der Jahre auch Nachteile festgestellt?

Graf:
Ich hatte jedes Album im Grunde schon vorher selber gemacht, bis andere Musiker oder Produzenten sich einige Songs noch vorgenommen haben. Das war zum damaligen Zeitpunkt auch vollkommen in Ordnung, da ich zu der Zeit noch nicht so weit war, alles alleine zu machen. Für mich stand und steht immer die Musik im Vordergrund und ich bin ziemlich extrem in meinem Arbeiten daran. Ich stecke jegliche Energie in die Musik. Ich glaube mittlerweile, dass es fast unmöglich ist, Musiker oder Produzenten zu finden, die genauso verrückt sind wie ich. UNHEILIG bin ich und einige sehr wichtige Menschen, die mich in allem unterstützen.

Carsten:
Auf "Zelluloid" war ja stilistisch alles von Electro über Gothic Rock bis hin zu Balladen vertreten. Welche Bands und welche Stilrichtungen hörst du selbst?

Graf:
Wenn ich Musik höre, muss ich dabei irgendetwas fühlen können. Das kann irgendeine Emotion sein, aber keine Bestimmte. Ich muss mich einfach darin wieder finden können. Bei den eigenen Songs steht das für mich immer im Vordergrund. Wenn ich einen Song schreibe oder produziere, höre ich ihn unendlich oft und irgendein Gefühl muss dann immer noch da sein. Wenn ich Musik höre, habe ich auch immer Bilder oder eine Geschichte im Kopf, die durch einen Song entstehen. Ähnlich wie beim Lesen eines Buches. In allem muss ich mich wieder finden können, ansonsten hat der Song für mich keinen Sinn. Ich höre allgemein nicht viel andere Musik, weil ich mich so wenig wie möglich beeinflussen lassen möchte. Generell ist es aber so, dass ich quer durch die Bank höre und einfach nur von der Musik berührt werden muss.

Carsten:
Was hältst du eigentlich von RAMMSTEIN? Beispielsweise erinnert mich 'Gib mir mehr' textlich teilweise an 'Ich will'. Zumindest scheinen sie eine Inspiration für dich zu sein, oder?

Graf:
RAMMSTEIN haben in meinen Augen das geschafft, was im Grunde jeder Musiker will. Seinen eigenen Musikstil finden und entwickeln. Ähnlich wie bei jedem anderen bekannten Stil, ob Pop, Metal, Future Pop etc. Bei jedem Stil gibt es immer ein Beispiel, wer den Stil geprägt hat. Musikstile, die man gut findet, beeinflussen jeden Künstler und spiegeln sich in jeder bekannten Musik wider. Bei UNHEILIG ist das auch nicht anders. Ich habe aber bereits meinen Stil entwickelt, bevor ich RAMMSTEIN kannte. Von daher kann ich nicht sagen, dass sie eine Inspiration für mich sind. Ich werde oft wegen meiner tiefen Stimme mit RAMMSTEIN verglichen. Ich denke jedoch, dass mein Gesang sich deutlich unterscheidet, zumal ich auch teilweise höher singe. Meine Musik unterscheidet sich auch thematisch von RAMMSTEIN. Grundsätzlich kann ich aber auch sagen, dass ich RAMMSTEIN gut finde und es sicherlich schlimmere Vergleiche geben könnte.

Carsten:
Du hast auch schon Remixe für andere Bands wie bspw. TERMINAL CHOICE produziert oder SISTERS OF MERCY gecovert. Welche Bedeutung haben solche Experimente für dich?

Graf:
'This Corrosion' gehört für mich zu den besten Songs, die in der Vergangenheit von SISTERS OF MERCY entstanden sind und ich bin mit diesem Song im Grunde aufgewachsen. Diesen Song zu covern hatte einen riesigen Spaß gemacht. Ich stehe Covernummern und auch Remixen immer offen gegenüber und denke schon ab und zu darüber nach, welcher Song mich reizen würde. Geplant ist in dieser Richtung aber noch nichts.

Carsten:
Du hast deine Fans ja zuletzt im Internet oft abstimmen lassen, welche Songs z.B. als Single ausgekoppelt werden sollen. Wie würdest du dein Verhältnis zu deinen Fans beschreiben?

Graf:
Die Fans konnten wieder per Voting auf der UNHEILIG-Homepage wählen und somit entscheiden, welcher Song ausgekoppelt wurde. Der einzige, der sagen kann, welcher Song gut ist, sind die Fans, da ich für sie ja auch die Musik mache. Ich nehme die Fans wichtig und versuche auch, alle Wünsche zu erfüllen und mir speziell bei Live-Auftritten viel Zeit für Autogramme, Fotos und Gespräche zu nehmen. Das macht mir Spaß und ich weiß genau, dass ich ohne die Fans meiner Passion nicht nachgehen könnte.

Carsten:
Und wie würdest du deinen Stellenwert in der schwarzen Szene einschätzen?

Graf:
Ich habe der Szene im Grunde alles zu verdanken. Ich sage immer, UNHEILIG hat dort die ersten Schritte gemacht und die schönsten Momente meines Lebens habe ich dort gefunden. Die Szene und speziell die dort gefundenen Fans gaben und geben mir das Selbstbewusstsein und den Antrieb, immer wieder nach vorne zu schauen. Die Szene ist mein zu Hause.

Carsten:
Zu guter Letzt: Wie schaffst du es eigentlich, deine charismatische Stimme in Schuss zu halten, gerade auf Tour?

Graf:
Das ist wirklich nicht immer einfach. Ich versuche einfach meine Stimme tagsüber zu schonen. Ich trinke Tee mit einem speziellen Honig, den ich extra mitnehme. Mein größter Horror ist eine Erkältung oder Grippe. Aus diesem Grunde muss ich immer etwas vorsichtig sein. Ich musste während einer Tour mal einen Auftritt ausfallen lassen, weil ich erkältet war und keine Stimme hatte. Viele Fans kamen so nicht auf ihre Kosten und das tat mir unheimlich leid. Aus diesem Grunde habe ich da schon eine gewisse Verantwortung.

Redakteur:
Carsten Praeg

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