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VAN CANTO: Listening-Session zu "Tribe Of Force"

16.01.2010 | 22:48

Metal ohne Gitarren, dafür aber mit vier Sängern und einem Schlagzeug? Geht das überhaupt? VAN CANTO sagen: "Ja, natürlich!" Und das nun zum dritten Mal.

Schon an der anliegenden U-Bahnstation schallt es mir in den Ohren. Gut, noch leise, das definitiv, doch mit jedem Schritt in Richtung der Münchner Boxfabrik wird es lauter: "Rakkatakka, rakkatakka..." - die deutsche Heavy-Metal-Variante des A-Capella-Discopop lädt in den Münchner Dreamscape-Studios zusammen mit ihrem neuen Label, Napalm Records, zur Vorstellung der neuesten Platte: "Tribe Of Force". Wie mächtig ist diese mundgeblasene Platte wirklich? Die kommenden sechzig Minuten werden es zeigen.

"Dadurch, dass wir keine Referenz-Bands haben, von denen wir was abgucken können, entwickeln wir uns immer weiter", erklärt uns die hübsche Sängerin Inga, einzige weibliche Stimme im Metal-Chor. "Der große Umbruch war ja zwischen dem ersten und dem zweiten Album, wo wir gemerkt haben, dass wir ein bisschen mehr an der Technik zu arbeiten hatten, vor allem um eine breitere Basis bei den Gitarren- und dem Bass-Sänger hinzubekommen." Kaum sind die Worte ausgesprochen, bricht der Opener des kommenden Albums aus den Boxen. 'Lost Forever' heißt er und wartet nicht nur mit fetten Mundgitarrenwänden auf, sondern weiß vor allem durch ein heftiges, zutiefst groovendes Break auf, ein wahres True-Metal-Feuerwerk, kurzweilig ausgewalzt auf knapp viereinhalb Minuten.

"Wir haben mittlerweile über sechzig Konzerte gespielt", führt Stefan aus. "Da sieht man schon, was ankommt." Und diese Erfahrung merkt man dem nächsten Song, 'To Sing A Metal Song', definitiv an. In bester DREAM-EVIL-Manier wird fetter Heavy Metal geboten. Ein besonderes Highlight sind die Eric-Adams-Screams, die Sly (Leadvocals) erstaunlich gut imitiert. 'One To Ten' wartet mit dem ersten Highlight des Albums auf: RAGE-Gitarrist Victor Smolski zaubert auf in diesem Song einige Soli aufs Parkett, die sich mit den Soli von Stefan zu einem wahren Gitarren-Mund-Duell verbinden. "Victor Smolski ist sicher einer der besten Gitarristen derzeit", schwärmt Stefan. "In diesem Song ging es darum, ein Spektrum zu zeigen. Man kann mit dem beispielsweise genauso wie mit der Gitarre eine Dive-Bomb erzeugen - ebenso wie Blues- oder Speedlicks. Am Ende haben wir eine zweistimmige Gitarrenmelodie: Der eine spielt, der andere singt." Und das funktioniert.

'I Am Human', ein Groove-Kracher vor dem Herrn, leitet zum ersten Highlight des Albums über: 'My Voice'. Obwohl oder vielleicht gerade weil das der einzige Song auf dem Album ist, in dem das ehemalige Markenzeichen der Band, das "Rakkatakka" verwendet wird, steht er erst einmal für sich. Angereichert mit schnellen Mundgitarren und einem fetzigen Thrash-Schlagzeug ergibt sich der eben genannte Kracher. Toll! Doch wer denkt, dass die Platte nun möglicherweise an Drive verliert: weit gefehlt. Denn Song Nummer sechs ist das erste von zwei Coversongs. Schon nach den ersten Tönen wird klar: Jap, ein Volltreffer. 'Rebellion (The Clans Are Marching)' von der deutschen Kultkombo GRAVE DIGGER hat es auf "Tribe Of Force" geschafft. Die zweite Überraschung lässt nicht lange auf sich warten, denn plötzlich ertönt "Bolle" Boltendahl himself. "Der Kontakt wurde über unsere Plattenfirma hergestellt", erzählt Stefan über den Gastauftritt. Auf die Frage, ob sie nicht mit einer Vokal-Version der Dudelsäcke experimentiert hatten, gibt Stefan lachend zu Protokoll: "Naja, zum Kaputtlachen schon (Macht komische Blasgeräusche - Anm. d. Verf.) ... das klingt doch einfach komisch, oder nicht?"

Deutlich ruhiger wird es mit 'Last Night Of The Kings', einer ruhigen, schönen Ballade, irgendwo zwischen 'Bard's Tale' und BLACKMORE'S NIGHT. "FORCE!!!!" heißt dafür umso heftiger am Beginn des Titeltracks 'Tribe Of Force'. Dieser Song ist das, was man im Allgemeinen als den klassischen Power-Metal-Sound bezeichnen würde, und rockt ordentlich. Mit einem RHAPSODY-Intervallsprung zum Schluss macht sich noch so etwas wie Italien-Flair breit. 'Water. Fire. Heaven. Earth.' ist nun ein Song, der vollständig auf Sängerin Inga zugeschnitten ist, die bislang eher im Hintergrund gearbeitet hat. "Unser Sound lebt ja vom Zusammenspiel der beiden Sänger - gerade live merkt man das, wenn sie sich beispielsweise angucken und auf der Bühne interagieren. Deswegen gibt es keine Hierarchie. Mit 'Water...' haben wir einen klaren Song für eine Frauenstimme." "Es ist natürlich auch so, dass eine Frauenstimme bei vier Männerstimmen rausfällt, wenn sie zu laut ist", ergänzt Inga. In diesem Song jedoch arbeitet die Band in bester NIGHTWISH-Manier und erschafft eine schöne, druckvolle Atmosphäre.

Eine Metalband ohne jegliche Frau stellt die Band dar, die am nächsten Cover Schuld ist. Während Stefan eingangs noch erwähnte, dass der Sänger der Band komischerweise nicht als Gastsänger auftreten wollte, ja, sich nicht mal zu einer Antwort herabließ, wird mit den ersten Tönen klar, warum: Was hier angestimmt wird, ist nichts weniger als 'Master Of Puppets' von METALLICA. Dieses Cover besticht druch dicke Vokalriffs und ist vor allem eins: Tausend Mal besser als die letzten METALLICA-Produktionen. Ein weiteres Highlight stellt 'Magic Taborea' dar, eine Nummer, die in Kooperation mit dem Brandenburger Staatsorchester entstanden ist. Leider viel zu kurz, stimmt in diesem Song doch einfach alles: Die klassischen Arrangements verweben sich mit den VAN-CANTO-Metal-Interpretationen zu einem epischen, fantasievollen Stück feinsten Symphonic Metals. Auf die Frage, ob es bald ein Album in dieser Art geben wird, wiegelt Stefan gekonnt ab: "Oh, ich würde gerne so ein Album machen, aber dann müsstest du das Orchester bezahlen..." Nun, da das erst mal nicht zur Debatte steht, bleibt vorerst nur der Genuss dieses Albums.

Und das ist doch eine Menge, denn die letzten beiden Songs haben es noch einmal in sich. "Mit den Songs elf bis 13 wollten wir noch ein bisschen herumexperimentieren", erklärt Stefan. "Während wir bei 'Magic Taborea' eben mit einem Orchester gearbeitet haben, ging es bei den anderen Songs um die Frage, was man mit Stimmen alles machen kann." Um die Frage zu beantwortet: Viel, verdammt viel. 'Hearted' heißt das Experiment, in dem von tiefstem Brummen bis zum höchsten Fiepen alles vorkommt. Inklusive dem letzten Gastmusiker des Albums, Tony Kakko von SONATA ARCTICA. "Tony war sofort zu begeistern", schwärmt Stefan. "Er kannte bis jetzt nur unser 'Wishmaster'-Cover, was ihm sehr gut gefiel, und sagte: Tolle Idee, schön bescheuert - so wie er auch - und schon war er dabei." So einfach kann's gehen. Den Schluss markiert ein Soundtrack für das Kopfkino, der auch als solcher gedacht war: 'Frodo's Dream' nennt sich die Reise durch spannende Klangwelten und beschreibt die Gefangenschaft Gandalfs aus Tolkiens "Herr der Ringe". Voller Atmosphäre markiert der Song einen würdigen Schlusspunkt eines starken Albums.

Die Produktion im Studio von Charly Bauernfeind hat dem Album verdammt gut getan. Es knallt, knattert und hat soviel Drive, dass man sich die stürmischen Fans beim Abgehen zu den neuen Songs außerordentlich gut vorstellen kann - ganz so, wie es sein muss. Die Abkehr vom "Rakkatakka" markiert endgültig den Wendepunkt in der Geschichte von VAN CANTO. Wo früher Speed und Unterkiefer-Epilepsie regierten, steht nun Groove, Power und Heaviness. Das Gefühl für fantastische Melodien kommt den Vokal-Artisten deshalb aber noch lange nicht ab und so bleibt schlussendlich festzuhalten, dass die Band nun vor allem eins zu tun hat: Möglichst schnell auf die Bühne mit dem neuen Material. Doch über eins ist man sich einig: Auch wenn die WISE GUYS hochgeschätzt werden, heißt die Wahl der perfekten Begleitung nach wie vor BLIND GUARDIAN.

Ein besonderer Dank geht an Andrea Friedrich für die Fotos.

Redakteur:
Julian Rohrer

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