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VOODOO KISS/SUMMER BREEZE: Interview mit Achim Ostertag

05.08.2022 | 22:26

VOODOO KISS hat, obwohl die Band um Summer Breeze-Gründer Achim Ostertag heuer mit dem gleichnamigen Album erst das Debüt veröffentlicht, eine langjährige Geschichte hinter sich. Schließlich existieren die Songs auf "Voodoo Kiss" schon seit 25 Jahren und haben massiven Einfluss auf die Entstehung des mächtigen Summer Breeze Festivals in Dinkelsbühl. Und so kommt es, wie es kommen muss, und Achim und seine Mannen kehren passend zum Jubiläum wieder zurück. So lag es nur allzu nahe, mit ihm über "Voodoo Kiss", die Anfänge der Band, die Zusammenarbeit mit Reaper Entertainment und die doch sehr exotischen Zukunftsaussichten von VOODOO KISS zu sprechen.

Hallo Achim, wir stehen kurz vor der Jubiläumsausgabe des Summer Breeze. Wie geht es dir?
Die Stimmung ist auf jeden Fall gut, aber man merkt schon, dass die Schlagzahl deutlich höher ist als beispielsweise 2019 vor dem Festival. Vorab hat keiner dem Ganzen getraut aufgrund der Pandemie und die finalen Zusagen kamen erst in den letzten Wochen und VOODOO KISS tut da sein Übriges, wodurch ich doch mehr zu tun habe als gedacht. Vor allem will man sich nicht blamieren und wir proben daher in jeder freien Minute, hehe.

Richtig, man kennt dich als Summer Breeze-Mitbegründer und -Veranstalter, aber diesmal sprechen wir auch über ein anderes Thema: nämlich deine Band namens VOODOO KISS. Ihr habt euch 1995 gegründet – und gleich schon zu Beginn sehr viele Shows gespielt. Habt ihr euch denn mit der Intention einer richtigen Band, mit richtigen Studioalben auch gegründet oder stand VOODOO KISS Mitte der 1990er unter einem anderen Stern?
Am Anfang war das eher ein "Wir schauen einfach mal, was passiert"-Spaß. Unser erster Sänger war auch nur zehn oder elf Monate in der Band. Er kam damals auf mich zu, sagte mir, dass er mit einigen Bekannten ein Rock- und Metalprojekt machen wolle und sie noch einen Schlagzeuger suchen. Drei Tage später standen wir schon bei mir im Jugendzimmer, haben ein wenig geprobt, die ersten Songs geschrieben und man merkte schon damals diese gewisse Magie. Und wenn man ohnehin bei einigen lokalen Punk-, Rock- und Metalbands gespielt hatte, bekam man ein gewisses Gefühl für die Situation und mit VOODOO KISS war das schon etwas Besonderes. Es hatte mehr Qualität, ging gleich ins Ohr und die Chemie zwischen uns hat auch gestimmt. So richtig los ging es dann nach dem Sängerwechsel im Sommer 1996 und wir hatten dann ein bis zwei lokale Auftritte im Monat, also wesentlich mehr als noch mit unserem ersten Sänger.

1997 fiel dann der Startschuss des Summer Breeze, mit der Idee, VOODOO KISS einen entsprechenden Rahmen zu geben?
Damals spielten wir ohnehin in den kleinen Clubs und Cafés, da hast du alles selbst organisiert und meine damalige Clique hatte einen eigenen Bauwagen, kleine Partys geschmissen und so entstand 1997 die Idee, ein eigenes Festival mit zehn Bands zu machen. Am Freitag gab es Death Metal und Samstag eher die rockigere Schiene. Und da VOODOO KISS schon damals an die 200 Leute gezogen hat, passte es ganz gut, dass wir uns als Headliner aufstellten und die Jungs aus dem Bauwagen sind uns ohnehin überall hin gefolgt. Wir waren regional nicht bekannt, nur lokal und da es damals keine Festivals in der Gegend gab bis auf eines im Nachbarort, wovon wir uns einiges abgucken konnten, und so entstand die Idee, die wir dann auch in die Tat umgesetzt haben.

Warum der Bandname VOODOO KISS? Einfach, weil es ein toller Bandname ist oder hatte er im Hinblick auf eure Geschichte eine tiefere Bedeutung?
Das müsste man unseren ersten Sänger fragen, aber das Geheimnis bleibt wohl bei ihm, haha. Wahrscheinlich hat er sich schon etwas dabei gedacht und wenn es nach unserem Gitarristen gegangen wäre, würden wir jetzt BLOODY CHICKENHEADS heißen, das merkt er heute noch öfters an.

Hattet ihr schon damals die Vision, dieses Festival zu einem der größten Deutschlands werden zu lassen?
Nein, natürlich nicht. Klar hat man damals geträumt, ein Open-Air zu machen mit knapp 2.000 bis 3.000 Leuten, aber dass es uns nach 25 Jahren mit 40.000 Besuchern gibt, hätten wir damals nicht zu träumen gewagt. Ich hatte eher den Gedanken, dass es gut passen würde, um die Band weiter voran zu bringen. Als Teenager hat man ab und an den Wunsch, mit Musik sein Geld zu verdienen. 1998 gab es kein Summer Breeze, sondern eine Alternativveranstaltung in unserem Jugendclub, bei der VOODOO KISS auch spielte, aber mit dem zweiten Summer Breeze 1999 wurde mir dann bewusst, dass es eher in diese Richtung gehen könnte, auch wenn es noch weit davon entfernt war, um damit den Lebensunterhalt zu verdienen. Das kam nochmals einige Jahre später, es war also eher ein Prozess.

Zum damaligen Zeitpunkt war ich zarte neun Jahre alt. Inwieweit kannst du dich denn an den Auftritt von einst erinnern und mir darüber berichten?
An den Auftritt selbst eher kaum, da das Drumherum aufwändiger war als gedacht. Aber es war ein besonderes Gefühl, so etwas auf die Beine gestellt zu haben, was uns auch Motivation gab, damit weiterzumachen. Daran kann ich mich noch gut erinnern. Das sagen sogar noch heute einige aus der alten Clique. Wir treffen uns einmal jährlich am Vatertag, um gemeinsam die Zeit zu verbringen und sprechen häufig über damals. Es war schon eine Art zweites Weihnachten, ein Highlight, wie es für andere der Karneval ist. Und diese Organisation – damals fing es erst im Januar an, dass wir auf den Sommer hingearbeitet haben – ist definitiv hängengeblieben.

Saßt du denn trotzdem in all den Jahren regelmäßig hinter dem Schlagzeug oder musste es erst einmal wieder etwas entstaubt werden?
Als 1999 auch noch unser Sänger ausgestiegen ist und wir als Band ohnehin nicht richtig in die Gänge kamen, habe ich bei ein, zwei Bands vorgespielt, hatte ein Sideprojekt mit Jungs von UNDERTOW und END OF GREEN, ein paar Mal geprobt, saß auch bei einem END OF GREEN-Soundcheck nochmal hinterm Schlagzeug, aber ich hab dahingehend gar nichts mehr gemacht und ehrlicherweise auch ein wenig die Lust verloren, sondern eher meinen Weg hinter der Bühne, hinter den Kulissen gefunden und das Schlagzeugspielen komplett aufgegeben.

Und jetzt sitzt du wieder dahinter. Ich find das Album – entschuldige die Wortwahl – ziemlich geil: Speziell die Mischung aus knackigerem Hardrock wie in 'The Beauty And The Beast' und 'The Eagle In The Sky' und offensivem Traditionsstahl, beispielsweise in 'The Killer', das mich an METAL INQUISITOR erinnert, oder dem sehr hymnischen 'The Prisoner' ist ziemlich gut, dazu die erdige, charismatische Produktion und die gewisse Dynamik. Gibt es irgendwelche Bands, an denen ihr euren Sound etwas orientiert habt – damals wie heute?
Eher war es schon damals diese Mischung, weil wir ein bunter, zusammengewürfelter Haufen waren. Ich selbst kam eher aus dem Punk mit den etwas schnelleren Beats, unser Gitarrist war eher traditionell unterwegs, unser Bassist hat auch eher alten Rock gehört und unser Sänger hat den Hair Metal in die Band gebracht, sodass so die Einflüsse zustande kamen. Spezielle Vorbilder gab es nicht, wir haben einfach angefangen zu jammen und daraus sind die Songs entstanden. Heute würde ich unterschreiben, wenn unser Sound von IRON MAIDEN beeinflusst wurde, man hört den damaligen Sound sowie die 1990er Jahre auf jeden Fall noch heraus.

War der 25. Festivalgeburtstag der Auslöser für diese Reunion?
Nach zwei Jahren ohne Festivals hatten wir ehrlicherweise nicht allzu viel Budget für eine Spezialgeschichte beim Breeze, daher habe ich mit unserem Booker beschlossen, dass wir eher kleinere Besonderheiten machen. So gibt es am ersten Festivaltag, also dem Dienstag, eine Art Best-Of der ersten beiden Breeze-Jahre mit END OF GREEN, APOPHIS und FLESHCRAWL. Ich fand die Idee super, sie hatte nur einen Haken: Ich muss VOODOO KISS wieder zusammenbringen, hehe. Ich hab dann den Sohn unseres Gitarristen beim Einkaufen getroffen, mit ihm über VOODOO KISS gesprochen und so kam eins zum anderen. Zwei Tage später saßen wir dann alle zusammen und haben alte Tapes angehört, mir ein altes Schlagzeug zugelegt und so kamen auch schon recht bald wieder die ersten Proben. Eine recht spontane, kurzfristige Geschichte also, hehe.

Inwieweit sind auf "Voodoo Kiss" denn Songs von damals? Oder welche Songs sind brandneu und selbst den Summer Breeze-Gängern von '95 noch unbekannt?
Das sind tatsächlich Songs, die allesamt damals entstanden sind. Auf den Tapes war auch ein Auftritt vom Sommer 1996 dabei und hiervon haben wir insgesamt sieben Songs fürs Album aufgenommen, hier und da leicht verändert, Texte geschrieben und ein Song, nämlich 'Beauty And The Beast', ist zwei, drei Monate später entstanden. Aber der Großteil der Songs ist aus den ersten 11 VOODOO KISS-Monaten.

Flori von Reaper Entertainment, den ich am Freitag auch persönlich traf, und dich verbindet eine jahrelange Freundschaft. Inwieweit habt ihr denn über all die Jahre den Kontakt halten können?
Flori stammt auch aus unserer Ecke und hat auch nach Nuclear Blast bei uns fürs Summer Breeze gearbeitet, bevor er Reaper Entertainment übernommen hat. Wir hielten die ganze Zeit den Kontakt und als wir beschlossen haben, die Reunion durchzuziehen, war mir auch klar, dass wir das diesmal auch richtig anpacken. Das hat mich die letzten Jahre schon gewurmt, dass wir nix halbwegs ordentlich aufgenommen haben. Eigentlich wollte ich "Voodoo Kiss" selbst pressen und auf dem Breeze verteilen und nach meinem monatlichen Austausch mit Flori, als dann klar war, dass eine neue Pressung doch etwas aufwändiger war, hab ich ihn gefragt, ob wir das über Reaper Entertainment machen können. Er selbst fand die Idee um VOODOO KISS generell sehr gut und innerhalb von einer Minute haben wir das dingfest gemacht, hehe. Extra Benzin für die ganze Geschichte und ihr Elan und ihr Engagement hat innerhalb der Band auch für noch mehr Vollgas gesorgt. So ist alles eine Spur professioneller geworden als vorher gedacht.

Ist denn, Hand aufs Herz, das VOODOO KISS-Album erst der zweite Startschuss für die Band?
Eigentlich war das ein abgeschlossenes Projekt, das allerdings jedem Beteiligten so viel Spaß macht. Wir haben selbst noch andere Tapes mit späteren Auftritten und einigen anderen Songs gefunden, also könnte es durchaus sein, dass wir nochmal ins Studio gehen, die neuen Songs von damals einspielen und komplett neue Stücke entwerfen, mal schauen. Aber es macht auf jeden Fall großen Spaß, ein schöner Stressausgleich nach einem langen Tag im Büro, hehe.

Wie konntest du denn SACRED STEEL-Shouter Gerrit Mutz für VOODOO KISS gewinnen?
Gerrit ist auch ein Summer Breeze-Urgestein und hat mit SACRED STEEL schon früher hier gespielt. Und zwischendurch habe ich mit ihm auch bei Metal Blade gearbeitet, im Lager ausgeholfen und so kennen wir uns schon seit Jahren. Als wir drei – also Schlagzeuger, Bassist und Gitarrist – uns dann einig waren, wohin die Reise geht, war klar, dass wir uns auch nach einem geeigneten Sänger umschauen müssen. Als ich Gerrit dann auf VOODOO KISS angesprochen habe, hat er sich unsere alten Tapes angehört und die Idee, ihn als Sänger dazuzuholen, sacken gelassen und war dann auch mit vollem Elan dabei. Er bringt auf jeden Fall den Old-School- und traditionellen Touch mit rein, seine Stimmfarbe ist der von Peter, unserem damaligen Sänger, recht ähnlich. Und es passt einfach perfekt und bin auch mega happy mit dem Endergebnis, was wir da im Studio gemacht haben.

Ein absolutes rundes Ding, auf jeden Fall! Wagen wir mal einen Rundumblick. Wie unterscheidet sich denn die heutige Metalszene im süddeutschen Ostalbkreis von der von einst? Inwieweit hat sich deiner Meinung nach der Metalhead oder das Verständnis für Metal geändert?
Da bin ich eventuell nicht nah genug an der Sache dran. Aus der Szene von damals sind enge Freundschaften entstanden, wo jeder jedem einmal ausgeholfen und man unzählige Shows zusammen gespielt hat, ein verschworener Haufen. Klar gibt es noch größere Bands wie PARASITE INC. oder NECROTTED, aber die Szene ist etwas überschaubar geworden. Und es spielt sich viel weniger regional ab: Wir haben damals ein, zwei Konzerte monatlich in diversen Clubs und Cafés im Ort gespielt und das ist heute nicht mehr der Fall. Genauso wenig geht eine ganze Clique zu örtlichen Konzerten, sondern entweder man mag die Band und geht hin oder eben nicht und bleibt dann daheim.

Wie wird es denn mit VOODOO KISS weitergehen?
Wir werden das Festival am Dienstag, um 17 Uhr, auf der Ficken Party Stage eröffnen, mehr haben wir uns noch nicht zugetraut, hehe. Zwei Warm-up-Shows kamen noch dazu und mittlerweile gibt es auch schon Anfragen für das nächste Jahr, u.a. für die brasilianische Ausgabe des Summer Breeze. Da sind wir auch beratend tätig, aber als die ganze VOODOO KISS-Geschichte losging, sprach ich auch mit den brasilianischen Kollegen und als die dann erfuhren, dass ich eine Band habe, hielten die es für eine gute Idee, für die erste Ausgabe des Summer Breeze Brasilien uns einzuladen. Und so werden wir nächstes Jahr im April das Festival in Sao Paulo eröffnen. Es ist also kein Projekt nur für das 25. Summer Breeze, sondern wird noch weitergehen, hehe. Ein sehr schöner Grund und für uns alle ein "Once-in-a-Lifetime"-Ereignis.

Sowas nimmt man doch gerne mit. Für jemanden, der vielleicht auch in den nächsten Jahren ein eigenes Festival auf die Beine stellen will, welche Tipps würdest du demjenigen mit auf den Weg geben?
Aktuell ist es aufgrund der Gesamtsituation, auch Personal zu bekommen, recht schwierig. Ansonsten kann ich jedem nur raten, das klein starten zu lassen, bescheiden zu bleiben und nicht direkt auf einem ganz hohen Level einzusteigen. Wenn man nicht schon einen gewissen Stamm hat, kann es auch in die Hose gehen, wenn man direkt am Start die großen Headliner an Land zieht. Wenn man einen Aufhänger wie POWERMETAL.de hat, kann man etwas höher greifen, aber ohne so etwas im Hintergrund wäre mein Rat, Schritt für Schritt zu gehen. Alles andere ist in der heutigen Zeit schwierig. Wir hatten damals das große Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein: Es gab noch nicht viele Festivals, speziell in unserer Region, aber viele Metalheads, die Nachfrage war also da.

Das ist ein hervorragender Tipp, vielen Dank dafür und natürlich für dieses aufschlussreiche, schöne Gespräch, Achim. Ich wünsche dir auf jeden Fall für den Auftritt alles Gute und behalte VOODOO KISS auch weiter im Auge, hehe.
Ich danke dir, hat Spaß gemacht!

Redakteur:
Marcel Rapp

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