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VOYAGER: Interview mit Daniel Estrin

23.01.2005 | 13:45

Bereits seit fast zwei Jahren geistert der Name VOYAGER durch den progressiven Underground und man hört viele Leute, die voll des Lobes sind für diese australischen Newcomer. Dennoch haben bis vor kurzem nur wenige das komplette Debütalbum "Element V" gehört. Wenn einer Band also schon auf Grund dreier kurzer Samples auf ihrer Homepage ein so guter Ruf vorauseilt, dann muss es sich schon um etwas ganz Besonderes handeln. Nachdem die einstmalige Eigenpressung nun endlich über DVS offiziell erhältlich ist, sah ich diese Vermutung bestätigt und nahm Kontakt mit Sänger Daniel Estrin (im Foto der vierte von links) auf, um mehr über diese außergewöhnliche Band aus dem Land der Koalas zu erfahren.

Rüdiger:
Ich habe schon lange auf die weltweite Veröffentlichung eures Debüts gewartet. Ich war damals ziemlich beeindruckt von den Samples auf eurer Homepage, und ich frage mich, warum es so lange gedauert hat, ein Label für den internationalen Markt zu finden. Wie seid ihr letztendlich an DVS geraten?

Daniel:
Danke für die netten Worte. Wir wissen das zu schätzen! Ursprünglich erschien das Album als Eigenpressung, ohne dass wir uns der Tatsache bewusst waren, wie sehr es einschlagen würde. Irgendwie hörten DVS von uns und erbaten ein Promopaket. René von DVS, der wirklich hervorragende Arbeit leistet, wollte uns sofort signen, und wir waren einverstanden. Wir remixten und remasterten das Album, was der Grund für die Verzögerung des europäischen Veröffentlichungstermins war. Die Vertragsfrage war schnell geklärt, lediglich die Vorbereitung der Veröffentlichung brauchte ihre Zeit.

Rüdiger:
Euer lyrisches Konzept scheint viel mit Science Fiction zu tun zu haben. Seid ihr Star-Trek-Fans?

Daniel:
Haha, um ehrlich zu sein, glaube ich, dass niemand von uns ein großer Science-Fiction-Fan ist. Außer Mark, der sich gelegentlich in Filmen über Außerirdische versenkt. Die Idee des "kosmischen" Metal ist also wirklich nur zufällig entstanden. Eine Reihe von Songs hat sich in diese Richtung entwickelt, weshalb "Element V" eben diesen SciFi-Touch hat. Star Trek ist zwar unterhaltsam, aber richtig verbunden fühlen wir uns der Sache nicht.

Rüdiger:
Wovon handeln die Lyrics von "Element V"? Ist es ein richtiges Konzeptalbum?

Daniel:
Nicht wirklich. Dem Album liegt das Thema zu Grunde, dass das Leben auf der Erde endet und ein Neuanfang auf einem neuen Planeten begonnen wird. Aber es ist kein Konzeptalbum im eigentlichen Sinne. "Element V" ist in der Tat eine Reise durch Raum, Zeit und Emotionen, und manchmal findet man sich eben eine Million Meilen von der Erde entfernt wieder.

Rüdiger:
Welcher Symbolismus steckt hinter der Weltkarte aus der Renaissance?

Daniel:
Für uns ist das Album in erster Linie eine Reise durch verschiedene melodische Sphären und zu verschiedenen Kontinenten. Darüber hinaus ist VOYAGER eine sehr multikulturelle Band. Die Mitglieder der Band haben englische, deutsche und polnische Wurzeln. Ich vermute, die Karte der Welt ist eine gute Versinnbildlichung unseres weltlichen Ansatzes in der Musik. Und die Renaissance-Karte sieht einfach viel besser aus, als all die neuen Karten. Deshalb haben wir sie gewählt und ich denke, sie wirkt sehr gut.

Rüdiger:
Auf jeden Fall tut sie das. "Element V" klingt für mich sehr erwachsen und ausgereift. Es ist erstaunlich, dass eine Band so etwas als Debüt abliefern kann. Wo habt ihr all die musikalische Erfahrung her, die man benötigt, um ein solches Werk zu komponieren, einzuspielen und aufzunehmen?

Daniel:
Es war nicht unser Ziel, besonders "reif" zu klingen. Wir haben einfach komponiert, was uns eingefallen ist, und was unserer Meinung nach zum Repertoire von VOYAGER passen würde. Dass das Ergebnis dann für dich "ausgereift" klingt, ist eher zufällig, aber es schmeichelt uns natürlich. Die Band hat lauter großartige Musiker in ihren Reihen, einige davon haben eine klassische Ausbildung, weshalb ich glaube, dass melodischen Strukturen und Phrasierungen sicher nicht amateurhaft klingen. Uns ist der melodische Fluss sehr wichtig. Wir wollen nicht einfach zehn Riffs zusammenkleistern und es dann "Song" nennen.

Rüdiger:
Eure Musik hat eine ganze Menge verschiedener Einflüsse. Manche Kritiker meinen gar, es seien zu viele Einflüsse, die nur dazu dienen würden möglichst viele Fanschichten anzusprechen, aber dabei das Herausbilden einer eigenen Identität verhindern würden. Ich kann dem nicht zustimmen. Während ihr in der Tat viele unterschiedliche Sounds und Stilrichtungen nutzt, finde ich schon, dass es einen unverkennbaren VOYAGER-Stil gibt, dem sich all die Einflüsse unterordnen. Wie siehst du das?

Daniel:
Da gebe ich dir völlig Recht. Natürlich wird es auf dem Album für manche Leute zu viel Abwechslung geben, aber ich kann das persönlich nicht nachvollziehen. Klar, wenn man sich ein JUDAS PRIEST-Album kauft, dann weiß man, was man zu erwarten hat. Die Songs werden sich sehr stark ähneln und manche Leute mögen das. Ich glaube jedoch, den Hörer besser unterhalten zu können, wenn ich mehr Abwechslung biete. Ich denke auch, dass wir sehr wohl einen VOYAGER-Stil haben. Viele der melodischen Hooks etc. sind sehr typisch und kennzeichnend, egal welchen Stil wir gerade spielen. Unser Vorsatz ist es definitiv nicht, so viele Leute wie möglich zu erreichen. Wenn ich in den Proberaum und den anderen eine Idee vorstelle, die sie zu sehr an etwas erinnert, das wir schon mal gemacht haben, wird sie abgelehnt.

Rüdiger:
Euer Hauptziel scheint es zu sein, eingängige und griffige Melodien zu schaffen, die in jedem Song enthalten sind, egal welchen stilistischen Einflüsse er aufweist.

Daniel:
Genau. Wie gesagt, Melodie ist Trumpf! Langeweile und Einspurigkeit sind verboten.

Rüdiger:
Lass uns nun über all die verschiedenen Stilelemente reden, die ihr vermischt, um den typischen VOYAGER-Sound zu erschaffen. Die meisten Songs haben viele klassische und neoklassische Elemente. Seid ihr direkt von den klassischen Komponisten inspiriert oder eher von Metal-Gitarristen und Prog-Keyboardern neoklassischer Prägung? Habt ihr eine klassische musikalische Ausbildung?

Daniel:
Ich selbst habe eine klassische Ausbildung als Pianist und Geiger, also haben mich klassische Elemente sicher stark geprägt. Ich wuchs auch mit russischer Volksmusik auf, die viele sehr gefällige melodische Strukturen aufweist. Aber ich würde schon auch sagen, dass wir genau so sehr von Rock und Metal wie TYPE O NEGATIVE, YNGWIE MALMSTEEN, RAINBOW und BAL SAGOTH inspiriert wurden. Ich hörte früher auch viel technischen Prog Metal. All das färbt auf die Musik ab, die man macht.

Rüdiger:
Kannst du mit dem RHAPSODY-Vergleich leben? Nicht, dass ihr generell so klingen würdet wie sie, aber im Hinblick auf die klassischen Elemente und die sehr melodische und schnelle Gitarrenarbeit. Magst du diesen barocken italienischen Power Metal?

Daniel:
Ich kann mit jedem Vergleich leben. Nur mit Country möchte ich nicht verglichen werden. RHAPSODY sind eine großartige Band und haben ihr eigenes Genre erschaffen, aber ich denke, wir sind stilistisch deutlich vielseitiger. Wir benutzen nicht dauernd Spinett und Flöten (jedenfalls bis jetzt nicht). Barocker italienischer Power Metal ist toll. Ich war großer Fan von Bands wie SECRET SPHERE, VISION DIVINE, WHITE SKULL etc., aber auch von italienischem Prog wie STRAMONIO.

Rüdiger:
Neben dem neoklassischen Element gibt es auch ein paar sphärische Schwingungen im Keyboardbereich, die Fans von progressiven Metalbands wie AYREON oder STAR ONE genauso ansprechen dürften wie Anhänger von 70er Space Rock.

Daniel:
Weißt du, ich habe niemals wirklich viel AYREON oder STAR ONE angehört, aber das, was ich gehört habe, war fantastisch. Was 70er Space Rock angeht, mag ich STEVE HILLAGE und OZRIC TENTACLES sehr gerne, obwohl letzteres eher 80er Space Rock ist. Mark ist ein riesiger Fan von JETHRO TULL und Emanuel steht auf Uli Jon Roth, also gibt es sicher spacige Einflüsse bei uns. Ich liebe alles, was atmosphärisch klingt und hasse es, wenn etwas leer klingt.

Rüdiger:
Das spacigste Stück ist sicher 'The V Element', bei dem es sich fast schon um ein Techno-Stück handelt. Würde gut auf einen "Captain Future"-Soundtrack passen. Metalbands packen selten solche Stücke auf ihre Alben. MAYHEM haben das mal gewagt und bekamen sofort massive Schelte von den selbsternannten Verteidigern des wahren Metal. Welchen Zweck erfüllt dieses Stück auf eurem Album?

Daniel:
LABYRINTH haben auch mal so was gemacht und ebenfalls Kritik geerntet. Ich bin kein Purist und ich glaube auch sonst niemand in der Band denkt so. Wenn jemand meint, dass der Song nicht "True Metal" sei, dann sollen sie ihn halt überspringen. Ich persönlich stehe total auf Trance und Dance Musik (vor allem INFECTED MUSHROOM), also war es einfach schön, 'The V Element' auf der Scheibe zu haben. Unser Produzent spielte die Gitarre für das Stück ein und ich finde es klingt einfach cool.

Rüdiger:
Es gibt auch einige Black-Metal-Passagen und ein bisschen Gothic in Stücken wie 'Cosmic Armageddon' und vor allem 'The Bitter Land'. Wer oder was aus diesen Genres hat euch beeinflusst?

Daniel:
Ich war mal riesiger Black-Metal-Fan. Eigentlich mögen alle von uns außer Geoff und Melissa ein wenig Black Metal. Alles von EMPEROR und DIMMU BORGIR bis hin zu extremen Sachen wie ILDJARN NIDHOGG und NIDEN DIV 187 gehört dazu. Black Metal hat einige coole Sachen zu bieten und wir bauen so was sehr gerne in unsere Musik ein. Was die gotischen Elemente angeht, liegt das vorwiegend an Emanuel und mir. Wir mögen alles von THE 69 EYES bis ENTWINE, von TYPE O NEGATIVE bis SISTERS OF MERCY und FIELDS OF THE NEPHILIM.

Rüdiger:
Dein Gesang ist ziemlich eindrucksvoll. Du deckst das ganze Feld ab, von Black-Metal-Gekreische bis hin zu kristallklaren mittleren Lagen. Warst du vor VOYAGER schon in anderen Bands aktiv? Falls nein, wie kriegt man eine so kraftvolle, klare und variantenreiche Stimme? Gerade der klare Gesang dürfte viel Technik und Übung erfordern.

Daniel:
Vielen Dank für das Kompliment. Ich hatte mal ein Black-Metal-Projekt namens NACHTHIMMEL, wo ich ein wenig sang, aber vorwiegend growlte. Außer dass ich einst im Schulchor gesungen habe (was zugegebenermaßen nicht sehr "Black Metal" ist, ich weiß), hatte ich nicht viel Unterricht im formellen Sinne. Aber meine klassische Instrumentalausbildung ist sicher hilfreich.

Rüdiger:
Kennst du Mathias Blad (ex-FALCONER)? Er ist klassisch ausgebildeter Musicalsänger. Kannst du nachvollziehen, dass dein Gesang an einigen Stellen des Albums mit dem seinen verglichen wird?

Daniel:
Ja, ich erinnere mich an FALCONERs Debüt. Dass meine Stimme mit der seinen verglichen wird, finde ich okay, weil ich seinen Stil in den mittleren Tonlagen gerne mag.

Rüdiger:
Ihr habt mit Steve Vai in Australien gespielt. Wie war die Erfahrung?

Daniel:
Das war ganz toll. Es ist super vor so vielen Leuten zu spielen. Vor allem vor Fremden, die noch nie was von dir gehört haben. Wenn dann solche Leute jubeln und auf dich aufmerksam werden, ist das ein tolles Gefühl. Manche dachten sogar, dass Steve uns aus den USA mitgebracht hätte, was sehr amüsant war. Pech, dass wir keine CDs zum Verkauf dabei hatten, wir hätten da durchaus ein bisschen Geld machen können.

Rüdiger:
Habt ihr jemals außerhalb Australiens gespielt? Sind Auftritte in Europa und Amerika geplant?

Daniel:
Nein, bis jetzt nicht. Es wäre aber fantastisch dort spielen zu können. Besonders in Deutschland, wo ich ursprünglich herkomme. Ich würde gerne mit Bands wie SYMPHONY X oder HEAVENLY auf Tour gehen. Das wäre sicher ein tolles Erlebnis. Ich glaube, das Publikum in Übersee würde Spaß auf unseren Konzerten haben. Die Leute hier finden sie sehr gut!

Rüdiger:
Die Aufnahmen zu "Element V" liegen nun schon eine ganze Weile zurück. Habt ihr schon mit dem Songwriting fürs nächste Album begonnen?

Daniel:
Ja, das haben wir. Ich hoffe, dass wir gegen Mitte des Jahres ins Studio gehen werden. Hoffentlich wird der Aufnahmeprozess dieses Mal einfacher. Schließlich wissen wir nun wenigstens, was wir tun.

Rüdiger:
Wird die musikalische Ausrichtung gleich bleiben oder habt ihr vor den Sound irgendwie zu verändern?

Daniel:
Ich glaube, gewisse Modifikationen sind unerlässlich. Besonders weil wir uns ja auch als Menschen verändern. Ich glaube, es wird sehr viele reife Songs geben, aber auch schnelle, spaßige und melodische Nummern, und, na ja, ein bisschen von allem halt... solange es melodisch ist!

Rüdiger:
Hast du sonst noch was anzukündigen oder mitzuteilen?

Daniel:
Ich hoffe wirklich, dass wir ein paar Konzerte in Europa werden spielen können, um den Leuten zu zeigen, aus welchem Holz wir Aussies (nicht Ossis!) geschnitzt sind!

Rüdiger:
Okay, ich danke dir für das Gespräch, Daniel.

Daniel:
Danke für all die Unterstützung - ES LEBE DER KOALA-METAL!

Redakteur:
Rüdiger Stehle

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