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W.A.S.P. - "Re-Idolized" unter der Lupe!

23.04.2018 | 09:18

Wir blicken zurück auf eine der großartigsten Konzeptveröffentlichungen aller Zeiten. Ein Monument, was mit der Neuauflage und einer entsprechenden Tour jene Würdigung bekommt, die es verdient.

Es ist wenige Wochen her, als ich mich mit dem Sänger von SPITEFUEL unterhielt und sich unser Gespräch auf Konzeptalben im Allgemeinen bezog. Scheinbar nebenläufig betitelte Stefan Zörner "The Crimson Idol" als eines der besten Alben, die jemals erschienen. Er bezog sich hierbei nicht nur auf das Konzept - so tragisch und ausgeklügelt dies auch sein mag - sondern auf das gesamte (Kunst-)Werk. Danach stellte ich mir selbst die Frage, ob es überhaupt "perfekte" Alben geben würde. Klar, "Master Of Puppets", "Ride The Lightning", "Operation: Mindcrime" oder auch "Appetite For Destruction" dürften vielen in den Sinn kommen, doch danach wird es schon schwieriger, Werke als "perfekt" zu titulieren.

Und hier kann ich nur für mich sprechen: Für mich ist ein Album perfekt, wenn ich gleich vom ersten Takt mitgerissen werde, wenn ich meine Augen schließen kann und sich ein imaginärer Film abspielt, wenn Freud und Leid, Härte und Verletzlichkeit, Wut und Liebe so dicht beieinanderstehen, man mit jedem einzelnen Ton mitfühlt und man noch Tage später an das Gehörte zurückdenken muss. Und auf "The Crimson Idol" treffen all diese Punkte vollends zu. Im Juni 1992 sollte das fünfte W.A.S.P.-Album zunächst als Solo-Projekt Blackie Lawless' erscheinen. Doch er entschied sich dagegen und so sollte W.A.S.P. noch Jahrzehnte später immer wieder mit diesem Album in Verbindung gebracht werden.

Nun - zweieinhalb Dekaden später - erscheint mit "Re-Idolized" das vollendete "The Crimson Idol"-Werk mit remastertem Sound inklusive Film und ergänztem Liedgut. Ich möchte die Gelegenheit beim Schopfe packen, sowohl "The Crimson Idol" detailliert unter die Lupe zu nehmen als auch "Re-Idolized" eine entsprechende Kritik zu verpassen.

Zunächst muss die Frage geklärt werden, wo W.A.S.P. Anfang der 1990er-Jahre überhaupt stand. Seit dem gleichnamigen Debüt stand Blackies Band für Sex, Drugs and Rock'n'Roll. Liveshows waren geprägt durch dieses Muster, was aber spätestens bei "Inside The Electric Circus" gewisse Abnutzungserscheinungen hatte. Infolgedessen gab es mit "The Headless Children" das erste künstlerisch wirklich anspruchsvolle Ausrufezeichen, auf dem sich Herr Lawless erstmals sozialkritisch und hinsichtlich des konzeptionellen Aspektes auch ungemein einfallsreich zeigte. Doch das sollte nicht der Zenit seines Schaffens sein. Denn am 1. August 1992 erschien via Capitol Records das berühmt-berüchtigte "The Crimson Idol"-Album mit einem bemerkenswerten Konzept. Ob man diesbezüglich nun autobiographische Züge annehmen darf oder das textliche Konstrukt als schlichte, aber effektive Geschichte aus dem Kopfe des Gesetzlosen ansieht, soll jedem selbst überlassen werden.

Das Konzept dieses Albums ist ergreifend, todtraurig und erschreckend real zugleich. Ein Teenager namens Jonathan hat es schon in seiner Kindheit nicht leicht. Seine Eltern Elizabeth und William Steel sehen ihn als Versager an, haben sie mit Jonathans Bruder Michael doch Schwiegermutters Liebling zum Kind. Und trotzdem liebt Jonathan seinen Bruder über alles, bis dieser auf tragische Art und Weise zu früh aus dem Leben gerissen wird. Voller Trauer beschließt Jonathan von zu Hause auszureißen, lebt von nun an auf der Straße und kommt mit Alkohol und Drogen in Verbindung. Eines Tages sieht er im Music Store eine Gitarre, deren Magie ihn in den Bann zieht. Kann er den Verlustschmerz durch die Musik kompensieren? Hilft ihm das Rockstar-Leben seinem eigenen Leben einen Sinn zu geben? Um das herauszufinden, zerbricht er das Schaufenster, stielt die karminrote Gitarre und seine Reise beginnt. Sein Traum, genügend Geld für ein eigenes Album zu sammeln, scheint sich langsam zu erfüllen, als er Charlie kennenlernt. Als Präsident eines Major Labels dürfte er schließlich wissen, wie man an Geld kommt. Korrupt und raffgierig verspricht er ihm den großen Reichtum - Alex Rodman, "the best manager money can buy", soll ihn dabei unterstützen. Doch schnell bemerkt Neu-Rockstar Jonathan, dass all der Ruhm, der Glanz und der Glamour nicht das ist, was er sich am sehnlichsten wünscht: die Liebe seiner Eltern. Denn trotz des gefüllten Geldbeutels und der gefüllten Zuschauerränge ist das, was am wichtigsten zu füllen ist, komplett leer - sein Herz. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis er telefonisch Kontakt zu seinen Eltern aufnimmt, die das Gespräch mit den Worten "We have no son!" beenden. Tief verletzt und untröstlich verübt er während des darauffolgenden Konzertes Suizid. Was bleibt, sind die Worte "Jonathan lives here...still", die man auch auf dem Rücken der Wiederveröffentlichung im Spiegel sieht.

Lässt man diese Geschichte einmal wirken, wird klar, warum "The Crimson Idol" 1992 und "Re-Idolized" 25 Jahre später so klingen, wie sie klingen. Rockig und hart auf der einen Seite; einfühlsam, gefühlvoll und voller Schmerz auf der anderen. Wir gehen den Liedern auf den Grund: Die einleitende 'The Titanic Overture'-Melodie zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album und allein in diesem Opener steckt bereits die komplette Bandbreite der Emotionen: Hoffnung, Schmerz, Trauer und Wut. Bereits die ersten drei Minuten dieses Monsters haben es vollends in sich. 'The Invisible Boy' und 'Arena Of Pleasure' leiten den Beginn von Jonathans Leidensweg äußerst rockig und kräftig ein. Dennoch ist es dieser warme Sound und diese unnachahmliche Stimme von Blackie, der mich immer wieder aufs Neue beeindruckt. Nun trifft der Protagonist auf Charlie und das mit Abstand härteste Lied auf "The Crimson Idol" wird mit entsprechenden Kettensägen-Sounds eingeleitet. 'Chainsaw Charlie (Murders In The New Morgue)' lässt den Zuhörer mitsingen, mitgrölen, headbangen und ausrasten, ehe der Gesetzlose mit 'The Gypsy Meets The Boy' erstmals ruhigere Töne, zumindest in der ersten Songhälfte, anstimmt. Und spätestens bei der Textzeile "I just wanna be - The crimson Idol of a million" dürfte beim Hörer der Kloß im Hals erscheinen. Bevor es dramatisch und traurig weitergeht, rockt 'Doctor Rockter' munter drauf los und bei 'I Am One' kommen bei Jonathan jene Rockstar-Gefühle hoch, die ihm Charlie prognostiziert hat - dank entsprechender Live-Atmosphäre zu Beginn. Kommen wir zum Herzstück dieses Albums: 'The Idol'. Eine hochemotionale und herzzerreißende Gänsehaut-Ballade und einer der schönsten Metal-Schmachtfetzen, die unsere geliebte Musik im Repertoire hat. "Where's the love to shelter me?" Wir wünschen uns aus tiefstem Herzen, Jonathan hier eine Antwort geben zu können, doch in Wahrheit kullern uns die Krokodilstränen reihenweise von der Wange. 'Hold On To My Heart' geht in eine ähnlich balladeske Richtung, steht aber im Schatten seines Vorgängers. Gemeinsam mit 'Chainsaw Charlie' und 'I Am One' wurden beide Songs im Übrigen auch als Singles veröffentlicht. Das abschließende 'The Great Misconceptions Of Me' bildet das wunderbare Pendant zu 'The Titanic Overture'. Ein ähnlicher Aufbau, diese unverkennbare Melodie und die Geschichte nimmt ihr tragisches Ende mit dem Suizid des Protagonisten. "No love, to shelter me, only love set me free" - da er diese nicht bekommt, sieht er im Freitod seine einzige Erlösung des ganzen Leids.

Puh, das muss man erst einmal sacken lassen. Was also hat "Re-Idolized" Neues zu bieten? Zum einen - und das fällt direkt ab dem ersten Ton auf - ist es dieser wuchtige und blitzsaubere Sound. War "The Crimson Idol" für damalige Verhältnisse schon äußerst druckvoll produziert, sprengt der überarbeitete Klang sämtliche Ketten. Es ist nicht überproduziert, keine Sorge, aber selten hat mich ein Drumsound derart mitgerissen. Hinzu kommen kleine, aber feine Nuancen, die verschönert wurden sowie ein leicht jugendfreierer Text bei 'Chainsaw Charlie'. Alles im allem lohnt sich alleine für dieses Remastering die Anschaffung von "Re-Idolized". Natürlich darf man auch den optischen Aspekt nicht außer Acht lassen, denn das neue Artwork ist dem alten zwar angelehnt, doch noch um einiges stilvoller und passender als noch 1992. Und egal in welcher Ausführung man "Re-Idolized" am Ende sein Eigen nennen kann, sowohl als schmucke 4-Disc-Digipack-Version oder Vinyl ist das Album auch optisch ein absoluter Hingucker. Und aufgrund der dazugekommenen Stücke teilt sich "Re-Idolized" in zwei Discs auf.

Doch sollte man auch die Neuankömmlinge auf diesem Album genauer unter die Lupe nehmen, gab es vor 25 Jahren doch den einen oder anderen Song sowie einige Zwischensequenzen, die Blackie aufgrund des Platzes und wohl auch der Zeit erst einmal vergraben musste. Doch nun kommen sie wieder ans Tageslicht: 'Miss You' ist eine Ballade, die bereits auf "Golgotha" für Gänsehaut sorgte und auf "Re-Idolized" sehr gut in Szene gesetzt wird. In puncto Atmosphäre und Emotionalität sicherlich mit 'The Idol' zu vergleichen, kommt 'Miss You' aber nicht komplett an das Quasi-Titelstück von "The Crimson Idol" heran. 'Michael's Song' leitet die ursprüngliche "Golgotha"-Ballade ein - ein knapp zweiminütiges, ruhiges Instrumental, das im gesamten Kontext speziell inhaltlich sehr viel Sinn ergibt. Auf der zweiten Disc finden wir schließlich die weiteren Neuigkeiten aus Jonathans Leben: Das erneut kurze 'Hey Mama' und 'The Peace' sind abermals eher ruhige Nummern und drücken den Kummer und die ausweglose Situation für unseren Protagonisten "leider" sehr hautnah aus. 'The Lost Boy' wiederum rockt in bester "The Crimson Idol"-Manier drauf los und ist von den neuen Songs sicherlich das Paradestück. Mit 'Show Time' leitet dann das letzte Zwischenspiel 'The Great Misconceptions Of Me' - das Grande Finale - ein. Es fällt auf, dass der balladeske Anteil spürbar zugenommen hat. Daran mag sich der eine oder andere Fan eventuell stören. Ich für meine Begriffe empfinde sie alles andere als störend, geben sie, wie bereits erwähnt, der Story um Jonathan noch mehr Tiefe und Ausdruck.

Und schon kommen wir zum letzten "Re-Idolized"-Aspekt, dem Film: Kein Spielfilm in dem Sinne, sondern eine visuelle Untermalung des inneren Kopfkinos. Die Bilder, und das macht auch den enormen Reiz der DVD bzw. Blu-ray aus, sind Videosequenzen, die sowohl die Dramatik als auch die Schnelllebigkeit der Geschichte untermalen. Ab der ersten Sekunde wird der Zuschauer in den Bann gezogen, wird selbstverständlich von der Musik getragen und ergänzt nach 25 Jahren seinen eigenen Film, den er sich nach "The Crimson Idol" zurecht gedreht hat, mit den Bildern, die Blackie entworfen hat. Die Figuren selbst wurden gut getroffen - Jonathan, Charlie, Vater und Mutter. Es ist kein Streifen, den man sich wie einen normalen Spielfilm immer und immer wieder anschauen kann. Die paar Male jedoch reichen vollkommen aus, um sich die Bilder für immer einbrennen zu lassen.

Und damit wären wir auch am Ende dieser Kritik angekommen. Wird "The Crimson Idol" aufgrund der entsprechenden Tour, des Films, des Re-Releases vielleicht zu sehr aufgeblasen? Nein, keineswegs. Wie oft gibt es Besprechungen über das x-te MAIDEN-Album, den neusten METALLICA-Klatsch oder die tollste Reunion? Sowohl mit "The Crimson Idol" als auch mit "Re-Idolized" haben wir es mit Musik für die Ewigkeit, einem zeitlosen Klassiker, zu tun, der 1992 gezündet hat, 2017/18 zündet und auch 2042, wenn das Werk ein halbes Jahrhundert auf dem Buckel haben wird, noch zünden wird. Denn das hat die Tour im vergangenen Jahr bewiesen und wird auch die kommende beweisen, wenn Blackie im Herbst - so zumindest angekündigt - noch einmal mit "Re-Idolized" die Städte dieser Welt unsicher macht.

Redakteur:
Marcel Rapp

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