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Weggefährten: MAYFAIR - "Behind"

03.07.2013 | 07:32

"Behind" als Weggefährte, in der Gruppentherapie und als Interviewthema. Hier lest ihr alles zu diesem progressiven Wunderwerk von 1993.

MAYFAIR ist etwas ganz besonderes für mich. Wenn ich mich für EINE Lieblingsband entscheiden müsste, dann wären es nach langer Gehirnverknobelung wahrscheinlich diese Vorarlberger Kniffelprogger. Ihr könnt euch deshalb denken, dass für mich die Neuigkeit, dass es eine MAYFAIR-Reunion geben würde, eine der besten der letzten Jahre war. Das ist jetzt auch schon wieder mehr als drei Jahre her. Es gab schon einige lokale Livekonzerte und es wurde auch an neuen Songs gearbeitet, aber ein Besetzungswechsel (Johannes Leiserer von den Djentern DIVINE TEMPTATION ist für Originalbasser Mötle zur Band gestossen) warf die Band wieder zurück. Doch so langsam wird es ernst. Kürzlich wurde die Debut-CD "Behind..." zusammen mit dem "Find My Screams Behind This Gate"-Demo und weiterem Bonusmaterial bei Pure Prog Records wiederveröffentlicht. Holger Andrae berichtete darüber ausführlich. Und nun sitzt tatsächlich auch ein neues Album mit dem Namen "Schlage, Mein Herz Schlage" in den Startlöchern, das im Herbst unter dem Banner MAYFAIR AND THE ATTACKING LOVE BRIGADE auf die unbedarfte Menschheit losgelassen werden soll.

Ein Traum wurde wahr, als Gitarrist Réné mich und einen guten MAYFAIR-affinen Freund  für ein Wochenende nach Mayfairhausen in Vorarlberg eingeladen hat. Hierbei hatten wir die Gelegenheit, mit der gesamten Band (Réné, g; Mario, voc; Jolly, dr und Hannes, b) die Vergangenheit aufzuarbeiten, neues Material zu hören und sind sogar in den Genuss einer MAYFAIR-Bandprobe gekommen.  Wir werden euch von dieser Erfahrung in mehreren Artikeln berichten. In diesem Artikel geht es vor allem um das Debüt "Behind...", das mir in den letzten zwanzig Jahren ein treuer Weggefährte geworden ist. In der kleinen Gruppentherapie gibt es Stimmen aus der Redaktion und im Interview lest ihr alles, was es zur Vergangenheit von "Behind..."  und zum  Re-Release zu wissen gibt.



Weggefährten: MAYFAIR

Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern, wie ich damals auf MAYFAIR aufmerksam geworden bin. Als guter Bekannter der schwäbischen Progressive-Rockband SILENT LUCIDITY bin ich mit Freunden zu einem ihrer Konzerte nach Stuttgart gefahren, wo sie mit damaligen Labelmates auf "WMMS - Music Is Intelligence" im Longhorn gespielt haben. Man war noch jung, man war noch auf Fahrer vom Dorf in die Stadt angewiesen, man musste früh morgens wieder in die Schule und so waren Konzerte unter der Woche denkbar ungünstig. So ist ein Teil von uns dann beim Hauptact des Abends, MAYFAIR, nach dem ersten Song wieder nach Hause gefahren. Keiner wollte diese seltsame Musik hören, bei der ein komischer Clown auf der Bühne rumhampelt und 'Yippie Yippie Ya Ya Yeah' krakeelt. Ein anderer Freund berichtete am nächsten Tag jedoch von einem genialen Konzert, fragte entgeistert, warum wir denn alle heim sind und drückte mir daraufhin die "Behind..."-CD in die Hand. Als die ersten Töne des Openers "Behind..." ertönten, war ich noch der Meinung, genau die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Wie konnte man sich dieses jaulige Gesinge nur anhören? Nun weiss ich nicht, warum, aber er hat die CD bei mir vergessen und ich habe sie nochmal eingelegt. Und gemerkt, dass mir das Gehörte als Anbeter von PSYCHOTIC WALTZ und anderem verschrobenem Zeug doch ganz gut gefällt. Aber nur nicht zu laut aufdrehen, was sollten denn meine Eltern denken?


Nun, was soll ich zwanzig Jahre nach dieser musikalischen Schlüsselerfahrung noch über "Behind..." sagen, was nicht mein lieber Kollege Holger schon gesagt hat? Ich bin sehr schnell in diese zu jeder Sekunde unorthodoxe  Musik herein gewachsen, sie hat mich tief fasziniert und tut es heute noch. Und während ich die schmucke Vinylausabe (gelbes Vinyl!) des "Behind..."-Re-Release so betrachte und der Musik lausche, wird mir bewusst, dass sie meinen Musikgeschmack entscheidend erweitert, offener gemacht und damit geprägt hat. Jeder, der mich kennt, hat schon mindestens einmal MAYFAIR hören müssen. Einige Leute kann man damit anstecken, manche aber auch an die Grenzen der nervlichen Belastbarkeit führen. Eine arme Kommilitonin musste auf einem gemeinsamen Skiurlaub mit MAYFAIR-Mögern ziemlich leiden. Oder einige Gäste auf der Hochzeit meines Bruders. Und da wären wir bei dem Punkt, warum ich hin und wieder das subjektive und leicht übertriebene Statement "Beste Band der Welt" von mir gebe: MAYFAIRs Musik ist für die besonderen Momente, ihre Musik weckt Erinnerungen an alte Zeiten, alte Freundschaften und Verbindungen. Sie ist einfach ein enger Vertrauter und immer da, wenn man sie braucht. Ein Weggefährte eben.

Hier noch zwei weitere Stimmen aus der Redaktion zu "Behind...":


In Form ihres Zweitlingswerks "Escape" lieferte MAYFAIR ein progressives Sahnetörtchen, dem mit "Fastest Trip To Cyber-Town" ein spielerischer Himbeertraum folgte. Grund genug, sich auch mit dem Frühwerk der Band auseinanderzusetzen. Windbeutel, Rosinenschnecke, Nussbeißer? Zunächst einmal fällt auf, dass das Debutalbum deutlich knuspriger ausgebacken ist als die darauf folgenden. 'Advanced In Years' klingt tatsächlich nicht nach Musikern, die noch grün hinter den Ohren sind. Und tatsächlich war MAYFAIR bei Veröffentlichung schon einige Jahre im Geschäft. Nach zwei Demoveröffentlichungen schien die Zeit wohl reif für eine Platte in vollendeter Produktion. Und was für eine: Da braten die Gitarren in 'Generation Isolated' so einiges weg. Da stiehlt sich verzweifelter Gesang zwischen das knackige Schlagzeugspiel, das den Klangraum trocken zum Knistern bringt. Unterschwellig verbreitet der Bass zusätzliche Unruhe; langsam aber sicher steigert sich das Stück in eine geradezu vorpanische Nervosität hinein. Düster klingt "Behind.." des öfteren, angestrengter, fordernder. Nicht nur tönen die Gitarren drahtig, sägend gar bisweilen, das gesamte Songwriting scheint auf Spannung ausgelegt zu sein. Da fügen sich auch die in alternativen Versionen eingespielten Bonustracks der Wiederveröffentlichung nahtlos ein: Sei es im bedrückenden 'Madame Pest', dem hypnotisch pendelnden 'Adam' oder dem schleppenden 'Ecstasy', ein unheimlicher Unterton zieht sich Stück um Stück durch das gesamte Album. Die schräge, manchmal fast windschiefe Songarchitektur bringt im letztgenannten Fall sogar einen Hauch von frühem Gothic ins progressive Spiel, woran die oftmals theaterhaft fremdelnde, gewissermaßen expressionistische Gesangsstimme nicht gerade unschuldig ist. Manchmal droht alles zu zerfasern, in 'Daily Screams' etwa, doch ist dies wohl durchaus gewollter Effekt: Verfremdung, Befremdung, Verstörung. "Behind..." wirkt immer unberechenbar, das ist sein Charakter. Da passt es auch ins Konzept, ausbrechenwollende Riffs mit angethrashten Schlagzeugspritzern und harten, fast funkigen Bass-Rhythmen zu paaren, um den sonst eher balladesken Zügen eines Stückes wie 'Man Of Sorrows' einige Stolpersteine unterzujubeln. Eine weitere Überraschung ist das demgegenüber schon richtig (verstrickt) groovige 'Tears'. Ruppiger und extrem roh, vor allem im Sound, klingen allerdings die - dadurch deutlich aus dem Rahmen fallenden - frühen Einspielungen von 'Fegefeuer', 'Individual Circus' und 'Man Of Sorrows'. Doch was heißt hier schon Rahmen? Das Material steht insgesamt stets eigenwillig für sich, Vergleiche liegen allenfalls gelegentlich hinblicklich PSYCHOTIC WALTZ nahe.
[Eike Schmitz]


MAYFAIR und "Behind...", was soll ich dazu sagen? Über eine langjährige euphorische Liebesbeziehung kann ich euch nicht berichten, weil ich dazu die Band und diese Scheibe viel zu spät entdeckt habe. Das mag daran liegen, dass ich immer gehört habe, dass mir das bestimmt viel zu progressiv sei, und dass selbst Freund Becker skeptisch war, ob mir das gefallen würde. Irgendwann habe ich dann zugeschlagen, und mir die Originalpressung des Debüts einfach gekauft, mit der raschen Erkenntnis, dass die Skeptiker nicht mehr hätten daneben liegen können. Klar, das ist proggy und entrückt, aber alle sechs Stücke des Werkes faszinieren und fesseln mich von Anfang bis Ende. Da haben die Ratgeber wohl mein Faible für eigenwillige Stimmakrobatik, märchenhaft erzählende Lyrik und eine atemberaubend emotionale Hingabe an das eigene, hinterhältig verschrobene Schaffen unterschätzt. "Behind..." geht zu jeder Sekunde unter die Haut, ist bei aller Extravaganz eingängig und es bleibt eigenständig und unverkennbar, auch wenn man an zahlreichen Stellen kleine oder auch etwas größere Verneigungen vor den eigenen Vorbildern erkennt, die ich mal im Bereich zwischen RUSH, CRIMSON GLORY und PSYCHOTIC WALTZ verorten würde. Ein kleines Meisterwerk, das für mich zu den Prog-Geheimtipps schlechthin zählt.
[Rüdiger Stehle]



Interview mit Réné und Mario zu "Behind..."


"Behind..." spielt nun auch in der Gegenwart für die Band eine wichtige Rolle. MAYFAIR möchte bei dem Neuanfang die Stimmung und das Feeling von früher wieder heraufbeschwören. Musik um der Musik willen machen und den Spaß des gemeinsamen Musizierens auskosten. "Alles schön klein halten" ist das Motto der Band. Die "Behind..."-Songs haben auch wieder den Weg in den Live-Set gefunden. Mario, Rene, Jolly und Hannes standen auf der gemütlichen Proberaumcouch Rede und Antwort.





Der Re-Release von "Behind..." enthält ja auch das Demo "Find My Screams Behind This Gate" und neben anderem Bonusmaterial sogar uralte Proberaumaufnahmen. Lasst uns also nochmal das Rad ganz zurück drehen zu dem Anfängen von MAYFAIR: Was war zu diesen Anfangszeiten die Motivation für die Band, mit welchen Zielen seid ihr angetreten?

Mario: Klassische Ziele hat es zunächst eigentlich nicht gegeben. Anfangs haben wir nur über die Musik und die Songs geredet und das gemeinsame Musizieren und Proben das Wichtigste.

Réné: Wir haben uns gar kein Kopf darum gemacht, unsere Musik auch aufzunehmen und anderen zu präsentieren. Erst als ein Bekannter, ein alter Undergroundler und Demosammler aus der Schweiz auf uns eingewirkt hat, gingen wir dann an die Aufnahmen, aber erst auch ganz naiv. Wir waren uns z.B. nicht bewusst, was sowas kostet, vor allem in der Schweiz, wo sowieso alles so teuer ist. Wir haben uns auch keine Gedanken gemacht, ob jemand unsere Musik mögen könnte. Erst als wir dann überall gute Kritiken bekommen haben, z.B "Demo des Monats" im Metal Hammer und Rock Hard, haben wir überhaupt realisiert, dass da draußen sich jemand für uns interessiert und es hier Potential gibt.


Hat Euch der damalige Zeitgeist in irgendeiner Weise beeinflusst? Es war ja Anfang der 90iger, es gab Grunge, Death Metal und jede Menge abgedrehter Prog-Metal-Bands im Underground.

Réné: Eigentlich nur der Underground. Die Demo-Szene hat damals noch geblüht und als wir dann die Reaktionen auf unser Demo mitbekommen haben, wollten wir da schon dabei sein. Wir waren ja selber unglaubliche Sammler, es gab kaum ein Tape, das ich mir nicht bestellt habe.

Die Musik von MAYFAIR klingt ja für unbedarfte Ohren sehr abgefahren und ungewöhnlich. Das war damals so und ist auch heute noch der Fall. Ich merke bei Leuten, die "Behind..." das allererste Mal hören, dass die Musik zunächst irritierend wirkt. Wir empfindet ihr selber denn eure Musik?

Mario: Am Anfang sind wir regelrecht erschrocken, als wir mal gehört haben, wie wir so klingen.

Réné: Ja, stimmt, da ham wir echt ganz schön blöd geschaut…

Mario: Mit der Aufnahme wird man sich das erste Mal bewusst, wie man wirklich klingt.

Réné: Wir haben vor den Aufnahmen wie gesagt unglaublich viel geprobt und wir hatten ja nie einen Abschluss in Form eines Tonträgers gehabt. Und wenn man das jahrelang macht und sich ständig so hört, dann wird einem gar nicht mehr bewusst, wie man eigentlich für die Aussenwelt klingt.

Mario: Aber die Rolle war schon super für uns, denn in unserem lokalen Umfeld haben ja die meisten Bands eher Blues gespielt. Wir waren die einzigen, die dann völlig crazy zwischen diesen Band unseren Sound gezockt haben. Wenn wir gespielt haben, war immer voll, weil wir es, ganz ohne Werbung und Promo geschafft haben, die Metal-Leute aus unserer Umgebung zu ziehen. Da haben wir teilweise vor 500 Leuten gespielt. Diese Leute sind auch ein stückweit in unseren schrägen Sound rein- und mit uns mitgewachsen. Und dadurch, dass wir in der Presse gut ankamen, sprangen auch viele Leute darauf an.

Ja, man konnte durchaus auch als Mainstream-Metal-Hörer auf MAYFAIR aufmerksam werden…

Réné: Ja, und ich will es nicht Druck nennen, doch wir haben durchaus auch die Erwartungen der Leute gespürt und gemerkt, dass die Leute unseren Sound auch genauso haben wollen, womit wir nicht wirklich gerechnet haben.

Wie kam es nun dazu, dass ihr die "Behind..." wiederaufgelegt habt.

Mario: Nun, ja auf die "Behind..." hatten wir am meisten Lust und sie enthält die Songs, die am besten zu den neuen Songs passen. So sind wir selbst ja auch wieder in die MAYFAIR-Welt eingetreten. Wir denken, dass die "Behind..." sowohl für die älteren als auch für neue Fans ein super Einstieg zum Entdecken unsere Musik ist. So können die Leute, zeitverzögert zwar, eine ähnliche Entwicklung wie wir durchmachen: Zum Anfang, 2010, haben wir viel mit der "Behind..." im Proberaum rumgeknobelt und dabei wieder den Spaß an der Musik gefunden. Wir haben wieder die alte Energie im Proberaum gespürt. Als wir dann auch neue Songs geschrieben haben, merkten wir, dass diese Stücke sehr gut zu den "Behind..."-Songs passen, vor allen auch live.
Zusammengefasst war die Entscheidung für "Behind..." eine Sache des Bauchgefühls, wir haben da nicht groß analysiert und berechnet, es hat sich halt vieles ergeben.


Wie zum Beispiel die große Begeisterung von Andreas von Pure Prog Records, der hellauf begeistert von der MAYFAIR-Reunion war und für den "Behind..." zu einer Herzensangelegenheit wurde:


Réné: Ich hab mit Andreas über die Idee gequatscht, "Behind..." zu re-releasen. Er meinte, er wolle das machen, egal unter welchen Umständen. Letztlich hat er alles so gestaltet wie wir das wollten und uns in jeglicher Hinsicht unterstützt. Ich weiss, dass er daran noch nicht mal was verdienen wird, selbst wenn er alle Exemplare verkauft. Dies war ihm jedoch egal...



Eine solche idealistische Einstellung teilt auch die gesamte Band. Sie machen Musik für die, die sie lieben:


Réné: Ein weiterer Aspekt ist auch, dass für "Behind..." horrende Preise verlangt wurden. Das entspricht aber nicht unserer Einstellung, wir wollen nicht, dass irgendjemand mit unserer Musik Profit macht und wollen, dass der Fan die CD zu einem vernünftigen Preis erhalten kann. Wir selber wollen mit MAYFAIR auch keinen Profit machen. "Alles schön klein halten", das ist unser Motto.

Dann unterstützt mal eine Band und ein Label, die wahre Fannähe noch leben und holt euch das liebevoll aufgemachte und klanglich wundervoll in Szene gesetzte Re-Release von "Behind..." entweder als CD oder auf Vinyl. Ihr werdet es nicht bereuen.

Wir werden in Bälde auch die Alben "Die Flucht" und "Fastest Trip To Cybertown" in ähnlicher Weise mit allen Hintergründen aus Sicht der Band aufarbeiten und wenn es soweit ist, auch das neue Material vorstellen. Die Hörproben waren mehr als nur vielversprechend. Stay tuned!
Mehr zu diesem Album:
Review von Holger Andrae

Redakteur:
Thomas Becker
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