top banner 73

YAT-KHA: Interview mit Albert Kuvezin

11.07.2005 | 21:23

YAT-KHA spielen eine wirklich interessante und sehr organische Mischung aus diversen Rock- und Folk-Stilen. Für westliche Ohren herausragend, obgleich perfekt in den Klangfluss eingebettet, ist dabei der tiefe und langsame Kehlgesang von Albert Kuvezin. Obwohl die Band aus dem sibirischen Steppenland Tuva mit ihrem zutiefst erdigen Groove einerseits sehr entspannt klingt, malen YAT-KHAs Stücke zumeist doch extrem dichte Stimmungsbilder, die in ihrer hypnotischen Kraft durchaus packend sind. Wer auf traditionsverwurzelte Musik, eingängige doch vielfältige Rhythmen, teils sehr langsamen Groovegesang in wohligen Doom- & Kuschel-Death-Stimmlagen, oder auch auf TOM WAITS (selbst ohne dessen bisweilen groteske Dramatik) steht, sollte unbedingt einmal nicht nur in das aktuelle und hiermit für euch verpflichtend gewordene Album "Re-Covers" reinhören, sondern auch YAT-KHAs ältere Platten anchecken - es lohnt sich. Aber wozu noch langes Vorgeplänkel? Das wohl treffendste Statement, das ihr meinerseits zu lesen bekommt ist: YAT-KHA sind eine dieser Bands, die es verdammt nochmal verdient haben, gehört zu werden - Punkt.
Zum neuen Album und dessen Einflüssen, zu alten Traditionen und neuen Entwicklungen der vergangenen Jahre im Gesellschaftlichen wie in der Musik, mit seiner Band wie auch im Persönlichen, hat mir Albert Kuvezin Rede und Antwort gestanden, seines Zeichens Sänger und fester Kernbestand von YAT-KHA sowie ein vielbeschäftigter, weitgereister und immer noch weiterreisender Mann - was dann auch eine auf möglichst wenig Traffic angelegte E-Mail-Korrespondenz als praktikabelste Kommunikationsmöglichkeit nahelegte; daraus herrührende und teils etwas abrupte Themenwechsel bitte ich hiermit zu entschuldigen. Die Alternative wäre ein zusammenfassender Report gewesen, was den Redakteur eventuell etwas eleganter aussehen ließe als er es eigentlich verdient hat, letztlich in der Auswahl des verwendeten Materials jedoch eine ungewollte Verkürzung (wenn nicht gar Verzerrung) der eigentlichen Aussagen bedeuten würde. Stattdessen nun also doch Albert Kuvezin in vollem Wortlaut...


Eike:
Hallo Albert, alles klar? Wo befindest du dich gerade?

Albert:
Ich bin gerade in der größten sibirischen Stadt, Novosibirsk. Heute machen wir uns auf nach London.

Eike:
Ich interessiere mich für die Entwicklung eurer Musik - für Songwriting-Techniken, aber auch für die persönliche musikalische (Weiter)Entwicklung. Also, wie wird ein YAT-KHA-Song für gewöhnlich zusammengestellt?

Albert:
Ich arrangiere und komponiere die meisten unserer Songs, aber manchmal tauchen einige Songs einfach nach Improvisationen bei den Proben auf.

Eike:
Ist Improvisation wichtig für eure Art von Musik?

Albert:
Ja, sehr wichtig. Auf den Konzerten improvisieren wir immer viel, ganze Songs klingen ständig anders.

Eike:
Wie wichtig sind die Texte, und woher stammen die?

Albert:
Nicht sehr wichtig, es sei denn sie haben gesellschaftliche oder philosophische Bedeutung. Einige sind traditionell, und einige stammen von mir.

Eike:
Euer Album "Tuva.Rock" von 2003 hatte einige englische Texte. Ist das für die Band eine Neuentwicklung, die fortzusetzen ist, oder war das eine für sich stehende Situation bei den letzten beiden Alben?

Albert:
Das ist ein neuer Schritt. Ich habe vor, in unserer Musik drei Sprachen zu gebrauchen.

Eike:
Ich habe gelesen, dass dir die Idee, ein reines Coveralbum zu machen, im Krankenhaus gekommen ist. Hat das den Schreibprozess in irgendeiner Weise beeinflusst?

Albert:
So richtig tat es das nicht, ich wollte jedoch nach vielen Jahren, in denen ich tuvanische Musik gespielt habe, eine Pause einlegen. Manchmal brauchen wir Veränderungen und Pausen.

Eike:
Im Faltblatt zum "Re-Cover"-Album lässt du uns ja ein Stück weit daran teilhaben, was dir die Songs, die Ihr gecovert habt, bedeuten. Sind das überwiegend Stücke, die du schon lange kennst, oder sind auch einige darunter, die du erst kürzlich entdeckt hast?

Albert:
Ja, die meisten der Songs kannte ich schon seit meiner Kindheit, außer dem irischen [Anmerkung des Verfassers: 'Wild Mountain Thyme', einen Song, den Albert über das Musizieren mit THE CHIEFTAINS kennenlernte].

Eike:
Wo wir gerade über alte Bekannte aus musikalischen Gefilden reden, inwieweit haben diese Künstler dein Songwriting beeinflusst?

Albert:
Ich selbst verspüre den Einfluss von LED ZEP und CARLOS SANTANA.

Eike:
Hast du von diesen Künstlern schon mal jemanden getroffen?

Albert:
Nein, nur den tuvanischen Komponisten TCHYRGAL-OOL.

Eike:
Erzähl uns doch bitte ein bisschen was aus deiner musikalischen Laufbahn. Wie hast du dich entschieden, Musiker zu werden?

Albert:
Schon kurz bevor ich mit der Schule fertig war, habe ich Musik gespielt und komponiert.

Eike:
Lu Blokes von der Britischen Punk Band PiL hat einige der YAT-KHA Alben produziert. Wie hast du ihn kennen gelernt, und wie hat sich der Kontakt seitdem entwickelt?

Albert:
Edmonds ist sein Nachname. THE BLOKES heißt die Band, in der er manchmal spielt. Er interessierte sich sehr für die Musik aus der ehemaligen Sowjetunion, ganz besonders für die aus Sibirien. Ein paar russische Journalisten haben ihn auf mich aufmerksam gemacht. Er arbeitete für die Berlin Independent Day und WOMEX, und lud mich ein, 1993 dort zu spielen. Im darauffolgenden Jahr sprang er bei WOMAD in Helsinki für unseren Drummer ein, der nicht mitkommen konnte. Dort haben wir uns dann entschlossen, ein Album aufzunehmen. Später begann er, Bass zu spielen und die Band bis 2000 zu managen. Wir sind jetzt befreundet.

Eike:
Ich habe mal ein Kurzinterview mit Lu Edmonds gelesen, in dem er von der großen Siberian Glasnost Punk Explosion der späten 1980iger sprach. Da hörte sich das alles sehr einfach an - so als ob aus heiterem Himmel diese große historische Sache abgegangen ist und YAT-KHA einfach zur rechten Zeit am rechten Ort waren und so ein Teil davon wurden. Aber dann habe ich mich gefragt: Was bedeutet das eigentlich, Siberian Glasnost Punk Explosion? Ist das einfach passiert, dass plötzlich eine Unzahl an Bands rauskam und spielte, war das ein von cleveren Leuten in der Medienindustrie ausgehecktes Schlagwort, oder war es gar eine Art künstlerische und/oder politische Bewegung in einer eng miteinander verwachsenen Szene? Ich könnte es nicht sagen. Also, worum ging es da?

Albert:
Ganz einfach. Rock und Punk existierten während der Sowjetzeit im Untergrund, und als das politische System ausgewechselt wurde, bekamen alle die Möglichkeit, zu tun was sie wollten aber nicht konnten. Da zeigte sich dann, dass es nicht dasselbe ist, spielen zu wollen und spielen zu können...

Eike:
Wie war das? Hast du dich als Teil dieser Szene gefühlt?

Albert:
Ja, ich gehörte zum Untergrund und bin sehr viel durch Sibirien und die Sowjetunion gereist. Vorher ließen die kommunistischen Mächte es nicht zu, dass Menschen, Künstler ihre Ideen frei zum Ausdruck brachten, und dann veränderte sich das alles ganz plötzlich; so, als ob man auf einen Schlag zu viel frische Luft, oder Alkohol, auf einmal bekommt.

Eike:
Dass ich nach dem Zugehörigkeitsgefühl zur Szene fragte, liegt auch daran, dass Punk ganz offensichtlich nicht die einzige musikalische Kraft hinter YAT-KHA ist. Besonders traditionelle Elemente kommen darin stark zum Einsatz. Du warst ja vor YAT-KHA Mitglied bei der Folkgruppe HUUN HUUR TU. Könntest du deren Stil für unsere Leser beschreiben?

Albert:
Sie spielen traditionelle tuvanische Musik mit jeweils kleinen Anteilen von neuer, moderner Transkription und Stimmung.

Eike:
Würdest du YAT-KHA in einer ähnlichen Tradition sehen?

Albert:
Wir können mit unterschiedlichen Stilen und in unterschiedlichen Situationen dennoch das gleiche Land und die gleiche Kultur repräsentieren.

Eike:
Aus welchen anderen musikalischen Strömungen schöpft ihr?

Albert:
Aus vielen. Klassische Musik, Jazz, Psycho, traditionelle Musik aus anderen Ländern.

Eike:
In einem anderen Interview erwähntest du, dass du auch schon mal Metal gemacht hast. Wann war das?

Albert:
Das war 1985 in Tuva mit meiner eigenen Band, dann 1988 in Azerbaijan als Bassist, und 1989 in Sverdlovsk als Gitarrist.

Eike:
Gib es da irgendwelche Alben aufzustöbern?

Albert:
Irgendwo in Tuva gibt es ein "Reel-to-reel"-Album, das wir während unserer Proben aufnahmen; aber das aufzutreiben, ist nahezu unmöglich.

Eike:
Das erste [international veröffentlichte] YAT-KHA Album, "Yenissei Punk", kam 1995 raus. Ist das korrekt?

Albert:
Ja, stimmt, doch aufgenommen wurde es 1994 in Helsinki. Aber die ersten beiden wurden 1989 und 1992 in Russland aufgenommen und veröffentlicht.

Eike:
In den letzten zehn Jahren gab es bei euch eine Anzahl von Line-up-Wechseln. Inwiefern hat sich das in der Musik niedergeschlagen?

Albert:
Nicht so viel, schätze ich. Die Essenz ist immer noch hier in meinem Gemüt und Herzen.

Eike:
Mit YAT-KHA hast du innerhalb eines Jahrzehnts mindestens fünf Studioalben veröffentlicht. Wie hat sich YAT-KHAs Musik in all diesen Jahren entwickelt?

Albert:
Ich denke, dass unsere Musik mittlerweile kräftiger ist als noch zu Anfang, professioneller, und bei all dem immer noch sehr schlicht. Es könnte sein, dass sie zugänglicher geworden ist, und natürlich klingt sie jetzt härter und schwerer, >>rockig<<.

Eike:
Gibt es eine bestimmte Richtung, die du in Zukunft erforschen magst?

Albert:
Ich selbst würde mich gerne an verschiedenen Metal-Stilen versuchen, an akustischen Balladen, an Instrumentalstücken, auch mit Sinfonieorchester, ebenfalls aber auch die Zusammenarbeit mit weiteren Musikern aus der ganzen Welt fortführen.

Eike:
Als ich anfing, an meiner Rezension zu "Re-Covers" zu schreiben und die Musik in Worte zu fassen, fühlte ich mich ziemlich verloren. Ich dachte, dass es nahezu unmöglich wäre. Hoffentlich wurde ich euch halbwegs gerecht. Wie würdet du selbst jemandem, der die Band noch nie hat spielen hören, die Musik von YAT-KHA beschreiben?

Albert:
In der ganzen Welt gibt es sonst nichts, was wie YAT-KHA klänge. Im Ernst - eine organische Mischung aus Rock und den Traditionen des asiatischen Sibirien.

Eike:
Nun, es klingt großartig; sehr tiefschürfend und gefühlvoll. Mir kam die Musik zunächst recht simpel vor, weil der Rhythmus und die Stimme einen einfach packen, noch bevor man überhaupt begreifen kann, was einen da eigentlich getroffen hat; aber dann bemerkte ich all diese fesselnden Details, auf die man sich konzentrieren kann - sinnbildlich, als ob mehrere Fäden zusammenkommen, die dann so ein starkes Gewebe ergeben. Mir kam der Gedanke, dass das vermutlich der Grund ist, warum Leute den Begriff "Fusion" als Genrebezeichnung erfunden haben - einfach in Ermangelung eines besseren Wortes! Es sagt nichts Genaues darüber aus, was eigentlich passiert, aber es lässt dir die Illusion, du hättest es als Ganzes begriffen. Eine weitere solche Bezeichnung mit ziemlich vagen Implikationen ist "World Music". Bist du glücklich damit, in Bezug auf YAT-KHA?

Albert:
Das geht in Ordnung, wir spielen Musik aus verschiedenen Weltteilen, und wir sind die Weltband. Aber ich mag keine Aufkleber draufdrücken und Namen bloß deswegen zu vergeben, damit sich etwas besser verkauft. In solchen Situationen mag ich es nicht, wenn Genres oder Stile, wie wir sie spielen, als "Weltmusik" bezeichnet werden.

Eike:
Habt ihr schon auf Weltmusik-Festivals gespielt?

Albert:
Na klar, auf vielen.

Eike:
Du hast ja auch zwei Songs mit der anglo-indischen Folk-Fusion-Musikerin und Sängerin SUSHEENA RAMAN eingespielt. Wie ist es dazu gekommen?

Albert:
Wir haben bloß im Hintergrund etwas von unseren Stimmen und Instrumenten daruntergelegt. Wir waren nur Special Guests, aber wir mögen sie und ihre Musik und hatten beim Aufnehmen eine tolle Zeit. Wir haben sie 2000 nach unserem Konzert im Königreich getroffen.

Eike:
Gibt es noch andere MusikerInnen, mit denen ihr auf internationaler Basis zusammengearbeitet habt?

Albert:
ASIAN DUB FOUNDATION, THE CHIEFTAINS, TRANCE GLOBAL UNDERGROUND, GOJIRA, taiwanesische, chinesische und mongolische Musiker... einige andere, viele.

Eike:
Was gefällt dir besonders daran?

Albert:
Wie viel man von ihnen lernen kann, durch Austausch von Wissen, Erfahrungen, eine Menge Zeug...

Eike:
Irgendjemand, mit dem du in Zukunft gerne zusammen arbeiten würdest?

Albert:
Ich will sehr viel machen, jetzt und in der Zukunft, aber ich habe nie genug Zeit. Beispielsweise METALLICA oder SLAYER, klassische indische Musik...

Eike:
Am 26. Juni spielt ihr zusammen mit anderen großen Künstlern wie PATTI SMITH, FLEA, und JEFF BECK eine Show namens >>Songs of Experience. The work of Jimi Hendrix and the music that inspired him<<. Wer wird noch dabei sein, und hast du von diesen Leuten vorher jemanden getroffen?

Albert:
Ich hab Patti 1996 einmal in Berlin getroffen, bei einer großen Veranstaltung unter dem Banner >>Free Tibet<<. Nach London kommen viele Künstler, darunter viele große Namen. Die Musik von JEFF BECK und FLEA ist mir bekannt, auch TINARIWEN aus Mali, aber über die anderen weiß ich noch nichts.

Eike:
Ich hätte da noch ein paar Fragen zum Kehlgesang. Stellt der eine besondere Belastung für die Stimmbänder dar?

Albert:
Nur am Anfang; aber wenn man es richtig macht, ist es sehr angenehm.

Eike:
Worauf kommt es an, wenn man ein guter Kehlsänger werden will?

Albert:
Auf viel Übung, und darauf, dass man aus dem Innersten heraus zuhört.

Eike:
Ich las, dass alleine in Tuva eine beträchtliche Menge verschiedener Stile kursiert. Ich bin da haufenweise auf Bezeichnungen gestoßen, mit denen ich so gar nichts anfangen konnte, alles sehr verwirrend... Hier sind ein paar davon (hoffentlich auch richtig geschrieben): Khoomei, Kargyraa, Sygyt, Xoomii, Borbangnadyr, Chylandyk, Dumchuktaar, Ezengileer, Kanzip, Kanzat. Könntest du da kurz Klarheit reinbringen?

Albert:
Die Hauptrichtungen, und auch die populärsten, sind Khoomei, Kargyraa und Sygyt. Andere Stile sind bloß andere Versionen oder Variationen dieser drei. Khoomei ist ein Oberbegriff für den Kehlgesang überhaupt und den grundlegenden Stil.

Eike:
Ist es schwierig, sich diese Techniken anzueignen? Sind sie in Tuva sehr populär?

Albert:
Das sind unsere Traditionen, seit Jahrhunderten, und viele Menschen aus allen Teilen Tuvas singen und verstehen sie, generationenübergreifend. Es ist das Gesicht der tuvanischen Kultur.

Eike:
Wie und wann hast du dich entschieden, den Kehlgesang selbst zu erlernen?

Albert:
Als ich im National Ensemble spielte und auf einige großartige Sänger aus abgelegenen Dörfern traf, die mir zahlreiche Techniken zeigten und eröffneten.

Eike:
Ich hab gelesen, dass einige dieser Stile auch religiöse Bedeutung haben können. Setzt du sie auch in dieser Weise ein?

Albert:
Einige Stile wurden und werden von Schamanen und Lamas für ihre Rituale verwandt. Außerdem sagen Schamanen, dass den tuvanischen Menschen verschiedene Stile von unterschiedlichen Geistern gegeben wurden. Und ich verwende sie manchmal auch, indem ich sie als Mantras singe.

Eike:
Ich muss ganz ehrlich sagen: Dadurch, dass YAT-KHA aus Tuva kommen, habe ich erst realisiert, dass es überhaupt ein Land namens Tuva gibt. Wahrscheinlich wissen die meisten Menschen in Deutschland nichts darüber, es sei denn natürlich sie interessieren sich für Kehlgesang. Zumindest die Leute, die ich gefragt habe, hatten noch nie was von Tuva gehört. Ich schlug es in einem Lexikon nach, und da hieß es: Protektorat des Russischen Imperiums bis 1921, später Volksrepublik bis 1944, dann von der UdSSR annektiert und von einem gewissen Solchak Toka regiert - auch als es 1961 autonome Republik wurde, und weiter bis zu seinem Tod 1973 -, seit 1992 unabhängige Republik. Ferner hieß es, dass Tuva einst von China beansprucht wurde und von dieser Seite immer noch nicht als unabhängiger Staat anerkannt wurde. Ziemlich interessante Geschichte, und dabei sind das nur ein paar sehr trockene Informationsfetzen zum 20ten Jahrhundert...
Anscheinend war Tuva einst ein nomadisch bevölkertes Land. Toka aber versuchte, traditionelle tuvanische Kultur und Religion zu unterdrücken. Was hat das für die Bevölkerung Tuvas bedeutet, wie erfolgreich waren diese Versuche, und inwieweit hat sich das politische Klima nach seinem Tod verändert?

Albert:
Eigentlich war Toka nur eine Figur, die von anderen Kommunisten aus der Sowjetunion regiert wurde, und vielleicht auch ein Opfer dieser Zeit, doch hat er auch viele gute Dinge für Tuva getan. Ich denke nicht, dass eine andere Person von den Geschehnissen der Weltgeschichte hätte unabhängiger sein können.

Eike:
Welche Veränderungen hat Tuva nach dem Zusammenbruch der UdSSR durchgemacht?

Albert:
Das war gut für ein kulturelles, religiöses und nationales Wiedererstarken, aber gleichzeitig war es schlecht für das Ökonomische und andere Dinge, die damit zusammenhängen.

Eike:
Ein Freund von mir stammt aus Polen, und er hat mir erzählt, dass sich dort als Resultat von erlebter Unterdrückung durch die UdSSR so einiges an Ablehnung gegen alles Russische entwickelt hat. Ich habe gelesen, dass es in den 1990ern zu einigen Konflikten zwischen der angestammten Bevölkerung und der ehemals russischer Siedler gekommen sei. Was waren aus deiner Sicht die Gründe dieser Konflikte, und wie weit verbreitet waren sie?

Albert:
Ja, das ist vorgekommen. Hauptgrund war, dass Sowjets und Russen alle Völker assimilieren und eine neue Gesellschaft erschaffen wollten - das so genannte Sowjetische Volk. Sie sagten: Die Russen sind die großen Brüder und alle anderen die kleinen. Auch die Sprache und die Kultur vieler kleiner Völker waren kurz davor zu sterben, wegen der Dominanz des Russischen.

Eike:
Wie schätzt du die Beziehungen zwischen den Ethnien heute ein?

Albert:
Die sind mehr oder weniger gut, aber die meisten der russischen Leute, die in Tuva leben, interessieren sich immer noch nicht für die tuvanischen Traditionen und Gebräuche, oder für die tuvanische Kultur, lernen die Sprache nicht, und so weiter. Manche meinen immer noch, sie hätten eine überlegenere Zivilisation gegenüber allen anderen ursprünglichen Sibiriern und Nomaden.

Eike:
Ich habe den Eindruck, dass für viele Menschen in Europa, Religion in den letzten Jahren wieder wichtiger geworden ist. Gibt es diese Entwicklung auch in Tuva?

Albert:
Ja, wir sind in einer ähnlichen Situation; aber tun die Menschen das überall ehrlicherweise, oder ist es eine Art Mode?

Eike:
Wie schaut's aus mit Tuvas Musikszene? Was für Bands oder Stile sind dort populär?

Albert:
Nicht viel Abwechslung. Sehr populär sind örtliche PopsängerInnen mit backing tracks, dann tuvanische Traditionsmusik allerdings in moderneren Arrangements. Es gibt ein paar Rapper und bloß ein paar Rockbands, aber außer den traditionellen Musikbands kopieren sie alle nur populäre westliche und russische Künstler. Nichts wie YAT-KHA, bislang.

Eike:
Gibt es, von YAT-KHA abgesehen, irgendwelche tuvanischen Bands, die zu entdecken du empfehlen kannst?

Albert:
AMYR-SANAA - Rockband, die ein bisschen wie NAZARETH klingt, allerdings auf Tuvanisch; sie schreiben sehr politische und gesellschaftliche Texte, haben sich in den Achtzigern im Knast gegründet. Dann noch AZHYRBASS - Punkband mit scharfzüngigen Texten über das Leben vor Ort, haben eine Menge Energie, stammen aus einem Vorort von Kyzyl...

Eike:
Vielleicht noch ein paar Bands, für die sich besonders ein Gothic- / Rock- / Metal-Publikum interessieren könnte?

Albert:
Es gibt ein paar Bands, die solche Musik spielen, aber das sind bloß Kopien der Brüder aus dem Westen, nichts Spezielles und Interessantes.

Eike:
Was ist das letzte Album, das deine Aufmerksamkeit völlig gefangengenommen hat, und was macht es so besonders?

Albert:
Ehrlich gesagt nichts während der letzten vier, fünf Jahre. Obwohl ich manches mochte, hat nichts in Kopf und Herz von mir Besitz ergriffen und mich richtig ausflippen lassen.

Eike:
YAT-KHA haben sich auch in diesem "Storm Over Asia"-Projekt engagiert, wo ihr Musik zu einem Kinofilm improvisiert habt, der auf einem Roman über den Bürgerkrieg in Tuva und der Mongolei basiert. Ich las, dass der Film in der Stalin-Ära zensiert wurde, und jetzt auf die Leinwand zurückgebracht wurde. Kannst du uns mehr zum Film und dem historischen Hintergrund sagen?

Albert:
Das bräuchte viel Zeit, aber ich kann hier soviel sagen, als dass es ein Teil unserer Geschichte ist und dass fast alles in dem Film wahr ist. Der Film wurde nicht nur in der Sowjetunion zensiert, sondern auch im Westen, vielleicht sogar noch mehr, weil er schlechte Seiten des Imperialismus und Kolonialismus zeigte.

Eike:
Hast du ein besonderes Interesse für Geschichte?

Albert:
Ja, ich bin interessiert, aber vielleicht doch nicht ganz so sehr wie an Ethnogeographie.

Eike:
Wie seid Ihr zu dem "Storm Over Asia"-Projekt gekommen?

Albert:
Weil ich den amerikanischen Soundtrack zum Film nicht mochte und dachte, wir könnten es besser, da wir von der Story betroffen sind.

Eike:
Wie lange seid ihr mit "Storm Over Asia" getourt? Im Netz hab ich diverse Vorführtermine zwischen 2001 und 2003 gefunden - das scheint mir eine ziemlich lange Zeit zu sein. Wart ihr damit die ganze Zeit am Touren, oder zwischen anderen Gigs?

Albert:
In 2001 haben wir mit dem Film eine große erfolgreiche Tour in den USA bestritten. Aber in Europa haben wir das nur einige Male zwischen unseren Konzerten gespielt.

Eike:
Wie wichtig ist es dir, vor einem Live-Publikum zu spielen?

Albert:
It is better than playing to a dead audience. Ernsthaft geantwortet: Es ist eine Art Austausch von Energie und Gefühl.

Eike:
Was ist das Beste am Touren?

Albert:
Viel Neues zu sehen und kennen zu lernen, Land und Leute und ihre jeweilige Kultur. Da gewinnt man sehr viel mehr echtes Wissen als wenn man Fernsehen oder Kinofilme sieht.

Eike:
Was ist das Schlimmste?

Albert:
Nicht genug Zeit, all das Genannte vor Augen zu bekommen, dazu die Müdigkeit von Hotels, Flughafen, Bahnhöfen, Meilen...

Eike:
Ihr habt schon ziemlich intensiv getourt. Sehnst du dich da manchmal nach Zuhause, oder ist die Welt dein Zuhause geworden?

Albert:
Ja, die Erde ist unser Zuhause, aber ich brauche frische Luft, Wasser, und ich brauche es, unsere tuvanischen Berge und Steppen zu sehen.

Eike:
Wenn Ihr das neue Album betourt, werdet ihr dann auch Festivals in Europa bespielen?

Albert:
Ja, einige, wie zum Beispiel Paleo in der Schweiz, auch in Österreich und Prag, viele im UK. Wir werden das meiste vom neuen Album spielen und einiges vom letzten.

Eike:
Bevor du das Interview endlich hinter dir hast, würde ich dir gerne noch ein paar Fragen zu den Songs auf und der Produktion von "Re-Covers" stellen. Zunächst, wo und wie wurde das Album aufgenommen?

Albert:
Einige Aufnahmen habe ich zu Hause in Kyzyl auf einem Portastudio gemacht und den Rest in London. Bei den meisten Songs haben wir mit Overdubs gearbeitet, und in einigen wenigen live gespielt. Das Aufnehmen selbst geschah spontan, nichts war vorbereitet.

Eike:
Erzähl uns doch bitte ein paar Dinge über die traditionellen Instrumente, die auf "Re-Covers" zu hören sind. Ist das die Sorte Instrumente, die ihr schon immer gespielt habt, oder habt ihr bestimmte Instrumente für spezielle Effekte ausgewählt?

Albert:
Ja, für Klangeffekte, um aus den Songs farbige Gemälde zu machen. Wir nahmen viele, aus verschiedenen Teilen der Welt wie Asien, Afrika, pazifischen und atlantischen Inseln, Europa...

Eike:
Ich persönlich bin der Meinung, dass eure 'Orgasmatron'-Version nicht nur eine sehr starke ist, sondern auch eine sehr außergewöhnliche. MOTÖRHEADs Original ist ganz und gar schwarzmalerisch, und obwohl die Griffe an sich nicht so hart klingen, macht das gesamte Arrangement daraus einen sehr langsamen und schweren Song mit homogenem und ziemlich direkt nach vorne gehendem Sound. Bis zu einem gewissen Grad behält 'Orgasmatron' den typischen Sound der Band bei; und doch ist es vermutlich eines der dunkelsten Stücke, die sie jemals aufgenommen haben.
Jetzt hat YAT-KHAs Überarbeitung ihm ein ganz neues Gefühl verliehen - Ihr habt diese "upbeat"-mäßige, fast schon tänzelnde Unterströmung zu einem insgesamt eher düsteren Thema eingebracht. Wohingegen Puristen das für seltsam halten könnten, finde ich, dass es sich großartig einfügt - es unterstreicht das Konzept von Betrug, das durch den Text ausgedrückt wird. Ist das ein geplanter Effekt gewesen? Und wie seid ihr auf diese musikalische Kontrastierung in eurer Version gekommen?

Albert:
Ja, ich wollte einen Kontrast erreichen - um eine gewisse Ironie auszudrücken, die ich im Text spüre.

Eike:
Es gibt Gerüchte, dass KRAFTWERK ziemlich defensiv sein können, wenn andere Leute sich ihres urheberrechtlich geschützten Materials bedienen wollen. Wie schwierig war es wirklich, eine Freigabe für 'Man Machine' zu bekommen?

Albert:
Das war einfach, weil ich diese Musik seit langer Zeit kenne und ich frei von westlicher Mentalität bin, wenigstens in der Musik.

Eike:
War es, verglichen mit der Interpretation von Rocksongs, eine andere Erfahrung, etwas eher elektronisch Gelagertes zu überarbeiten? Habt ihr da einen anderen Ansatz gehabt?

Albert:
Das Problem, elektronische Klänge durch natürliche Instrumente zu ersetzen und das >>main grain<< im Song [Anm. d. Übersetzers: sein Hauptmuster, seinen essentiellen Kern] zu finden. Aber ich vermute, dass verschiedene Musiker verschiedene Körner finden können.

Eike:
Euer 'When The Levee Breaks'-Arrangement hat diese picked string and percussion sounds, die sich tatsächlich nach Regen anhören. Das erinnert mich an das Konzept klassischer Programmmusik; ist diese Spiegelung der lyrischen Stimmung im Klang etwas, was du in jedem Fall anstrebst, oder siehst du Gesang und Instrumente eher als Bestandteile, die sich nicht unbedingt beeinflussen müssen, solange sie einfach gut zusammen klingen?

Albert:
Für mich ist es wichtig, mittels Musik ein Bild zu erschaffen, und dafür kann ich alles verwenden. Außerdem bemühe ich mich um ein Verständnis von klassischer und traditioneller Musik.

Eike:
Ich bin beeindruckt von der großen Bandbreite der Songs, die du für "Re-Covers" ausgewählt hast; obwohl sie sehr vielfältig sind, sind da auch einige meiner Lieblingsstücke drunter. Noch beeindruckender: Wer die Originale nicht kennt, würde die Songs wahrscheinlich gar nicht für Coverversionen halten. Ihr habt sie gewissermaßen eingeschmolzen und ihnen eine neue Form gegeben, die echt ursprünglich YAT-KHA ist - und dennoch das Ausgangsmaterial bewahrt, ihren Geist, oder wie auch immer man das nennen mag. Naja, das ist halt mein Eindruck. Wie siehst du das, hast du eher versucht diese Songs zu verändern, zu bewahren, oder einfach nur zu spielen?

Albert:
Ich habe einfach versucht, meinen eigenen Blick auf sie und mein eigenes Empfinden von ihnen auszudrücken. Ist aber immer wichtig, man selbst zu sein.

Eike:
In den Anmerkungen zu 'Love Will Tear Us Apart' (einem meiner absoluten Lieblingssongs in wahrhaft schöner Darbietung) schriebst du, dass JOY DIVISION, obwohl sie den Massen eher unbekannt waren, zahlreiche bekannte Bands in der UdSSR stark beeinflusst haben. Wie bist du selbst dazu gekommen, die Band das erste Mal zu hören, und was hat dich veranlasst, gerade diesen Song auszuwählen?

Albert:
Ein Journalist spielte mir JOY DIVISION in den späten Achtzigern vor, als ich in Sverdlovsk wohnte. Er meinte, dass meine frühe Musik ihnen ähnlich war.

Eike:
Da ich einer jüngeren Generation angehöre, habe ich 'Her Eyes Are A Blue Million Miles' das erste Mal auf dem Soundtrack zu "The Big Lebowski" gehört. Kennst du den Film zufällig, und falls ja, was hältst du davon? (In Deutschland hat er Untergrundkultstatus gewonnen.)

Albert:
Tut mir leid, den habe ich nicht gesehen, werde aber versuchen, ihn aufzutreiben.

Eike:
Auf der Platte habt ihr auch diesen folkloristischen Song namens 'Wild Mountain Thyme'. Die YAT-KHA-Version hört sich fast wie ein Trauerlied an, aber ich vermute mal, dass das Original sehr viel leichter geklungen hat. Wie dem auch sei, du hast geschrieben, dass du einige Gemeinsamkeiten von irischer mit sibirischer Volksmusik gefunden hast; könntest du für uns ausführen, worin diese Gemeinsamkeiten bestehen?

Albert:
Ähnliche pentatonische Skalierung, freier Rhythmus in langsamen Liedern, Naturbeschreibungen in den Liedern...

Eike:
Ich selber habe von Musik null Ahnung, und doch habe ich festgestellt, das bestimmte - ich nenne es aus Mangel eines tieferen Verständnisses mal "Stimmungen" - in verschiedenen Arten von traditioneller Musik auf der ganzen Welt immer wieder auftauchen; seltsamerweise sogar zwischen keltischer und chinesischer Musik. 'Wild Mountain Thyme' hat mich vom musikalischen Thema her an DEAD CAN DANCE erinnert, die keltische, arabische und andere Folklore in teils recht elektronischen Umgebungen neu entwickelt haben. Die haben so etwas bereits vor längerer Zeit gemacht, und wie ich finde auch sehr geschickt. In letzter Zeit scheint die Fusion von traditioneller und moderner Tanzmusik zu so etwas wie einem Trend zu werden, wobei die traditionellen Elemente oftmals bloß Mitbringsel sind um ansonsten eher öde Songs etwas zu würzen. Was hältst du von Ansätzen, elektronische mit organischer Musik, und traditionelle regionale Elemente mit moderner Massenkultur zu verbinden?

Albert:
Es ist Teil unserer Gegenwart - die Mischung verschiedener Kulturen in vielen Sphären des Lebens. Und auch in der Musik; vielleicht geschieht das in der Musik früher als sonst irgendwo. Das ist okay, aber natürlich tut es jeder auf eine andere Weise und mit einem anderen Talent.

Eike:
Du hast Songs von CARLOS SANTANA und BOB MARLEY gecovert, die beide als sehr spirituelle Leute bekannt sind. Bist du selbst ein spiritueller Mensch?

Albert:
Ja, ich denke schon, sonst würde ich das nicht machen, gerade diese Musik, und Musik überhaupt.

Eike:
Die letzten paar Zeilen sind ganz die deinen, um zu sagen, was immer du auch sagen möchtest.

Albert:
Musik ist eines von vielen Geschenken/Begabungen, die uns von Gott (Göttern, oder der Natur) gegeben werden, und talentierte Menschen müssen sie entfalten und dann durch sie mit der gesamten Menschheit teilen. Schließlich können wir Musiker durch die Musik miteinander reden und kommunizieren. Anders gesagt - Musiker müssen ihre Ideen durch die Musik ausdrücken!

Eike:
Vielen Dank, Albert, für dieses aufschlussreiche Interview!

Redakteur:
Eike Schmitz

Login

Neu registrieren

Wir verwenden Cookies, um unsere Website besser gestalten und verbessern zu können. Diese nutzen wir unter anderem für die Reichweitenmessung und zu Marketing- und Optimierungszwecken. Durch die weitere Nutzung der Website stimmst Du der Verwendung von Cookies zu (weitere Informationen gibt es hier).