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Zum Tod von Alexi Laiho: Ein Nachruf

04.01.2021 | 22:54

Alexi Laiho ist tot. Ich schreibe diese vier Worte, nur glauben kann ich sie nicht. Wie es immer mit eigenen Idolen ist, so scheinen sie irgendwie unsterblich und unantastbar. Wenn sie dann auch noch so früh aus dem Leben gerissen werden, dann sitzt der Schock tief.

Insbesondere wenn die Nachricht aus heiterem Himmel kommt wie im Falle des CHILDREN OF BODOM-Masterminds. Ich jedenfalls wusste nichts von den gesundheitlichen Problemen der vergangenen Jahre, die im Statement des Managements als Todesursache angeführt wurden. Klar sah Alexi immer wieder mal ausgemergelt und überraschend dünn aus, doch ich vermutete darin immer Nachwirkungen der Jahre, in denen der Saitenhexer auf der Überholspur lebte und mit seinen Booze Brothers bei COB gerne mal sämtliche alkoholischen Kaltgetränke im Backstage-Bereich vernichtete. Doch eigentlich war Alexi zuletzt deutlich ruhiger geworden und balancierte das hektische Tourleben durch sehr viel Zeit mit der eigenen Familie aus. Selbst musikalisch ging es bis zum CHILDREN OF BODOM-Split mit dem starken "Hexed" wieder bergauf und sicher warteten die meisten Fans (wie auch ich) gespannt auf den Release des ersten BODOM AFTER MIDNIGHT-Langeisens.

Statt mit frischen Heldentaten müssen wir uns nun aber wohl mit dem gigantischen musikalischen Erbe begnügen, das der kleine Finne in 41 Jahren erschaffen hat. Dabei revolutionierte Laiho bereits im Teenageralter (damals war der Spitzname "Wildchild" wirklich Programm) mit "Something Wild" und "Hatebreeder" das Genre des melodischen Todesstahls, indem er neoklassische Shred-Attacken im Stile Yngwie Malmsteens mit der Finsternis des Black Metals und dem untrüglichen Melodiegespür finnischer Power-Metaller wie STRATOVARIUS verheiratete und damit Genre-Veteranen wie IN FLAMES einen kräftigen Tritt in den Hintern verpasste. Niemand hätte sich damals wohl getraut, solch gegensätzliche Stile miteinander zu verheiraten und nicht wenige Kritiker konnten zuerst nicht viel mit dem musikalischen Cocktail anfangen. Spätestens mit dem von Peter Tägtgren produzierten Nachfolger "Follow The Reaper" wurden die Finnen dann jedoch zum heißesten Newcomer im Metal-Sektor, bevor sie mit dem Hit-Feuerwerk auf "Hatecrew Deathroll" den metallischen Mainstream eroberten und zum Headliner auf den größten europäischen Festivalbühnen avancierten.

Etwa zur gleichen Zeit wurde ich Mitglied in der Band LIVING ABYSS (damals noch unter dem Namen LEVIATHAN unterwegs) und bekam zur ersten Probe eine Liste von Songs, die ich lernen musste. Mit dabei "Silent Night, Bodom Night", "Everytime I Die" und "Downfall". Ich kannte CHILDREN OF BODOM bis dahin nicht, doch Alexis Gitarrenspiel (insbesondere auch im Zusammenspiel mit Keyboarder Janne Wirman) packte mich sofort. In Kombination mit einer solchen Härte und gleichzeitig einem so unverschämt starken Gespür für grandiose Hooks hatte ich so etwas noch nie gehört. Als ich dann auch noch die ersten Mitschnitte von Auftritten aus den Anfangstagen sah, war ich vollkommen geplättet von der Leichtigkeit, mit der Laiho blitzschnelle Licks und messerscharfe Riffs aus dem Ärmel zauberte. Ab da hatte ich mein Idol an der Gitarre für die nächsten Jahre gefunden und spielte mir die Finger wund, während ich versuchte die gesamten Tracks von "Hatebreeder" und "Follow The Reaper" zu lernen. Egal welche Technik man auch üben wollte, Laiho hatte sie schon irgendwo bei CHILDREN OF BODOM musikalisch perfekt untergebracht und so wurde der Finne, ohne es selbst zu wissen, praktisch zu meinem Gitarrenlehrer. Und während meine Freunde bei den Shows des Fünfers im Moshpit ihren Spaß hatten, stand ich in den ersten Reihen und starrte nur auf Alexis Finger, in der Hoffnung mir noch einen Trick abschauen zu können. Ich muss nicht extra erwähnen, dass meine Wahl einer Flying V als Bühnengitarre auch primär von Laihos bevorzugtem Werkzeug beeinflusst wurde. Die Gitarre auf dem Knie und dabei seine rasanten Soli abfeuernd - sind wir ehrlich, eine coolere Rampensau konnte man damals kaum finden.



Zugegeben, im Zuge der schwächeren Jahre rund um "Relentless Reckless Forever" flachte mein Interesse an neuen Alben seiner Band deutlich ab, doch die Klassiker und insbesondere das fantastische Live-Bootleg "Tokyo Warhearts" elektrisieren mich bis heute und wecken den unbändigen Wunsch, die Gitarre zu greifen und ein wenig von dieser Magie auf mich abfärben zu lassen. Und wie mir ist es einer ganzen Generation von Gitarristen ergangen, denn kaum eine Melodic-Death-Veröffentlichung kommt heute ohne ein paar klassisch inspirierte Leadgitarren und ein halsbrecherisches Solo aus. Und das alles nur, weil ein Teenager Ende der Neunziger gemeinsam mit seinen vier Mitstreitern den Mut hatte, seine musikalischen Vorlieben ohne Rücksicht auf Verluste miteinander zu vermischen.

Dieses Erbe wird bleiben und auch in Zukunft werden Songs wie 'Downfall' oder 'Kissing The Shadows' für junge Gitarristen ein Quell der Inspiration sein, was Alexi Laiho trotz seines frühen Ablebens unsterblich machen wird. Trösten wird das die Familie und Bandkollegen des Finnen, denen ich an an dieser Stelle mein Beileid aussprechen möchte, in diesen Tagen sicher nicht. Doch auf lange Sicht ist der Gedanke, dass Laiho sein Ding kompromisslos durchgezogen hat und damit in die Annalen des Schwermetalls eingegangen ist, vielleicht ein Trost für Fans, Freunde und Angehörige.

Rest in peace, Wildchild!

Redakteur:
Tobias Dahs
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