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17. Wave-Gotik-Treffen - Leipzig

27.05.2008 | 16:02

09.05.2008, Diverse Veranstaltunsgorte

Freitag, 09.05.2008

Seit nunmehr 17 Jahren steht das Pfingstfest zumindest in Leipzig unter dem Motto "Black is Beautiful". Das Wave-Gotik-Treffen, der alljährliche Treff für Goths aus der ganzen Welt, öffnet seine Tore und verspricht musikalische, optische und alkoholtechnische Leckerbissen. Nachdem am Donnerstagabend in der Moritzbastei und im Dark Flower kräftig in den offiziellen Festival-Eröffnungstag hineingefeiert wurde, stehen nun die ersten Bands auf dem Programm. Während im Werk 2 eine ordentliche Portion Elektro durch die Luft geblasen wird und im Kohlrabizirkus rockige Töne (u. a. SECRETS OF THE MOON, ELIS und TRISTANIA) herrschen, entscheide ich mich für die AGRA (was sich als schwerwiegender Fehler herausstellen sollte). Was ist das Schönste beim WGT? Genau, auf der Wiese sitzen und diverse Flüssigkeiten in sich aufnehmen. Dabei stirnrunzelnd die Besucher beobachten - herrlich. Also nehmen wir zunächst vor der großen AGRA Halle, am so genannten Walk Of Fame, Platz. Hier muss wirklich jeder vorbei, der zur Halle möchte. DAS ICH legen los, wir legen einige Getränke nach und die Sonne gibt auch noch mal Stoff. Besser geht es einfach nicht. 'Destillat' und Konsorten heizen die AGRA mächtig auf, auch wenn der Glanz und die Gloria alter Tage doch merklich verflossen ist. Noch schnell einem Schwedischen Goth eine Zwiebel auf das Haupt gesetzt ("Ich hab eine Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein Döner!") und rein in die gut gefüllte Hütte. SIGUE SIGUE SPUTNIK laden ein und viele kommen. Leider auch Unmengen an Menschen mit Fotopässen. Das sorgt für Gruppenkuscheln im Graben und für Begeisterung über die große Anzahl an Kameraleuten mit Digicams. Daumen ganz weit runter.

'Carmina Burana' ertönt, Theatralik wird großgeschrieben, bevor Martin Degville die Bühne in einem sehr gewöhnungsbedürftigen Outfit betritt. Auf Klassik folgt Diskomusik, zu dem auch meine Eltern noch tanzen würden. Den Übergang sollten sie noch mal üben. Dennoch haben sie von der ersten Sekunde das Publikum in ihrer Hand und können etliche großer Hits direkt in die Beinmuskulatur ihrer Fans schießen. Die Stimmung wärmt sich auf und steigert sich im Laufe der 45-minütigen Darbietung stetig, wie auch der Anteil an elektronischen Elementen. Wo zunächst noch eine Gitarre für rockige Augenblicke sorgte, zeigt sich jetzt die Dominanz des Synthies - aber genau deshalb sind die meisten ja auch hier.

Prima Gig, den UNHEILIG und Gefolge erstmal überbieten sollen. Um es kurz zu machen, dem Grafen gelingt es nicht. Nicht, dass er sich keine Mühe gibt, sondern stimmlich ist er einfach noch nicht auf der Höhe. Was beim eröffnenden 'Puppenspieler' noch kaum wahrnehmbar ist, ist beim folgenden 'Spiegelbild' kaum zu kaschieren. Die erst kürzliche Krankheit des Grafen hat Kraft und Stimme gekostet. Dennoch feiert die Meute Songs wie 'Sage Ja' mächtig ab und übernimmt teilweise den Gesangspart. Etliche Kerzen lassen romantische Stimmung entstehen und verführen Ausdrucksphantasietraumtänzer zum wilden Reigen. "Wollen wir zusammen Singen?" - "Jaaaaaaa!".

Harte Beats und Bagattel-Melodien scheinen beim achso alternativen Publikum mächtig anzukommen. Dann ist es Zeit, um endgültig das Taschentuch rauszuholen. Der Graf spricht seine Leidenszeit an und die Unterstützung die er in dieser schweren Zeit von den Fans erhalten habe. Er habe nicht mal gewusst, ob er je wieder singen kann. Meine Fresse! Deswegen werde er heute 'An Deiner Seite' all seinen Fans widmen. Schluchz! Ich singe dennoch mit, Amaretto-Cola sei Dank. Bevor ich mich endgültig in die Fänge des Grafen begebe, renn ich lieber schnell mal eine Rauchen. Übrigens eines der Hauptprobleme der AGRA-Location. Da sich Unmengen an Rauchern im seitlichen Raucherbereich tummeln, wird der Zugang zu den ohnehin nur wenigen Toiletten zugepflastert. Das sollte man beim nächsten WGT mal überdenken. Genauso wie die Anzahl der Klos. Für eine Halle, die locker 5000 Leute beheimaten kann, reichen ca. acht Toiletten pro Geschlecht nicht aus!

Eine erste Schaltung in den Kohlrabizirkus. Wie Außenreporter Andi berichtet, rockt TARJA die Hütte wie Sau! Neue Songs der stimmgewaltigen Finnin sowie einige alte Nightwish-Klassiker lassen die Köpfe kreisen. Gleich zwei Drums machen Feuer unterm Hintern. Wieso glaub ich gerade, in der falschen Halle zu sein? Mist! Ich steh bei BLUTENGEL. Ihre letzte Tour konnte jedoch mächtig punkten und selbst ich wurde beim Auftritt in Leipzig vor wenigen Wochen prima unterhalten. Eine schöne Bühnenshow, gepaart mit der einen oder anderen gelungenen Pop-Nummer sorgt eben immer für gute Laune. Doch diese mochte am heutigen Abend kaum aufkommen. Schuld hat weniger Meister Pohl, sondern eher die Technik, so dass niemand der drei Gesangsakrobaten etwas auf der Bühne zu Ohren bekommt. Laufend gehen sie zum Mischpult und versuchen das Problem zu lösen. Darunter leidet natürlich die Bühnenperformance. Mal laut, mal leise gestaltet sich der Gesang - einfach furchtbar.

Ganz frei von Schuld möchte ich aber Pohl und auch Constanze nicht sprechen. Denn die Show leidet zusätzlich, weil sie teilweise ihre Texte ablesen müssen! Texte, die ohnehin nur aus geschätzten 100 verschiedenen Wörtern bestehen, kann man auch im Gedächtnis haben. Der Applaus hält sich dementsprechend auch in Grenzen. Pohl berichtet von den unüberhörbaren technischen Problemen, die sich auch im Laufe der Show kaum beseitigen lassen. Songs wie 'Bloody Pleasure' oder 'Die With You' gehen trotzdem gut ins Ohr. Jeder weiß eben, wie die Teile klingen sollen. Das macht die Sache etwas erträglicher. Nach 75 Minuten ist der Auftritt vorbei. Ein sichtlich zufriedener Christian Pohl (dass das Chaos ein Ende hat) bedankt sich bei den Fans und verschwindet in der Nacht. Wir schauen auf die Uhr - 00.15 Uhr.

Schnell WGT-Logik einschalten. Wann kommt das Mitternachtsspecial? Um 1.00 Uhr, ist doch klar, oder? Mit PARADISE LOST haben sich jedoch würdige Headliner aufs Programm geschlichen, die auch zur Geisterstunde Scharen von Fans vor die Bühne locken. Zum ersten Mal erstrahlt ein echtes Schlagzeug! Hammer! So sieht so was also aus. Punkt 1 Uhr ihr geht es dann auch los. Mit 'Enemy' starten die Briten ein sehr abwechslungsreiches Set, was von aktuellen Songs bis alten Klassikern alles auf Tasche hat. 'True Belief' walzt sich durch die Fans, 'So Much Is Lost' erfreut DEPECHE MODE-Fanatiker, während Fans der alten Schule beim wunderschönen 'Gothic' mit der Zunge schnalzen. 'One Second' begeistert vor allem den Schreiber, der wie immer die alte Englisch-Stunden-Anekdote auspackt und damit allen auf den Geist geht. Mit 'Say Just Words' verabschieden sich Holmes und Co. vom Publikum, das für die eher dürftigen vorhergehenden Auftritte des Abends kräftig entschädigt wurde. Das war der erste Streich und da noch einige folgen sollen, geht es lieber fix in die Gruft ... äääh ... ins Bett.

Redakteur:
Enrico Ahlig

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