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AMORPHIS und SOILWORK - Köln

11.02.2019 | 17:46

02.02.2019, Essigfabrik

Melodic-Death-Extravaganza in der Essigfabrik!

Für gewöhnlich bin ich ja kein besonders großer Fan der aktuell so angesagten gigantischen Tour-Pakete mit zwei Headlinern und einer ganzen Stange von Vorbands, weil dadurch meist die Spielzeiten sämtlicher Truppen im Billing unnötig beschnitten werden. Wenn sich mit SOILWORK und AMORPHIS aber zwei im weitesten Sinne Melodic-Death-Titanen für eine Konzertreise zusammentun, dann mache ich aber gerne mal eine Ausnahme, immerhin haben die letztgenannten Finnen mit "Queen Of Time" mein persönliches Album des Jahres 2018 abgeliefert, während die Schweden um Fronter Björn "Speed" Strid mit "Verkligheten" vor wenigen Wochen einen ganz heißen Kandidaten für die Pole Position in diesem Jahr abgeliefert haben. Da ist es natürlich kein Wunder, dass die beiden Bands, die von NAILED TO OBSCURITY und JINJER begleitet werden, quer durch Europa von einer ausverkauften Show zur nächsten eilen und auch für den Tourstop in der Kölner Essigfabrik bereits seit Dezember schon keine Karten mehr zu bekommen waren.

Das sorgt bei der Anreise allerdings schon für die ersten Probleme, denn wie immer ist die Parkplatzsuche an der Location in Köln-Deutz ein kleiner Albtraum und dauert deutlich länger als geplant. Kombiniert mit der Tatsache, dass NAILED TO OBSCURITY schon pünktlich zum Einlass auf die Bühne müssen, verpassen wir die Show der Ostfriesen leider. Die Pressekollegen am Fotograben berichten später aber, dass das Quintett trotz solider Performance mit seinem doomig angehauchten Melodic Death und schleppenden Grooves beim Publikum einen eher schweren Stand hatte. Und auch der Auftritt des zweiten Supports JINJER ist bereits im vollen Gang, als wir schließlich in der Halle ankommen, trotzdem reicht die verbleibende Spielzeit aus, um sich mit eigenen Augen ein Bild vom aktuellen Hype um die Ukrainer zu machen. Technisch ist die Performance des Quartetts aus Horliwka über jeden Zweifel erhaben und auch der spielende Wechsel zwischen bissigen Growls und Klargesängen von Fronterin Tatiana Shmaylyuk ist beeindruckend, trotzdem erschließt sich mir auch nach der ersten livehaftigen Begegnung noch nicht, warum der recht generische Metalcore, der hier präsentiert wird, momentan so viel Aufmerksamkeit bekommt. Bei mir jedenfalls bleibt von den heute dargebotenen neun Tracks wenig Zählbares hängen, auch wenn der Vierer zum Abschluss einen ordentlich Schlussapplaus erntet.

Ganz anders sieht die Sache bei SOILWORK aus, die im Anschluss das Headliner-Doppel eröffnen und nach mittlerweile über 20 Jahren im Geschäft in Sachen Hits und Highlights aus dem Vollen schöpfen können. Doch los geht es erst einmal mit dem epischen 'Arrival' vom frisch veröffentlichten Silberling "Verkligheten", das prompt tosenden Applaus erntet. Selbstverständlich ist das nicht für so frisch veröffentlichtes Material, doch auch im weiteren Verlauf des Abends werden sich die neuen Kompositionen überraschend gut in die Setlist einfügen. Weiter geht es aber erst einmal mit einem Doppelpack vom Erfolgsalbum "Stabbing The Drama" aus dem Jahr 2006, wobei vor allem 'The Crestfallen' die Essigfabrik erstmalig zum Kochen bringt. Angesichts der blitzsauberen Performance des Sextetts ist das aber auch kein Wunder, wobei ganz besonders die Leistung vom jüngsten Neuzugang Bastian Thusgaard am Schlagzeug positiv auffällt, der die Schweden mit konstanten Double-Bass-Attacken und präzisen Grooves nach vorne treibt. Star des Abends ist aber natürlich wie immer Björn "Speed" Strid, der nicht nur mit bissigen Growls überzeugt, sondern auch beim Klargsang jede Note trifft. Das war in der Vergangenheit gerade auf der Bühne nicht immer so, weshalb man davon ausgehen muss, dass der Seventies-Ausflug mit THE NIGHT FLIGHT ORCHESTRA dem Fronter gerade in dieser Hinsicht noch mehr Selbstvertrauen verschafft hat. In aktueller Form ist Strid für mich jedenfalls ganz klar einer der stärksten Sänger, die es in der Metalszene zu hören gibt.

Gleiches gilt übrigens auch für die gesamte Band, die sich mit konstant starken Veröffentlichungen in den vergangenen Jahren eine immer größere Hörerschaft erspielt hat. Entsprechend bietet die Setlist heute Abend einen wunderbaren Querschnitt durch die gesamte Bandgeschichte und lässt kaum Wünsche offen. Ob nun melodischere Töne wie 'Death In General" vom bärenstarken "Ride Majestic"-Album erklingen oder das oftmals etwas sträflich unterbewertete "The Panic Broadcast" mit 'The Akuma Afterglow' auftrumpfen darf, egal was die Schweden aus dem Ärmel zaubern, das Publikum in der Essigfabrik ist begeistert. Wie eingangs angedeutet wird es aber immer ganz besonders laut, wenn Tracks vom aktuellen Album Verkligheten" erklingen, wie etwa das wunderbar groovige 'Full Moon Shoals' oder die aktuelle Single 'Witan'. Spätestens diese Reaktionen sollten die letzten Zweifler zum Schweigen bringen, die sich bisher nicht mit den vom NIGHT FLIGHT ORCHESTRA mit herübergebrachten Synthie-Einflüssen der neuen Scheibe anfreunden können. Live funktionieren die neuen Kompositionen nämlich wunderbar und fügen sich nahtlos in den vielschichtigen und variablen Backkatalog des Sextetts ein. Den größten Applaus erntet trotzdem der Hit 'Stabbing The Drama', bei dem die Zuschauer mit ihren Gesängen im Chorus kurzerhand die Soundanlage in der Essigfabrik übertönen. Dass auch die Schweden selbst große Stücke auf ihr letztes Langeisen halten, beweisen sie schließlich mit der Wahl der fantastischen Single 'Stalfagel' als Rausschmeißer, die einen nahezu perfekten Auftritt nach gut 80 Minuten würdig beendet.

Setliste: Arrival, The Crestfallen, Nerve, Full Moon Shoals, Death In General, Live The Average Stalker, The Akuma Afterglow, Drowning With Silence, The Phantom, The Nurturing Glance, Bastard Chain, As We Speak, The Living Infinite II, Witan, Stabbing The Drama, Stalfagel

Angesichts dieser triumphalen Show stellt sich natürlich die Frage, ob AMORPHIS im Anschluss noch einen draufsetzen können. Doch schon die letzten Tourstops der Finnen in der Domstadt überzeugten mit genialer Stimmung und auch der heutige Abend bildet da keine Ausnahme. Schon der Opener 'The Bee' und das folgende 'The Golden Elk' vom aktuellen Album "Queen Of Time" ernten frenetischen Jubel und unterstreichen so, dass auch das Sextett aus Helsinki bei seinen Fans mit dem aktuellen Album einen Volltreffer gelandet hat. Als dann auch noch mit dem Klassiker 'Sky Is Mine' und dem bärenstarken 'Sacrifice' nachgelegt wird, gibt es endgültig kein Halten mehr. Die gesamte Halle folgt jeder Aufforderung von Fronter Tomi Joutsen, reckt die Hände zur Hallendecke und selbst ein erster vereinzelter Crowdsurfer macht sich auf den Weg in Richtung Bühne. Was von dort aus musikalisch in Richtung Publikum abgefeuert wird, ist dabei wie für AMORPHIS typisch blitzsauber. So zelebriert Esa Holopainen seine Gitarren-Leads mit gewohnt träumerischer Sicherheit, während Tomi Joutsen ebenso spielerisch zwischen gutturalen und klaren Gesangspassen wechselt, wie es zuvor schön Björn Strid zelebriert hat.

Mit dem zweiten Headliner teilt die Truppe eine weitere Gemeinsamkeit, denn auch sie kann nach beinahe 30 Jahren inzwischen auf einen schier unerschöpflichen Fundus von Klassikern zurückgreifen. Anders als bei SOILWORK gibt es allerdings keinen gleichmäßigen Querschnitt durch alle Schaffensphasen, sondern das Augemerk liegt neben dem aktuellen Langeisen "Queen Of Time" vor allem auf der jüngeren Vergangenheit. So kommen mit 'Hopeless Days', 'Sacrifice' und 'Bad Blood' gleich drei Songs der letzten drei Alben zum Zuge. Bei der Ansage zu letzgenanntem Track sorgt Herr Joutsen dann auch noch für den Lacher des Abends, denn ihm will für geschlagene zwei Minuten beim besten Willen der Name des Albums nicht einfallen, von dem der Song stammt. Angesichts des harten Touralltags sei es dem Fronter aber verziehen, dass er kurzzeitig das großartige "Under The Red Cloud" vergessen hat. Fans des Frühwerks gehen hingegen heute Abend weitestgehend leer aus, denn erst zum Abschluss des regulären Sets wird mit dem Klassiker 'Black Winter Day' ein Song des legendären "Tales From The Thousand Lakes"-Albums gezückt. Schluss ist nach 70 Minuten aber natürlich noch nicht, denn das Kölner Publikum will mehr und erhält wunschgemäß mit 'Death Of A King' Nachschub. Den ganz großen Hammer haben sich die Finnen aber für das große Finale aufgehoben, wo 'House Of Sleep' noch einmal sämtliche Kehlen in der Halle mobilisiert und in einem würdigen Schlussapplaus für den packenden Gig des Sextetts mündet.

Setliste: The Bee, The Golden Elk, Sky Is Mine, Sacrifice, Message In The Amber, Silver Bride, Bad Blood, Wrong Direction, Daughter Of Hate, Heart Of The Giant, Hopeless Days, Black Winter Day, Death Of A King, House Of Sleep

Unter dem Strich ist der Abend damit eines der ersten Glanzlichter des noch jungen Jahres, was auch die vielen zufriedenen Gesichter beweisen, die gegen 23:30 Uhr in den kühlen Samstagabend entschwinden. Verwundern dürfte das keinen, denn wenn sich zwei der stärksten Bands aus dem Melodic-Death-Sektor für eine gemeinsame Tour zusammenschließen und dann auch noch zwei der wohl besten Frontmänner des Genres an einem Abend auf der Bühne stehen, wäre alles andere als ein perfekter Konzertabend auch eine herbe Enttäuschung gewesen.

Redakteur:
Tobias Dahs

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