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ANATHEMA - Leipzig

18.10.2010 | 14:37

06.10.2010, Anker

Zweieinhalb Stunden voller Leidenschaft, Energie und jeder Menge Präzision.

Eigentlich ist es der Konzertgänger gewohnt, dass Auftritte eher mit einer leichten Verspätung anfangen, anders jedoch an diesem Mittwochabend: Im noch recht spärlich gefüllten Anker stimmte der norwegische Sänger und Komponist PETTER CARLSEN schon seine letzten Songs an, als ein Teil gerade noch dabei war, gedanklich wie körperlich anzukommen. Ärgerlich! Doch zumindest erleichterte die tolle Musik das Ankommen ungemein und ließ auch aufkeimenden Unmut schnell verfliegen.

In gediegenes rotes Scheinwerferlicht gehüllt und von der bezaubernden Anneke van Giersbergen begleitet, wirkten die gefühlvollen Balladen des Norwegers beruhigend und aufheiternd auf die schon merklich gestresste Mittwochsseele. In der Kürze der Zeit ließ sich zwar nur ein erster Eindruck gewinnen, aber dieser war sehr positiv. Stimmlich war das schon verdammt souverän, was Carlsen da ablieferte. Spätestens, als er 'Pull The Brakes' zusammen mit Anneke und ANATHEMA-Sänger Vincent vortrug, war Ganzkörpergänsehaut angesagt.

Direkt im Anschluss folgte dann auch gleich das Soloprogramm von ANNEKE VAN GIERSBERGEN. Ausgerüstet mit Akustikgitarre und kleinem schwarzen Kleidchen gab die Ex-THE GATHERING-Sängerin neben eigenen Songs wie 'Beautiful One' auch ruhige Versionen von Songs ihrer ehemaligen Band zum Besten. So war beispielsweise auch 'My Electricity' zu hören.

Generell kam die kleine Niederländerin sehr sympathisch rüber, konnte durch witzige Ansagen immer wieder für ein Schmunzeln sorgen und ist gesanglich ja ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Da wurde glasklar und mit viel Gefühl in jeder Tonlage geträllert und zwischendrin – als gäbe es nichts Leichteres – auch mal ein kräftiges Vibrato eingestreut.

Insgesamt konnte man trotz vereinzelter Solophasen der Interpreten schwer von einzelnen Auftritten sprechen. Eher war es ein gemeinsames Vorprogramm von Petter Carlsen, Anneke van Giersbergen und den Cavanagh-Brüdern, welches abgesehen vom viel zu frühen Beginn äußerst gelungen war.
[Christian Döring]

Bevor anschließend gegen 20.40 Uhr die britische Doom-Metal-Band ANATHEMA die Bühne betrat, wurde selbige erst einmal ordentlich mit Weihrauch eingenebelt. Als die ersten Töne des Opener-Songs erklangen, wurde auch klar, warum: 'Thin Air' vom neuen Album "We're Here Because We're Here" wurde gespielt. Als ob ANATHEMA damit nun die Luft im Raum reinigen wollten. Bei dem mitreißenden und energischen Song begann Sänger Vincent recht schnell sich den Melodien hinzugeben und bewegte sich rasch über die Bühne. Auch die Fans warteten nicht lange, um die Rhythmen in Bewegungen umzusetzen. Für die Leipziger kam so recht schnell eine positive Stimmung auf, die wohl auch die noch nicht so eingefleischten Fans packen konnte.

Weiter ging es mit den neuen Liedern 'Summer Night Horizon' und 'Dreaming Light'. Gerade bei Letzterem zeigte Vincent einen sehr emotionalen Gesichtsausdruck und vollzog sehr gediegene Bewegungen. Dieser Strom der Melodien ging vollständig auf das Publikum über. Doch die ersten großen Freudenrufe erklangen erst bei 'Everything'. Ein großartiger Song, bei dem es zum Duett von Vincent mit Sängerin Lee Douglas kam. Ein Song zum Fallenlassen. Melancholisch und mit einer guten Portion progressiven Rocks.

Anschließend folgte das erste ältere Lied, 'A Natural Disaster', vom gleichnamigen 2003 erschienenen Album, bei dem Lee Douglas ihr gesangliches Können zum Besten gab. Dabei schaute sich Leadgitarrist Danny die ersten Sekunden an eine Box angelehnt in Ruhe das Publikum an, bevor auch sein Einsatz kam.

Es folgten weitere Packages mit älteren und neueren Songs, bei denen ANATHEMA auch weit zurück in ihrer rund zwanzigjährigen Laufbahn gingen. Doch zunächst wurden die neuen Songs 'Angels Walk Among Us', 'Presence' und 'A Simple Mistake' gespielt. Für den kraftvollen Gesang von Vincent beim ersten Track gab es riesigen Applaus, während das Publikum bei 'A Simple Mistake' mit Gänsehaut zu kämpfen hatte. Danach wurden Lieder vom Klassikeralbum "Judgement" intoniert, welches 1999 erschien. Es steht außer Frage, dass 'Deep', 'Pitiless', 'Forgotten Hopes' und 'Destiny Is Dead' wunderbar beim Publikum ankamen. Der Anklang überwältige Vincent, der bereits nach 'Pitiless' selbst einen Schrei losließ und klatschte.

ANATHEMA hatten damit längst das Publikum vollständig für sich gewonnen. Einige Fans sangen fleißig zu Liedern wie 'Lost Control' vom 1998er Album "Alternative 4" mit, während sie die zaghaften Bewegungen von Vincent beobachteten, der hin und wieder die Saiten seiner Gitarre so anfasste, als wären diese zerbrechlich. Andererseits rockten sie zu energischeren Liedern wie 'Destiny' genauso mit, wie es ihnen der Lockenkopf auf der Bühne vormachte. Es wurde nach einigen ruhigeren Songs allerdings auch Zeit, dass Vincent wieder völlig aus sich rausging; ebenso bei 'Panic', womit das Package vom 2001er Album "A Fine Day To Exit" eingeleitet wurde.

Zwischendrin lobte Danny das Publikum und teilte mit, dass er Deutschland mag. Auch Lee Douglas stand bei dem gefühlvollen 'Temporary Peace' wieder hinter dem Mikro und wippte hin und wieder im Takt mit. Lediglich von Bassist Jamie merkte man an diesem Abend nicht viel. Eher im Hintergrund lief er über die Bühne.

Nachdem anschließend weitere neue Songs wie 'Get Off, Get Out' zum Besten gegeben worden waren, deutete eine Ansage von Vincent zu den Auflagen des Clubs auf das baldige Ende hin. Kurz vor 23.00 Uhr sagte er: "Wir haben nur noch fünf Minuten. Scheiße." Kurzerhand stellte er die Bandmitglieder vor, während Keyboarder Les Smith Danny eine Geburtstagstorte überreichen wollte. Doch die wenige Restzeit sollte nicht vergeudet werden, und so wurde lieber nach einer kurzen, amüsanten Publikumsbefragung der Rockklassiker 'Kashmir' von LED ZEPPELIN angestimmt. Überraschend cool klang Sänger Vincent, der mit diesem Heavy-Rock-Song doch etwas von einer Siebziger-Jahre-Ikone hatte. Abschließend spielten ANATHEMA 'Fragile Dreams' und verließen gegen 23.15 Uhr die Bühne.

Damit beendeten ANATHEMA einen rund zweieinhalbstündigen Auftritt voller Leidenschaft, Energie und auch jeder Menge Präzision, die man ihren Bewegungsabläufen, ihren Ausdrücken und dem Gesang anmerken konnte. Für die Leipziger war das sicherlich ein Auftritt der Briten, den sie so schnell nicht vergessen werden. Kurz gesagt: Es war fantastisch! Und für die, die noch nicht genug hatten, gab es danach noch jede Menge Fannähe: Vor dem Anker unterhielten sich ANATHEMA bereitwillig mit dem Publikum, und so zauberte dieser überwältigende Auftritt mit diesem entspannten Ausklang wohl bei jedem ein noch breiteres Lächeln auf die Lippen.
[Franziska Böhl]

Redakteur:
Franziska Böhl

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