ANNIHILATOR, ARCHER NATION - Memmingen

09.11.2019 | 11:45

08.11.2019, Kaminwerk

Ein Abend mit der schwermetallischen Grinsekatze!

Was muss eigentlich geschehen, damit die kanadische Gute-Laune-Kanone Jeff Waters keine Wohlfühl-Vollbedienung abliefert? Wir sind hier im Thrash, die meisten Bands sind in diesem Metier aggressiv-verbissen oder verhängnisvoll-böse unterwegs, nicht jedoch die Ahornblatt-Vernichter. Jeff Waters hat Spaß und zeigt das auch.

Aber zuvor hat die kanadische Thrashinstitution einen Anheizer mitgebracht in Form von ARCHER NATION. Die drei Kalifornier existieren bereits seit über fünfzehn Jahren, aber ganz große Wellen haben sie noch nicht geschlagen, ich musste mich im Vorfeld erstmal informieren, da ich von den Burschen noch nichts gehört hatte. So richtig viel ist es auch heute nicht, denn weil ich zuvor noch aus München kam und auf der A96 eine ganze Weile im Stau stand, treffe ich erst ein paar Minuten nach acht Uhr ein, dem offiziellen Beginn des Konzertabends, doch da hat ARCHER NATION bereits die halbe Show gespielt. Metal mit genug Melodie und passender Härte, ja, ARCHER NATION ist eine gute Vorband, aber ich bin von dem Gesang nicht hundertprozentig überzeugt. An dieser Stelle könnte man vielleicht noch etwas verbessern, was dann auch zugunsten der Show gehen dürfte, da die beiden Saitenschwinger doch häufig am Mikrophon stehen müssen. Trotzdem, gute Band, auch wenn ich keine Begeisterungsstürme loslasse. Dafür ist scheinbar der Ein-Mann-Fanclub Schwaben der Band am Start, der vorne vor der Bühne absolut alles gibt. Chapeau.

Dann kommt ANNIHILATOR und die Thrashsause der guten Laune beginnt. Das kommende Album wird das siebzehnte Studioalbum der lebenden Metal-Legende sein, dementsprechend schwierig ist es, eine Setliste zusammen zu stellen, die allen gerecht wird. Heute sind immerhin neun Alben vertreten bei insgesamt fünfzehn Stücken, das empfinde ich als bemerkens- und lobenswert. So schreddet sich der Vierer mit den ersten sechs Liedern durch ebenso viele Alben und hat dabei für mich gleich mal mit 'King Of The Kill' und 'Set The World On Fire' zwei meiner Topsongs der Band am Start. Jeff Waters belässt es erstmal bei kurzen Ansagen und spielt die Menge warm, die begeistert mitmacht. Auch wenn das Publikum heute zu einem beachtlichen Teil aus stillen Genießern zu bestehen scheint, die weniger an Party als an guter Musik interessiert zu sein scheinen. Letzteres bekommen sie aber brillant kredenzt, denn der Sound ist heute großartig! So muss man zwei Gitarren abmischen, man hört jeden Ton.

Tatsächlich ist es schwer zu schätzen, wieviele Banger heute ihren Weg ins Kaminwerk, eine übrigens tolle Location, die heute sogar mit einem Imbisswagen vor der Halle dafür sorgt, dass kein Metaller hungrig in die Nacht gehen muss, gefunden haben. Meine Schätzung wäre ungefähr 300, was ich für gut, aber in Anbetracht der Inbrunst der sympathischen Band dennoch für viel zu wenig halten würde. Wo andere Bands ihren Dienst nach Vorschrift abliefern, hat man bei ANNIHILATOR zu keinem Moment Zweifel daran, dass die Herren auf der Bühne zu einhundert Prozent Vollgas geben und mit niemandem auf der Welt tauschen wollten.

Dafür sorgen auch die drei Tourmusiker, die Mainman Jeff bereits seit einigen Jahren mitbringt. Sie scheinen vom Water'schen Enthusiasmus angesteckt zu sein und posen und rennen und rocken und lachen um die Wette, auch wenn natürlich der Kopf der Band immer im Mittelpunkt steht. So ist auf der Bühne immer etwas los und der Auslauf wird auch weidlich genutzt. Gitarrist Aaron Homma darf auch mal singen, Bassist Rich Hinks, der gegenüber den beiden Sechsaitern doch etwas britisch-unterkühlter wirkt, hilft bei den Refrains und Schlagzeuger Fabio Alessandrini treibt alles mit Speed nach vorne. Letzterer wird von Jeff veräppelt, nachdem er sich verhaspelt hat, und von nun an als "italienischer Schlagzeuger am italienischen Schlagzeug" tituliert. Überhaupt, Ansagen. Jeff läuft im Laufe des Sets zu immer größerer Form auf und kommuniziert mit dem Publikum, scherzt und sucht den Austausch mit seinen Fans, wofür er auch mehrfach in den Fotograben steigt und die Metaller abklatscht. Dass er dann in einem der Lieder einen Texthänger hat, sodass er die Band stoppt, sich den Text sagen lässt und mit einem "Ach ja, 'King Nothing', ich muss nur an den METALLICA-Song denken" weitermacht, nehme ich ihm allerdings nicht ab. Das war wohl eher eine Showeinlage, denke ich. Aber witzig und darum geht es heute genauso wie um Thrash.

Im Laufe des Sets folgen Highlighs wie 'Knight Jumps Queen', bei dem Waters etwas von BON JOVI murmelt, oder 'Phantasmagoria', aber auch ein überflüssiges Schlagzeugsolo und 'Twisted Lobotomy', den ich immer noch nicht mag. Das Gedresche hier ist einfach zu schnell, das macht ein Lied nicht besser. Aber was erzähle ich, es gibt ein ganzes Metalgenre, dass diesen Fakt nicht begriffen hat und meint, Blastbeats wären okay, da kann man Jeff diesen Fehltritt verzeihen. Zum Schluss wird noch Randy Rampage gedacht, dem Sänger des Debütalbums, der kürzlich verstorben ist, und selbiges Album mit gleich drei Songs gewürdigt, zum Abschluss natürlich mit 'Allison Hell', das nach etwa 100 Minuten das Konzert besiegelt.

Es gibt wohl keine Band auf der ganzen Welt, die bei jedem Auftritt so viel Spaß versprüht wie ANNIHILATOR. Ich habe sie häufig gesehen in den letzten sechsundzwanzig Jahren und niemals hat sich Jeff Waters nicht gefreut, als wäre Weihnachten und der aktuelle Auftritt sein Geschenk. Gepaart mit dem tollen Sound und der großartigen Mannschaft, die er aktuell um sich geschart hat, sollte man sich den Kanadier live keinesfalls entgehen lassen. Für nächstes Jahr hat er eine Tour angekündigt, in der er das zweite Album "Never Neverland", das 2020 den dreißigsten Geburtstag feiert, besonders ehren möchte. Sobald die Termine bekannt gegeben werden, sollte jeder qualitätsbewusste Metaller im Kalender eine große Markierung machen. Wir sehen uns dann!

Redakteur:
Frank Jaeger

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