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Amon Amarth - Bischofswerda

04.11.2004 | 11:50

23.10.2004, Berlin

Es ist schon ein Phänomen: Da bringen die AMON AMARTH-Wikinger ein Album wie "Fate Of Norns" heraus, dass im direkten Vergleich zu den anderen Alben der Schweden einfach nur schwach und dünn klingt - und just mit dieser Scheibe stehen sie plötzlich auf den Titelblättern der großen Magazine, reiten auf Platz 31 der deutsche Album-Charts ein und hinterlassen auf ihrer Tour durch deutsche Lande durchgehend verbrannte Erde. Dieser scheinbare Widersinn lässt sich prima an den beiden Gigs im East Club in Bischofswerda und im Berliner Columbia Fritz studieren, gleichzeitig auch die letzten Shows der Reise durch Europa, zu der Anton Reisenegger, Mitarbeiter beim glücklichen Label Metal Blade, nur entgeistert sagen kann: "Es war auf jeden Fall die erfolgreichste Metal Blade Tour seit LANGEM. Durchgehend ausverkauft oder fast ausverkauft, Merchandise musste mehrmals nachgeliefert werden. Die besten Stationen auf der Tour waren wohl Hamburg, Osnabrück, Pratteln, Wien und Nürnberg."

Die ersten Nutznießer der überquellenden Begeisterung für AMON AMARTHsche Klänge sind in jedem Fall DISILLUSION, die in dem Dreier-Package den Part des Anheizers einnehmen. Im völlig überfüllten EastClub in Bischofswerda klappt die Rolle perfekt, dort haben sich rund 300 bis 400 Leute zur Wochenendparty versammelt. Die Fete beginnt progressiv, DISILLUSION machen eben keine Musik für jeden. Doch mit dem 14minütigen 'Back To The Times Of Splendor' vom gleichnamigen Debüt am Anfang und dem 17-Minüter 'The Sleep Of Restless Hours' am Ende ist die versammelte Fan-Gemeinde zufrieden gestellt, dazwischen begeistern 'Fall' und 'Alone I Stand In Fires'. Es ist faszinierend und beängstigend zugleich: Auch ein halbes Jahr nach dem ihr Debüt wie eine Gefühlsbombe in den Metal-Herzen der Republik eingeschlagen ist, hat die Musik der Leipziger noch nichts von ihrer Faszination und Strahlkraft verloren, die erleuchteten DISILLUSIONisten im Publikum zittern und gänsehauten zu jeder Note. Nur ein Problem gibt es: Der Rest im Publikum lässt sich weniger stark mitreißen, wer die Band nicht kennt, bleibt ruhig stehen. Und das, obwohl Sänger Andy inzwischen immens an seiner Live-Arbeit gefeilt hat und jetzt schon viel öfter den beherzten Rockstar gibt, die Leute mit Rufen und ausladendem Gitarrenspiel zum Bangen animiert. In Bischofswerda klappt es mit der allgemeinen Begeisterung spätestens bei letzten Song, da lässt sogar ein etwas tumb aussehender Genosse im süßen "Black Metal ist Krieg"-Shirt sein sich lichtendes Haupthaar kreisen. Sachen gibt's, die gibt's in Berlin einen Tag später nicht mehr. Dort klingt der Sound furchtbar, das Publikum ist sonntagsmüde, nichts geht mehr vor der Bühne. Da hat DISILLUSION-Gitarrist Rajk schon recht, wenn er in Bischofswerda erzählt: "Die echte Tourabschlussparty ist wohl heute, der Club ist zum Feiern auch göttlich." Nicht nur wegen der Tassen mit Grünzeug, die jede Band vor den Gigs zum Catering dazu bekommt...

IMPIOUS lassen sich von solchen Ablenkungen vorerst nicht beirren, in Bischofswerda greifen sie wie bei der gesamten Tour als direkte Vorband von AMON AMARTH an. Wie ein Furienhaufen attackieren die fünf Schweden die Hörmuscheln der Fans, quasi als Vorauskommando gegen die inzwischen allzu verweichlichte Melodic Death-Szene ihrer Heimat. IMPIOUS dagegen, IMPIOUS spielen Thrash, gemischt mit einer Extraportion schwedischen Death Metal, in ihrer Intenität erinnern sie manchmal an die leider untergegangenen THE CROWN. Im Publikum sorgt dieser kompromisslose Sound für erste Ausfallserscheinungen, sowohl in Bischofswerda, als auch in Berlin. Sänger Martin ist der Organisator der Moshwut bei den Fans, wie ein von der Tarantel gestochener Nord-Krieger brüllt er herab auf die Masse unter ihm. Oder vor ihm, in Bischofswerda ist die Bühne auf Kniehöhe, hier kann eine Band noch wirklich mit ihren Fans arbeiten, jeder riecht des anderen Schweiß. In Berlin dagegen trennt ein sinnlos-ungenutzter Fotograben Band von Fans, auch durch die kahlen Wände ist hier die Atmosphäre nicht so kuschelig verschwitzt wie im EastClub-"Loch". Außerdem kostet in Berlin der 0,5er Liter Heineken-Ekel-Plörre als "Angebot!!!" vier Euro, in Bischofswerda gibt es den halben Liter gutes Pils bereits für zwei Euro... Noch Fragen?! Antworten zu solchen Gebaren können auch IMPIOUS nicht geben, dafür doppelt kriegerischen Death/Thrash-Metal der feinsten Art, aufgeführt mit zum Teil freien Oberkörpern und einem Gitarristen, der Johan Hegg von AMON AMARTH tierisch ähnlich sieht. Und noch etwas verbindet die Landsmänner: Beim Berlin-Gig zocken IMPIOUS noch ein Stück ('Bleed For Ancient Gods'?!) von AMON AMARTH herunter, dabei hat Frontmann Martin noch einen Zettel zum Texte ablesen in der Hand. Sieht putzig aus und macht Spaß, ähnlich wie die "Meine-Haare-hängen-in-Robins-Gitarre"-Aktion von Bassist Erik. Während des letzten Jubels folgt noch das Foto vom Publikum wie bei jedem Auftritt von IMPIOUS, dann kommen AMON AMARTH...Fast... Pause, in beiden Clubs locker 30 Minuten...

Zeit zum Nachdenken- und forschen... DISILLUSION sind mit der Tour hammerzufrieden, fühlen sich "super behandelt", "wie im Ferienlager" und freuen sich über viele verkaufte Shirts. Nach der Tour gibt es noch ein paar Gigs, die im Februar durch ein Abschluss-Konzert in Leipzig gekrönt werden sollen - dort ist wieder die Acht-Mann-Besetzung am Start. Und nach diesem Gig. Der inzwischen bei den DISILLUSION-Konzerten Schuhe tragende Sänger Andy macht den Fans Mut: "Dann werden wir uns wohl zusammen setzen und das nächste Album beginnen." Hoffentlich lassen sich die drei Kreativlinge damit mehr Zeit als AMON AMARTH mit ihrer neuen halbgaren "Fate Of Norns"-Platte, die vor allem im Vergleich zum Schwergewichtshammer "Versus The World" verdammt leicht langweilt. Leider liegt auf der neuen Scheibe der Schwerpunkt der Setlist, die früheren Schweden-Perlen wie "Once Sent From The Golden Hall" oder "The Avenger" werden ziemlich links liegen gelassen. Doch gerade bei 'Victorious March' vom ersten Album gehen die Fans am meisten ab, in Berlin wie Bischofswerda. Allerdings mit dem Unterschied, dass im EastClub die Leute wie Sardinen zusammengedrängt stehen, in Berlin ist noch ein bisschen mehr Platz - eher langweilig also... Dafür sind noch die Szenen eines ostsächsischen Tollhauses im Kopf noch zu frisch und fest eingebrannt: Da gibt es zum Beispiel furchtlose Crowdsurfer, die in der Masse der Menschen einfach nicht runterfallen und irgendwann am Mittelpfeiler des EastClubs kläglich verenden, weil sie dort eben einfach unmotiviert dagegen knallen... Von der Decke tropft gleichzeitig der Schweiß der Masse wieder auf die tobende Fanschar zurück, unter den Betropften ist auch der PURGATORY-Klampfer René, seit Jahren ein persönlicher Freund des Fünfers. Auch er schwitzt, die Temperatur scheint ständig weiter zu steigen. Zu dem Inferno schwenkt Fronttier Johan immer wieder sein Methorn, dass ihn immer frisch gefüllt bei Stimme hält. Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass AMON AMARTH in ihrer Karriere schon einen ganzen Zacken frischer und munterer waren und sich schon mehr auf der Bühne abmühten... Dem Publikum ist es egal, die vielen vornehmlich jüngeren Fans haben die Nordmänner wahrscheinlich noch nicht bei ihren aberdutzenden Auftritten seit 1999 gesehen und gehen folgerichtig auch bei den neuen Sachen von "Fate Of Norns" ab. Ok, genug genörgelt, AMON AMARTH machen eben diese Art von Mugge, zu der man noch bei zwei Promille bangen und mitgröhlen kann. Dieses Image verkörpern sie inzwischen nahezu perfekt. Und so balgen sich bei Klassikern wie 'Bastards Of A Lying Breed' hunderte Fans, bei beiden Konzerten ist das gleich. Nur die Akustik ist in Berlin um Längen schlechter als in einem kleinen urigen Raum wie dem EastClub, trotzdem reißt auch 'Death In Fire' jeden Banger mit. Auch die Jungs von IMPIOUS, die im Publikum weit hinten stehen und wohlwollend nach vorn gucken, es sich aber trotzdem nicht nehmen lassen, auch für sich noch einmal die Tour zu bewerten. Der schlichte Kommentar von Erik: "Wunderbar!" Der schon wieder deutlich leerere Merchandise-Stand neben den IMPIOUS-Burschen spricht eine weitere deutliche Sprache. Am Ende der AMON AMARTHschen Berlin-Show steht wie jeden Tag ein göttliches 'Bloodshed'. Doch der echte Konzert-Ort-Sieger heißt am Tourschluß Bischofswerda, im Berliner Gig steckt zu viel Routine und zu wenig Action, der triftigste Grund für leichte Langweile. Ansonsten: Klasse Tour, motivierte Vorbands und die Verwunderung darüber, welche Hysterie eine Chartplazierung so auslösen kann - in Bischofswerda wollen am Ende des Abends ein paar Fans Johan Hegg eine selbstgebastelte Wikinger-Rüstung schenken. Da kann auch Andy von DISILLUSION nur die Schultern zucken und "Naja..." sagen.. Leute, Leute, Leute, was müsst ihr für Zeit haben...

Redakteur:
Henri Kramer

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