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Anathema - London

24.09.2006 | 16:39

14.09.2006, Scala

Für einen Tag mal nach London Fliegen klingt verrückt? Dank Billig-Airlines und der Überredungskunst einiger guter Freunde wird der Plan allerdings am Ende doch umgesetzt, und so finde ich mich am Donnerstag Mittag am völlig überfüllten Flughafen Stansted in der etwa fünfte Schlange innerhalb von wenigen Stunden wieder - und werde für diese Geduld prompt mit einem herzlichen Empfang einiger ANATHEMA-Fans und -Freunde belohnt. Das Scala in London befindet sich zum Glück in zentraler Lage und trotz horrender Preise (einmal U-Bahn-Fahren für vier Euro!) und matschiger Sandwiches lässt die Stimmung nicht nach. Immerhin warten hier genug Fans aus aller Herren Länder, und die Party beginnt also schon zwei Stunden vor Einlass. Um die Ecke verkauft der arabische Supermarkt belgisches Bier (London ist eben multikulti, sehr geil) und die Zeit vergeht wie im Flug. Als unser kleines Grüppchen aus Deutschen, Holländern, Belgiern und Kanadiern endlich die Halle betritt, wird erstmal gestaunt: Das Scala ist ein wunderschöner Club, der sich über mehrere Etagen erstreckt und dank zahlreicher Balkone und Stufen für jeden eine gute Sicht auf die Bühne bietet. Durch dieses weitläufige Areal wird es allerdings auch schwer abzuschätzen, wie voll es an dem Abend wirklich war, aber der Schlange vor dem Eingang nach zu urteilen (Engländer lieben es ja, Schlange zu stehen), dürften es doch einige gewesen sein. Den Fan-Preis gewinnen allerdings der Iraner, der sich in der ersten Reihe seines Lebens freut, der Amerikaner, der nur für einen Tag und für ANATHEMA nach London reist und der Isländer, der uns nach der Show noch beim Pizza-Essen Gesellschaft leistet.

Eröffnet wird der Abend von einem absoluten Geheimtipp, der mir nach diesem Wahnsinns-Auftritt einfach ans Herz gewachsen ist: LEAFBLADE aus Liverpool spielen akustische Stücke mit hohem Träumfaktor, vergleichbar mit langsamen ANATHEMA oder ANTIMATTER. Kein Wunder, immerhin ist auch Danny Cavanagh mit von der Partie, und zusammen mit Sean Jude und Pete Gilchrist gelingt ihm eine außergewöhnliche musikalische Darbietung. Die Songs verleiten zum Träumen, rühren zu Tränen, lassen alte Hippiegefühle wieder aufkommen ... fast hat man das Gefühl, man würde am Lagerfeuer sitzen und alten Liedern lauschen, schon nach wenigen Minuten stellt sich Gänsehaut ein. Wunderschön! Vor allem der dreistimmige Gesang beeindruckt, und Danny, der alleine für die Ansagen verantwortlich ist, gibt am Ende noch zu, sehr von LEAFBLADEs Musik beeinflusst zu sein und huldigt seinen Freund Sean als einen großartigen Künstler - Recht hat er! Leider versauen einige Leute durch lautes Geplapper und Rumgeschreie ein wenig die magische Stimmung des Auftritts, doch können LEAFBLADE eine Mehrheit an Fans begeistern und werden hoffentlich bald wieder mit ANATHEMA unterwegs sein, vielleicht auch mal in unseren Breitengraden?

Die schwedischen Proggies WOLVERINE waren schon vor drei Jahren als Support von ANATHEMA in London mit dabei, damals hinterließen sie allerdings kaum Eindruck bei mir und wirkten unsicher auf der Bühne. Doch spätestens seit den letzten zwei Alben haben die Herren einen fixen Platz in meinem CD-Player (bzw. iPod) gefunden, und so bin ich erst recht auf den Auftritt von WOLVERINE anno 06 gespannt - und werde nicht enttäuscht! Die Schweden eröffnen mit zwei neuen Songs einen souveränen Auftritt, und trotz des noch etwas schüchternen Stage-Actings sind WOLVERINE heute in Bestform. Vor allem Sänger Stefan Zell ist stimmsicher und beeindruckt mit seinen vielschichtigen Vocals, unterstützt von einer absolut tighten Performance seiner Band. Und auch das Publikum scheint WOLVERINE mittlerweile ins Herz geschlossen zu haben, denn die Reaktionen sind überwältigend und die Leute gehen gut ab - so soll das sein! Am Ende gibt's noch die neue Ballade 'And She Slowly Dies', die eine gute Aufwärmübung für die nächsten emotionsgeladenen 90 Minuten darstellt.

Setlist:
A House Of Plague
Bleeding
New Best Friends
This Cold Heart Of Mine
Towards Loss
And She Slowly Dies

ANATHEMA haben auch in ihrer Heimat ein beachtliches Stammpublikum, das sich heute Abend wieder enthusiastisch zeigt und schon während der Umbaupause lautstark nach ihren Helden ruft. Vor allem die Herren und Damen in den ersten Reihen können es kaum erwarten, bis Vincent, Danny und Co. die Bühne betreten und fallen in eine gemeinsame Euphorie, als es endlich so weit ist. Auch wenn der Gig in London nicht ganz ein Heimspiel ist (die Jungs kommen aus Liverpool), so scheint es doch eine Art Vertrautheit zu geben - aber das liegt vielleicht auch an den zahlreichen, aus aller Welt angereisten Die-Hard-ANATHEMA-Fans. In der ersten Reihe singen die Belgierin und der Iraner Arm in Arm und erzählen mir immer wieder, wie dumm Vorurteile und machtgeile Politiker dieser Welt doch wären, und dass man das heute einfach vergessen sollte. Ja, Friede, ein schönes Motto für einen ANATHEMA-Gig, denn hier herrschen wirklich nur Gedanken rund um die Musik vor: Emotionen, Träume, tolle Melodien, Überraschungen, Freudentränen...
ANATHEMA starten mit einem neuen, noch unbekannten Song und wagen damit einen mutigen Schritt, doch bei der Anzahl an Fans bedarf es heute keines Klassikers, um die Menge an sich zu binden. Immerhin gibts mit 'Balance' und 'Closer' danach altbekannte Melodien und die traurige Ballade 'Lost Control' widmet Vincent wieder ihrem alten Bassisten Duncan Patterson, der das Stück auch geschrieben hat. Als dann auch noch Sängerin Lee auf die Bühne gebeten wird um bei 'Natural Disaster' zu singen, ist die Menge restlos begeistert, denn Lee hat einfach eine traumhafte Stimme und überzeugt ohne große Verzerrung auf ihren Vocals, ohne großes Show-Tamtam und ohne übermäßiges Styling. Lee ist natürlich, Lee ist gut und dass ANATHEMA die Dame in Zukunft mehr in ihre Songs einbinden wollen ist eine weise Entscheidung! Das wird spätestens beim neuen 'Everything' klar, welches die Band schon zum Download auf ihre Homepage gestellt hat. Hier ist Lee nämlich der Hauptbestandteil des Songs, und vor allem in der Live-Version kann die Ohrwurmmelodie mit Gänsehautfaktor zu 100 % überzeugen und löst wohl nicht nur bei mir ein freudiges Strahlen aus. Ja, Lee ist gut! Der emotional geladene Part der Show findet mit 'One Last Goodbye' und einigen Tränen im Publikum seinen Höhepunkt, bevor man sich dem tollen 'Hope'-Cover widmet. Vincent bleibt stets charmant, teilt sich mit seinem Bruder Danny die Ansagen und spielt auch unbeirrt weiter, als ihm mitten im Set mal eine Gitarrensaite reißt (seltsam, sonst passiert ihm sowas immer nur, wenn er in Österreich spielt ;-)). Wie immer setzt 'Flying' den Schlusspunkt der regulären Setliste, wobei Danny hier wieder mit Gitarreneffekten spielt und die Melodie am Ende weitergeht, obwohl keiner mehr auf der Bühne steht. Aber laute "We want more!"-Bekundungen werden natürlich belohnt und ANATHEMA können die Bühne nicht endgültig verlassen, ohne ihren Übersong 'Fragile Dreams' zu spielen, der heute in der eher harten Version daherkommt. Ein weiterer neuer Song - 'A Simple Mistake' - und das NINE INCH NAILS-Cover 'Hurt' beenden ein grandioses Konzert, welches dieses Mal ganz ohne PINK FLOYD-Cover auskommt.

Natürlich zeigen sich ANATHEMA wieder fannah und stellen sich in der Menge allen Autogrammwünschen und Fanfragen. Als wir später etwas unfreundlich aus dem Club befördert werden, feiern wir noch bis in die Morgenstunden mit den aus aller Welt angereisten ANATHEMA-Fans und den Bands. Es ist einfach schön zu sehen, wie ANATHEMA mit ihrer Musik die Nationen zusammen bringen!

Setlist:
An Furher
Balance
Closer
Lost Control
Empty
Natural Disaster
Everything
Inner Silence
One Last Goodbye
Hope
Judgement/Panic
Flying
---
Shroud Of False
Fragile Dreams
A Simple Mistake
Hurt (NINE INCH NAILS-Cover)

Redakteur:
Caroline Traitler

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