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Arnheim Metal Meeting - Arnheim

10.12.2007 | 06:56

01.12.2007, Musis Sacrum

Die meisten Unfälle passieren in der Freizeit. Dieser simplen Einsicht muss sich selbst eine so magische Black Metal-Band wie SATYRICON stellen. Deren Drummer Frost lief kurz vorm anstehenden Gig der Norweger in Holland so dumm, dass er hinfiel und sich seinen Fuß brach. So kompliziert, dass er zwei Wochen im Krankhaus bleiben muss. Mit solch einer Horrorbotschaft - der Headliner muss absagen - möchte kein Festivalorganisator zwei Tage vor Konzertbeginn konfrontiert werden. Doch Roman Hödl, Chef des Arnheim Metal Mettings, hatte genau das zu verkraften: Kurzfristig sagten SATYRICON ab. Zum Glück tut das der Feierstimmung im Musis Sacrum jedoch keinen Abbruch. Als kleine Entschädigung rutschen noch GOD DETHRONED ins Billing, SODOM übernehmen die Headliner-Position. Und an der Abendkasse erhält jeder Besucher einen extra Getränke-Gutschein umsonst. Eine feine Geste, die den Nachmittag gebührend eröffnet, der die Besucher zwischen drei Bühnen hin- und herspringen lässt. Als erste Bands gehen die Death-Trasher von CYPHER auf die Hauptbühne, danach kommt das SERVERE TORTURE-Zerstörungskommando auf der Nebenstage zum Einsatz und heizt den Massen im Saal kräftig ein.
[Henri Kramer]

SEVERE TORTURE genießen klaren Heimvorteil. Ihr neues Werk "Sworn Vengeance" ist gerade einen halben Monat alt und die Holländer brennen sichtlich darauf, es live zu promoten. Auch wenn ihnen die Running Order nur die akustisch schlechtere TMR Stage zugesteht, überzeugen sie mit einem fetten Death-Metal-Sound vor gut gefülltem Saal. Weitaus melodischer gehen da GOD DETHRONED im großen Saal zu Werke und nutzen die Gunst der Stunde, das in letzter Zeit vernachlässigte heimische Publikum wieder auf ihre Seite zu ziehen. Schon der Opener 'Hating Life' zeigt die auf dem aktuellen Album "The Toxic Touch" vorgegebene Marschrichtung. Mit einer melodiösen Death-Metal-Hatz, die sich die Gitarristen Isaac und Henri liefern, werden die ersten Haarekreiser zur geordneten Raserei gebracht.
[Gastautor Thomas Fritzsch]

Nach so vielen Harmonien wird es rumpelig. Der Sound auf der TMR Stage ist den ganzen Tag über nicht besonders bestechend, doch HOLY MOSES' Thrash Metal verleiht er den Beinahe-Todesstoß. Dass Sabina Classen wegen der Party am Vortag jammert, dass sie sich am späten Nachmittag fühlt, als sei es zwei Uhr morgens, macht die Sache nicht besser. Hätte sie lieber ihre Stimme geschont.
[Gretha Breuer]

Ja, Sabrina Claasen erwischt wirklich nicht ihren besten Tag. Etwas dünn klingt ihr Organ schon. Abends zuvor, so erklärt sie ihren Zustand, hat sie mit Ex-SODOM-Drummer Atomic Steif wohl zu viel gebechert. Dementsprechend angegriffen wirkt sie. Dennoch, zumindest 'Too Drunk To Fuck' klappt noch wunderbar. Und auch den Zuschauern gefällt die Darbietung sichtlich - was wohl auch daran liegt, dass Mrs. Claasen als fleischgewordene Metal-Traumbraut immer noch verdammt cool aussieht. Derweil bringen eine Etage tiefer die Belgier von PANCHRYSIA ihren Black Metal dar - der salbungsvolle Begriff der "Darbringung" ist im Fall dieser Band gerechtfertigt. Denn ganz bewusst inszenieren sich die seit 1998 zusammen spielenden Musiker als eine Band, die nur den Underground kennt und von Mainstream-Schwarzwurzel-Sound die Nase voll hat. Dementsprechend klingt der Sound nach Legenden wie MAYHEM oder CELTIC FROST, bitter, kalt und eben auch blasphemisch. Und Frontmann Zahrin in seiner Lederjacke wirkt einfach nur böse - was sich von dem etwas unglücklich geschminkten Drummer Dol nicht behaupten lässt. Dafür ein Grinsen und die Erkenntnis, dass PANCHRYSIA durchaus als Geheimtipp gelten dürfen, wenn es um finsteren Black Metal geht.
[Henri Kramer]

Schwedens Viking-Veteranen UNLEASHED haben auf der aktuellen Tour ihre Langschiffe an der Brücke von Arnheim festgemacht und stürmen mit Trinkhorn und altbekannten Weisen die große Bühne des Musis Sacrum - und eine beachtliche Masse bewirbt sich lautstark für die nächste Heerfahrt. Die musikalische Reise der Schweden lässt keinen Klassiker von 'Winterland' bis 'Into Glory Ride' vermissen und Sänger Johnny keine Gelegenheit verstreichen, die Refrain-Sicherheit der Fans zu testen, bis die Fäuste auch zur letzten Wiederholung von 'Death Metal Victory' in die Höhe gestreckt werden.
[Gastautor Thomas Fritzsch]

Bei UNLEASHED lässt sich denn auch einer der Leitsprüche des Abends hören: "Are you with us, warriors?", fragt Sänger Johnny Hedlund gleich mehrmals. Die Fans sind es, bei beispielsweise 'Never Ending Hate'. Gleichzeitig bietet der Gig aber auch die Möglichkeit, einmal das Musis Sacrum zu erkunden, weil wirklich neue Showelemente bieten UNLEASHED nun auch nicht. Da ist die Hauskulisse sensationeller: Ein altehrwürdiges Theater als Arena für ein Metal-Festival gibt es eben nicht alle Tage zu bestaunen. Denn anders als in Underground-Schuppen gibt es hier glitzernde Leuchter, hohe Decken, Teppiche, Holztäfelungen – der pure Luxus eben. Geraucht werden darf dafür nicht, Glimmstengel sind nur in der angeschlossenen Bar erwünscht. Das macht aber nichts, trotzdem bleibt die Luft recht angenehm, da sich auch nicht der in England zu riechende Fakt einstellt, dass rauchfreie Konzerträume plötzlich nur noch nach Schweiß und abgestandenem Bier stinken. Richtig schick also, dieses Arnheim Metal Meeting! Und nun beginnt die Zeit für Musiker von der grünen Insel: Erst CRUACHAN mit folkigem Kuschel-Songs für den Pub-Betrieb, dann PRIMORDIAL. Und deren Frontmann Alan weiß zu provozieren: Mit einem grauen Mantel tritt er auf, der frappierend an alte Wehrmacht-Klamotten erinnert. Passend dazu gibt es mit 'Empire Falls' von der neuen Scheiblette den ersten Song. Ob sich Alan dabei bewusst ist, dass das Spielen mit Nazi-Ästhetik samt einem Song mit diesem Namen zumindest im politisch oft überaus korrekten Deutschland zumindest kritisiert werden könnte? Die Fans in der Halle nehmen daran aber keinen Anstoß, der Mob fiebert mit den Heiden, den ganzen Gig über. Die Iren, das ist in Arnheim ganz deutlich zu merken, sind längst kein Geheimtipp mehr, inzwischen haben sie sich zu einer richtig großen Band gemausert. Das liegt vor allem an den tonnenschweren Emotionen, die Stücke wie 'A Journey's End' versprühen. Dazu wird Sänger Alan immer besser auf der Bühne, seine ihm eigene Theatralik wirkt längst nicht mehr so aufgesetzt wie früher, sondern gut durchdacht und überzeugend. Mit einem grandiosen 'Gods To The Godless' endet der vielumjubelte Gig, während dem es sich Alan auch nicht nehmen lässt, seinen Kopf einmal kräftig in einen Eimer Kunstblut zu tauchen. Klischee muss eben manchmal sein, auch bei einer so weltbewegenden Band wie PRIMORDIAL. Danach heißt es schnell sein: Die neu formierten ASPHYX spielen eine Treppe höher. Der Saal vor der Nebenbühne ist proppenvoll, offenbar will jeder die holländische Death-Metal-Legende überhaupt sehen. Die Vorfreude ist nicht umsonst, denn wie schon auf dem Party.San im Sommer präsentieren sich die Musiker von ASPHYX als eine Einheit, eine Macht. So entfalten Songs wie 'Wasteland Of Terror' oder 'The Crusher' auch in Arnheim eine ganz gewaltige Wirkung, die von dem abartig-geilen Geschrei Martin van Drunens weiter potenziert wird. Diese Reunion war nötig.
[Henri Kramer]

Ja. Und der Party.San-Auftritt von ASPHYX bleibt dankenswerterweise nicht einmalig - höchstens seine Atmosphäre. Doch wen stören schon stickige Luft und dumpfer Sound, wenn 'Vermin' erklingt? Anders als die Ansagen in der Muttersprache Niederländisch ist 'The Sickening Dwell' klar zu erkennen, was die Temperatur neuerlich ansteigen lässt. Zu 'Pages In Blood' traut sich sogar ein ein Stagediver. "Are there any sick ones?", fragt Martin van Drunen und die gröhlenden Lungen saugen den vorletzten Sauerstoff aus der Luft. 'The Rack' muss natürlich auch noch sein. Zur gleichen Zeit spielen VREID auf der Rusty Stage ihren anarchischen Black Metal. Selbst bekennende ASPHYX-Fans hat es bis zum Schluss dort gehalten - muss also auch gut gewesen sein.
[Gretha Breuer]

Doch weil wir gerade bei tollen Bands sind, die sich á la ASPHYX wieder gefunden haben: MARDUK waren zwar nie auseinander, ihr neuer Sänger Mortuus scheint ihnen aber viel frische Energie gegeben zu haben. Zumindest ist er beim Gig in Arnheim der optische Mittelpunkt auf der Bühne, der Klassiker wie 'Opus Nocturne' oder 'Materialized in Stone' mit seinem diabolischen Aussehen und seiner fiesen Stimme extra veredelt. Ganz wunderbar. Hier hat es sich bezahlt gemacht, dass die Band live nicht mehr ganz so häufig unterwegs ist wie in früheren Zeiten. MARDUK sind wieder spannend. Ab 21.25 Uhr herrscht dann die Qual die Wahl: HOLLENTHON oder HAEMORRHAGE? Musikalische Qualität wird bei beiden Gigs geboten - wobei HOLLENTHON allerdings als optisch hübscheste Band des Festivals durchgehen. Die Pathologen von HAEMORRHAGE haben dafür Blut mitgebracht ...
[Henri Kramer]

... und dazu wedelt unter der niedrigen Decke der Rusty Stage HAEMORRHAGEs Lugubrious mit einem Stück Beinprothese herum, das ebenso mit Kunstblut überströmt ist wie er selbst. Bei aller Kasperei wirken HAEMORRHAGE bemerkenswert konzentriert und legen einen staubtrockenen, präzisen Grind-Gig hin. Zu der Kasperei gehören auch zu 'Disgorging Innards' mit Kunstblut gefüllte und ins Publikum geworfene Becher. Sicher wollen die Spanier, dass das ruhige Publikum genauso 'Deranged For Loathsome' aussieht wie sie selbst. Zu 'Anatomized' bildet sich endlich ein kleiner Pogo, so dass die entschlossenen Tänzer sich nicht als 'Decom-posers' beschimpft sehen müssen. Besser so, denn 'I’m A Pathologist'.
[Gretha Breuer]

HOLLENTHON mit den Wiener Protagonisten um Martin Schirenc können zeitgleich mit Melodik-Krachern ihrer beiden Alben "Domus Mundi" und "With Vilest Of Worms To Dwell" begeistern. Songs wie 'Y Draig Goch', 'Woe To The Defeated' oder 'To Kingdom Come' sind an Abwechslungsreichtum nicht zu schlagen. Metal meets Klassik meets Kirchengesänge meets Folklore. Das alles harmonisch miteinander arrangiert und voller Spielfreude vorgetragen. Die Mannen von HOLLENTHON ziehen dabei sämtliche Register im "Going wild"-Posing, so dass sie wohl nicht zuletzt deswegen von Herrn Kramer den Award der fotogensten Metalcombo des Festivals aufgedrückt bekommen.
[Gastautorin Stefanie Rudolph]

SODOM dürfen die Headliner-Position des diesjährigen Arnheim Metal Meetings besetzen, nicht ohne gute Besserungswünsche an SATYRICONs Drummer Frost zu schicken. Gut aufgelegt spielen sich die Ruhrpott-Soldaten durch ein Set, das besonders Alt-Kuttenträger in lang zurückliegende Erregungszustände versetzt. Dabei fehlt 'Outbreak Of Evil' genauso wenig wie 'Blasphemer' und 'Sodomie And Lust'. Dem hohen Anteil der deutschen Fans dürfte es geschuldet sein, dass Tom Angelripper seine Ansagen gleich in der Muttersprache hält. Der 'Wachturm' lässt sich zwar schön mitsingen, was die Sodomaniacs jedoch seit gut zwanzig Jahren immer wieder fordern sind 'Ausgebombt' und 'Bombenhagel' - und das Musis Sacrum erzittert.
[Gastautor Thomas Fritzsch]

Setlist:
Blood On Your Lips
Wanted Dead
Outbreak Of Evil
Napalm In The Morning
Sodomy And Lust
Axis Of Evil
The Saw Is The Law
Sodomized
Der Wachturm
Ausgebombt
Among The Weirdcong
Remember The Fallen
Ace Of Spades
Bombenhagel

Als NIFELHEIM abschließend spielen, hat sich das Zuschauerfeld zumindest geistig schon arg gelichtet - langsam tun Alkohol und Marihuana ihre Wirkung. Da kommen die Schweden genau zu rechten Zeit, solche Musik ist Party pur. Schon das Auftreten der Jungs ist Kult: So viele Nieten gibt es nirgendwo sonst zu sehen. Über die Musik muss ebenso wenig geredet werden: Schneller und räudiger Black Metal mit fetter Thrash-Schlagseite brettert von der Bühne herab. Eine neue Scheibe haben sie auch im Gepäck: "Envoy Of Lucifer". Doch Songtitel spielen um diese Uhrzeit keine Rolle mehr. Und so bleibt nur noch zu konstatieren, dass die Jungs unbedingt für eine komplette Tour nach Deutschland kommen müssen, idealerweise zusammen mit DESASTER. Nach dieser Grenzerfahrung ist erstmal Schluss im Musis Sacrum. Inzwischen ist es Mitternacht. Doch es geht noch weiter. In einem nahe gelegenen Club spielen STORMRIDER, laut Veranstalter Roman Hödl "Europas beste Cover-Band". Doch an diesem Abend, nach so einem Billing, gehen sie ein wenig unter: Die Stunden vorher waren schon perfekt genug, für Nacken, Hirn und Emotionen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätten SATYRICON auch noch gespielt - dann wäre diese Ausgabe des Arnheim Metal Meetings zu einem der coolsten Club-Festivals des Jahrzehnts mutiert. Aber vielleicht hat die Absage aber auch ein gute Seite: Zwar hat Roman Hödl angekündigt, dass er dieses Jahr wohl zum letzten Mal das Event organisieren will. Doch vielleicht ringt er sich ja noch einmal durch, holt für nächstes Jahr gesunde SATYRICON und ein paar geniale Bands mehr. Zu hoffen wäre es!
[Henri Kramer]

Redakteur:
Henri Kramer

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