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Atrocity - Pratteln (CH)

18.01.2001 | 11:17

14.01.2001, Z7

Was war das für ein kleiner Schock, als der Parkplatz des Z7 in Sicht kam: So gut wie keine Autos da, kaum eine Menschenseele irgendwo zu sehen. Was zum Teufel war los? War das Konzert kurzfristig abgesagt worden? Hatte ich mich im Tag geirrt? Stand das Z7 nicht mehr? Keines von alldem traf zu. Die einzige Erklärung dafür, dass sich in der Konzerthalle, die normalerweise etwa 2000 Leuten Platz bietet, nur knapp 100 Personen eingefunden hatten, ist wohl schlicht und ergreifend, dass die Schweizer hauptsächlich einem etwas anderen Musikgeschmack frönen..., aber das ist eine andere Geschichte.

SAMSAS TRAUM, die den Abend um 20 Uhr eröffneten, hatten denn auch nicht die geringste Chance. Zählt die Band um Mastermind Alexander Kaschte mit ihrem musikalischen Mix aus Gothic, Black Metal und Klassik in Deutschland zur Riege der hoffnungsvollen Nachwuchsbands, so scheint im Land von Käse und Schokolade noch niemand etwas von ihnen gehört zu haben. Den mageren Applaus, den sie nach jedem Song ernteten, hätte jedenfalls das Publikum jeder Schülerband toppen können. Aber vielleicht lag es ja auch einfach daran, dass die Hälfte der 100 Anwesenden es sich lieber an der Bar oder im hinteren Teil der Halle auf den Sitzgelegenheiten gemütlich gemacht hatte, ich weiss es nicht. Angesichts dieses Feedbacks waren SAMSAS TRAUM auch entsprechend freudlos bei der Sache, ließen sich aber trotzdem bei der klanglichen Qualität ihrer Songs nicht lumpen. Besonders die Verwendung von Saxophon und Bassklarinette verlieh Stücken wie \"Das Ende Krönt Das Werk\" und \"Ode An Epiphanie\", beide aus dem aktuellen Album \"Oh Luna Mein\", einen ganz besonderen Reiz und ließ verschmerzen, dass Schlagzeug und Keyboards aus der Konserve erklangen. Während \"Dies Ist Kein Traum\" schaffte es Alexander dann sogar, aufgrund zu wildem Saitenbearbeitens sein Plektrum zu zerschreddern - das muss wahrer Frust gewesen sein. Nach 30 Minuten verabschiedete man sich ziemlich enttäuscht wirkend von der Bühne, SAMSAS TRAUM taten mir an dem Abend aufrichtig leid. So schnell werden sie sich sicher nicht mehr in schweizerischen Gefilden blicken lassen.

Peter Tägtgren hatte es da mit seinem Soloprojekt PAIN schon etwas einfacher beim Publikum. Mit seiner \"Hauptband\" HYPOCRISY genießt er auch in der schweizer Metalszene große Beliebtheit, wovon man sich unter Anderem am letztjährigen Nuclear Blast Festival überzeugen konnte. Sogar diejenigen, die es sich während dem Auftritt von SAMSAS TRAUM bei einem Bierchen gemütlich gemacht hatten, erhoben sich von ihren Sitzgelegenheiten, um sich in den Bereich vor der Bühne zu bewegen. Nachdem Peter und seine Session-Musiker mit erhobenen Fäusten und vereinzelten Jubelrufen empfangen wurden, legte man auch gleich los. Nach dem Motto \"wortkarg, aber singstark\" spielte man den Set herunter, bei dem Peter zwar gut mitbangte und hier und da Grimassen zog, aber jegliche Kommunikation mit dem Publikum schleifen ließ. Da hatten sogar SAMSAS TRAUM noch mehr Worte übriggehabt... . Jedenfalls wurde PAIN\'s Symbiose aus Metal und tanzbaren Elektrobeats trotzdem gut aufgenommen und brachte etwas Leben in die kleine Schar von Zuhörern - einige tauten sogar richtig auf und fingen an, zu den harten Beats die Haare wirbeln zu lassen. Langsam bekam man endlich das Gefühl, an einem \"richtigen\" Konzert zu sein. Gespielt wurden hauptsächlich Stücke der aktuellen Platte \"Rebirth\": neben \"Suicide Machines\", \"Crashed\" und \"Dark Fields Of Pain\" kamen vor allem \"End Of The Line\" und \"On And On\" gut bei den Leuten an. Nach einer halben Stunde verließ man, unter für ein derart kleines Publikum erstaunlich lautem Klatschen und Schreien, die Bühne.
Einziges Manko am Auftritt von PAIN (neben Herrn Tägtgrens Wortkargheit): Das Mikro von Peter hatte zuweilen einen Schaden und verweigerte den Dienst, außerdem ließ die Stimme des Frontmannes auch ab und an etwas zu wünschen übrig. Trotzdem, ein im Großen und Ganzen zufriedenstellender Auftritt.

Nach einem eher biederen Intro zum Auftritt von ATROCITY durch eine Diashow und Musik aus den 40er Jahren, betraten zwei sexy Tänzerinnen in knappen, mit Nieten besetzten Dessous die Bühne, gefolgt von Alex und Co. Gekleidet in die gleichen martialischen Outfits, in denen man sie schon im Videoclip zu \"Taste Of Sin\" sehen konnte, wurde auch gleich mit selbigem Song losgelegt. Die brachiale, aber tanzbare Mischung aus (Gothic) Metal und Elektro lud, ebenso wie bei PAIN, zum Kniezucken und zumindest Kopfnicken ein. Das Publikum glänzte zwar anfangs wieder durch Passivität, aber mit jedem Lied steigerte sich die Stimmung stückchenweise, was vor allem der Show zu verdanken ist, die der gute Alex da oben auf der Bühne abzog: Er konnte so gut wie nie seine Finger bei sich behalten und fummelte ständig an den ihn umgarnenden Tänzerinnen herum, was ihm sichtlich Spaß machte. Zudem forderte er stets die Leute auf, mitzuklatschen und Party zu machen - und, oh Wunder, das funktionierte sogar nach einer kurzen Anlaufphase: Nach \"Der Mussolini\" (eine der Tänzerinnen war diesmal in einem sehr kurzen Kleidchen in Militäroptik plus schwingender Peitsche zu bewundern) und \"Seasons In Black\" kam das Publikum spätestens beim schlüpfrigen \"Zauberstab\" in die Gänge. Diesmal hüpfte eine von Alex\' \"Bühnengespielinnen\" als Teufelchen über die Bretter und lieferte sich erneut eine heiße Show mit dem Sänger. Dies veranlasste einige weibliche Wesen in der vordersten Reihe, in laute \"Alex, du geile Sau!\"-Rufe auszubrechen, was er freudig grinsend quittierte.
Während \"Das 11. Gebot\" schlug dann der Feuerteufel zu: Ausgelöst durch einige Pyroeffekte fing ein Teil der Bühne vor dem Drumkit an, lichterloh zu brennen. Es dauerte mehrere Minuten, bis die Roadies überhaupt erstmal zu begreifen schienen, dass das NICHT zur Show gehörte und mit Decken zum löschen aufmarschierten. Da das \"Feuerchen\" schon recht beachtliche Ausmaße erreicht hatte, brauchte es auch einige Zeit, bis man die Flammen erstickt hatte. Von der Erfindung des Feuerlöschers hatte anscheinend noch nie jemand von der Crew etwas gehört. Wie auch immer, ATROCITY namen es jedenfalls gelassen, ironischerweise folgte auf diesen kleinen Zwischenfall der Song \"Feuer\".
Nach einer kleinen Pause (welche auf ein Neues durch die beiden Tänzerinnen versüßt wurde - nächstes Mal bitte sowas in der männlichen Ausführung :-) ), in welcher die Band ihr wohl doch etwas zu schweißtreibendes Outfit gegen luftigere Klamotten eintauschte, kamen neben eigenen Songs auch ein paar der 80er-Coverversionen vom Album \"Werk 80\" zum Zuge: \"The Great Commandment\", \"Send Me An Angel\" und abschließend \"Shout\" (mit der tatkräftigen Unterstützung von Sängerin Yasmin) verbreiteten vollends Partystimmung. Dass so wenig Publikum schlussendlich doch so laut jubeln, klatschen und mitsingen kann...wahnsinn. Man kam sich fast wie auf einer kleinen Privatparty der Band vor.
Als nach den letzten Klängen des TEARS FOR FEARS-Klassikers dann sogar noch La-Ola-Wellen durch die Reihen schwappten und \"Lili Marleen\"-Sprechchöre (in Anlehnung an selbige Coverversion auf dem aktuellen Album \"Gemini\") und \"Zugabe\"-Rufe laut wurden, ließ man es sich natürlich nicht nehmen, nochmals auf die Bühne zurückzukehren. \"Sound Of Silence\" animierte sämtliche Feuerzeugschwenker, und zum krönenden Abschluss gab\'s noch was ganz Feines: \"Die Todgeweihten\", eine auf Black Metal getrimmte Coverversion von \"Kain Und Abel\" (DAS ICH). Die Lili-Marleen-Fans gingen leider leer aus.

Man mag von ATROCITY halten was man will, meine Lieblingsband sind sie auch nicht unbedingt, aber live sind sie echt sehenswert. Ohne die überzeugende Show von Alex und Co hätte ich mich, trotz SAMSAS TRAUM und PAIN, doch etwas über die gezahlten 35 Franken Eintritt geärgert. Aber so wird mir der Abend sicher noch eine ganze Weile gut in Erinnerung bleiben.

Setliste ATROCITY:

1. Taste Of Sin
2. Der Mussolini
3. Seasons In Black
4. Zauberstab
5. Das 11. Gebot
6. Feuer
7. The Great Commandment
8. Sometimes...A Nightsong
9. Wilder Schmetterling
10. B.L.U.T
11. Send Me An Angel
12. Gemini
13. Shout
Zugaben:
14. Sound Of Silence
15. Die Todgeweihten

Redakteur:
Kathy Schütte

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