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BANG YOUR HEAD - Balingen

27.07.2017 | 22:40

13.07.2017, Messegelände

Die zweiundzwanzigste Auflage des Rocktreffens im Süden!

Es ist bereits das dritte der "großen" Bang Your Head-Festivals, der Events mit drei vollen Tagen Musik, und mittlerweile fühlt es sich ganz normal an. Wie schnell man sich an Dinge gewöhnt! So reisen wir, das sind Rüdiger Stehle und ich, am Donnerstag an und erreichen das Gelände aufgrund von beruflichen Verzögerungen, während die Band GLORYHAMMER beginnt. Es ist irgendwie wie ein musikalisches Nach-Hause-Kommen. Überall herrscht ein großes "Hallo", viele bekannte Gesichter, was an der Holzbude für die Akkreditierung beginnt und sich über das Gelände in den VIP-Bereich fortsetzt. Veränderungen gibt es kaum, ein ausgezeichnet organisiertes Festival muss nicht jedes Jahr neu erfunden werden. Daher heißt die Devise: Rein, die Kollegen Walter, Chris und Frank treffen und rocken!

Doch vor dem eigentlichen Festival gibt es die Warm-Up-Show, die es in diesem Jahr ganz besonders in sich hatte und die Kollegen Chris Staubach und Walter Scheurer animierte, mal vorbeizuschauen.

 

Kaum den Weg in die Halle gefunden, noch nicht alle Bekannten begrüßt, die man immer ein Mal im Jahr auf dem Bang Your Head trifft, da stürmen auch schon die Schweden BLOODBOUND die Bühne. Ich muss sagen, dass ich aus dieser Band nicht ganz schlau werde. In der Vergangenheit gab es durchaus Songs, die mich noch immer begeistern, ganze Alben sind bei mir jedoch bisher nicht hängen geblieben. Und auch die aktuelle Scheibe "War Of Dragons" hat für mich wenig hymnenhaften Metal zu bieten, sondern mehr STRATOVARIUS- und SONATA ARCTICA-Anleihen, die mich zusehends langweilen. Doch Sänger Patrik Johansson und seine Rasselbande habe ich bisher noch nicht bewusst live gesehen, sodass ich mich auf den Auftritt im Vorfeld sehr gefreut habe. Der Sound ist in Ordnung und auch die Messehalle für die Umstände (zweite Band bei der Warm-Up-Show) bereits sehr ordentlich gefüllt. Und das Publikum liebt sie. Gerade bei den Mitsingteilen verfährt das schwedische Quintett scheinbar nach dem Motto "keep it simple" (es werden immer wieder die gleichen Schlagworte in verschiedener Reihenfolge benutzt und in eine mehrfach erprobte Rhythmik gepresst), was bei einem feucht-fröhlichen Festival sicherlich nicht unbedingt von Nachteil ist. Egal ob älteres Material wie 'Moria' und 'Nosferatu' (mit albern verkleidetem Roadie als Fürst der Dunkelheit) oder neuere Songs wie 'Battle In The Sky', 'War Of Dragons' oder 'Dragons Are Forever', die junge Anhängerschar feiert, singt und klatscht die gesamten fünfzig Minuten durch. Für den Einstieg gefällt mir der Auftritt von BLOODBOUND recht gut, einen bleibenden Eindruck haben sie bei mir jedoch nicht wirklich hinterlassen. Und auch in Sachen Gesamtmeinung bin ich kein Stückchen schlauer als vorher.

[Chris Staubach]

 

Seit Bekanntgabe des Auftritts von ANGEL DUST bei der diesjährigen Warm-Up-Show ist die Vorfreude darauf bei mir immens. Immerhin sorgte das Dortmunder Quartett schon Mitte der Achtziger für Furore (gerade ihr thrashiges Debütalbum "Into The Dark Past" gilt als Meisterwerk) und brachte Ende der Neunziger bis in den Anfang der Nullerjahre ein paar grandiose Metalscheiben auf den Markt, die deutlich melodischer und moderner ausgerichtet waren. Danach wurde es still um die Band, die sich mit dem Konzert in Balingen in der Besetzung der zweiten Bandphase nun endgültig zurückmelden möchte. Gegenüber BLOODBOUND ist die Halle zunächst spärlicher besucht (das deutlich jüngere Publikum weiß wohl zunächst mit den Ruhrpöttlern nicht so viel anzufangen), was sich aber im Laufe der fünfundfünzig Minuten deutlich ändert. Das Hauptaugenmerk der fünf Jungs liegt vor allem auf dem 2000er-Album "Enlighten The Darkness", das anscheinend auch die Marschroute für die Zukunft vorgeben soll. Und auch wenn es sich über eine Setlist logischerweise vortrefflich streiten lässt (ich hätte mir doch vor allem 'Gambler' vom Debüt gewünscht), freut es mich, Songs wie 'Never', 'Nightmare', 'Come To Resistance', 'Border Of Reality', 'Bleed' oder 'Cross Of Hatred' mal wieder um die Ohren geblasen zu bekommen. Der Sound ist in Ordnung und Sänger Dirk Thurisch ist bestens bei Stimme. Die kindliche Freude über die Rückkehr merkt man den Herrschaften deutlich an, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch ein bisschen Sand im musikalischen Getriebe ist - und auch der Bewegungsradius ist definitiv ausbaufähig. Da müssen die Dortmunder für die Zukunft noch eine Schippe drauflegen. Dem vom Alter her deutlich gesetzteren Publikum ist das jedoch schnuppe. Sie feiern die Wiederauferstehung und lassen sich sogar zu "Angel Dust, Angel Dust"-Anfeuerungsrufen hinreißen. Unterm Strich ein gelungener Vortrag, der nicht ganz all meine (sehr hohen) Erwartungen erfüllen konnte. Es ist aber definitiv schön, dass ANGEL DUST wieder da sind. Wir dürfen gespannt sein, was da in Zukunft noch kommt.
Setliste: Let Me Live, The One You Are, Never, Enjoy!, Nightmare, Come To Resistance, Border Of Reality, Bleed, First In Line, Cross Of Hatred

[Chris Staubach]

 

Mit den Konzerten von SANCTUARY ist das so eine Sache, denn diese stehen und fallen mit Sänger Warrel Dane, der in der Vergangenheit leider schon den einen oder anderen Horroraufttritt abgeliefert hat. So ist meine Vorfreude auch ein wenig angespannt, denn immerhin zählt Mr. Dane, der in Szenekreisen mittlerweile auch gerne als "the walking dead" bezeichnet wird, seit seinen seligen NEVERMORE-Tagen zu meinen absoluten Gesangsfavoriten. Und auch in Balingen macht der Frontmann optisch nicht den allergesündesten Eindruck, kann aber (Achtung: Spoileralarm!) gesanglich durchaus überzeugen. Und zwar nicht nur bei den neueren Songs des starken "The Years The Sun Died"-Albums, sondern auch bei den alten 80er-Sachen. Er versucht erst gar nicht, die Songs tiefer anzustimmen oder stupst die Gesangslinie nur an, um sie dann vom Publikum weitersingen zu lassen. Nein, Warrel Dane quält und kämpft sich durch Songs wie 'Battle Angels', 'Soldiers Of Steel', 'Die For My Sins', 'Future Tense', 'Eden Lies Obscured' oder 'Taste Revenge', trifft dabei natürlich nicht jeden Ton und tänzelt oftmals auch empfindlich nah an der Schmerzgrenze, was ihn aber nur umso sympathischer macht. Musikalisch gibt es an dieser Darbietung nichts auszusetzen, nur das Fehlen von Bassist Jim Sheppard wird mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Die Setlist ist super ausgewogen und vor allem die aktuelleren Titel wie beispielsweise 'Frozen', 'Arise And Purify' oder 'Question Existence Fading' knallen wie Bolle und bewirken, dass die große Meute vor der Bühne steil geht. Zieht man zum Vergleich die in den nächsten Tagen folgenden Auftritte von unter anderem Don Dokken, Vince Neil oder Mark Slaughter zum Vergleich heran, (Achtung: Spoileralarm!) stimmt hier zumindest das Gesamtpaket. Nach immerhin neunzig Minuten hinterlassen die Amerikaner ein sichtlich geschlauchtes, aber durchaus zufriedenes Publikum. Und trotzdem: irgendwie muss man sich doch ernsthaft Sorgen um den Gesundheitszustand des Sängers machen. Ich kann nur inständig hoffen, dass er seine Probleme in den Griff bekommt, denn auch wenn er die ollen Kamellen irgendwann gar nicht mehr singen kann, auf einen Warrel Dane in Topform kann die Musikwelt definitiv nicht verzichten.
Setliste: Arise And Purify, Let The Serpent Follow Me, Exitium (Anthem Of The Living), Die For My Sins, Seasons Of Destruction, Future Tense, White Rabbit, Question Existence Fading, Frozen, The Year The Sun Died, Battle Angels, The Mirror Black, Eden Lies Obscured, Soldiers Of Steel, Taste Revenge

[Chris Staubach]

 

Von den Bands zuvor gut angeheizt und daher in bester Stimmung, empfängt das immer noch sehr zahlreich in der Halle anwesende Publikum die als Headliner engagierten Herren DEATH ANGEL aus den USA lautstark und enthusiastisch. In exakt dieser Manier bekommt das Auditorium dann auch an den Bay Area-Sound der Thrash Metal-Ikone präsentiert. Der Fünfer glänzt nämlich einmal mehr durch immense Spielfreude und Bewegungsdrang und weiß beides perfekt weiterzugeben. Dadurch ist die Hütte auch ab dem fulminanten "Klassiker-Doppel" 'The Ultra-Violence'/ 'Evil Priest' zu Beginn am Toben. Die späte (eigentlich frühe, schließlich ist es schon weit nach Mittagnacht) Tageszeit merkt man keinem der Anwesenden an, weshalb die anderthalb Stunden Spielzeit nicht nur wie im Fluge vergehen, sondern zu einem Erlebnis für alle Beteiligten werden. Man mag "The Evil Divide", die letzte Scheibe der Thrasher für zu modern, oder auch für zu rockig halten und Sänger Mark Osegueda darüber hinaus auch vorwerfen, er würde darauf zu viel schreien - seiner schlichtweg ansteckenden Performance kann man sich einfach nicht entziehen!

Dadurch bleibt die Stimmung auch die gesamte Spielzeit über auf dem Siedepunkt, völlig egal, ob das Quintett aktuelles Material vom genannten Album aus dem Vorjahr auftischt (vor allem 'Father Of Lies' sorgt für erhöhten Mitgröhl-Alarm, aber auch bei 'The Moth' ist für lautstarke Unterstützung seitens des Publikums gesorgt), oder aber in der Klamottenkiste kramt und unkaputtbare Klassiker wie 'Seemingly Endless Time' oder 'Kill As One' zum Besten gibt. Zwar hätte es aus der letztgenannten Kategorie durchaus auch noch mehr wie etwa 'Voracious Souls' sein dürfen, doch etwaige Setlist-Wünsche bleiben nach den (leider viel zu früh beendeten, weil gefühlt eben erst 20 Minuten andauernden) anderthalb Stunden Spielzeit der einzige Diskussionsstoff, den man beim Verlassen der Messehalle aus dem gegen Ende hin zwar doch schon etwas dezimierten, aber auf jeden Fall rundum zufrieden in Richtung Schlafgemächer abziehenden Auditorium zu hören bekommt. Ansonsten alles bestens - weil DEATH ANGEL einmal mehr auf imposante Weise gewaltige Live-Power unter Beweis stellt! (Foto vom Summer Breeze 2015)

[Walter Scheurer]

 

Und dann beginnt es endlich, das diesjährige Bang Your Head. Die Anreise an einem Wochentag für die einen und der lange Abend nach der Anreise für die anderen bedeutet, dass die erste Band KILLCODE leider noch nicht genossen werden kann, aber danach ist es Zeit für Heavy Metal!

 

Die Sonne brennt unbarmherzig vom Himmel auf das Messegelände und lässt schon zu einer solch frühen Stunde den einen oder anderen verbrannten Banger-Schädel erkennen. Und auch ich schlage noch selbstgefällig den Sonnencreme-Hinweis in den lauen Südwind, was in Folgezeit nicht nur ein einsichtiges Reuegeständnis, sondern auch eine brennende Nase zur Folge hat. Umso amüsanter, nichtsdestotrotz mehr als stilecht, zwängt sich das polnische Metal-Flaggschiff CRYSTAL VIPER zur Mittagszeit unisono in das schwere Ledergewand und präsentiert dem noch überschaubaren und schon leicht bekleidet schwitzenden Publikum einen gelungenen Abriss der bisherigen Schaffensphase. Sängerin und Gitarristen Marta Gabriel und ihre Mannen verkörpern zu jeder Sekunde den Heavy Metal und passen perfekt als morgendlicher Weckruf. Mit einem (zweiten) Kaffee in der Hand macht das wirklich Spaß, ist nicht zu anstrengend und das Quartett hat mit unter anderem 'The Witch Is Back', 'I Fear No Evil', der ZED-YAGO-Verbeugung 'When The Sun Goes Down', 'The Last Axeman' oder 'Metal Nation' auch ein paar sehr nette Songs am Start. Die Meute kommt zwar noch etwas schwerfällig in Bewegung, aber der unaufgeregte Auftritt der Polen, die nach fast vierjähriger gesundheitlicher Zwangspause endlich wieder die Amps aufdrehen können, kann definitiv auf der Habenseite verbucht werden. Apropos Amps aufdrehen: der Sound ist für diese frühe Uhrzeit grundsätzlich in Ordnung, aber die Gitarre von Marta scheint nur rudimentär auf der Anlage zu sein. Das ist vor allem blöd, wenn die Klampfe von Andy Wave ihren Geist aufgibt und Martas Bemühungen nicht wirklich zu hören sind. Zum Abschluss der kurzweiligen fünfzig Minuten haut uns das Quartett mit 'See You In Hell' noch eine gelungene GRIM-REAPER-Coverversion um die Ohren, was angesichts des Auftritts des Originals am nächsten Tag etwas skurril wirkt. Wenn aber gefühlt jede zweite Band ungeschoren 'Heaven And Hell' anstimmen darf, ist auch dies nur eine unbedeutende Randnotiz wert. Netter Auftritt.
Setliste: The Witch Is Back, Night Prowler, Night Of The Sin, Witch's Mark, When The Sun Goes Down, I Fear No Evil, The Last Axeman, Metal Nation, See You In Hell

[Chris Staubach]

 

GLORYHAMMER ist fröhliches Gedudel und alberne Kostüme, mit einem Keyboarder in Magierrobe, einem Gitarristen, der aussieht, als ob er das uneheliche Kind von Ian Scott und einem schottischen Kobold sei, dem Bassmann in Fellstiefeln und natürlich ihrem Sänger, der mit goldenen Robin-Hood-Strumpfhosen und grünledernen Rüstungsgefuddel irgendwo im Niemandsland zwischen Leprechaun und Ritterkarikatur sein Dasein fristet. Was soll man da erwarten? Dass der Bandleader Christopher Bowes außerdem bei ALESTORM aktiv ist, erhöht meine Erwartungshaltung auch nur bedingt, da ich letztere bereit beim Summer Breeze mal aushalten musste, was außer im Stadium des fortgeschrittenen alkoholischen Frohsinns keine ganz leichte Aufgabe ist. Die Frage ist, wie ernst sich die Burschen in dieser Bowes-Inkarnation in nehmen. Schotten haben manchmal einen merkwürdigen Humor, und dass sie nicht alles bierernst nehmen, dürfte ja allein die Aussage, dass sich ihr Konzept über einen fiktiven schottischen Kronprinzen namens Angus McFife über 21 Alben erstrecken soll, erkennen lassen. Also los, jetzt gebe ich mir GLORYHAMMER, und ich bekomme, was zu erwarten gewesen war. Die Musik der Fünf ist natürlich sehr melodiös, gern auch mal schunkelig, oft schnell und lädt die Musiker zum Posen ein, was besonders der Sänger Thomas Winkler ausgiebig nutzt. Dazu flirren die Noten, Mitsingrefrains jagen Wellen von Schlageratmosphäre über das Gelände, und romantisierte Schottenweisen im Kitschkleid versuchen, die Highlands in die Alb zu verlegen. Diese Art von bierseligem Trallala-Metal ist ja momentan ziemlich in, bei dem die Show einen nicht unerheblichen Anteil am Erfolg haben dürfte, siehe POWERWOLF, GRAIL KNIGHTS oder die bald folgenden ORDEN OGAN, und live auf einem Festival ist das auch ganz gut auszuhalten, aber nach einer Weile sich wiederholender Bandstilleben und flitziger, dudeliger Melodien ermüde ich ein wenig und denke mir, dass das schottische Kasperltheater mit ihrem Tri-tra-trullala Metal vielleicht ja noch vom Räuber mit der Keule von der Bühne geholt oder vom Krokodil gefressen werden. Passiert aber nicht. Vielleicht war das Krokodil im Budget nicht mehr drin, schließlich musste bereits ein grüner Goblin auftreten.

[Frank Jaeger]

 

In der sengenden Nachmittagssonne wird es dann Zeit für einen weiteren Anwärter auf den zukünftigen Metalthron: ORDEN OGAN. Das deutsche Quartett zählt aktuell zum ganz heißen Eisen in der Szene und hat pünktlich zum Festival sein neues Album "Gunmen" veröffentlicht, das direkt auf Platz 8 der deutschen Charts eingestiegen ist (Glückwunsch!). Musikalisch können die Jungs gegenüber GLORYHAMMER noch eine Schippe drauflegen und auch in Sachen Showelementen haben sie sich einiges einfallen lassen. Es wird passend zum Albumkonzept ein ganzes Fort mit dazu gehörigen Geister-Cowboys aufgebaut, was auch etwas professioneller als bei der vorherigen Band aussieht. Nur: wo sind die Gitarren? Warum sehe ich Tobi und Seeb spielen, höre sie aber nicht? Ist sich der Mischer ein Bier holen gegangen? Naja, mit diesem Problem sind ORDEN OGAN an diesem Nachmittag leider nicht alleine, was sich aber ab Mitte des Sets zumindest ein bisschen bessert. Das daraus resultierende Bass-Schlagzeug-Gewummer ermüdet mit fortlaufender Spielzeit, da die Songs auch nicht mit großer Dynamik glänzen können und die Musiker in ihrem Bewegungsradius extrem überschaubar bleiben. Das vermerkt auch das Publikum und lässt zum ersten Mal ein paar Konditionsschwächen erkennen. Nicht förderlich ist ebenfalls, dass die Samples mit den Einspielern und den Chören viel zu leise sind und nur erahnt werden können, was den Hörgenuss ebenfalls trübt. Eher suboptimal. Von der Songauswahl her kann sich wohl niemand beklagen, denn das Quartett hat alle Klassiker mit an Bord und präsentiert mit 'Fields Of Sorrow' und 'Gunman' (samt Luftschlangenalarm) auch gleich die beiden Singleauskopplungen ihres neuen Albums. Ich bin durchaus der Meinung, dass ORDEN OGAN die Zukunft gehört, am heutigen Tag war mir der Vortrag jedoch ein wenig zu statisch und monoton. Ausbaufähig. Schnell noch einen Kaffee zum Wachwerden und weiter geht es.
Setliste: To New Shores Of Sadness, We Are Pirates, Here At The End Of The World, Gunman, Deaf Among The Blind, Fields Of Sorrow, F.E.V.E.R., The Things We Believe In

[Chris Staubach]

 

Das erste Überraschungsei des Wochenendes wartet: SLAUGHTER. Im Vorfeld des Auftritts ranken sich die wildesten Gerüchte um die aktuellen Stimmqualitäten von Namensgeber Mark Slaughter, doch sein letztes Soloalbum "Halfway There" ist für mich ein absoluter Hinhörer. Auffallend viele Frauen haben sich im weiten Rund versammelt, um der Glam-Rock-Band beizuwohnen, die mit ihrem Debütalbum "Stick It To Ya" von 1990 unbestritten einen Klassiker des Genres abgeliefert hat. Und wieder einmal zeigen uns die Amerikaner, was richtiges Entertainment bedeutet: Bassist Dana Strum tänzelt und hüpft mit rotem, bis zum Bauchnabel aufgeknöpftem Hemd über die Bühne, Gitarrist Jeff Blando rockt in bester Zakk-Wylde-Pose und Schlagzeuger Zoltan Chaney ist ... einfach genial. Er zeigt kompletten Körpereinsatz und schlägt nicht nur mit beiden Händen, sondern auch mit den Füßen, dem Kopf, dem Schlagzeughocker oder auch anderen (kurzerhand abgeschraubten) Becken auf andere Becken ein. Dabei springt der Derwisch ständig auf, spielt im Stehen oder fällt einfach nach einem allzu waghalsigen Manöver vornüber in sein gesamtes Kit. Das hat höchsten Unterhaltungswert, macht die sechzig Minuten durchaus kurzweilig und lenkt passenderweise auch ein wenig von der Musik ab. Der junge Mann hinter der Schießbude sollte das gesamte Festival über ein wahrhaft positives Gesprächsthema unter allen Anwesenden sein. Da kann es sich sogar Sänger Mark Slaughter, wie geschehen, erlauben, komplett im Publikum abzutauchen und seiner Band das Feld zu überlassen. Auch bei der Songauswahl machen die Jungs aus Los Angeles, Kalifornien, eigentlich alles richtig und konzentrieren sich ausschließlich auf ihre ersten beiden, zu recht gefeierten Alben "Stick It To Ya" und "The Wild Life". Das Problem ist nur, dass Mark seine Kastraten-Kopfstimme kaum noch beherrscht und die Songs um einige Tonlagen tiefer anstimmt. Zumal er auch ansonsten nicht vor Tatendrang und ansteckender Energie strotzt, fehlt dem musikalischen Vortrag einfach die Magie und wird schnell eintönig. Und auch die leicht hingerotzte Version des Schmachtfetzens 'Fly To The Angels' (sowohl musikalisch als auch gesanglich) fällt eher unter die Kategorie "schauderhaft". Einzig das abschließende 'Up All Night' versöhnt und avanciert zur heimlichen Festivalhymne. Fazit: Spielerisch ist das Magerkost, rein vom Entertainment-Faktor aus gesehen aber ganz großes Kino. Ach ja, und noch etwas, was die Amis uns scheinbar voraushaben: der Sound ist allgemein deutlich lauter und die Klampfe endlich auf der Anlage. Hallelujah.
Setliste: The Wild Life, Burnin' Bridges, Spend My Life, Mad About You, Eye To Eye, Real Love, Fly To The Angels, Up All Night

[Chris Staubach]

 

Schon im Vorfeld des Festivals war mir irgendwie klar, dass der Donnerstag mein Tag werden würde. Schwarzwurzelei ist in Balingen ja ein extrem seltener Gast, doch für mich stets ein besonderer Anreiz, mich recht weit vorne vor der Bühne einzufinden. Dies umso mehr, wenn es Alt- und Großmeister Cronos höchstselbst ist, der mit VENOM die Bühne zum Erbeben bringt und den Titel des heurigen Balinger Pyrokönigs einsackt (nach Horst Franz natürlich). Was am Auftreten von Conrad Anthony Lant und seinen Mannen so erfrischend ist, das ist, dass sie es zum einen nicht nötig haben, die Gegnerschaft zu den ex-Kollegen von VENOM INC. zu thematisieren, und dass sie im Gegensatz zu den Letzteren eine Setlist zusammenbauen, die eben nicht nur aus den Hits der Jahre 1980 bis 1982 besteht. Nein, das krasse Gegenteil ist der Fall, denn das Trio tischt uns in bester IRON MAIDEN-Manier sage und schreibe sechs Songs vom aktuellen Album auf, die allesamt weitaus besser vom Publikum angenommen werden, als man das bei einer Band wie VENOM erwarten würde, die böse Zungen seit 30 Jahren für kreativ tot erklären. Doch damit nicht genug, denn auch wenn mit 'Bloodlust' und 'Buried Alive' die eine oder andere alte Perle eingesteut wird, kommen mit 'Pandemonium', 'Fallen Angels' und 'The Evil One' auch noch weitere neuzeitliche Stücke zu Liveehren, bevor sich die Engländer zum Ende hin ihren Klassikern in geballter Dichte widmen. 'Welcome To Hell', die ungarische Blutgräfin, eine wie immer unfassbar brachiale Version von 'Warhead' und im Zugabenblock obligatorischer Weise 'Black Metal' und natürlich der Standardnausschmeißer 'Witching Hour' machen den Sack zu. Klar, ein paar Stimmen hört man schon, die sagen, dass gerade beim Festival noch mehr Klassiker gespielt werden sollte, von denen ja noch genügend im Köcher geblieben sind, doch ganz ehrlich, ich finde den Ansatz gut, den Cronos & Co. haben, und um es nochmal zu sagen: Das neuere Material kommt weit besser an, als man das erwarten würde, und auch Gitarrist Rage und vor allem natürlich Show-Drummer Dante haben sich mittlerweile echt super in die Band integriert. Bei Nacht wäre es noch toller gewesen, doch man kann nicht alles haben.
Setliste: From The Very Depths, The Death Of Rock'n'Roll, Bloodlust, Smoke, Buried Alive, Pandemonium, The Evil One, Fallen Angels, Long Haired Punks, Grinding Teeth, Welcome To Hell, Countess Bathory, Warhead, Rise, Black Metal, Witching Hour

[Rüdiger Stehle]

 

Wo der protoschwarze NWoBHM-Krawall von VENOM beim Bang Your Head ja durchaus noch zum Standardspektrum der weitgehend gesetzteren Zielgruppe gehört, da ist SATYRICON schon deutlich am Rande desselben. Nach IMMORTAL ist es meiner Erinnerung nach erst die zweite Truppe der großen Norwegerwelle, die Horst & Co. nach Balingen geholt haben, und jo, man sieht auf dem Messegelände schon einige verstörte Blicke gen Bühne streifen, und dabei sind Satyr, Frost & Co. ja nun nicht einmal die ganz derbe Schwarzwurzelbehandlung. Dennoch, im sommerlichen Balingen wirken der Hieronymus-Bosch-Backdrop, der diabolische Mikroständer, die Tünche der Bandmitglieder, Satyrs manische Bühnenperformance zwischen arrogant und antreibend doch erst einmal wie eine sehr, sehr fremde Welt. Umso höher ist es den Norwegern anzurechnen, dass sie nach und nach doch das Publikum auf ihre Seite ziehen. Dabei hilft ein ganz besonders guter, schneidender und transparenter Sound, der bei Black-Metal-Gigs ja alles andere als üblich ist, aber eben auch das Stageacting von Meister Wongraven, das die Leute mehr und mehr in seinen Bann zieht. Der gute Mann, der ja auch gerne mal im Ruf der Unterkühltheit steht, ist kaum vom Steg wegzukriegen, hat ein irrwitziges Glühen in den Augen und packt die Zuschauer bei der Ehre, fordert sie immer wieder zum Mitmachen auf, mal anerkennend, mal ein bisschen demonstrativ arrogant, dabei aber nicht unangenehm. Mir scheint es so, als sei er nach gesundheitlichen Problemen sehr heiß auf den Gig, glänzend bei Stimme und nähme die Herausforderung sehr gerne an, vor ein Publikum zu treten, das nun per se nicht zu seiner Stammkundschaft gehört. In Balingen gelingt das heute ganz hervorragend, und gerade die neueren Stücke vom letzten Album, die groovenderen Sachen von "Now, Diabolical!" und natürlich die alte Hymne 'Mother North' werden gebührend gefeiert, und natürlich sorgen auch Frosts beeindruckende Trommelkünste für offene Münder. Auch wenn die Massen sich nicht ganz so zahlreich gesammelt, wie sie es bei ACCEPT oder TWISTED SISTER getan hätten, dürfte SATYRICON doch bei etlichen neuen Fans einen Fuß in die Tür gebracht haben, und so ist der Gig ein voller Erfolg.

Setliste: The Rite Of Our Cross; Our World, It Rumbles Tonight; Now, Diabolical; Black Crow On A Tombstone; Nekrohaven; With Ravenous Hunger; Repined Bastard Nation; Die By My Hand; The Pentagram Burns; To The Mountains; Fuel For Hatred; Mother North; K.I.N.G.

[Rüdiger Stehle]

 

Wann war es, dass ich sagte, SAXON sollte einfach auf jedem Festival gesetzt sein? Tja, als ich das Billing des Donnerstags gesehen habe, dachte ich, toll, aber hat die nicht jeder zweimal während der letzten drei Jahre gesehen? Ich hatte die Befürchtung, dass eventuell zu wenige Interesse an einer weiteren Show der Briten, zumal es natürlich wieder ein Auftritt voller Klassiker werden würde, haben könnten. Aber schon im Laufe des Tages zeigte mir die Bandmodenschau im Publikum, dass die Jungs heiß erwartet werden würden, denn es tummelten sich zahlreiche und allerhand verschiedene SAXON-T-Shirts in der Menge. Da würde nichts anbrennen. Als dann der Adler mit einer Viertelstunde Verspätung beginnt, sind sowieso alle Befürchtungen weggeblasen. 'Battering Ram' ist der erste Schlag, und natürlich kommt danach 'Sacrifice'... Moment mal, das ist doch ein anderer Song. Ich war schon so selbstgefällig, dass ich erst nach ein paar Tönen bemerke, dass sich ein unverhoffter Song aus der jüngeren Phase der Inselsachsen reingeschmuggelt hat. 'Let Me Feel Your Power' ist von "The Inner Sanctum". Cool, sollte SAXON diesmal ein anderes Set spielen, eher angelehnt an die letzte Tournee? Na, das würde mir zwar gefallen, aber als Festival-Headliner können die Buben das natürlich nicht machen. Und so folgt dann doch 'Sacrifice' und danach die Klassiker-Parade, von nun an ertönt kein Song, der später als 1990 veröffentlicht worden ist. Selbstverständlich ist die Stimmung unter den Anwesenden klasse. Jeder weiß, was ihn erwartet, und überall erklingen vielstimmige Chöre, während die Metalinstitution auf der Bühne alles gibt. Apropos Metal, tatsächlich ist SAXON in den letzten Jahren erstaunlich schwermetallisch geworden. Auch die Klassiker sind mittlerweile durchgehend echte Brecher, die frühen Rock 'n' Roll-Einflüsse sind komplett ausradiert, die Band hat anno 2017 mehr Power als jemals zuvor. Klar, Biff brüllt auch mehr als früher, was bei einem Lied wie 'Dallas 1 PM' einiges von der Magie nimmt, aber das hier ist auch kein Gig zum Zusehen und Genießen, hier heißt es bangen und singen. Etwas mehr als 100 Minuten genügen nicht, noch irgendwelche Überraschungen in den Set einzubauen, aber die Auswahl ist auch ziemlich perfekt. Show macht die Band auch. Da ist zuerst Bassist Nibbs Carter, der wohl einen Frosch gefrühstückt hat, jedenfalls hüpft und läuft er rastlos über die Bühne. Außerdem gibt es natürlich den großen SAXON-Adler, der für gut ausgeleuchtete Fans der ersten Reihen sorgt. Und dann ist da noch Sänger Biff Byford, der die Kutten einiger Fans nutzt, um erst sich und dann weitere Bandmitglieder auszustaffieren. Ja, SAXON ist Metal und fühlt sich dabei sehr wohl. Authentisch, eingespielt, mit gutem Sound und absolut sympathisch, ich würde behaupten, die Band war nie besser als in den 2010er Jahren. Als die Zugaben erklingen, darunter die Hymnen 'Wheels Of Steel' und 'Denim And Leather', sind alle Anwesenden ziemlich happy. Ich auch. Ich finde, SAXON sollte eigentlich auf jedem Festival spielen.
Setliste
: Battering Ram, Let Me Feel Your Power, Sacrifice, Motorcycle Man, Power and the Glory, Solid Ball of Rock, And The Bands Played On, 20.000 Ft, Dallas 1 PM, The Eagle Has Landed, 747 (Strangers in the Night), Strong Arm of the Law, Heavy Metal Thunder, Princess of the Night, Zugabe: Wheels of Steel, Crusader, Denim and Leather

[Frank Jaeger]


Donnerstag, 13. Juli - Halle


Und schon geht das Gerenne los. Kaum haben SLAUGHTER die Hauptbühne verlassen, heißt es, Beine in die Hand nehmen, Ellenbogen ausfahren und ab in die Halle zu ECLIPSE. Doch der Weg dorthin ist steinig und schwer, denn der Andrang ist enorm und die Schleuse sehr schmal. Doch es reicht gerade noch, um sich in der Messehalle ein erfrischendes Bier zu holen und ein geeignetes Plätzchen einzunehmen. Schon starten die Schweden als erste Band in der Indoor-Variante des Festivals ihr Set mit dem Eröffnungsdoppel 'Vertigo' und 'Never Look Back' vom aktuellen Monsteralbum "Monumentum". Der Sound ist hervorragend und glasklar, die Band rockt wie die Hölle. Von der ersten Sekunde an frißt das Publikum dem Quartett förmlich aus der Hand – zu Recht! Sänger und Gelegenheitsgitarrist Erik Martensson und seine Mannen präsentieren einen coolen Querschnitt ihrer drei bisher erschienenen Alben, der zu keiner Sekunde langweilig wird und mit 'Downfall Of Eden', 'Black Rain', 'Hurt' und der Akustikversion von 'Battlegrounds' zahlreiche Höhepunkte beinhaltet. Gerade die Singalong-Passagen haben es dem zahlreich anwesenden Publikum angetan. Nicht nur in den Songs wird lauthals mitgesungen, sondern auch minutenlang nach Beendigung des eigentlichen Stücks. Gänsehautalarm. Respekt. Der Sound der Schweden, der irgendwo zwischen GOTTHARD und PRETTY MAIDS angesiedelt werden darf, sitzt perfekt - manch einem Augen- und Ohrenzeugen sogar auffallend zu perfekt. Der musikalische Vortrag ist jedoch absolut stimmig und hätte für mich gerne noch ein bisschen länger dauern dürfen. Ich lege mich mal zu diesem sehr frühen Zeitpunkt des Musikmarathons fest: ECLIPSE sind die Gewinner des Festival. Punkt. Satz. Und Sieg. @Horst: Diese Band gehört definitiv und unbedingt so schnell wie möglich ins Nachmittagsprogramm auf die Hauptbühne. Bitte übernehmen Sie!
Setliste: Vertigo, Never Look Back, The Storm, Wake Me Up, Jaded, Hurt, Battlegrounds (acoustic), Downfall Of Eden, Black Rain, Blood Enemies, Stand On Your Feet, I Don't Wanna Say I'm Sorry

[Chris Staubach]

 

Während die Open-Air-Bühne für SATYRICON vorbereitet wird, legen in der Halle die Herren von DEMON den Grundstein für einen in Summe gelungenen und mit Applaus bedachten Auftritt. Zwar bleibt es im Auditorium doch verhältnismäßig ruhig, das jedoch dürfte eher der Setlist geschuldet sein. Denn an sich legen Dave Hill und seine Mannen mit 'Sign Of A Madman' durchaus gehörig los, doch schon mit dem danach dargebotenen 'Wonderland' folgt - zumindest was das Tempo betrifft - der Schwenk in eher getragenere Gefilde. Eben jene sollten in weiterer Folge auch vorherrschend bleiben, etwa als die bestens disponierte Formation unter dem ebenso wirkungsvoll eingesetzten Licht mit 'The Plague' und dem ebenfalls von jenem Album stammenden 'Nowhere To Run' (hör' bei der Nummer eigentlich nur ich ganz viel frühe UFO?) fortsetzt. Der zum Plaudern aufgelegte Frontmann, der im Verlauf des Auftritts über die Band-Vergangenheit ebenso sinniert wie über die Entwicklung des Tonträgermarktes, weiß aber nicht nur mit Charme und Witz zu gefallen, sondern ebenso mit einer einwandfreien Gesangsdarbietung. Eine solche zeigt er auch bei den Songs neuer Datums, wie etwa dem vom 2005er-Output "Better The Devil You Know!" stammenden 'Standing On The Edge' sowie dem Titeltrack des aktuellen Drehers "Cemetery Junction". Dennoch scheint zu diesem Zeitpunkt bei einem Großteil des Publikums ein klein wenig die Luft raus zu sein, sind doch die Applauskundgebungen darauf deutlich zurückhaltender als zu Beginn der Show. Durchaus möglich, dass DEMON darauf vorbereit ist, denn es folgt nicht nur eine gehörigere Tempo-Steigerung, sondern mit der Band-Hymne 'Night Of The Demon' sowie 'Life On The Wire' ausreichend stimmiges Material, sodass sofort wieder für lautstarken Jubel gesorgt ist. Der sollte die Band schließlich auch auf der Zielgeraden begleiten, auf die sich DEMON mit 'Into The Nightmare' begibt, bevor ein lauthals mitgegröhltes 'Don’t Break The Circle' und das offenbar kurzerhand zum Schlusspunkt auserkorene 'One Helluva Night' schließlich für ausnahmslos zufriedene Gesichter in der Halle sorgen.

[Walter Scheurer]

 

Bekanntermaßen ist nach dem Headliner auf der Open-Air-Bühne beim "BYH!!!" noch lange nicht Schluss, weshalb sich auch nahezu zeitgleich mit dem Verklingen der letzten Töne von SAXON eine gehörige Zahl Fans in Richtung Messehalle begibt um den Tag standesgemäß mit deftigen Klängen ausklingen zu lassen. Da mit DENNER / SHERMANN obendrein eine Formation auf dem Programm steht, die sehnsüchtig erwartet wird, verwundert es kaum, dass sich die Halle nach und nach nahezu komplett füllt. Die beiden Namensgeber stehen zwar an sich im Mittelpunkt des Interesses, auf der Bühne jedoch überlassen sie das Rampenlicht die meiste Zeit über ihrem Sänger Sean Peck. Dem US-Amerikaner sagt man bekanntlich seit jeher eine stimmliche Ähnlichkeit zu Rob Halford nach - durchaus zu Recht, wenn man sich so manche "Höhenlagen" seines bisherigen Schaffens in Erinnerung ruft. Dass er diesen Eindruck auch optisch vermittelt, dürfte ihm bewusst sein; Kahlkopf, dunkle Sonnenbrille, Ledermantel sowie ab und an auch die Gesten – weitere Fragen nach "Inspiration" sollten sich erübrigen. Dennoch schafft es der aus San Diego stammende Sänger eine eigene Duftmarke zu versprühen, und zudem sei ihm attestiert, dass er in den letzten Jahren zu einem echten Frontmann gereift ist, der sich bewusst ist, dass selbst die prägnanteste Stimme alleine noch kein gelungenes Konzert ergibt. Im Vergleich zu seiner Stammformation CAGE hat er hier jedoch insofern die ideale Besetzung neben ihm, da die beiden MERCYFUL FATE-Recken seit Dekaden wissen, wie eine Metal-Show funktioniert. Immer wieder unterstützen sie Sean an vorderster Front und lassen die Zuseher an ihrer spielerischen Kompetenz teilhaben. Als besonderer Hingucker entpuppt sich das von Hank gespielte Stratocaster-Modell von Fender, das auf den ersten Eindruck daran denken lässt, er hätte ein Linkshänder-Modell am Start. Ebenso etwas für das Auge gibt auch Marc Grabowski her. Der wuschelköpfige Bassist tobt und stampft permanent wild über die Bühne und sorgt zusammen mit dem anstelle von Snowy Shaw ins Line-Up geholten früheren FATE-Drummer Jens Berglid für einen grundsoliden Groove. Der kommt die gesamte Spielzeit über soundtechnisch gut ausgewogen aus den Boxen, was man auch in Bezug auf die beiden Gitarren behaupten kann. Die machen selbstverständlich permanent Druck, lassen aber auch in den feinstrukturierten Passagen noch diverse Details vernehmen. Womit wir beim einzigen Problem der Show angekommen wären: dem Gesang! An der Performance von Sean an sich liegt es nicht, sehr wohl jedoch am Sound, der sich immer dann, wenn Sean sich in die von ihm anvisierten "Höhenregionen" begibt, nahezu überschlägt und dadurch eher an einen ausgereiften Tinnitus denken lassen als an einen ausdrucksstarken Metal-Vokal-Akrobaten. Schade, denn dadurch kommt seine "Sirene" leider nicht entsprechend zur Geltung und den Songs, die durch die Bank darauf angelegt sind, mangelt es an einem entscheidenden Detail. Dadurch fehlt sowohl den von der Debüt-EP "Satan’s Tomb" stammenden Nummern (dargeboten wurden unter anderem der Titelsong und 'War Witch') als auch den vom ersten Longplayer "Masters of Evil" stammenden Tracks wie 'Pentagram And The Cross', 'The Wolf Feeds At Night' oder 'Escape From Hell' leider die auf Tonträger exzellent umgesetzte Vokal-Akrobatik des Kaliforniers. Noch betrüblicher macht die Sache, dass dadurch auch geschickt ins Programm integrierte MERCYFUL FATE-Tracks wie 'Curse Of The Pharao' oder 'Evil' nicht auf jene Weise zur Geltung kommen, wie es wohl von der Band (die auch dabei einen überaus ambitionierten und zudem einen sehr authentischen Eindruck hinterlässt) angedacht ist. Schlecht ist der Auftritt in Summe keineswegs, unter anderen Voraussetzungen wär' aber ein absoluter Hammer-Gig drinnen gewesen!

[Walter Scheurer]

 

Wer nach dem ersten Festival-Tag noch immer nicht genug hat und sich zum Tagesausklang noch einmal gehörig die Rübe abschrauben will, ist bei der brasilianischen Legende SEPULTURA einmal mehr bestens aufgehoben. Die vier Herren fackeln auch gar nicht lange, sondern legen mit dem Hardcore-lastigen 'I Am the Enemy' vom aktuellen Dreher "Messiah Machine" ohne Rücksicht auf Verluste los. Zwar ist der Sound im vorderen Bereich zu diesem Zeitpunkt noch eher suboptimal, doch schon nach dem anschließenden 'Phantom Self' scheint der Sound-Mann vor allem im Hinblick auf den Gesang von Frontmann Derrick Green die richtigen Knöpfchen gefunden zu haben. Ab 'Kairos', bei dem der Hüne zum ersten Mal an der im zentralen Bereich der Bühne positionierten zusätzlichen Trommel seinen einmal mehr unfassbar präzise groovenden Kollegen Eloy Casagrande unterstützt, wirkt der Klang ausgewogener. Keine Rede jedoch kann von leiser sein, wie der Nachhall in den Lauscherchen noch Stunden später zeigen sollte, der sowohl aktuellem Stoff wie etwa 'Resistant Parasites', logischerweise aber auch bekanntem SEPULTURA-Material wie 'Inner Self' geschuldet ist. Doch daran hat man sich als Besucher von Shows dieser Band ebenso gewöhnt, wie man auch weiß, dass bei den Brasilianern immer akuter "Mosh-Pit-Alarm" herrscht. So auch bei diesem Gig, wobei die geschätzte Hundertschaft an bewegungswütigen Zeitgenosse überhaupt nicht zur Ruhe kommen will und kann. Wie auch? Bei der dargebotenen Fülle an dafür prädestinierten Hämmern wie 'Biotech Is Godzilla', 'Territory', 'Refuse / Resist' und dem zwar vorhersehbaren, aber einfach unvermeidlichen Finale 'Roots Bloody Roots'? In dieser Form und Verfassung ist SEPULTURA nach wie vor eine sichere Bank, wenn es um mitreißende Live-Shows geht und davon kann man sich zum Ausklang des ersten Festival-Tages einmal mehr ein beeindruckendes Bild machen. Und jetzt alle: Un, Dos, Tres, SEPULTURA!!!!

[Walter Scheurer]


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Redakteur:
Frank Jaeger

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