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BLIND GUARDIAN - Düsseldorf

30.04.2015 | 10:53

25.04.2015, Mitsubishi Electric Halle

Heimsieg!!!

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. So blickt er doch recht zufrieden in den heutigen Abend mit der Gewissheit, dass sich über all die Jahre nichts verändert hat. Man ist mit der gleichen Mannschaft an Bord, es findet mal wieder in der Mitsubishi Electric Halle, ehemals Phillipshalle, in Düsseldorf Oberbilk statt, man nimmt die üblichen Plätze ein und ölt die Kehlen für eine Band, mit der man eh die halbe Jugend verbracht hat. Nostalgie, dein Name ist BLIND GUARDIAN.

Und so beehren die Barden aus Krefeld ihre Anhängerschaft einmal mehr in dieser geschichtsträchtigen Halle. Ob nun 2002 mit FREEDOM CALL, 2006 mit ASTRAL DOORS oder 2010 mit VAN CANTO, der Begriff "Siegeszug" war immer stark untertrieben, wenn BLIND GUARDIAN auf die Rheinstadt traf. An diesem Samstag Abend sind Hansi und Co. mit ihrem neuem, sehr komplexem Album "Beyond The Red Mirror" und ihren Buddies von ORPHANED LAND unterwegs, was das Publikum jedoch nicht daran hinderte, die Mitsubishi Electric Halle in ein Tollhaus zu verwandeln. Aber der Reihe nach.

Zunächst sorgen also Kobi Farhi und seine Mannschaft dafür, dass sich Düsseldorf im Orient wiederfindet. Und wer die Band kennt, schließlich musizieren die Jungs bereits seit den frühen 1990er Jahren, weiß, worauf er sich freuen darf. Doch trotz der Mühen und einigen Mitklatsch-Spielchen will ORPHANED LAND nicht zu 100% in der Menge punkten. So sorgen 'The Simple Man', 'Barakah', 'The Kiss Of Babylon (The Sins)' und ein etwas druckloser Sound eher für verhaltenen Applaus und einigen Fragezeichen als für frenetische Exstase. Vielleicht wäre Power Metal, wie es in der Vergangenheit üblich war, etwas besser angekommen als der Nahost Metal der Israelis. Doch sei's drum, mit seinen völkerfreundlichen Ansagen und der Bestätigung, dass es sich bei ihm doch nicht um Jesus handelt, heimst Farhi ein paar Sympathiepunkte ein, die sich dank dem "All Is One"-Highlight 'Brother' und 'In Thy Never Ending Way' verfestigen. Nach rund 50 Minuten schreitet ORPHANED LAND schließlich mit Applaus, aber auch einiger Skepsis von der Bühne und macht den Weg frei für die blinden Gardinen.

Nun soll sich jedoch eine Band von ihrer allerbesten Seite zeigen, die mit neuer Komplexität zwar auf Kritik stieß, ihren immensen Status in der Szene heute hingegen felsenfest untermauert. Obwohl sich also auch einige "Beyond The Red Mirror"-Stücke mit passender Bühnendeko in der Setliste versammeln, reihen sich in den kommenden zwei Stunden Hymnen an Hymnen, Kracher an Kracher und Highlights an Highlights. Die Spannung ist zum Greifen nahe, die Vorfreude groß, Ladies and Gentlemen: BLIND GUARDIAN in der Phillipsha...eh...Mitsubishi Electric Halle.

So eröffnet 'The Ninth Wave' nicht nur den neusten Happen sondern auch den heutigen Abend, der eine ungemein spielfreudige und bestens aufgelegte Band zeigt. Sie weiß also auch mystisch und mit progressivem Touch durchaus zu gefallen. Doch das folgende 'Banish From Sanctuary' macht klar, warum BLIND GUARDIAN eine derart große Fanbase hat: Speed Metal par excellence und ein Refrain zum Niederknien, die Fäuste werden gereckt, die Matten geschüttelt, "No, no turning back, I'm banished from sanctuary" lautstark mitgegrölt. Eine absolute Wonne, auch wenn das neue, doch sehr komplexe Album folgend natürlich nicht außer acht gelassen werden darf. Doch 'Prophecies' und im weiteren Verlauf 'Miracle Machine' und 'Twilight Of The Gods' lockern im Hit-Arsenal der Rheinländer das Unterfangen "Heimsieg" merklich auf. Hansis Ansagen sind derweil nicht frei von nostalgischen Gedanken und Lobeshymnen an das Publikum, das proppevoll versammelt BLIND GUARDIAN aus der Hand frisst. Die Jungs haben einen absoluten Sahnetag erwischt, grinsen sich reihenweise die Hucke voll und der druckvolle Sound erledigt schließlich den Rest.

Und auch die restliche Setliste hätten Hansi "nach oben ohne Proben" Kürsch und Konsorten nicht besser entwerfen können, da sie jegliche Phasen der Band abdeckt und dadurch eher stiefmütterlich behandelte Alben wie "A Twist In The Myth" ('Fly') und "At The Edge Of Time" ('Tanelorn (Into The Void)') ihren Weg nach Düsseldorf finden. So darf das Publikum zudem mit 'Nightfall' in die Welt Tolkiens eintauchen, sich mit 'Lost In The Twilight Hall' in der dunklen Halle zurecht finden und in Jubel ausbrechen, als Marcus und André zur Akustikklampfe greifen. Doch für 'The Bard's Song' ist es noch zu früh, sodass zunächst 'Miracle Machine' und das wunderbare 'Lord Of The Rings' in stromlosem Gewand der Halle eine wunderschöne Lagerfeuer-Atmosphäre verpassen. Danach wird es wiederum bombastisch, 'And Then There Was Silence' mit "La La La"-Zwischenspiel wird mit Wohlwollen aufgenommen, ehe 'And The Story Ends' samt melancholischem Unterton das reguläre Set der Krefelder beendet. Im Publikum werden derweil die Rufe nach den bandeigenen Evergreens immer lauter und keine Sorge, liebe Leser, BLIND GUARDIAN hat noch einige Asse im Ärmel.

Nach dem 'War Of Wrath'-Jubel beim Publikum leitet 'Into The Storm' einen mehr als denkwürdigen Zugabenteil ein, der mit dem sehnlichst geforderten Klassiker 'Valhalla' seinen vorläufigen Höhepunkt findet. Das überraschende 'Wheel Of Time' und das obligatorische Lied des Barden setzen diesem schließlich die Krone auf. Zwei Songs werden letztendlich von der Halle abwechselnd gefordert, von denen 'Mirror Mirror' scheinbar den Vorzug erhält. Es wird nochmal gesungen, gebangt und gefeiert, Hansi betont zu guter letzt, wie unglaublich der Abend und vor allem das Publikum war. Eigentlich soll nun endgültig Feierabend sein, doch bei derart lauten 'Majesty'-Rufen bleibt dem Sextett nichts anderes übrig, als den Bitten nachzugeben. Drummer Frederik wird noch einmal hinter seine Schießbude geschickt, Michael Schüren eröffnet den Zirkus und die Mitsubishi Electric Halle kennt kein Halten mehr.

Danach ist aber endgültig Schluss und nach zwei Stunden Kraftmetall der Extraklasse wird BLIND GUARDIAN mit tosendem Applaus in den Feierabend verabschiedet. Man blickt sich in die Augen, lächelt sich an und ist sich im Klaren darüber, dass dieser Abend sicherlich zu den Sternstunden der "Krefeld meets Düsseldorf"-Kooperation gezählt werden darf. Die Jungs haben sich den Arsch abgespielt und ihren Ruf abermals untermauert. Diejenigen, die nicht vor Ort sein können, werden sich zurecht in den Allerwertesten beißen, dürfen sich jedoch auch freuen, da der Düsseldorf-Gig, wie alle anderen Auftritte dieser Tour auch, zwecks Live-Veröffentlichung mitgeschnitten wurde. Ja, is' denn heut' scho' Weihnachten?

 

Setliste: The Ninth Wave, Banish From Sanctuary, Nightfall, Fly, Tanelorn (Into The Void), Prophecies, Lost In The Twilight Hall, Miracle Machine, Lord Of The Rings, And Then There Was Silence, And The Story Ends, Into The Storm, Twilight Of The Gods, Valhalla, Wheel Of Time, The Bard's Song – Into The Forest, Mirror Mirror, Majesty

Redakteur:
Marcel Rapp
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