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Bang Your Head 2018 - Balingen

05.08.2018 | 18:16

12.07.2018, Messegelände

BANG YOUR HEAD 2018: 20jähriges Open Air Jubiläum!

Es ist Mitte Juli und wie jedes Jahr ist es Zeit, nach Balingen zu fahren. Doch diesmal ist etwas anders, denn schon im Vorfeld gab es Gerüchte, dass es Veränderungen geben würde. Es wurde spekuliert, dass das Festival eventuell umziehen könnte, es wurden auch Mutmaßungen angestellt, dass eventuell finanzielle Gründe hinter dem Plakataufdruck "End Of An Era" stehen könnten.

Tatsächlich gibt es wohl eine Kombination aus Gründen, die das BANG YOUR HEAD-Schiff in unruhige Gewässer segeln lässt. Dazu gehören die stark gestiegenen Kosten für Bandgagen, aber auch das allgemeine Fehlen einer Netiquette, bei der es häufig einfacher ist, zu sagen, man müsse darüber stehen, als es dann tatsächlich auch zu tun. Das ging so weit, dass Veranstalter Horst Franz gesundheitlich angegriffen ist. Ein genaueres Eingehen auf die Gründe hebe ich mir für einen anderen Text auf. Ich möchte allerdings ein paar kurze, persönliche Statements liefern, da eine solche Situation in unserem Bericht natürlich nicht komplett ignoriert werden kann. Ich meine, dass es ein Umdenken geben muss bezüglich des Status' so mancher Band, und dass wir vielleicht doch mal weg müssen von der "länger-größer-mehr"-Mentalität, die sich in die Festivalszene eingeschlichen hat. Aber damit erst einmal genug zu dem Thema. Nur noch soviel: Die ganze powermetal.de-Crew wünscht Horst Franz alles Gute. Halt den Kopf oben, Horst, du hast etwas Großartiges aufgebaut und zehntausenden Menschen fast zweieinhalb Jahrzehnte große Freude bereitet. Das BANG YOUR HEAD ist ein fester Bestandteil des Festivalkalenders und unsere Szene wäre ärmer ohne die jährliche Fahrt nach Balingen.

Auf dem diesjährigen BANG YOUR HEAD waren Frank Hameister, Mahoni Ledl, Walter Scheurer, Tommy Schmelz, Rüdiger Stehle und Frank Jaeger vor Ort und haben gerockt, geschwitzt und sich über lahme Füße beschwert (das mache ich übrigens heute während ich dies schreibe, am Tag nach dem Festival, immer noch!).

[Frank Jaeger]

 

Sehr viele hatten sich im Vorfeld auf den Auftritt von KICKIN VALENTINA gefreut. Doch leider hat sich die Band und ihr Sänger quasi auf dem Flughafen verkracht, weshalb die Truppe erst gar nicht die Reise über den großen Teich antrat, nicht nur zum Ärger der Fans, sondern auch des dem BANG YOUR HEAD-Teams, da man jetzt ja sehen musste, noch sehr kurzfristig Ersatz zu finden. Dieses gelingt dann Dank der Mithilfe der Souls Of Rock Foundation doch noch. Und so ist es an den Schweizern BLACK DIAMONDS das Festival zur Mittagszeit zu eröffnen.

Mit der Eröffnungsnummer 'We Want To Party' wird sofort das Motto für die nächsten 45 Minuten festgelegt. Der Name BLACK DIAMONDS steht für Partymucke. Und so finden sich immer mehr Leute vor der Bühne ein, um zusammen mit den Schweizern eine geile Rockparty zu feiern. Der Hard Rock der Schweizer geht ins Ohr und in die Beine. Und nach den ersten zwei bis drei Stücken vermisst niemand mehr KICKIN VALENTINA, das eidgenössische Quartett ist mehr als nur ein Ersatz. Das BANG YOUR HEAD hat schon viele geile Festivalopener gesehen und BLACK DIAMONDS gehört hier mit zu den Besten. Das abschließende 'Rock 'n' Roll Music', eine megageile Coverversion des Beatles-Klassikers, ist dann noch so etwas wie das Sahnehäubchen auf auf einen gelungen Auftritt.

Setliste: We Want To Party; Romeo & Juliet; Judgment Day; I'll Be Ok; Love, Lies, Loneliness; Pieces Of A Broken Dream; Thrillride; Vampires Of The Night; Hands Of Destiny; Rock 'n' Roll Music

[Tommy Schmelz]

 

Nachdem BLACK DIAMOND optisch eher was für das weibliche Publikum war, gibt es jetzt als nächstes etwas für die männliche Fraktion. BURNING WITCHES, ebenfalls aus der Schweiz, steht auf dem Programm. Und die Allgirl-Truppe zieht eine beachtliche Menge, vor allem männlicher Besucher, vor die Bühne, was man nicht verdenken kann. Es wäre allerdings fatal, die fünf Mädels nur auf optische Reize zu reduzieren, denn auch musikalisch hat man einiges zu bieten. Mit ihrem selbsbetitelten Debüt zählen sie zum heißesten Export aus der Alpenrepublik. Und dies beweisen sie auch eindrucksvoll auf der Bühne des BANG YOUR HEAD-Festivals. Stücke wie 'Metal Demons' und 'Creatures Of The Night' sind einfach nur ein wunderbares Futter für jeden Headbanger. Der klassische Metal von BURNING WITCHES kommt live fast noch besser rüber als auf Konserve und wird dementsprechend abgefeiert. Gelungen ist auch das Cover von 'Holy Diver,' das wohl öfters im Programm ist. Allerdings hätte ich mir persönlich hier eventuell doch noch eine der fehlenden eigenen Nummern gewünscht, wie das geniale 'The Dark Companion', aber man kann nicht alles haben. Ich bin mir sicher, dass wir von dieser Mädchentruppe noch sehr viel hören und auch sehen werden.

Setliste: Metal Demons; We Eat Your Children; Creator Of Hell; Creatures Of The Night;Bloody Rose; Save Me; Black Widow; Holy Diver (Dio cover); Burning Witches

[Tommy Schmelz]

 

"Diese Band gehört definitiv und unbedingt so schnell wie möglich ins Nachmittagsprogramm auf die Hauptbühne". Mit dieser Bitte endete der letztjährige Konzertbericht meines Kollegen Chris Staubach, nachdem ECLIPSE bereits 2017 die Halle in Balingen zum überkochen brachten. Veranstalter Horst E. Franz und sein Team waren dabei wohl gleicher Meinung und kommen der gut gemeinten Aufforderung unseres powermetal.de Mitarbeiters Chris postwendend nach.

Bereits nur ein Jahr später stehen die vier Schweden also tatsächlich um kurz vor halb zwei bei schönstem Sonnenschein auf der Hauptbühne im Messegelände, um das bereits zahlreich anwesende Publikum mit ihrem qualitativ hochklassigen Hard Rock made in Schweden abermals restlos zu begeistern. Vom ersten Ton an bilden Publikum und Band eine in sich geschlossene Einheit, die einfach tierisch Bock aufs gemeinsame Rocken verspürt. Mastermind Erik Mårtensson und seine drei Mitstreiter sind über die Chance, auf der Hauptbühne auftreten zu dürfen, augenscheinlich sehr dankbar, denn trotz tropischer Temperaturen und komplett in schwarz gekleidet sind sie von Beginn an in Dauerbewegung, beackern dabei jeden Millimeter der großen Stage und strotzen dabei nur so vor Spielfreude. Schlagzeuger Philip Crusner erinnert mit seinem originellen Spiel, den herumfliegenden Sticks und langen Haaren oftmals an einen jungen Tommy Lee (MÖTLEY CRÜE), als sich dieser noch in seiner Blütezeit befand. Der Sound ist kraftvoll und klar und trotz einiger In-Ear-Monitoring-Probleme, die der überragend singende Erik Mårtensson im Laufe des Auftritts immer wieder mal hat, bleibt er stets professionell und freundlich in seinem Auftreten. Die Songauswahl ähnelt zwar der letztjährigen etwas, weiß dabei aber auch ohne neues Album vollends zu überzeugen. Songs wie 'Jaded', 'Downfall In Eden' oder das überirdische 'Black Rain' sind für ECLIPSE mittlerweile unverzichtbare Songperlen, die aus keinem Set der Skandinavier mehr wegzudenken sind. Der Großteil des hier anwesenden Publikums und meine Wenigkeit sehen das wohl ähnlich und sind uns nach dem knapp einstündigen Auftritt einig, dass ECLIPSE mittlerweile Potenzial für künftig noch größere Aufgaben besitzt.

@Horst: Diese Band gehört definitiv und unbedingt so schnell wie möglich ins Abendprogramm nach Seebronn/Rottenburg.

Setliste: Never Look Back; Blood Enemies; The Storm; Wake Me Up; Stand On Your Feed; Jaded; Black Rain; Battlegrounds; The Downfall Of Eden; I Don't Wanna Say I'm Sorry

[Mahoni Ledl]

 

Zur Eröffnung des RECKLESS LOVE-Auftritts erschallt sehr geschmackssicher THIN LIZZYs 'The Boys Are Back In Town' lautstark über das Messegelände und wie aus dem Nichts nimmt der Damenanteil vor der Bühne schlagartig ziemlich bedrohliche Ausmaße an. Als kurz darauf die vier gutaussehenden und bestens gelaunten Finnen bei blauem, wolkenlosem Himmel die Bühne betreten, wird einem dann rasch der Grund für diesen unerwarteten Ansturm in Form ihres braungebrannten und überdurchschnittlich gut durchtrainierten Sängers offenbart. Olli Herman, ehemaliger CRASHDIET-Frontakrobat mit dem deutsch klingenden Namen, zieht von Showbeginn an sofort sämtliche Blicke auf sich und versetzt die Damenwelt für die nächsten knapp sechzig Minuten in helle Ekstase. In bester Vince Neil/ David Lee Roth Gedächtnismanier geleitet er dabei teils turnend oder hüpfend, aber immer äußerst unterhaltsam, durchs mittägliche Programm.

Mit ihrem klischeebelasteten Hard Rock, der wie eine Mischung aus DEF LEPPARD, MÖTLEY CRÜE oder POISON klingt, treffen sie nicht nur den Nerv der zahlreich anwesenden Girls, sondern können auch einen Großteil der männlichen Besucher, der anfänglich zum Teil noch mit verschränkten Armen dasteht, von ihren musikalischen Qualitäten überzeugen und zum Mitmachen bewegen. Selbst unser eigentlich eher den heftigeren Klängen zugeneigter stellvertretender Chefredakteur Rüdiger spricht nach dem kurzweiligen Auftritt von einer für ihn unerwartet positiven Überraschung, was durchaus etwas heißen soll. Heute Mittag scheint es auch völlig egal, welcher Hit ihrer bisherigen vier Alben ins Publikum gefeuert wird: Ob 'Monster', 'Beautiful Bomb', 'Turn Up The Radio' oder 'Night On Fire', es ist einfach ganz große Party angesagt.

Nachdem zwischenzeitlich viele erfolgreiche Poser-Bands von der Bildfläche verschwunden sind oder sich in Bedeutungslosigkeit verlieren, tut es wahnsinnig gut, jüngere Bands wie eben RECKLESS LOVE, ECLIPSE oder CRASHDIET mit einem ähnlichen musikalischen Background hier in Balingen so erfrischend aufspielen zu sehen. Jetzt geht's erstmal total verschwitzt und 'Night On Fire' pfeifend an den nächsten Cocktailstand, um auf diesen gelungenen Auftritt mit einem fruchtigen Jamaica Fever anzustoßen. Cheerz!

[Mahoni Ledl]

 

Es ist früher Nachmittag und Piratenzeit. Die international besetzten Mehrheits-Schotten ALESTORM schicken sich an, mir ihren plakativen Frohsinn um die Ohren zu hauen, gespickt mit Albernheiten und Unsinn. Wieder mit dieser merkwürdigen Bananen-Ente, die ich vor ein paar Jahren schon nicht allzu witzig fand. Diesmal ist aber noch eine überdimentionierte Quietscheente mit von der Partie, die neben dem Drumpodest thront und später auch von der Bühne ins Publikum befördert werden wird. Anonsten gibt es aber keine Neuerungen in der Crew, die Jungs sehen immer noch genauso wild-witzig aus wie früher, und die unsägliche Keytar ist auch wieder dabei. Vor der Bühne gibt es einen ordentlichen Kreis von Feierwütigen, weiter hinten wird das Spektakel aus platten Mitsingliedern und pseudowitzigen Ansagen wie "ein Lied über das beste Fußballteam der Welt, Mexiko" - vielleicht hätte ihnen jemand stecken sollten, dass Schottland sich nicht einmal qualifiziert hatte - gemischt aufgenommen. Ich denke, mein Problem ist einfach, dass ich nicht den nötigen Alkoholpegel habe, um bei ALESTORM in Feierlaune zu sein, aber ich werde später autofahren müssen, kann mir das Ganze also nicht erträglich trinken. Ich erinnere mich stattdessen spontan auf ein Plakat auf der Anreise, wo "Hansi und Hansi" im "Apfelbaum" zu einer fröhlichen Mitsing-Volksmusikfeier eingeladen haben. Ja, ALESTORM kommt mir wie das metallische Äquivalent dazu vor.

[Frank Jaeger]

 

Nach dem "Ente(n)rtainment" der Schotten ist es wieder an der Zeit, ernsthafter zur Sache zu gehen. Mit EXODUS steht nicht nur eine Ikone des Bay Area-Thrash Metals auf der Bühne, sondern auch eine Formation, die längst zum Inventar des Festivals zählt. Zwar ist Gary Holt auch dieses Mal nicht mit von der Part(y)ie, doch sein Ersatzmann Kragen Lum hat sich längst ins Bandgefüge integriert und weiß zusammen mit seinem Kollegen Lee Altus für das bandtypische sägende Riffing zu sorgen.

Nach dem Intro 'Call To Arms' vom Band legt der Fünfer gleich beherzt los, der Sound ist zu Beginn des Sets jedoch alles andere als optimal. An vorderster Front wirkt die Chose zwar ungemein druckvoll, die Gitarren klingen jedoch leider sehr "breiig". Der Mann am Mischpult bekommt das aber relativ rasch in den Griff und schon nach dem eröffnenden Doppelschlag 'Funeral Hymn' und 'Blood In, Blood Out' sowie der ersten Ansage von Sänger Zetro hat der Techniker dieses Problem gelöst.

Da die Spielzeit für das Quintett mit 60 Minuten relativ begrenzt ist, hat sich die Formation auf ein "Best Of"-Programm geeinigt und weiß dieses auch mit der für die Band bekannten Spielfreude und Motivation auf die Bretter zu bringen. Allen voran beweist Zetro blendende Kondition, ist er doch mit seinem Mikro ständig in Bewegung und tobt mitunter wie ein Derwisch über die Bretter. Die Freude der Herrschaften, erneut hier auftreten zu dürfen, ist spürbar und wird vom Frontmann auch in seinen Ansagen untermauer. Unter anderem weist er mit Stolz darauf hin, dass EXODUS auch vor 20 Jahren schon beim BANG YOUR HEAD zu Gast war.

Dass auf solche Worte und dem verdienten Applaus seitens des Publikums eine ganze Ladung "Oldies" folgt, ist regelrecht logisch. Auch, dass damit die ohnehin schon prächtige Stimmung noch ein wenig intensiviert werden kann. Schlussendlich schafft es Zetro sogar, das Publikum unmittelbar vor der Bühne in "Ganzkörper-Bewegung" zu versetzen. Zunächst mit dem unkaputtbaren 'The Toxic Waltz' und zum Abschluss mit 'Strike Of The Beast', zu dem sich gar ein in Balingen nun wahrlich nicht allgegenwärtiger "Mosh-Pit" bildet. Hammer-Set!

Setliste: Funeral Hymn; Blood In, Blood Out; Deliver Us To Evil; And Then There Were None; Parasite; A Lesson In Violence; Blacklist; The Toxic Waltz; Strike Of The Beast


[Walter Scheurer]

 

Ich begebe mich mal in die Halle, in der jetzt DEBAUCHERY spielen soll. Auf der Hauptbühne ist EXODUS beendet und AMORPHIS wird als nächstes spielen, das Kontrastprogramm ist also durchaus gelungen. Death Metal der eher stumpfen Sorte ist das Label, das die Band in meinem Hinterkopf trägt, und die Copyright-Aktion mit ihrem "Blood God" hat bei mir auch nicht gerade für euphorische Sympathie gesorgt. Aber einen Blick riskieren will ich dann doch mal, wer weiß, vielleicht sind die deutschen Deather ja eine der Ausnahmen von der Regel, dass ich mit Extreme Metal wenig anfangen kann. Also nichts wie hin, zumal das neue Album "In der Hölle spricht man deutsch" morgen erscheinen wird. Die Halle ist, wie es um diese Zeit und für Death Metal auf dem BANG YOUR HEAD zu erwarten ist, eher verhalten gefüllt. Allerdings muss ich schon bald zugeben, dass ich nicht gerade in den Laden rennen werde, um das neue Album einzutüten, denn was ich höre, begeistert mich wenig. Klar, das ist bei Death Metal auch nicht unbedingt anders zu erwarten gewesen, aber die Mischung aus Kostümierung a la Muppet-Show, bei der vor allem die unfreiwillig lustige Maske des Schlagzeugers hervorsticht, und Blut-Bemalung als Pseudo-Schockeffekt lässt mich ziemlich kalt. Mit dem Titelsong ihres kommenden Albums kann ich mich nicht anfreunden und der bis zur Besinnungslosigkeit gesungene Refrain "Der Blutgott nagelt dich ans Kreuz, in der Hölle spricht man deutsch" wirkt wie der misslungene Versuch, Rammstein mit Death-Einflüssen und Texten aus dem Death Metal-Setzkasten zu immitieren. Ich bin sicher, zu DEBAUCHERY könnte man auch MANOWAR-Trinkspiele veranstalten, man muss nur "Honor, Sword, Warrior" durch "Murder, Demon, Hell" ersetzen. Nun ja, ich wusste vorher, dass Death Metal nicht meine Baustelle ist, und jetzt weiß ich, dass DEBAUCHERY auch nicht zu den Ausnahmen zählt. Ich lasse die rotbemalten, bösen Menschen während des dritten Stücks zurück und gehe wieder raus zu AMORPHIS, für DEBAUCHERY bin ich zu weich. Hier werde ich nicht gebraucht.

[Frank Jaeger]

 

Dass es die doch eher beschaulichen und melancholischen Finnen bei mir direkt nach EXODUS schwer haben würden, war schon im Vorfeld absehbar. Doch natürlich ist es immer noch besser, sich von AMORPHIS in mantrische Trance versetzen zu lassen, als sich in der Halle von DEBAUCHERY und dem Trademark-Blutgott die Lauscher vollbluten zu lassen. Also geht es kurz vor die Hauptbühne und dann weiter nach hinten auf erhöhte Position, um gemütlich den Klängen zu lauschen, die uns die Gründungsmitglieder Esa Holopainen, Tomi Koivusaari und Oli-Pekka Laine an den Saiten, sowie deren Mitstreiter Santeri Kallio und Jan Rechberger kredenzen. Sänger Tomi Joutsen ist inzwischen seit vierzehn Jahren ein ganz wesentliches Aushängeschild der Band geworden, und auch heute beweist er mit kraftvoller und vielseitiger Stimme, vom finsteren Growl bis zur einfühlsamen, fragilen Klarstimme, dass er wie geschaffen für den typisch finnischen, progressiv melancholischen Metalsound ist. Die Band hat sich weit von ihren Wurzeln im Death Metal weg bewegt und ihre Fanbasis ist heute in weiten Teilen eine ganz andere als noch in den Neunzigern. Klar, es gibt viele, die den Weg mitgegangen sind, doch der Verfasser dieser Zeilen gehört nicht so recht dazu, denn nach "Elegy" hat es nie mehr zu hundert Prozent gefunkt, zwischen mir und AMORPHIS. Die Band wird das wenig kümmern, denn sie tritt selbstbewusst und spielfreudig auf und sie weiß, dass sie mit "Queen Of Time" ein starkes neues Album in der Hinterhand hat. Daher schert sich das finnische Sextett auch einen feuchten Kehricht um die Klassikerparaden, die andere Bands gerne mal vom Stapel lassen. Eine Stunde Spielzeit? Für AMORPHIS bedeutet das, dass man fünf nagelneue Stücke zockt und dazu noch drei weitere vom Vorgängeralbum. Ja, es kann sicher keiner sagen, dass die Band in der Vergangenheit leben würde. Das Frühwerk wird lediglich mit je einem Stück von "Tales From The Thousand Lakes" und von "Elegy" bedacht, und selbst für die großen Klassiker 'My Kantele' und 'Black Winter Day' bleibt keine Zeit. Das Fazit ist für mich daher auch durchwachsen: Was die Band tut, das macht sie ganz hervorragend, doch leider bleibt für einen Altfan wie mich nicht viel Zählbares. Wer die jüngere Entwicklung der Band indes freudiger verfolgt hat oder gar erst mit der Tomi-Joutsen-Ära zum Fan wurde, der genießt den Gig aus vollen Zügen.

Setliste: The Bee; The Golden Elk; Sacrifice; Silver Bride; Bad Blood; Wrong Direction; Heart Of The Giant; Against Widows; The Castaway; Daughter Of Hate; Death Of A King; House Of Sleep

[Rüdiger Stehle]

 

Es gibt wohl einfachere Übungen für eine Band als zeitgleich mit dem Co-Headliner der Hauptbühne bei einem Festival am "Nebenschauplatz" loslegen zu müssen. Noch dazu, wenn es sich dabei um niemand Geringeren als DORO handelt, die ein Old School-Set angekündigt hat, während es sich bei der anderen Formation eigentlich um eine "Newcomer"-Truppe handelt, deren Debüt erst knapp vor diesem Gig aufgelegt wurde. Da es sich bei besagter "Nachwuchs-Truppe" allerdings um die gestandenen Recken Peavy Wagner, Manni Schmidt und Christos Efthimiadis, also REFUGE, handelt, ist jegliche Befürchtung auf nur geringes Interesse zu stoßen, von Beginn an auszuschließen. Von daher ist es auch nicht wirklich überraschend, dass die "Volksbank-Messehalle" sogar sehr ordentlich gefüllt ist, als das Trio mit 'Shame On You' vom 1992er RAGE-Album "Trapped!" loslegt. Die drei wirken generell bestens gelaunt, Manni und Peavy interagieren auch permanent sowohl mit dem Publikum, als auch miteinander. Mehr noch, schon nach mehreren Tracks stellt man fest, dass die beiden Herren wieder eine verschworene Einheit bilden.

Aber auch Drummer Chris, der an sich "nur" den Takt vorgibt und für den entsprechenden Groove im Hintergrund sorgt, merkt man seine Spielfreude und die Tatsache, mit seinen beiden "alten" Kumpels wieder zusammen spielen zu können, an. Es war für alle drei einfach an der Zeit, in dieser Formation wieder aufzutreten! Das spürt logischerweise auch das Publikum, weshalb die Stimmung bestens ist. Ganz egal, ob auf alte RAGE-Perlen zurückgegriffen wird oder Material des erwähnten ersten REFUGE-Drehers "Solitary Men" dargeboten wird, es wird eifrig und lautstark mitgesungen und in der Halle für eine amtliche Party gesorgt. Bei den brandneuen Songs ("Solitary Men" ist zum Zeitpunkt des Festivals erst seit gut einem Monat erhältlich!) überrascht der Schallpegel der Publikumsgesänge zwar ein wenig, das jedoch spricht zusätzlich für die Band, denn mit Nummern wie 'Summer’s Winter', 'Man In The Ivory Tower' oder 'Mind Over Matter' hat man einfach grandiose Ohrwürmer und Stimmungs-Garanten erschaffen.

Doch nicht nur ihre gute Laune ist Peavy und Manni anzumerken, die beiden wissen schlichtweg auch, was Entertainment bedeutet, und sorgen dafür, dass die Stimmung bis in den hinteren Teil der Halle blendend ist. Dort steht zwar an sich gerade die Autogrammstunde von DEBAUCHERY an deren Merch-Stand (wirklich imposant, welche Riesenauswahl an Shirts diese Truppe mitbringt, aber das nur so nebenbei) auf dem Programm, das hält aber einige Wartende nicht davon ab, lauthals die Refrains mitzugrölen. Mannis kurze, spaßige Ansagen sorgen für spontane "Manni"-Sprechchöre und lassen den guten Mann seiner SG kurze, improvisierte Instrumental-Einleitungen entlocken, die meiste Zeit über jedoch agiert er ebenso banddienlich wie seine Kollegen. Das Kollektiv REFUGE funktioniert nicht zuletzt deshalb bestens!

Logisch also, dass die drei Haudegen diesen Auftritt als vollen Erfolg verbuchen können. Das sieht auch das Publikum so und geht noch einmal voll aus sich heraus, als die Show mit dem zu diesem Zeitpunkt meteorologisch doch eher deplatzierten 'Don’t Fear The Winter' und der namensgebenden Bandhymne ein viel zu frühes Ende findet.

Setliste: Shame On You; Summer’s Winter; Man In The Ivory Tower; Solitary Man; The Missing Link; Invisible Horizons; Baby; I’m Your Nightmare; Mind Over Matter; Power And Greed; Nevermore; Hell Freeze Over; From The Ashes; Don’t Fear The Winter; Refuge

[Walter Scheurer]

 

DORO weiß, was ihre Fans wollen. Im Vorfeld hatte sie eine Old School-Setliste versprochen und sie hält Wort. Insgesamt neun der vierzehn Stücke stammen von den vier Warlock Alben. Gleich zu Anfang der Show haut sie mit 'Earthshaker Rock', 'I Rule The Ruins' und 'Burning The Witches' drei Klassiker raus, welche die Fans auf dem gut gefüllten Messegelände steil gehen lassen. Die Stimmung ist während des gesamten Auftritts am Kochen. DORO ist agil wie immer und sucht durch Ausflüge auf die Rampe immer wieder Kontakt zum Publikum. Ich habe schon etliche Konzerte der Düsseldorferin gesehen, aber so frenetisch habe ich die Fans ihre Metalqueen selten abfeiern sehen. Die Megaballade 'Für Immer' wird aus tausenden Kehlen mitgesungen und beim wohl größten Hit 'All We Are' erhält sie Unterstützung von Sabina Classen von HOLY MOSES. Mit 'All For Metal' stellt DORO ein Stück vom kommenden Album vor, das echt Bock auf die bald erscheinende neue Scheibe macht.

DORO ist immmer noch eine Macht und in dieser Form einfach unschlagbar. Wer sie, warum auch immer, verpasst hat, sollte sie unbedingt auf ihrer kommenden Tour sehen und wer diesen Auftritt gesehen hat, der sowieso!

Setliste: Earthshaker Rock; I Rule The Ruins; Burning The Witches; Raise Your Fist In The Air; True As Steel; East Meets West; Für immer; Hellbound; All For Metal; Burn It Up; Breaking The Law; All We Are; Metal Tango

[Tommy Schmelz]

 

Obwohl EUROPE auf der Open Air-Bühne Fans nahezu sämtlicher Rock- und Metal-Gangarten anspricht und für blendende Festival-Stimmung sorgt, scheint eine durchaus gehörige Anzahl an Besuchern weit heftigere Klänge zu bevorzugen. Kein Problem, denn in der Halle hat man zeitgleich die Chance, sich bei SKELETONWITCH die Rübe amtlich abzuschrauben. Die Jungs befinden sich seit einigen Tagen im ersten Tour-Abschnitt, um ihren eine Woche später erscheinenden neuesten Dreher "Devouring Radiant Light" in Europa vorstellig zu machen und legen auf brachiale Weise los. Bei zwar verdammt lauten, aber auf jeden Fall annehmbaren Klangverhältnissen zeigt die Saitenfraktion, dass sie einiges von ihrem Handwerk versteht und auch Frontmann Adam Clemans gibt ab der ersten Sekunde alles. Zwar ist seine Stimme immer noch gewöhnungsbedürftig und sein Bühnengehabe ein wenig befremdend, sein stechender Blick animiert aber jeden einzelnen Zuseher, sich auf 80 Minuten mit dem Fünfer einzulassen.

Seiner Lederjacke entledigt sich Adam schon nach den ersten Songs. Kein Wunder bei seinem "Fitness-Programm". Der Kerl tobt nämlich wie ein Wahnsinniger über die Bretter, verrenkt seinen Körper in alle möglichen Richtungen und versteht es, durch seine Hingabe auch so manche Textzeile "greifbar" erscheinen zu lassen. Kurz, Adam lebt SKELETONWITCH! Aber nicht nur der Frontmann alleine bietet etwas fürs Auge, auch die sich in ein formidables Schleuder-Trauma bangende Saiten-Fraktion lässt die Zuseher wissen, dass hier ausnahmslos Vollblut-Metaller am Werk sind. Die zumeist in warmen Farbtöne ausgeleuchtete Bühne wirkt mitunter sogar zu klein für den Bewegungsdrang des Ohio-Fünfers. Zwar versteht es SKELETONWITCH nicht unbedingt, für Publikums-Chöre zu sorgen, auf jeden Fall aber für Party-Stimmung. Die bleibt nämlich auch bei den vorgestellten brandneuen Tracks aufrechterhalten, wobei sich vor allem 'When Paradise Fades' als Abrissbirne der Sonderklasse entpuppt.

Noch besser kommen allerdings "Oldies" wie der Titeltrack des 2007er Drehers "Beyond The Permafrost" zur Geltung, mit dem SKELETONWITCH nicht nur die Stimmung gehörig pushen kann, sondern ganz offenbar auch die Temperatur in der Halle... Anzunehmen, dass die Jungs ihre Fanbase mit diesem Auftritt ausbauen haben können. Zu Recht, denn eine solche Einsatzbereitschaft bekommt man wahrlich nicht immer geboten!

[Walter Scheurer]

 

Auf den heutigen Headliner EUROPE freue ich mich ganz besonders, denn in den letzten Jahren habe ich die Schweden aufgrund ihrer letzten sechs Alben, die das frühe Schaffen klar in den Schatten stellen, schätzen gelernt. Allerdings haben Festivalgigs natürlich eigene Gesetze. So ist es klar, dass heute ein besonderes Augenmerk auf die Klassiker gelegt werden wird. Einen Faux Pas wie vor vier Jahren, als EUROPE in Balingen ihre neue Phase bewarb und dabei sogar 'Carrie' wegließ, erwarte ich heute nicht, obwohl ich nichts gegen zahlreiche neuere Lieder einzuwenden hätte.

Wie es zu erwarten ist, steigt die Band mit dem Titellied des aktuellen Albums 'Walk The Earth' in den Auftritt ein. Das große Backdrop mit dem Albumcover ist eindrucksvoll, die Band kommt wie immer gut aufgelegt - oder ist das einfach Professionalität? - aus der Kabine. Um mich herum wiegen sich die Menschen im Rhythmus, aber allzu viele singen nicht mit. Leute, kauft euch endlich die neuen EUROPE-Scheiben und hört auf, bei der Band immer in der Vergangenheit zu leben. Die Phase 1983 bis 1991 hat fünf Alben hervorgebracht, seit der Reunion 2004 sind es sechs. Und wenn die Band nur diese sechs Alben hätte, würde sie ein würdiger Headliner sein!

Aber das ist natürlich Wunschdenken, denn Rentensicherer wie 'Rock The Night' und natürlich den traditionellen Rausschmeißer 'The Final Countdown' kann die Band nicht ignorieren. Allerdings geht EUROPE auch nicht auf Nummer sicher. Mit 'The Siege' folgt das nächste Lied des aktuellen Album, bevor es mit besagtem 'Rock The Night' im Publikum erstmals mittelschwer ekstatisch wird. Trotzdem haben sich die Skandinavier wohl in den Kopf gesetzt, nicht als Oldie-Kapelle zu enden. Auch wenn 'Scream Of Anger' vom 1984er "Wings Of Tomorrow"-Album natürlich ein Klassiker ist, einer der Evergreens ist er nicht. Dafür aber schwermetallisch, was auf den BANG YOUR HEAD ja auch kein Fehler ist.

Die Musiker sind engagiert bei der Sache, doch es offenbart sich ein kleiner Makel in der Performance: EUROPE macht keine Show wie ein Headliner. Eigentlich passt die Band wohl besser in eine kleine Halle, wo sie intensiver mit dem Publikum interagieren kann, und ein echter Showman wird Joey Tempest sicher nicht mehr, egal wie oft er seinen Mikrophonständer schleudert. Irgendwie wirkt die Bühne zu groß, speziell, wenn man bedenkt, dass John Norum an der Gitarre und Bassist John Leven keinen allzu große Aktionsradius haben. Die Fünf lassen die Musik sprechen, und diese spricht laut und deutlich und großartig, aber dennoch fehlt der letzte Funke, die Exzentrik, die große Geste, um eine EUROPE-Headliner-Show zu einem mitreißenden Erlebnis werden zu lassen, trotz Mitsingparts und einer geradezu makellosen Hitparade. Im Folgenden wechselt die Band zwischen neuen und alten Liedern, lässt mit 'Last Look At Eden' und 'War Of Kings', 'Firebox' und 'Hole In My Pocket' die ganze Bandbreite der neuen EUROPE erklingen, schweift nochmal zurück in die metallischere "Wings Of Tomorrow"-Ära mit 'Wasted Time' und lässt dann am Ende eine ganze Phalanx ihrer Klassiker folgen, die für zufriedene Gesichter und lautes Mitsingen sorgen.

Nach neunzig Minuten ist eine tolle Show zu Ende. Den Gesichtern um mich herum nach zu urteilen, hätten es durchaus noch ein paar Lieder mehr sein können. EUROPE kann mehr als 90 Minuten locker füllen, eine Kombination aus 'Riches To Rags', 'The Second Day' und 'The Beast' plus 'Girl From Lebanon', 'Open Your Heart' und 'Time Has Come', ja, das wäre noch gegangen, bevor mit dem unvermeidlichen 'The Final Countdown' das Publikum in die Nacht entlassen wird.

Trotzdem ein würdiger Headliner, eine starke Show und hoffentlich zahlreiche Hörer, die sich jetzt mal ein paar der neueren Alben zulegen werden, von denen einige als Niedrigpreis-CDs auch keine große Lücke in die metallische Haushaltskasse schlagen. "Riches To Rags" und "Last Look At Eden", letztere ist immerhin die beste EUOPE-Scheibe der gesamten Diskographie, gehören einfach in jeden Haushalt.

Setliste: Walk the Earth; The Siege; Rock the Night; Scream of Anger; Last Look at Eden; Wasted Time; Firebox; Sign of the Times; War of Kings; Hole in My Pocket; Carrie; Ready or Not; Heart of Stone; Superstitious; Zugabe: Cherokee; The Final Countdown

[Frank Jaeger]

Danach ist es Zeit, zu gehen. Es war ein langer Tag und morgen folgt der nächste. Hier geht es zum Freitag...

Redakteur:
Frank Jaeger

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