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Birth Control - Übach-Palenberg

01.11.2005 | 21:19

15.10.2005, Tatort

Als ich die Kleinanzeige im Lokalblatt entdeckte, konnte ich kaum meinen Augen trauen. Die Krautrocklegende BIRTH CONTROL spielt in Übach-Palenberg bei Aachen im Tatort .

Kurz vor acht füllte sich der Saal. Zwar auch über 30, gehörte ich definitiv zu den jüngeren im Zuschauerraum, wurde aber von einigen Leuten altersmäßig doch noch unterboten. Mit etwas Verspätung legte die Vorgruppe ELECTRIC ORANGE los. Und die präsentierte Krautrock in Reinkultur: Lange, sphärische, überwiegend instrumentale Stücke, teilweise mit zwei Gitarren, teilweise mit zusätzlicher Perkussion, die skurrile Titel wie 'Sonnenbart' oder 'Coulomb' tragen und abrupt enden. Das Publikum war zunächst über einen Sound, den man wohl seit den Siebzigern nicht mehr gehört hatte, etwas irritiert, aber der Band gelang es, die Zuschauer zu überzeugen, und ELECTRIC ORANGE wurden mit begeistertem Applaus verabschiedet.

Endlich betraten Bernd "Nossi" Noske und BIRTH CONTROL die Bühne. Nossis heutige Begleiter dürften etwa so alt sein wie die Band, in der sie seit einigen Jahren spielen. Das Konzert begann mit einer Panne, Nossis Mikro übertrug keinen Ton und mußte erst ersetzt werden - vermutlich der Alptraum jedes Musikers. Aber BIRTH CONTROL begannen nach einer Viertelstunde erneut mit dem gleichen Dampf und hatten das Publikum gleich auf ihrer Seite. Mit großer Spielfreude und Virtuosität wurden Klassiker wie 'Back From Hell', 'Stop Little Lady' und sogar die nie auf einem regulären Album vertretene frühe Single 'Hope' gespielt. Aber während einige andere altgediente Gruppen höchstens noch zu Beginn eines Gigs ein oder zwei neue Alibi-Stücke spielen und sich dann auf bewährte Schlachtrösser verlassen, präsentierten BIRTH CONTROL auch einige Nummern ihres aktuellen Albums "Alsatian". Und die hatten es in sich, Stücke wie das Titellied oder 'Like Nothing Ever Changed' können es ohne weiteres mit den Klassikern aus den 70ern aufnehmen. Unverständlich, daß die "Alsatian" nicht im gewöhnlichen Handel zu haben ist.

BIRTH CONTROL überzeugten über die gesamte Konzertdauer mit ihrer Leistung. Vier Musiker, die einen ausgefeilten und mitreißenden Vortrag abliefern, allesamt Könner an ihren Instrumenten. Überhaupt gibt es bei der Gruppe keine Begleitinstrumente, jedes Mitglied leistet einen tragenden Beitrag zu dem dichten Gruppensound. Neben Nossi Noske am Schlagzeug ist hier vor allem Gitarrist Peter Engelhardt mit seinen furiosen Soli zu nennen. Das Publikum war begeistert, die Leute sangen lauthals mit, die Damen tanzten, und die Herren spielten Luftgitarre und Luftschlagzeug. Nossi überzeugte in seinem Solo nicht nur als Musiker, sondern auch als Unterhalter: Grinsend und trommelnd lief er um seine Schießbude herum, kletterte auf ihr und drosch mit allerlei Geräten auf die Felle. Mit 'The Work Is Done', mit dem BIRTH CONTROL früher oft begannen, endete das Hauptkonzert. Dann kam, was kommen mußte: Die Bandhymne 'Gamma Ray' sorgte in einer zwanzigminütigen Fassung mit Soli, Mitsingen und Perkussions-Einlage für riesigen Jubel. Einige Zuschauer verließen nun vorschnell den Saal, obwohl weder das Licht anging noch Musik aus der Konserve gespielt wurde. Selbst schuld, die Oper ist erst vorbei, wenn die dicke Frau fertig gesungen hat. BIRTH CONTROL kamen noch mal zurück und spielten zum Ausklang die ruhige Nummer 'A Night Of It' von der "Alsatian".

Wenn man ein Konzert verschwitzt verläßt, war's gut. Dieses war gut. Und mit einer Spielzeit von deutlich über zwei Stunden gab es auch ordentlich Ware fürs Geld.

Redakteur:
Stefan Kayser

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