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Black Metal Night - Nürtingen-Rossdorf

16.02.2006 | 22:10

21.01.2006, Stephanushaus

Ein Black/Death-Metal-Konzert in einem christlichen Gemeindehaus zu veranstalten, das schafft nur POWERMETAL.de-Oberhäuptling (und bekennender Katholik) Schorsch. Im Klartext: Keine umgedrehten Kreuze, fliegenden Tierköpfe oder blutigen Pseudo-Massaker, dafür Patronengurte, Schminke und brachiales Geschrubbe, dazwischen Wikinger, Klopapierdiebe und dampfende Kessel. Dazu später mehr...

DARK WIRE
Nachdem sich um 18 Uhr die Pforten des Stephanushauses öffnen und die ersten Besucher eintreffen, macht sich gegen 19.15 Uhr die Melodic-Black-Metal-Band DARK WIRE aus Backnang und Umgebung ans Werk. Die aus einer Keyboarderin, einem Sänger, einem Bassisten, einem Schlagzeuger und zwei Gitarristen bestehende Band, die sich 2002 formiert hat, präsentiert dem Publikum ihr Können und sorgt dafür, dass sich der Saal immer weiter füllt.
Den sechs Anfang bis Mitte zwanzigjährigen Musikern gelingt es problemlos, die Zuhörer durch ihre abwechslungsreichen Kompositionen, die an Bands wie GRAVEWORM oder CATAMENIA erinnern, zu motivieren und mitzureißen. Das Repertoire der Band beinhaltet langsam-melancholische sowie schnelle, harte Passagen, die stets durch melodiöse Keyboardeinlagen untermalt werden.
Derzeit arbeitet die Band an den Aufnahmen für ihr nächstes Album, welches im März oder April erscheinen soll.
[Gastautor Matthias Würth]

Setlist:
Barren
Christian
Dark Secret
Schleicher
Abendröte
Fluss
Sleeping
Shiver
Fluss

SLECHTVALK
Ich komme von der Zigarettenpause zurück in den (mit Rauchverbot gestraften) Konzertraum geschlendert und mir fällt fast der Glimmstengel aus der Pfote - haben ENSIFERUM kurzfristig noch zugesagt?! Ach nee, das sind ja SLECHTVALK aus Holland. Aber täuschend ähnliche Kriegsbemalung. Und da kommt ja auch schon der Sänger in voller Wikingermontur zum düsteren Intro mit Hufgetrappel auf die Bühne gestapft. In Folge entfaltet sich ein nettes Schauspiel zu handwerklich gut gemachtem, epischem Viking Metal: Matten fliegen sowohl auf der mit sieben Personen komplett vollgestellten Bühne als auch im Publikum, Wikinger Shamgar schüttelt grimmig die Axt während er mal klar, mal gebrochen ins Mikro röhrt, und Sangesgrazie Fionnghuala macht mit Waldfeen-Wispern und kleinen Tanzeinlagen eine gute Figur. Ein bisschen ADORNED BROOD, ein wenig BATHORY, ein Hauch AMON AMARTH - ansprechende Mischung. Der Sound lässt indes einige Wünsche offen, besonders zu Auftrittsbeginn kann man Shamgars Gesang gerade mal erahnen und die Instrumentalfront klingt den gesamten Gig hindurch etwas matschig. Was der wir-sind-im-wilden-Norden-Stimmung aber keinen besonderen Abbruch tut, auch wenn sich die Reihen mit steigender Spielzeit ein wenig lichten. Einzig Plattitüden-Sprüche a la "Are you warriors or cowards?" hätten dann doch nicht sein müssen.

Setlist:
Intro
Thunder
Desertion
Slumber
Call To Arms
And Thus It Burns
Burying The Dead
Storms
Cries
Mortal Serenity

In der Umbaupause bietet sich ein amüsantes Bild, als ein äußerst schlaues Exemplar der Gattung Homo Erectus versucht, mit einem aus dem Waschbereich entwendeten 10er-Pack Klopapierrollen (äußerst geschickt unter dem Pullover versteckt), zu türmen. Dringender Notfall im heimischen Lokus? Hartz IV-Empfänger? Krankhafter Fetisch? Wie auch immer, das Diebesgut wird beschlagnahmt und an seinen Bestimmungsort zurück gebracht.

CRIMSON MOONLIGHT
Ein fröhlich vor sich hin dampfender Weihrauchkessel (NEIN, nicht Georgs Wampe - d. Verf.) taucht die Bühne in würzige Schwaden. Kommt jetzt der Kirchenchor? Mitnichten, im Dunstkreis des Räucherwerks taucht wenig später Pilgrim, seines Zeichens hünenhafter Sänger von CRIMSON MOONLIGHT, auf, maskiert und vor Nagel- Accessoires strotzend. Um es gleich vorneweg zu nehmen: Die Schweden legen den mit Abstand tightesten Gig des Abends aufs Parkett. Melodischer, dabei aber äußerst grooviger Black Metal mit Todeseinflüssen und genau dem richtigen Schuss Pathos, das macht Laune! Dabei mag man kaum glauben, dass die Band aus bekennenden Christen besteht und sich folglich auch ein Großteil ihrer Songtexte mit biblischen Themen befasst (was anhand des Kreisch- und Grunzgesangs gar nicht so leicht herauszufiltern ist).
Auch das - nach SLECHTVALK leider um einige Köpfe weiter geschrumpfte - Publikum dankt den Schweden ihre Spielfreude, in den ersten Reihen fliegt jede zweite Haarpracht und auch weiter hinten im Raum herrscht im-Takt-Nicken vor. Lange Rede kurzer Sinn, in Sachen Metal haben sie's einfach drauf, die Schweden!

Setlist:
Illusion Was True Beaty
Thy Wilderness
My Grief My Remembrance
Mist Of The Spiritual Dimension
Intimations Of Everlasting Constancy
The Echoes Of Thoughts
Embraced By The Beaty Of Cold
Eternal Emperor

Erneutes Intermezzo in der Umbaupause: Ein offensichtlich gut abgefüllter Konzertbesucher knipst sich volle Lotte die Lichter aus, als er beim Rumturnen von der Bühne segelt und mit dem Hinterkopf aufschlägt. Kurzerhand wird er an Händen und Füßen raus an die frische Luft geschleppt, wo sich die Lebensgeister bald wieder melden. Schwein gehabt!

LUNA FIELD
Nach der Durchschlagskraft von CRIMSON MOONLIGHT haben es LUNA FIELD vergleichsweise schwer, das hohe Musikniveau zu halten, bemühen sich aber redlich. Ihr perfider Mix aus Black und Death Metal geht gut nach vorne los, dazu beweist die Saitenfraktion Ausdauer und Spaß beim Kopfschütteln und schleudert abwechselnd erdrückende Riffs oder sich zur Raserei erhebende Läufe gen Zuschauerraum. Mittelpunkt des Ganzen ist aber ganz klar "Diva" Benny Rakidzija, der sich bis hart an die Grenze in bodenlangem Kleid, geschminkt und Zylinder schwenkend selbst zur Schau stellt und dabei krächzt, schreit und grunzt dass das Gemeindehausdach kracht. Das macht die ersten Songs über zwar noch irgendwie Spaß, wirkt mit der Zeit aber zu aufgesetzt und routiniert. Als der androgyne Fronter dann auch noch jedes Stück im gleichen, knarzigen Tonfall ansagt, ist bei mir irgendwann der Ofen aus und ich trolle mich lieber gen Bierausschank.

Setlist:
Godparade
Kill Bastard Kill
Witness Of Delusion
Revolution Restart
Full Vanity Fair
Odial
Moral Masquerade/Jokers
Camouflage
Zenith

Mit so mancher Runde Kaltgetränken klingt die erste BLACK METAL NIGHT im Stephanushaus aus. An die 100 zahlenden Gäste hat das Event nach Nürtingen-Rossdorf gelockt. Respekt, Schorsch! Und für Kjell von Mitveranstalter "Das Brett" und nicht zuletzt die überraschend offenen und freundlichen Vertreter der Kirchengemeinde sowieso, die es sich nicht nehmen ließen, dem Konzert ebenfalls beizuwohnen. Ein Projekt das Schule macht? Das nächste Mal rocken wir das Ulmer Münster...

Redakteur:
Kathy Schütte

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