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CARPATHIAN FOREST - Bischofswerda

23.01.2005 | 09:48

21.01.2005, Eastclub

Nachdem am Abend zuvor die Messlatte bereits hoch angelegt wurde, lassen es CARPATHIAN FOREST und die drei Bands in ihrem Schlepptau heute etwas entspannter angehen und dafür die Musik in den Mittelpunkt der Show treten. Ein Vergleich: Gestern noch stand Nattefrost im Omi-Dress mit Tigeroptik und angeschnallten Kunstbrüsten auf der Bühne, Nag von TSJUDER trat oberkörperfrei und mit Blut besudelt auf. Heute belässt man es bei klassischen schwarzen Bandshirts und Corpsepaint. Doch das ist nicht der einzige Unterschied: Im K17 durfte man stolze 19 Euro Eintritt entrichten, heute sind es "nur" 15 Euro. Schließlich gehört die Region Bischofswerda nicht geradezu den ökonomisch strukturstärksten in Deutschland. So ist den Bands auch zu Ohren gekommen, dass es hier öfters Auseinandersetzungen mit Rechtsradikalen geben soll. Aus Angst vor Übergriffen entscheidet man sich daher heute, nicht die volle Breitseite zu fahren und das Konzert eher konservativ zu bestreiten. Ob solche Panik nötig ist, bleibt zu bezweifeln, denn Meldungen von Übergriffen hat es aus dem Eastclub meines Wissens bisher nicht gegeben. Aber das nur am Rande.

Also heißt es, die bisherigen Tourbilder von Blut und nacktem Wahnsinn ausschalten: TSJUDER kommen zu dritt auf die Bühne und legen sofort los. Sänger-Bassist Nag versteckt sich unter seinen langen blonden Haaren, auf der anderen Seite der Bühne steht Gitarrist und Zweitstimme Draugluin, sein Gesicht ebenfalls unter seinen dunklen Haaren verbergend. Dritter im Bunde ist der schlagwütige Drummer Anti Christian. Sein Name ist Programm: In jeder Pause und öfters auch mitten in seinen infernalischen Blastattacken kreuzt er die Trommelschlägel mit der langen Seite nach oben. Bald wird unmissverständlich klar: TSJUDER sind auch ohne Blut verdammt böse, satanisch, aggressiv und höllisch gut dabei. Erst live kommen die spielerischen Fähigkeiten der Norweger zur rechten Geltung: Was sich auf dem letzten Album "Desert Northern Hell" noch als reinste Geschwindigkeitsattacke in bester Schwarzmetallmanier präsentierte, entpuppt sich nun als rockender und melodiegeladener Überkiller, so zum Beispiel in dem alles andere in den Schatten stellenden 'Mouth Of Madness'. Damit katapultieren sie sich zum eigentlichen Act des Abends. Die Krönung liefert schließlich das beste BATHORY-Cover aller Zeiten: 'Sacrifice' mit einem unschlagbaren Leadsolo in der zweiten Songhälfte. Selten hat eine Band den Spirit dieses alten Klassikers so gut erfasst und weiterentwickelt. Bleibt ein Fazit: TSJUDER spielen anspruchsvollen Black Metal im Oldschool-Stil und reihen sich damit neben 1349 in die neue Riege der zweiten True-Black-Metal-Generation ein. Absolute Spitzenklasse!

Das Publikum scheint auf dem Weg zu dieser Erkenntnis etwas länger zu brauchen. Entsprechend hält sich die Zahl bangender Köpfe bei TSJUDER noch in Grenzen. Der Club ist locker gefüllt mit circa 400 Leuten, die zumindest interessiert nach vorn zur Bühne lunchen. Die erste Reihe ist bereits dicht besetzt mit bangwilligen Fans. Im hinteren Teil des Saals wird fleißig getankt: Der eine ist mit dem Dunklen zufrieden, der andere braucht es härter in klarer Form. Wie auch immer die Trinkgewohnheit, für die nächste Band kann man gar nicht genug bewusstseinseintrübende Substanz zu sich genommen haben: CARPATHIAN FOREST vereinigen quasi alle Eigenschaften jeglichen nur denkbaren alkoholhaltigen Getränks - fast: Allein die einschläfernde Wirkung eines Gläschen Rotweins fehlt ihnen. (Drum trinkt NATTEFROST wohl auch literweise Weißwein vor der Show.) Dafür gibt es nun die volle Dröhnung heißblütigen Black 'n Roll. Wenn es nach Wortführer NATTEFROST geht, ist das Motto des heutigen Abends sogar schlicht und einfach: "Rock 'n Rooooaall!!!"

Da braucht es keinen ganzen Song, schon kreisen die Matten. Spätestens bei 'Skjend Hans Lik' bricht vor der Bühne wildes Pogen aus, werden Boxentürme erklommen und aus luftiger Höhe dem Karpatischen Wald Feuer gemacht. Vorne stehen der leibhaftige "Dod" und der rückgekehrte Vrangsinn mit der dicken Eisenkette um den Rumpf, aber leider nicht wie sonst nackt, sondern in normalem schwarzem T-Shirt. Das tut seinem ultrafiesen Bassspiel keinen Abbruch. Auf der anderen Seite wütet Tchort an der Gitarre. Zusammen schmeißen die beiden Schwergewichte beim unentwegten Bangen ihre Köpfe weg. Im Hintergrund leistet Kobro an den Drums echte Schweißarbeit. Sieht man ihn so, wird verständlich, warum er bei GREEN CARNATION das Handtuch geworfen hat: Die waren ihm zu lasch. Tchort beweist dagegen, dass man sowohl die harte und schmutzige Black-Metal-Persönlichkeit als auch den feinfühligen Komponisten zeitloser Musik in sich vereinen kann. Heute heißt es aber Höllenkrach fabrizieren, und zwar so krank und laut wie nur möglich. Hell-Commandante Nattefrost führt keifend und leidend das Kommando dazu. Im Prinzip hat er ja die schlechteste Stimme der Welt, aber was würde dem ganzen Spirit von CARPATHIAN FOREST besser zu Gesichte stehen als dieser kleine extravertierte Gnom? Auch ohne Kunstbrust und fluffiges Kleid nimmt man ihm die Rolle des schizophrenen Psychopathen mit Zweitexistenz als norwegische Ausgabe der Mutter Beimer, die gerne mal die Hose runterlässt, ab. Laut eigener Aussage fühlt er sich heute nämlich wie seine Großmutter. Eine Oma, die von gepiercten Genitalien und blutigen Fotzen singt, auf EXPLOITED steht und Black Metal macht?! Da werden noch mal Träume war!

Just aus diesen Träumen entrissen durch einen derben Schlag auf den Hinterkopf, wird man wieder in die brutale Konzertrealität zurückgeholt: Im Eastclub ist die Hölle los. Satte achtzig Minuten lang spielen CARPATHIAN FOREST fast die gesamte "Strange Old Brew" und noch so manchen älteren Klassiker aus Bandgründungszeiten. Daraus sticht der neue Song, den sie uns heute ohne Titel präsentieren, hervor: Er geht wesentlich schneller zur Sache, ist weniger groovig-rockend, dafür finsterer und atmosphärischer. Vor allem Kobro scheint hier voll aufzugehen, denn auch das Drumming wurde noch mal um einige Gänge erhöht und komplexer gestaltet. Wie auch immer das neue Teil nun heißen mag, es lässt auf jeden Fall Vorfreude auf ein neues CF-Album keimen.

Bis dahin muss man sich aber wohl noch etwas gedulden. Als nächstes ist erst mal NATTEFROST mit seinem neusten künstlerischen Erguss dran. Im April soll es so weit sein: Titel wie 'Under The Sign Of The Goat', welches gemeinsam mit Host von TAAKE eingesungen wurde, oder 'Hellcommander' klingen viel versprechend. Wenn dann auch noch Namen wie Dirge Rep, Aggressor oder Bard Faust für das Schlagwerk in den neuen Songs auftauchen, gibt es eigentlich kein Zweifeln mehr daran, dass sich da ein würdiger Nachfolger für "Blood And Vomit" anbahnt.

Das Schöne an CARPATHIAN FOREST ist allerdings, dass es bei ihnen nicht ausschließlich ums Kotzen, Bluten und Ficken geht. Entsprechend lassen zu Konzertende 'Return Of The Freezing Winds' und 'One With The Earth' noch einmal ganz andere Gefühle aufkeimen: Bei allem dreckigen Punk-Rock-Black-Metal-Grobhack vergisst man doch nicht die alten Wurzeln melancholischer Einsiedlertristesse und heidnischer Dunkelheitsliebe. Und da muss man sich doch wirklich mal fragen, welche Band solche Extreme momentan noch annäherungsweise so gut zu vermengen versteht.

Am Ende haben CARPATHIAN FOREST jedenfalls auch ohne die gewohnten Showeinlagen alles gegeben und den Konzertbesucher glücklich gemacht, was nach dem Konzert zahlreiche zufriedene Gesichter bezeugen. Wer noch immer nicht genug hat, kann sich sogar von jedem einzelnen Bandmitglied die gesammelten Alben von CARPATHIAN FOREST und den zahlreichen Nebenprojekten der Musiker mit Autogramm versehen lassen oder NATTEFROST mit seiner dritten Zwei-Liter-Flasche Weißwein trinkkräftig unterstützen. Warum nur Weißwein? "Ich kann kein Bier mehr sehen", raunt er mit heiserer Stimme, sich das Bäuchlein haltend. So weit muss man erst mal kommen ...

Setlist CARPATHIAN FOREST:

Suicide Song
Pierced Genitalia
Skjend Hans Lik
Mask Of The Slave
Bloodcleansing
Morbid Fascination Of Death
Black Shining Leather
The Swordsmen
Carpathian Forest
He's Turning Blue
New Song
Return Of The Freezing Winds
Martyr/Sacrificulum
Knokkelmann
Bloody Fucking
The Well Of All Tears
One With The Earth

Redakteur:
Wiebke Rost

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