top banner 73

CYPECORE, THE PROPHECY23, JOHNNY DEATHSHADOW - Heidelberg

13.04.2018 | 20:44

07.04.2018, Halle02

Widerstand ist zwecklos - Heidelberg erlebt eine Metalschlacht ohnegleichen!

Cypecore Band

Strahlend blauer Himmel, frühsommerliche Temperaturen, ein April der den winterlichen März mit Nachdruck scheint vergessen machen zu wollen. Auf der länglichen Wiesenfläche vor der Halle02 tummeln sich junge Familien mit ihrem quirligen Nachwuchs; im überteuerten Edellokal "Neo" am Kopfende des Hallenkomplexes prosten sich Heidelberger Yuppies im gesichtlos-schnöseligem Casual-Business-Look mit unaussprechlichen Cocktails zu. Nichts, aber auch gar nichts an dieser friedlichen Szenerie lässt erahnen, welch unbeschreibliches Gewitter an diesem 7. April über die Heidelberger Bahnstadt hereinbrechen soll. In der Halle02, wo sich in der Regel Studentenparties, 90er- und 2000er-Schülerfeten und gelegentliche Indie-Konzerte abwechseln, steht heute der Tourabschluss von CYPECORE an. Einst ein lokales Phänomen aus dem benachbarten Kraichgau, hat sich die Truppe mit ihrem SciFi-Szenario, ihren Cyborgkostümen, vor allem aber ihrer schnörkellosen, hocheffizienten Mischung aus Melodic Death-, Thrash- und Industrial Metal einen überregional hohen Bekanntheitsgrad erarbeitet, der mittlerweile auch internationale Bühnen einschließt. Ich selbst hatte die Band nur sehr entfernt auf dem Radar und ihr sträflicherweise bis zur Veröffentlichung ihres 2018er Werkes "The Alliance" kaum Beachtung geschenkt. Selbige Scheibe hat diese Gleichgültigkeit in kürzester Zeit zu Begeisterung mutieren lassen, und nun bekomme ich sie ausgerechnet in meiner Wahlheimatstadt erstmals zu Gesicht. Ich darf vorwegnehmen, dass ich mit dem fantastischen Abriss, der gleich folgen sollte, dennoch kaum gerechnet hätte!

Johnny Deathshadow19 Uhr, und der hintere Teil der Halle02 ist bereits erstaunlich voll. Statt die Frühlingssonne zu genießen, tummeln sich einige hundert Metalheads vor der Bühne, hinter der auf einem großen schwarzen Banner JOHNNY DEATHSHADOW gepinselt steht. Pünktlich eröffnet der hanseatische Vierer den Reigen, mit stampfendem Groove, jeder Menge guter Laune und einer Spielfreude, die in scharfem Kontrast zum morbiden Auftreten der Hamburger Truppe steht: Alle vier Musiker sind in schwarz gekleidet, ihre Gesichter in unterschiedlichen Variationen als Totenköpfe gestylt. Musikalisch lässt sich JOHNNY DEATHSHADOW als recht lockere Mischung aus Horrorpunk, Death 'n' Roll und Gothic mit dezentem Industrial-Anstrich charakterisieren - eine irgendwie stimmige Einleitung für einen Headliner, der sich ebenfalls hinter Maskierungen versteckt, und außerdem musikalisch deutlich hochwertiger als das, was von einem abendlichen Ersteinheizer sonst zu erwarten ist - was nach den starken Livezeugnissen des vergangenen Jahres bis hin zum gefeierten Auftritt auf dem Wacken allerdings auch nicht sonderlich verwundert. Verwunderlich ist bestenfalls die nicht ganz fehlerfreie Leistung der Rhythmussektion; hier ist entweder zu viel Bier, Übermüdung oder ein Handicap anderer Art als Erklärung heranzuziehen. Dass die Freundschaft zur CYPECORE-Crew dem Drum-Techniker des Headliners zu einem Gastauftritt bei JOHNNY DEATHSHADOW verhilft, könnte in diesem Zusammenhang tatsächlich als Verschnaufpause für Sascha Meier gedacht sein. Ändert jedoch alles nichts daran, dass der morbide Vierer erneut einen sympathischen Auftritt hinlegt und klarstellt, dass der frühe Platz im Lineup keine Zumutung sein muss, für JOHNNY DEATHSHADOW vielmehr schon bald der Vergangenheit angehören dürfte.

Es folgt eine ausgesprochen kurze Umbaupause, die mich in meinem Eindruck bestärkt, dass der Wechsel zwischen zwei aufeinanderfolgenden Bands im Metalzirkus in den vergangenen Jahren ganz im Sinne der Audienz optimiert und komprimiert wurde. Man kann schon fast nicht mehr in Ruhe aufs stille Örtchen oder für einen Drink The Prophecy23anstehen, schon dröhnt der nächste Act durchs Gemäuer. In diesem Fall steht nach dem Wechsel der Auftritt von THE PROPHECY23 an. Die Heilbronner haben in Heidelberg fast Heimvorteil, das Publikum drängt sich mittlerweile in dichten Reihen vor der Bühne, während die grün-weißen Spaß-Thrasher Vollgas geben, und zwar vom ersten bis zum letzten Takt. Ganz mein Fall ist der simple, modern angehauchte Death/Thrash zwar nicht, aber letztlich kann ich dem Fünfer - plus Gimmickauftritt des im grünen Muskelkostüm sinnlos auf der Bühne posenden Bandmaskottchens - nichts ankreiden; ein astreiner Arschtrittauftritt mit vielen sympathischen Kontaktaufnahmen zum Publikum. Selbiges gröhlt die meisten Songs der Propheten stimmsicher mit und feiert die Band durchgängig ab, bis diese feine Darbietung mit dem obligatorischen 'No Beer' beendet wird. Dass alle Anwesenden "Bock auf CYPECORE" haben, wie sich der Fünfer bestätigen lässt, steht außer Frage - und THE PROPHECY23 hat einen guten Teil dazu beigetragen, die Stimmung im Vorfeld bis an den Siedepunkt anzuheizen.

Der Headliner erhält natürlich mehr Raum auf seiner Bühne, doch länger als eine halbe Stunde muss auch diesmal nicht umgebaut werden. Das "The Alliance"-Intro ertönt, und im düsteren Halblicht entern vier Cyborgs mit leuchtenden Brustpanzern die Bühne. Vier? Ja - offenbar muss CYPECORE den Ausfall des Bassisten verkraften. Oder gehört der gar nicht zum Livesetting der Band? Erstaunlicherweise tut das Fehlen des CypecoreTieftöners dem übermächtigen Sound der SciFi-Brigade keinen Abbruch: Als die vier anwesenden Musiker mit 'The Alliance' einsetzen, rollt eine brachiale Klangwalze durch die Halle, wie sie hier vermutlich noch nie erklungen ist! CYPECORE fegt alles, aber auch wirklich alles, was soeben noch an einen gemütlichen Frühlingsabend mit Aperitif denken ließ, aus der Umlaufbahn. Widerstand ist zwecklos! Die Allianz ist eingetroffen, der Kampf ist in vollem Gange. Und die bis an den Rand gefüllte Halle02 kocht augenblicklich über: Ohne eine einzige Aufforderung von der Bühne wird gemosht, im Kreis gewetzt und sich zu Todeswänden aufgestellt, als gäb's kein Morgen! Der Sound hervorragend, die Band routiniert und bestens aufgelegt, die Nebelschwaden und Lichteffekte stimmig - hier gibt es einfach nichts auszusetzen! Immer wieder fällt mir auf, wie wenig ich mich wider Erwarten an der Kostümierung störe, wie rund das CYPECORE-Gesamtkonzept ausfällt. Tatsächlich bin ich zunächst sogar ein wenig enttäuscht, dass es keine Videoeinblendungen gibt, die das dystopische Szenario der CYPECORE-Veröffentlichungen visualisiert. Andererseits lässt die Truppe bei ihrer Show trotz aller optischer Effekte in erster Linie die Musik für sich sprechen. Und hier kann der Band kaum jemand etwas vormachen! Die durchaus etwas simplen Kompositionen auf "The Alliance" entfalten bei einem Konzert voll und ganz ihre Wirkung: Keine Schnörkel, kein Geprogge, kein Leerlauf - es wird gemetalt wie es im Buche steht! Fantastisch, wie brechend fett auch nachdenklich angehauchte Nummern wie das ergreifende 'Remembrance' vom aktuellen Album dargeboten werden. Und ich stelle erstaunt fest, dass mir CYPECORE an diesem Abend in Sachen Livepeformance als erste Band überhaupt den Verlust meiner Live-Lieblinge AS I LAY DYING wettzumachen vermag. Kostüme hin oder her: Der vollstände Mangel an überbrückenden Song-Erklärungen oder lieblosen 0815-Cypecore BandAnfeuerungssprüchen an das Publikum mögen manche als unerwünschte Distanziertheit betrachten - für mich zeigt hier eine Band nur, dass es allein eine Sache gibt, die an einem Metalkonzert zählt, und das ist die Musik. AS I LAY DYINGs unprätentiöse Auftritte waren geradezu die Krönung der Bescheidenheit, was den schrillen Metalzirkus betrifft, und CYPECORE schlägt genau in die gleiche Kerbe, weil die Kostümierung letztlich vor allem die Identität der Musiker in den Hintergrund rückt und der geballte thrashige Melodic Death der Mannheimer im Mittelpunkt steht. Die Bühnenpräsenz von Dominic Christoph steht jener eines Tim Lambesis im Übrigen ebenso in Nichts nach!

CYPECORE wechselt an diesem Abend zwischen den aktuellen Songs und älteren Hits ab, und ich kann auch dem Publikum hier nur meine höchste Anerkennung aussprechen: Schon die Vorbands wurden ordentlich abgefeiert, aber CYPECORE erhält eine Aufmerksamkeit, wie sie sonst nur die großen Metalcore-Namen aus Übersee erfahren dürften. Und es braucht wie schon erwähnt keine einzige Ansage, keine überflüssige Aufforderung, nun den "größten Circlepit", den Heidelberg je gesehen hat, zu starten - die Energieleistung des (vorübergehend?) zum Quartett geschrumpften Fünfers macht den begeisterten Metalheads in der Halle02 schon zur Genüge Beine. Und so vergeht die Zeit wie im Fluge, und die Begeisterung geht so weit, dass selbst ein totaler Mikrofonausfall zum vorletzten Track, dem phänomenalen 'Dissatisfactory', der Stimmung keinen Abbruch tut, sondern die Zuhörer/innen nur noch mehr beflügelt, ihren heiseren Kehlen das letzte bisschen Leben zu entlocken. Der Abend endet standesgemäß mit 'Saint Of Zion', und schließlich lässt es sich die Band auch nicht nehmen, sich geschlossen vor dem erschöpften, aber begeisterten Publikum zu verneigen.

Cypecore Farewell

Und damit endet ein Konzert, wie ich es meiner Wahlheimat, dieser Stadt der Professoren, Jurastudenten und SAP-Topangestellten nie zugetraut hätte! Heidelberg kann also auch nach dem traurigen Ende des Schwimmbadclubs noch Metal - und warum soll die Halle02 als Alternative zu Frankfurt und Karlsruhe nicht auch in Zukunft noch Heimstätte solch fantastischer Metalfeste werden wie das eben zu Ende gegangene? Vor allem aber etabliert sich CYPECORE als bärenstarker internationaler Player der modernen Metal-Welt und erobert sich aus dem Stand Weg einen Spitzenplatz in meiner persönlichen Live-Bestenliste. Ich weiß nicht wann ich zuletzt nach einem Konzert noch aufgrund des großen Andrangs so lange am Merchstand anstehen musste. CYPECORE hat hier komplett abgeräumt, in einer erfreulich vollen Location an einem Abend, der zunächst so gar nicht nach Metal aussah. Glücklicher kann man den Heimweg nach einem Konzert kaum antreten.

Redakteur:
Timon Krause

Login

Neu registrieren