Coheed & Cambria - Wiesbaden

22.01.2008 | 10:09

19.01.2008, Schlachthof

Englische Verhältnisse vorm Schlachthof. Wieso? Nun, während sich vor ca. fünf Wochen die MACHINE-HEAD-Fans wie ein Knäuel vor dem Eingang postiert haben, stehen die COHEED-&-CAMBRIA-Anhänger in Reih und Glied zu einer langen Schlange an. Passend sind auch die meteorologischen Voraussetzungen, man kann bedenkenlos im T-Shirt verharren, ohne sich den Kältetod zu holen. Im Innenraum ist es hingegen noch kuschelig warm, was sich im Laufe des Abends ändern soll. Auffällig ist des Weiteren die Tatsache, dass fast nur Junggemüse im Publikum auszumachen ist, was für einen Sound, der stark in den Sechzigern und Siebzigern verwurzelt ist, schon ein bisschen verwundert. Auf der anderen Seite hat der Headliner mit den letzten drei Veröffentlichungen ausschließlich starke Songs in der Hinterhand.

Doch bevor es soweit ist, steigen erstmal gegen 20 Uhr DEAR DIARY aus Gießen auf die Bretter. Das Emo-Quartett hat zwar das Posen drauf und ist vom Zusammenspiel her absolut tight, doch leider liegt Sänger und Gitarrist Dennis Kuhn stimmlich mehr als einmal neben der Spur. Das Treiben auf der Bühne wirkt rau, zügellos und dynamisch, dennoch merkt man dem Publikum an, dass es einzig und allein wegen COHEED & CAMBRIA die Füße in den Bauch steht, und so werden die Songs lediglich mit Höflichkeitsapplaus bedacht. Zu diesem Umstand trägt bei, dass sich die Jungs dreist beim Headliner bedienen, aber auch MY CHEMICAL ROMANCE-Anleihen sind für den aufgeschlossenen Rock-Fan auszumachen. Verwunderlich ist es dennoch, warum der Kapelle eine gute Dreiviertelstunde Spielzeit eingeräumt wird. Auf Konserve hingegen (während des Tippens läuft bei mir die MySpace-Seite im Hintergrund) kann man auch den Gesang von Dennis verstehen. Vielleicht sollte Dennis sich in Zukunft mehr aufs Singen konzentrieren. Spaß hingegen haben alle in den Backen, allen voran Tieftöner Nico, der die ganze Zeit wie ein Bekloppter rumbangt. Zumindest ist der Sound sehr gut, was im Schlachthof leider nicht immer selbstverständlich ist.

Nach knapp dreißig Minuten Umbaupause sind COHEED & CAMBRIA an der Reihe. Mit "Coheed"-Chören werden Claudio Sanchez und seine Begleitmannschaft empfangen. Der Bandchef hat sich für die Tour mit zwei Backgroundsängerinnen vestärkt, die ihm und Travis Stever bei den Chören aushelfen, des weiteren hilft auch ein Keyboarder mit Klangteppichen und Piano-Tönen (beispielsweise bei 'The Suffering' aus - herrlich! Überdies erlebt das Wiesbadener Publikum zum ersten Mal den Fellgerber Chris Pennie, der vorher bei THE DILLINGER ESCAPE PLAN rumgelärmt hat. Mit dem Titeltrack des aktuellen Albums "No World For Tomorrow" steigt die Truppe ein, und das Quecksilber mitsamt gefühlter Luftfeuchtigkeit steigt in tropische Höhen. Von der ersten Minute an pogt eine kleine Gruppe vor der Bühne, wobei die Schweißperlen auch ohne diese sportliche Aktivität runterrinnen. Dennoch liegt eine sehr entspannte Stimmung in der Luft, was mich zumindest erahnen lässt, wie Rockkonzerte in den Siebzigern abgelaufen sein müssen. Bis auf einen Verspieler, welcher Claudio dazu animiert, seine Begleitmannschaft zu mustern und zungestreckend drüber hinwegzuhören, sind die Jungs arschtight. Auch am heutigen Abend kann man die Ansagen an einer Hand abzählen, doch immer noch besser als das Rumgeschleime á la "best audience in Germany" und andere Sprüche, die Musiker mit erhöhtem Endorphinausstoß von sich geben. Das Septett (wenn man die Backgroundsängerinnen dazu zählt) lässt schlicht und ergreifend die Musik sprechen. Dabei erlaubt sich die Band sogar den Spaß, mittendrin im "Evil Medley" den IRON MAIDEN-Klassiker 'The Trooper' anzustimmen, und, man vermag es kaum zu glauben: Claudio kann auch anders, ja fast schon Bruce-Dickinson-like singen. Hut ab! Dieser Zwischenpart zaubert den meisten Anwesenden ein Grinsen aufs Gesicht. Ansonsten werden die "In Keeping Secrets Of Silent Earth: 3"- und "Good Apollo"-Klassiker am meisten mit Applaus bedacht.

Mit eben jenem "Evil Medley", bestehend aus 'Everything Evil' sowie 'Devil In Jersey City', kommen auch auch Tracks vom ersten Album zu Zuge. Nach dem Dreiergespann 'The Crowing', 'The Running Free' und 'In Keeping Secrets Of Silent Earth: 3' steigen die Jungs von der Bühne runter, um kurze Zeit später 'Welcome Home' zu intonieren, was die letzten Kraftreservern mobilisiert. Zwischendurch reckt ein Fan in der vorderen Reihe Engelsflügel in die Höhe, was mich zumindest darauf schließen lässt, dass
1. Er die Band himmlisch findet
2. Er bereits auf Wolke sieben schwebt
3. Die Jungs einfach zum Abheben sind.

Der anschließende 'The Final Cut', bei dem sich die Musiker die Seele aus dem Leib jammen, wird diesmal auf über zwanzig Minuten ausgedehnt. Und gerade dieser Jam ist die ideale Plattform für die Musiker, um ihr Ausnahmekönnen unter Beweis zu stellen. Dabei gehen Sechziger- und Siebziger-Musik Hand in Hand. Fast scheint es so, als ob LED ZEPPELIN, HENDRIX und THE DOORS sich zusammengefunden haben, um am Ende eines Festivals die Sau rauszulassen. Allen voran Claudio und Travis liefern sich ein grandioses Voicebox-Gitarren-Duell. Gegen Ende hin haben auch die übrigen Bandmitglieder die Möglichkeit, sich im Scheinwerferkegel zu präsentieren, bis am Ende nur noch Drummer Chris übrig bleibt. Am Schluss kommen nochmals alle auf die Bühne, um sich artig bei ihrem Publikum zu verabschieden.

Bleibt am Ende festzuhalten, dass die Jungs mit hundert Minuten eine ordentliche Spielzeit aufs Parkett legen, wobei man dazu sagen muss, dass davon ungefähr zwanzig Minuten die Jamsession in Anspruch nimmt. Bleiben also netto achtzig Minuten, was im Vergleich zu den vorherigen Touren eine deutliche Steigerung darstellt. Scheint fast so, als ob die Truppe die Kritik beherzigt hat. Apropos Kritik: Davon ist nach dem Ende des Konzerts nichts zu hören. Alle vorbeilaufenden Fans haben ausschließlich lobende Worte für den Headliner übrig. Darüber hinaus ist der Eintrittspreis mit 23 Euro an der Abendkasse für einen Act in der Größenordnung im unteren Preisbereich angesiedelt. Wenn man davon ausgeht, dass die Jungs von Tour zu Tour ihre Spielzeit verlängern, dann steht demnächst einem 120-Minuten-Gig nichts im Wege.

Setlist:
No World For Tomorrow
Gravemakers
Junesong Provision
A Favor House Atlantic
Ten Speed
The Hound
The Suffering
Feathers
"Evil Medley": Everything Evil / The Trooper / Devil In Jersey City
The Crowing
The Running Free
In Keeping Secrets Of Silent Earth: 3
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Welcome Home
The Final Cut

Redakteur:
Tolga Karabagli

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