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Corvus Corax - Berlin

07.01.2007 | 15:58

23.12.2006, Passionskirche

Schon vor Monaten verbreitete sich die frohe Kunde von Mund zu Mund: Die Könige der Spielleute - CORVUS CORAX - geben sich zur Weihnachtszeit in der Passionskirche zu Berlin die Ehre.

So strömen die Scharen ins heilige Haus, um die Barden zu begaffen und das Tanzbein zu schwingen. Doch so manch kurzentschlossener Wicht wird von den Türknechten barsch zurückgewiesen: "Ausverkauft!", schallt es den Pechvögeln entgegen.

Die Glücklichen, die in der Kirche jede Quadratelle Steh-, Sitz- und Liegeplatz belegen, müssen nicht zu lange ausharren. Zur achten Stunde schicken sich die Fürsten der Taugenichtse an, den Altar mit ihren selbstgezimmerten Instrumenten zu entweihen.

Die Spielleute entlocken alsbald Schalmei, Dudelsack und Schlagwerk Klänge und Takte, die sofort ins Blut gehen. Niemanden hält es auf den Sitzbänken, die verführerischen Dudelsackklänge lassen jeden den Hals recken. Die Lyrik lässt viele Münder offen stehen. Des Lateinischen nicht mächtig, ist so mancher zu dummem Glotzen verdammt.

Die Könige der Entrechteten wären keine Könige, wären sie nicht so großherzig. Sämtlichen Knechten und Mägden, die am nächsten Tag auf die Felder müssen, wird königlicherseits der folgende Tag als arbeitsfrei versprochen. Wessen Herz nicht schon durch die Musik geöffnet ward, der kniet nun nieder und ruft: "Das sind wahre Könige!"

Nie um einen Trinkspruch verlegen, ermuntern die Zechkumpanen des Bacchus jedermann, beim Weine kräftig zuzulangen. Man wolle später ein paar rote Nasen sehen, bekunden die Spielleute und verschwinden in die wohl verdiente Halbzeitpause, um sich selbst mit Wein und Weib zu stärken.

Das Gesindel lässt sich nicht lange bitten, belagert alsbald den Ausschank und lässt erst ab, als das Ende der Hablzeit von einem Dreikäsehoch eingeläutet wird. Der Kurze muss mit seiner Glocke hochgehoben werden, um überhaupt gesehen zu werden, was ihm Gelächter und Applaus einbringt.

Einer der vielen Höhepunkte des Abends ist mit Sicherheit das 'Platerspiel'. Spätestens hier kann jeder die ältesten Instrumente der Welt einsetzen: seine Pranken und Stimmbänder. Das Gotteshaus ist erfüllt vom Klatschen der Hände, und aus hunderten Kehlen schallt es "CORVUS CORAX".

Den Hoheiten aller Diebschaften rinnt der Schweiß die Hälse hinunter, doch das gierige Volk ist noch lange nicht zufrieden und fordert lauthals "Zugabe!". So viel Ausdauer wird belohnt. Noch einmal werden die Dudelsäcke prall aufgeblasen und das Schlagwerk gedroschen. In den Beinen zuckt es, tanzen ist in dem Gedränge nicht möglich, aber gehüpft wird, was das Zeug hält. Die Spielleute feuern die Meute weiter an: "Hüpft! Alle sollen hüpfen, auch ihr da oben!" Es wird gehüpft, dass sich das Gebälk verbiegt, die Empore bebt, und das Dekolleté so manch holder Maid überwindet die Schwerkraft mit Leichtigkeit.

Die beharrlich eingeforderte zweite Zugabe, eine besinnliche Gesangseinlage, macht auch dem Letzten klar, dass sich der Abend nun seinem Ende entgegen neigt. So schleichen und torkeln die Besucher dem heimatlichen Gehöft entgegen, und auch der Lichtzeichner kann mit seinem Werk zufrieden sein.

Redakteur:
Thomas Mellenthin

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