DEEP PURPLE - München

03.12.2010 | 09:02

19.11.2010, Olympiahalle

Die Väter des harten Rocks mit den Kindern des traumhaften Progs auf Tour durch Deutschland. DEEP PURPLE trifft MARILLION trifft München.

Während ganz Deutschland nach und nach im Schnee versinkt und die Kälte die Hitze des Rocksommers ablöst, bitten in der Münchner Olympiahalle die Helden des versierten Riffings und der Orgel-geschwängerten Rockrhythmen zum Tanz. DEEP PURPLE geben sich die Ehre, und fast 8000 Fans folgen dem Ruf in die legendäre Halle. Genau genommen liegt der Schnee zwar noch nicht in der Luft, doch freuen sich die Fans auf eine ganzheitliche Behandlung mit tanzbaren Melodien und eine rezeptfreie Melange aus Klassikern und überbordenden Jamsessions, die es für saftige sechzig Euro direkt auf die Hand gibt.

Der erste Blick in die recht gut gefüllte, aber bei weitem nicht ausverkaufte Halle zeigt einen bunten Strauß aus Jung- bis Altrockern und vollen Mähnen bis schütteren "Da war doch mal mehr Haupthaar"-Frisuren. Eltern kommen mit ihren Kindern, nicht immer ist es klar, wer hier wen angefixt hat. Eines haben sie allerdings alle gemeinsam: Das Lächeln, das die Herren von der Insel in die Gesichter der treuen Fans zaubern, ist generationsübergreifend.

Und den ersten Grund des Abends, sich zu freuen, stellen die im Vergleich zur Hauptband noch recht jungen MARILLION dar, welche sich gute zehn Jahre nach DEEP PURPLE gegründet haben. Ruft man sich ins Gedächtnis, dass PURPLE schon 1968 geboren wurden, kann von "jung" allerdings keine Rede mehr sein. Und so kommt Sänger Steve Hogarth als gebrochener Mann auf die Bühne, schwer am Stock gehend und zitternd wie ein Aal auf Landurlaub. Verwirrung ob des Gesundheitszustandes des Ausnahmesängers entsteht allerdings nur kurz, denn mit den Tönen von 'The Invisible Man' legt er die Maskerade ab und leitet als charismatischer Frontmann mit dem richtigen Gefühl für Theatralik durch den Abend. Der melodische Progrock der Briten kommt gut an, auch wenn oder gerade weil sich die Band immer wieder in den eigenen kosmischen Vibes verliert.

Zu behaupten, die Band würde den Saal zum Kochen bringen, wäre völlig daneben, denn vielmehr brandet die MARILLION-Welle immer wieder auf und reißt die Hörer mit fantastischen Melodien in fremde Welten. Ab und zu groovt es sogar richtig, aber im Großen und Ganzen ist es eher eine emotionale Wegbereitung für den Gastgeber des heutigen Abends.

Leider ist die Mischung nicht perfekt, und so wummert sich der Bass durch die bayrischen Mägen, viel zu präsent und laut. Doch um dies zu toppen, setzt in der Mitte des Auftritts die PA der Olympiahalle aus. Eine Sache, die in einer derart professionellen Umgebung schlicht und ergreifend nicht vorkommen darf. Nun, sie tut es, und so ist es an den Fans, die Stimmung aufrechtzuerhalten, was gar vortrefflich gelingt. Und diese Episode zeigt, wie gut MARILLION tatsächlich ankommen.

Mit 'Neverland' spielen sie dann jenen Song, der auch den Letzten in der Halle überzeugen muss. Was für ein Jahrhundertwerk. Und ich bin sicherlich nicht der Einzige, der sich nach diesem Konzert mit dem Backkatalog der Band auseinandersetzen wird.

Tja, und dann ist es so weit. Eine Legende des Rocks tritt auf die Bühne. In der MK-VIII-Besetzung gelingt es der Band außerordentlich gut, an alte Erfolge anzuknüpfen. Und auch wenn es den wenigsten Leuten wirklich klar ist: Mit dem 2005 veröffentlichten Album "Rapture Of The Deep" ist den Herren auf der Schwelle des Altersheims ein richtig gutes und starkes Album gelungen. Doch natürlich – und damit wird der Mehrzahl der langjährigen Fans in der Halle absolut gedient sein – liegt der Fokus der Setlist auf mehr oder weniger oft gespielten Klassikern.

Zu den Klängen von 'Highway Star' stürmen die bislang von Arthrose verschont gebliebenen Götter auf die Bühne und schicken die Fans auf eine Reise in den regenverhangenen englischen Olymp in der Olympiahalle. Der direkte Übergang zu 'Hard Lovin' Man' beweist die große Spielfreude des Quintetts und reißt schlicht und ergreifend mit.

Der swingende Stil des Schlagzeugers Ian Paice wurde vielfach gerühmt und kommt live noch ein Stückchen mehr zur Geltung als auf Platte. Da macht die Aussage 'Maybe I'm A Leo' gleich noch viel mehr Spaß, auch wenn der heutige Abend sicher die eine oder andere 'Strange Kind Of Woman' in München vereinigt.

Gut, gut, das war es erstmal mit den dümmlichen Wortspielen, denn Ian Gillan und Steve Morse nutzen die Bühne für ein Duell zwischen Gentlemen. Wer gewinnt, wird nicht klar, im Zweifel das Publikum. Auf jeden Fall zeigt sich Morse in bester Spiellaune, lächelt ins Publikum und lässt die Thrombosesocken der weiblichen Fans schmelzen. Seine fast sechzig Jahre merkt man ihm definitiv nicht an, so schnell wie die Finger über das Griffbrett flitzen. Eine wahre Freude sind die ausufernden Soloeskapaden und im Moment des Spiels weggewischt die Zweifel, ob Steve Morse jetzt eigentlich zu DEEP PURPLE gehört oder zwei Pole aufeinandertreffen, die sich irgendwo über den Mangel an Mr. Blackmore definieren. Don Airey steht seinen Bandkollegen in nichts nach und nutzt das ihm zur Verfügung stehende Instrument für gewaltsame Frankensteinexperimente zwischen Bach und interstellaren Raumflügen.

Obwohl die Lichtanlage in der Olympiahalle durchaus stimmig eingesetzt wird, kommt die Atmosphäre über die Musik. Denn weder durchschneiden rasante Laser die Halle noch gibt es unsinnige Videoinstallationen im Hintergrund. Die Hauptattraktion heißt DEEP PURPLE, und davon wird nicht abgelenkt. Auch wenn die Mitmusiker alles tun, um von Ian Gillan abzulenken – im positiven Sinn natürlich, denn jeder dieser Herren ist ein Meister seines Fachs. Bei jeder Tour kommt die bange Frage auf, ob der Mann mit der Wunderstimme noch bei, ja, Stimme ist. Die Setlist orientiert sich am Status Quo seiner Fähigkeiten. Und auch wenn Gillan vielleicht nicht wie ein junger Gott singt, so ist er auch heute noch weit mehr als ein Schatten seiner selbst.

Es ist eine große Freude, all jene Rocksongs live mitzuerleben, die man seit Jahren oder gar Jahrzehnten kennt. Und so verzaubert der 'Smoke On The Water' die faltigen Gesichter der ewig Junggebliebenen zu einem fetten Grinsen, während ein letztes 'Hush' ertönt und die Fans in die 'Black Night' entlassen werden.


Setlist DEEP PURPLE:
Highway Star
Hard Lovin' Man
Maybe I'm A Leo
Strange Kind Of A Woman
Rapture Of The Deep
Fireball
Silver Tongue
Contact Lost (Solo Steve Morse)
When A Blind Man Cries
The Well-Dressed Guitar
Almost Human
Lazy
No One Came
Key (Solo Dan Airey)
Perfect Strangers
Space Truckin'
Smoke On The Water
----
Hush
Black Night

Redakteur:
Julian Rohrer
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