DEVIN TOWNSEND, HAKEN - Berlin

13.12.2019 | 07:39

27.11.2019, Astra Kulturhaus

Der verrückte Professor des Prog ist mit neuer Band und neuem Album im Gepäck auf Tour. Als Support heizt HAKEN ein.

Devin Townsend, der verrückte Professor des Prog, tourt derzeit wieder durch unsere Breitengrade. Im Gepäck hat er natürlich sein aktuelles Album, welches mich seit seinem Erscheinen begeistern kann und was mich ebenso richtig freut: HAKEN ist als Support dabei! Klare Sache also, dass ich mir das auf keinen Fall entgehen lassen darf. Da nimmt man auch mal eine etwas weitere Anreise in Kauf und opfert sogar zwei wertvolle Urlaubstage, denn bei mir ums Eck gastiert The Dev leider nicht.

Recht früh schlage ich am Astra Kulturhaus auf und habe daher noch ausreichend Zeit, um am Merch-Stand shoppen zu gehen. Hier gibt es sogar ein Glücksrad, bei dem man mit dem Einsatz von 5 Euronen die einmalige Chance auf "Meet the Dev!" hat. Ansonsten gibt es noch Trostpreise in Form von verschiedenen Artikeln aus dem Merch-Sortiment nach Wahl abzustauben. Da ich den Dev heute Nachmittag schon im Rahmen eines Interviews getroffen habe, lasse ich den anderen Gästen gerne den Vortritt. Einige haben tatsächlich soviel Glück, dass das Rad genau auf "Meet the Dev!" stehenbleibt, was sich durch eingespielten Jubel bemerkbar macht. Wenig später im Raucherbereich höre ich bereits die ersten Klänge von 'Affinity,exe', weshalb ich schnell nach drinnen eile.

HAKEN steht schon auf der Bühne und das sogar etwa zehn Minuten früher als offiziell angekündigt. Es dauert nicht lange, bis sich der halbleere Konzertraum des Astra schlagartig füllt. Die Briten legen mit 'Puzzle Box' vom aktuellen Album "Vector" gleich richtig los, die für die Bandverhältnisse etwas härteren Songs reißen offenbar nicht nur bei mir offene Türen ein, sondern scheinen dem restlichen Publikum ebenso viel Spaß zu machen. Die Stimmung ist von Beginn an richtig gut und man hat zu keiner Zeit den Eindruck, dass hier gerade der Opener auf der Bühne steht. Die Musiker tauen bei jedem Song mehr auf, als wollten sie sich immer mehr steigern. Vor allem Richard Henshell (Gitarre) und Conner Green (Bass) zelebrieren jede einzelne Sekunde. Auch Frontmann Ross lässt sich von den beiden anstecken und wird ebenfalls immer aktiver auf der Bühne. Mit einem Augenzwinkern erzählt er, dass HAKEN in Deutschland ja noch nicht so bekannt ist und deswegen jetzt einer ihrer größten sogenannten Hits gespielt werde. Gemeint hat er damit 'Cockroach King', welcher hier natürlich in der langen Version dargeboten wird und nicht in der deutlich kürzeren Version des offiziellen Videos. Sogar die Gesangsparts, an denen fast die komplette Band beteiligt ist, bekommen die Briten ohne Fehler hin. Für Devin darf das Publikum ebenfalls noch applaudieren, bevor mit '1985' leider auch schon der letzte Song von HAKEN angestimmt wird. Als die Stelle mit dem genialen 80-er Jahre Videospiel-Gedächtnissynth kommt, schnappt sich Diego Tejeida kurzerhand seine Keytar und zelebriert diesen Moment an vorderster Front mit den Fans. Ross, der kurz hinter der Bühne verschwunden war, kommt mit einer neuen Version der Blinkebrille auf der Nase zurück und gibt mit seinen Kollegen noch einmal alles. Zum letzten Mal an diesem Abend gibt es lauten Jubel für HAKEN, die Zuschauer dürften jetzt richtig heiß sein auf Devin. HAKEN hat wie immer eine grandiose Show abgeliefert, die gerne auch etwas länger hätte sein dürfen. Eine knappe Dreiviertelstunde ist für so eine Band einfach zu wenig.

Setliste: Affinity.exe; Puzzle Box; A Cell Devides; Earthrise; Nil By Mouth; Cockroach King; 1985

Während der Pause dudeln liebliche Klänge aus den Lautsprechern, die ebenso aus einem Werbespot für eine Hawaii-Reise stammen könnte. Auch das Bühnenbild ist entsprechend gestaltet, da wundert es auch keinen mehr, als die Musiker der neuen Band um Devin Townsend nacheinander auf die Bühne kommen, allesamt bekleidet mit knallbunten Hawaii-Hemden und bewaffnet mit tropisch anmutenden Trinkgefäßen inklusive Schirmchen.

Als DEVIN TOWNSEND schließlich als Letzter und mit breitem Grinsen im Gesicht die Bühne betritt, ist der Jubel sogar noch größer als bei den übrigen Musikern. Devin erzählt, dass er das Publikum für die nächsten Stunden mit in den Urlaub nehmen möchte und es gibt mit 'Borderlands' und 'Evermore' gleich zwei Tracks aus dem aktuellen Album "Empath". Die komplett neue Band macht einen gut eingespielten Eindruck, hinter dem Keyboard gibt es mit Diego Tejeida von HAKEN sogar einen alten Bekannten zu sehen. Neben zwei weiteren Gitarren und Bass hat Devin noch einen aus drei Frauen bestehenden Chor dabei, welcher ihn gesanglich unterstützt. Zugegeben, ein solches Bühnenbild bekommt man auf einem Metalkonzert auch nicht jeden Tag geboten. Alles ist irgendwie auf Urlaub getrimmt und im Hintergrund werden auf einer Leinwand passende Videosequenzen zu den einzelnen Tracks eingespielt. In die Songs werden immer wieder kleine Soloeinlagen eingearbeitet, was man von Devin Townsend in dieser Häufigkeit sonst eigentlich eher nicht so gewohnt ist. Dem Publikum gefällt es und so wundert es auch nicht, dass jeder einzelne Song mit frenetischem Applaus bedacht wird.

Natürlich erwarten viele Zuschauer von Devin auch einige ältere Songs aus der DEVIN TOWNSEND PROJECT-Zeit und auch die werden nicht enttäuscht, denn es werden beispielsweise 'Deadhead' und 'Lucky Animals' gespielt. Mein absoluter Favorit 'Heatwave' kommt heute leider nicht mehr zum Zug, auf den obligatorischen Hut, den sich Devin bei diesem Song sonst immer aufsetzt, warte ich daher leider vergeblich. Wechselnde Bühnenoutfits gibt es bei den einzelnen Musikern mal mehr mal weniger häufig zu beobachten, den Vogel schießt Devin dabei selbst ab, als er 'Why?' in Boxershorts performt, über die er einen durchsichtigen Tüllrock gezogen hat. Wem an dieser Stelle noch nicht aufgefallen ist, dass der Mann einen ziemlich schrägen Humor hat, merkt dies spätestens als er erzählt, dass sein bestes Stück gar nicht mal so groß ist und er wenig später bei der Frage ans Publikum, wer hier alles keinen Penis hat, selbst grinsend die Hand hebt.

Für alle Zuschauer, die keine Karte für die letzte Tour ergattern konnten, wird 'Spirits will collide' in einer Akustik-Version gespielt, anschließend verabschiedet sich Devin bereits vom Publikum, kündigt aber gleichzeitig an, dass die Band nochmal herauskommen wird, falls die Zuschauer dies wünschen. Und ob die das wünschen, welche Frage. Lange muss daher nicht "One more song!" gerufen werden, bis die Band samt Devin ein Einsehen hat und erneut auf die Bühne kommt, um noch einige Nummern zum Besten zu geben. Hier wird es zunächst wieder etwas abgedreht, denn es gibt mit 'Disco Inferno' eine Coverversion des alten THE TRAMMPS-Klassikers, was große Teile des Publikums sichtlich in Tanzlaune versetzt. Anschließend wird mit 'The Black Page #1' von FRANK ZAPPA nachgelegt und als krönenden Abschluss wird noch der eigene Hit 'Kingdom' ausgepackt. Damit geht dann die Show von DEVIN TOWNSEND leider nach über zwei Stunden auch schon zu Ende und die Gäste strömen glücklich und zufrieden aus dem Astra Kulturhaus, nachdem sie die Band in den verdienten Feierabend verabschiedet haben.

Setliste: Borderlands; Evermore; War; Sprite; Coast; Gato; Heaven Send; Ain't Never Gonna Win; Deadhead; Why?; Lucky Animals; Castaway; Genesis; Spirits Will Collide; Disco Inferno (THE TRAMMPS-Cover); The Black Page #1 (FRANK ZAPPA-Cover); Kingdom

Insgesamt war das ein perfekter Konzertabend. DEVIN TOWNSEND hat mit seiner neuen Band auf ganzer Linie überzeugt und sein aktuelles Album "Empath" gebührend präsentiert und hatte mit HAKEN sicherlich einen der besten Opener aus dem Bereich des progressiven Metal mit an Bord, den er aktuell bekommen kann. Das Publikum war ebenfalls in bester Stimmung und das Astra Kulturhaus war sogar ziemlich voll, womit man bei einem Termin an einem Werktag ja auch nicht immer rechnen kann. Auch soundtechnisch gibt es nichts zu beanstanden. Mir bleibt daher gar nichts anderes übrig, als eine klare Empfehlung zu dieser Tour und zu diesen Bands auszusprechen. Ihr werdet es sicher nicht bereuen, auch wenn der Anfahrtsweg eventuell etwas weiter ist als sonst.

Redakteur:
Hermann Wunner

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