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Dark Forces Festival - Göppingen

06.01.2007 | 15:26

30.09.2006, Chapel

Was ist stilvoll? Einer Frau eine Rose schenken? Das Auto des verhassten Nachbarn in die Müllpresse fahren? Alles richtig. Nur weitaus stilvoller ist es, ein Metal-Festival in einer alten Kapelle stattfinden zu lassen. Und genau das war hier der Fall. Das "Chapel" in Göppingen öffnete hierfür seine Tore.

Nach kurzer Fahrt und einer Futterpause kamen wir am Ort des Geschehens an und betraten sogleich das Gotteshaus. Dort drin war es richtig gemütlich: Die bemalten Glasscheiben der Kapelle spendeten ein behagliches Licht, und es gab genug Möglichkeiten, sich hinzusetzen. Die Bühne kam durch die Buntglasumrahmung sehr majestätisch und erhaben rüber. Ein Blick auf die Preisliste machte auf die angenehmen Preise aufmerksam, die z. B. für Bier bei zwei Euro und für Gyros bei zwei Euro bis 4,50 Euro lagen. Da griff man doch gerne zu.

Schon startete die erste Band. STAHLMAGEN nannte sich der Opener, und der hatte nicht wenige Fans mitgebracht. Der abwechslungsreiche Death/Black/Gothic/Extrem-Mix wusste mit seiner rhythmischen, kraftvollen und trotzdem leicht kranken Art sofort zu überzeugen und trug dazu bei, dass sich die erste Reihe in ein kreisendes Haarmeer verwandelte. Der kleine Sänger mit seiner ziemlich wahnsinnigen Grunzkrächzstimme sah dagegen recht lustig aus, hatte sich dieser doch weiße Tücher an Arme und Beine gebunden. Welchen Zweck dies erfüllte, weiß ich bis heute nicht. Sogar eine Frau unterstützte die Mannen in einigen Songs mit ihrem klaren Gesang und sorgte so für weiteren willkommenen Abwechslungsreichtum. Man merkte, dass die Jungs ihre Klampfen und Felle gut beherrschten und viel Spaß am Spielen hatten, denn jeder Ton harmonierte mit den anderen, keine unschönen Aussetzer oder Rauschattacken kamen zustande, und der Gute-Laune-Funken sprang immer wieder aufs Publikum über. Die Band hatte sichtlich ihren Spaß.

Nach diesem durchaus gelungenen Opener führte der Weg nach draußen zu den Bands und Kumpels. Und da hörte ich es: Ex-IMMORTAL "Abbath" befand sich doch tatsächlich im Backstage-Bereich. Grund hierfür war ein nahe dieses Festivals stattfindender Interview-Termin für sein neues Projekt I bei Nuclear Blast. Zu schade, dass ich nicht backstage durfte. Denn wenn sich in solch einem Kaff schon mal solch ein Musiker aufhält, muss man das doch ausnutzen. Was soll's. Bier leer, Bauch voll und Stift offen. Der nächste Auftritt wartete.

Diesmal waren SEEK FOR YOUR VIOLENCE mit ihrem selbst erfundenen "Ass Fucking Metal" dran. Nur konnte man auf das "Ass Fucking" und "Metal" lange warten [Ersteres wäre aber sicher ein Hingucker gewesen ... d. Red.], denn diese dreiköpfige Band legte einen wahrhaft schändlichen Auftritt hin. Die Songs wurden lieblos heruntergespielt und sogar mit Aussetzern und Disharmonie gestraft. Einzig die Gitarrenarbeit und das Stimmvolumen des Mikroträgers stimmten. Hinzu kamen die trägen bzw. einfallslosen Ansagen des Frontmanns, die das Publikum sichtlich einschläferten. Kein Vergleich mit dem aufgeweckten Publikum bei STAHLMAGEN. Abwechslung kam hier nicht auf. Das war weder "Ass Fucking" noch gescheiter "Metal", das war einfach traurig. Der Opener-Platz wäre hier eher in Frage gekommen.

Eine kurze Pause und ein Fladenbrot mit lecker Gyros später war die nächste Formation am Start: DEAFCON. Diese Hardcore–Freaks gingen sofort ab wie Schnitzel und heizten der Menge gut ein. Dabei stand das Schlagzeug sehr stark im Vordergrund. Leider schon etwas zu stark. Die überzeugende Gitarrenarbeit entschädigte für dieses kleine Problem aber zur Genüge. Interessant fand ich den Thrash–Einschlag, der sich vor allem beim Drumming bemerkbar machte und dem Gesamtbild einige kreisende Köpfe bescherte. Insgesamt kamen die Jungs professionell und spielfreudig rüber und wussten diese Laune auf die Zuhörerschaft zu übertragen.

Ähnlich sah es bei IMMORTAL RITES aus. Die Melodic-Death-Metaller hatten einige Fans dabei. Und die wussten, wie man abgeht. Die Frontmänner selbst kamen mit ihrem schnellen, kratzigen Gitarrengeschrubbe und dem fiesen Shouting des Sängers gut an, verloren aber in den Zwischenansagen an Glaubwürdigkeit. Diese waren meiner Meinung nach einfach zu mager. Beunruhigen ließen sich die Fans jedoch nicht; die Musik war da logischerweise wichtiger. Ein Manko war leider der teils etwas schiefe Sound und die rauschenden Gitarren, welche den Gig durchzogen. Insgesamt aber ein netter Auftritt.

Da mich die letzte Show eher unbeeindruckt zurückließ, erwartete ich umso gebannter die Tech-Death-Metal-Panzerbrigade DEADBORN. Da ich selbst ein Fan jenes Genres bin, erwartete ich viel, bekam aber weitaus mehr geboten. Die Buben knüppelten präzise alles nieder, was sich in den Weg stellte. Wer schon mal einen Auftritt von NECROPHAGIST gesehen hat, konnte beim Dark Forces Festival einige Parallelen feststellen. Und ich frage mich wirklich, wie ein Drummer so ein Gebolze so lang aushalten kann. Denn hier waren die Blasts fast durchgehend, aber immer technisch perfekt ausgeführt. Bemerkenswert. Und Einflüsse von CANNIBAL CORPSE schlichen sich auch in meine Ohren. Auch die derben Growls der Frontsau ließen keine Wünsche offen - allerhöchstens das Auftreten des Kahlkopfes. Dieser schaffte es gekonnt, sich wie ein Patient einer Irrenanstalt zu verhalten, dem die Schädelzwinge abgenommen wurde. Es wurde der Kopf geschüttelt, die Zunge rausgestreckt und gestört geguckt, was das Zeug hielt. Trotzdem schaffte er es wie durch ein Wunder, dabei ernst auszusehen. Ein witziges Schauspiel also. Mein Hals war danach auf jeden Fall für einige Tage nicht mehr verwendbar.

Nun gab's eine Auflockerung für zwischendurch, ein Gewinnspiel. Hier wurden einige Eintrittskartennummern aufgerufen, und der glückliche Besitzer wurde mit X-Tra-X-Merchandise, Gothic-CD-Samplern (heul!) und Bier (juhuu!) beschenkt. Da viel zu wenig Karten verkauft worden waren, konnten sich jedoch auch einige Leute ohne genannte Ticketnummer (darunter ich) glücklich schätzen. So ein gewonnenes kaltes Bier schmeckt doch einfach doppelt so gut!

Nach der Erfrischung ging's nun weiter mit APOPHIS. Diese Jungs schafften es, einen wahrhaft klasse Gig hinzulegen. Die "Profi-Aura", wie ich sie einfach mal nenne, war sofort erkennbar, und man merkte, dass in jedem Handgriff der Band Leidenschaft steckt. Die Instrumente waren perfekt aufeinander abgestimmt und wurden makellos beherrscht. Einzig die Toms waren anfangs etwas zu dominant. Dies änderte sich jedoch schnell. Allgemein gesehen gingen die schreddernden Gitarren und die extrem taktsichere und abwechslungsreiche Gesamtkomposition in Kombination mit dem leicht an UNLEASHED erinnernden Gesang sofort in Blut und Nackenmuskulatur über. Death Metal, wie er sein muss. Die Menge schien meine Meinung zu teilen und moshte unterstützt von den Ansagen des gut gelaunten Stimmbandalbtraums gut ab.

Zu später Stunde füllte sich der Platz vor der Bühne erneut, und Rufe nach dem Headliner wurden laut: DESASTER. Die Black-Thrasher hatten sich schon ein nettes Bühnenbild aufgebaut. Vor den Bassdrums türmten sich zwei große umgedrehte Kreuze auf. Sah vor den großen Kirchenfenstern sehr stilvoll aus. ;) Das dürften sich auch einige andere gedacht haben. Und wieder ging ein Blastgewitter auf die tobende Menge los. Die selbstbewussten Muskelprotze wussten, was sie tun. Und sie taten es gut. Wieder passte alles zusammen, und nichts klang schief oder überdreht. Das eigensinnige Genre zog viele Fans an, welche begeistert ihre Matten kreisen ließen und die Band immer wieder mit Zurufen belohnten. Sie hatten auch allen Grund dafür. Das hektische Drumming und die sägenden Gitarren leisteten ihren Teil der Arbeit, während die aggressive Stimme des Stimmbandschlachters die kochende Menge weiter anheizte. Zu guter Letzt wurde noch eine beachtliche Fanschar auf die Bühne geholt, die fröhlich mit den umgedrehten Kreuzen spielte und grimmige Posen versuchte. Nebenbei bemerkt tanzten die Jungs von STAHLMAGEN zur gleichen Zeit besoffen und sich drehend durch die Menge und rempelten den einen oder anderen an. Eine sehr lustige Angelegenheit, wenn schlagartig weiße Bändel vorm Gesicht vorbeihuschen und ein leichter "Aua!"-Schrei von links ertönt. Sehr geil!

Nachdem alle Bands den Abend bereichert hatten, wurde langsam aufgeräumt und getrunken. Irgendwann hieß es dann: "Hey Leute! Wer noch Hunger hat, kann backstage kommen. Wir haben noch kistenweise belegte Brötchen da." Sehr schnell wurde klar, dass zwanzig angetrunkene/betrunkene und hungrige Metaller nicht auf einmal durch eine Tür passen, und die Kisten wurden nach draußen getragen, wo ich mir fünf dieser Happen reinzog. Satt und halb taub rief nun unser Auto nach uns, um uns sicher heimzufahren.

Insgesamt bin ich recht zufrieden mit dem Festival. Die Stimmung war gut und locker, es gab wie fast immer keinen Stress, zu essen und trinken war reichlich da, und die Leute waren gut drauf - bis auf einen rumstressenden Getränkeverkäufer, der wohl meinte, er sei der Chef, als er uns Plakate herumtragende Meute anfuhr. Schade waren die wenigen zahlenden Besucher. Es dürften etwa um die 200 bis maximal 250 gewesen sein. Schade für den Veranstalter. Ansonsten kann ich dieses Festival schon allein wegen der Location weiterempfehlen.

Auf ein weiteres Dark Forces!

[Sebastian Schneider]

Redakteur:
Gastautor

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