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Disillusion (Listening Session) - Leipzig

22.08.2006 | 19:49

12.08.2006, UT Connewitz

Mit progressivem Death Metal haben Leipzigs Hopefuls von DISILLUSION auf sich aufmerksam gemacht und sind bereits jetzt ein ganz heißes Eisen in der Szene, obwohl sie gerade mal einen Longplayer unters Volk geschleudert haben. "Back To Times Of Splendor" heißt das gute Stück, und in Kürze wird nun der Nachfolger mit dem Titel "Gloria" ein weiteres Kapitel im Werdegang von DISILLUSION auftun.
Eine kleine Schar von neugierigen Pressevertretern findet sich deshalb am 12. August in Leipzig ein, um den Klängen des neuen Albums zu lauschen. Das Ambiente im UT Connewitz ist hierfür perfekt, das alte Gemäuer versprüht nämlich einen leicht morbiden Charme und hat zudem Geschichte. Es handelt sich hierbei nämlich um das älteste noch bespielte Kino in Deutschland (seit 1912).

Zweimal lässt die Band die neue Scheibe durchlaufen, und danach sitzt man geplättet da und muss das eben Gehörte erst einmal verarbeiten und die Gedanken neu ordnen. Dass man bei DISILLUSION keinen Abklatsch vom so erfolgreichen Vorgänger und Debütalbum "Back To Times Of Splendor" zu erwarten hatte, ist schon klar. Aber dass die neue Scheibe sich so weit vom Vorgänger entfernen würde, ist ebenso überraschend wie mutig. Der neue Rundling hört wie schon erwähnt auf den Namen "Gloria", und als Sinnbild für die Veränderungen im DISILLUSION-Camp kann man wohl das neue Bandlogo auffassen. Rechts der Bandname in drei Zeilen und links ein Kopf mit ernstem Gesicht - so sieht das Logo ab sofort aus.
Hmm, und wie klingt es nun, das neue Album? Natürlich machen DISILLUSION es dem Rezensenten nicht leicht, nach nur zwei Hördurchläufen genau konstatieren zu können, worin die Veränderungen nun genau bestehen und wohin die Reise geht. Also nähern wir uns mal schrittweise den elf Songs.

Los geht's mit 'The Black Sea', das mit seinem wilden Intro für einen ziemlich kraftvollen Einstieg sorgt. Der erste ungewöhnliche Song, der mit verzerrten Vocals und weiblichem Hintergrundgesang daherkommt.
Beim Einstieg zu 'Dread It' fühle ich mich unweigerlich an DEVIN TOWNSEND erinnert, wobei der Gesang sich eher in NICK CAVE-Gefilden bewegt. Nach einer kurzen Anlaufphase baut sich ein majestätischer Spannungsbogen auf, und man kann nur sagen: Überraschung gelungen.
'Don't Go Any Further' ist dann der kraftvolle Stampfer (mit melodischen Zwischentönen, damit's schön abwechslungsreich bleibt), der für eine erste Explosion sorgt. Hubschraubergeräusche, verzerrter Gesang und viel Druck von den Klampfen. Das Ding wird live zur Bombe.
'Avalanche' setzt dann auch gleich wieder einen Kontrapunkt, klingt irgendwie anklagend und düsterer als die Nummern zuvor.
In den Titeltrack steigt man mit einem kurzen Gothic-Intro ein, und dann geht's ab durch die Hecke. Schon wieder erinnert mich das Ganze leicht an DEVIN TOWNSEND, und als Kontrast gibt's dazu THERION-artige Sopran-Chöre aus der Dose. DISILLUSION arbeiten viel mit verzerrtem Gesang (nicht nur in diesem Stück), der leicht an militärischen Funkverkehr aus irgendwelchen alten Kriegsfilmen erinnert.
'Aerophobic' ist das erste von insgesamt zwei Instrumentals und hui - hier werden dem Hörer plötzlich treibende Elektro-Beats vor den Latz geknallt.
Ein wenig beklemmend startet 'The Hole We Are In' und geht dann allmählich in einen Metalsong mit fiesen Ausbrüchen über. Klingt irgendwie bösartig und erinnert vom Riffing her an Black Metal, wenn auch ohne Gekeife.
'Save The Past' ist leicht elektronisch angehaucht und von einer gewissen rohen Wildheit. An diesen Song komme ich aber irgendwie (noch) nicht so richtig ran, der muss sich mir definitiv noch richtig erschließen.
'Lava' ist dann ein grooviges Instrumental, über dessen schweres Riffing sich eine leichte Melodie legt. Interessant hierbei, dass das prägnante Geschrubbe nicht von einem Bass kommt, sondern tatsächlich auf der Gitarre gezockt wurde, wie uns Rajk später mit nicht unbeträchtlichem Stolz ob des monströsen Klampfensounds erzählte.
Ebenso prägnant klampft dann 'Too Many Broken Cease Fires' los, dazu werden Clean Vocals aufgetischt. Dann fällt ein Schuss, und man hört nur noch Wassergeplätscher, das hier geschickt den Rhythmus bringt und eine einfühlsame Melodie unterlegt.
Den zerbrechlichen Ausklang bildet dann mit 'Untiefen' ein Song, der trotz des deutschen Titels mit englischen Lyrics daherkommt. Ein ruhiger und einfühlsamer Schluss für eine sehr vielseitige Platte.

Es wird schnell klar, dass viele neue Facetten in den DISILLUSION-Sound transportiert werden, wobei die Songs keineswegs überladen klingen, sondern trotz allem das Kunststück fertig gebracht wird, eine homogene Scheibe an den Start zu bringen. Das Ganze ist nicht so hektisch wie "Back To Times Of Splendor" und wirkt selbst an den heftigen Stellen irgendwie entspannter. Klar, DISILLUSION haben ihr reines Metalalbum hinter sich, und jetzt gilt es offenbar, auch andere Facetten auszuloten und zu integrieren.

"Gloria" ist kein wirkliches Konzeptalbum, auch wenn die Lyrics eine gewisse thematische Einheitlichkeit nahe legen. Trotzdem können die Songs auch für sich allein stehen, so gibt es fast keine fließenden Übergänge zwischen den Stücken, dafür aber einige stilistische Sprünge zwischen ihnen. Die elf Songs beinhalten Metal, Gothic, Dark Rock, ein bisschen Elektro bis hin zu PINK FLOYD-Gefilden; und selbst das fasst die Bandbreite nur sehr rudimentär zusammen. Abgerundet wird das Ganze mit einem sehr schlichten Cover, das wohl einfach nur ausdrücken soll: "Let the music do the talking".

Was gibt es sonst noch zu sagen? Beinahe obligatorisch, dass es auch dieses Mal wieder Kontroversen im Entstehungsprozess der Scheibe gab, wobei die dieses Mal wohl nicht so existenzbedrohend für die Band waren wie vor "Back To Times Of Splendor".
Ach, und eh ich es vergesse, eines ist doch beim Alten geblieben. Man hat leider immer noch keinen Basser an der Angel, wobei den Jungs wirklich zu wünschen wäre, dass sie da mal den richtigen Mann oder die richtige Frau finden.

Schlusswort: Aufgeschlossene Hörer mögen sich auf ein spannendes und vielseitiges Album freuen, ohne dabei jedoch den Vorgänger zu sehr im Hinterkopf zu haben.

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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