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Doom Over Leipzig 2015 - Leipzig

30.05.2015 | 14:09

08.04.2015, UT Connewitz

Es treffen sich einige der angesagtesten Acts aus dem Doom und angrenzenden Genres, um vier Tage lang in eindrucksvollem Ambiente den dunkel-dröhnenden Klängen zu frönen.

Was da im Vorfeld durch die etablierten Medien über das Fest an sich oder die Macher von Swansea Constellation geistert - meine Herren und Damen, das ist schon enorm angewachsen, dieses Interesse. Jedes Medium, welches für sich noch einen Blick in die Undergroundgefilde selbstbeansprucht, berichtet über das nunmehr viertägige Festival im wunderbaren UT Connewitz im Süden Leipzigs. Hinzugetreten als Veranstaltungsort ist die Galerie KUB, die sich durch wirklich unabhängige jahrelange Arbeit in der Kunstszene einen Namen erworben hat und offen ist für alle Arten von Experimenten und Kooperationen. Hier laufen die Ausstellungen, die zum Beispiel in diesem Jahr den Künstlern Raum geben, die den ganz eigenen morbiden Doomstil in Bilder und Stimmungen verpacken. Album-Cover, Fotos und Installationen locken viele Festivalbesucher in die Kantstraße. Feine Idee.

Längst ist auch bewiesen, dass Doom nur ein ungenauer, grob zu begrenzender Begriff geworden ist - und die alljährliche Zusammenstellung des DOL weist auch 2015 in diese Richtung. Außerdem haben die Verantwortlichen Eldar Fano und Alex Obert zu diesen Fragen mehrmals und eindeutig Stellung bezogen und das leicht muffige Genre somit auch mit der fälligen Frischzellenkur in Verbindung gebracht. Verdient ist der Erfolg also allemal, alle Tage sind auch bereits im Vorfeld ausverkauft. Was im UT Connewitz aber keine stickige, platzlose und gedrängte Atmosphäre bedeutet. Bequemes Herumstehen ist kein Problem und Besucher brauchen nicht befürchten, dass Zurückeilende ihnen das gerade angesetzte Getränk durch den Mund in das Kleinhirn rammen. Die Voraussetzungen sind sehr gut, Entspannung angesagt, auch wenn es laut wird.

Den ersten, den Mittwochabend, bestreiten zwei Hochkaräter. Zunächst HELMS ALEE aus Seattle. Zwei Frauen an der Rhythmusfront, ein Bart mit Bock auf ganz viel Sound aus der Gitarre. Dieser Einstieg schmeckt, Schlagzeugerin Hozoji Matheson-Margullis berserkt und grient dabei, es scheppert, es flirrt, das Ganze ist trotzdem nie eintönig und sehr variabel gestrickt. Der Doppelgesang steht dem Trio sehr gut.

Dann kommt der Nebel. Im Grunde kann ich ein gesamtes Konzert lang nur die Finger des Gitarristen der RUSSIAN CIRCLES erkennen, einem US-Trio, das das erste Highlight des Festivals ist. Da! Da zuckt auch mal der Bassist durch die Schwaden nach vorn. Ansonsten gibt es die Instrumentalkeule, Post Metal Rock der strikten Sorte. Die Band spielt ihr Set herunter und hat wiederum neue Fans zu verzeichnen.

[Mathias Freiesleben]

Weiter geht es mit einem sehr unterschiedlichen Viererpack am Abend des folgenden Donnerstags. TOMBSTONES, das Trio aus Norwegen, übernimmt den Auftakt. Als eine von nur vier europäischen Bands ist man damit deutlich in der Minderheit. Extrem viel Amiland-Doom gibt es dieses Mal zu sehen, dazu kommen zweimal Frankreich und je einmal Belgien und Norwegen, aber kein einziger einheimischer Vertreter - das ist das sehr US-lastige DOL 2015. Aber qualitativ ist man, was die Bandauswahl betrifft, über jeden Zweifel erhaben. Zurück zu TOMBSTONES. Die Truppe gefällt mir dann am besten, wenn es flott zur Sache geht. Wilder Doom mit einigen Variationen, das ist ziemlich cool. Wenn es hingegen in langsames Gedröhne abdriftet, dann ist mir das doch etwas zu langweilig.

Fünf Kapuzenleute, die sich BOTANIST nennen, präsentieren im Anschluss eine unkonventionelle Mischung zwischen Vogelgezwitscher, Post Rock und Black-Metal-Raserei. Das ist im Ersteindruck ziemlich interessant, zumal das "botanische" Konzept sich ebenso durch Texte und Artwork zieht. Dass es auch einige ruhige Passagen gibt, sorgt jedenfalls nicht für einen Spannungsabfall. Ziemlich gute Band, die ich mir merken werde.

KAYO DOT ist ebenfalls eine Überraschung. Hier rauscht Atmo-Doom mit Klargesang, aber auch wüstem Geschrubbe heran. Manchmal rutscht das in die Gothic-Ecke ab und erinnert angenehm an TYPE O NEGATIVE oder alte ANATHEMA. Dazu kommen Keyboard und Bläsereinsatz inklusive eines FLOYDigen Saxophons. Oftmals werden disharmonische und atonale Klänge untergemischt - vor allem aber ist das sehr unterhaltsam und spannend. Das mundet in dieser ungewöhnlichen Melange richtig gut und weiß vor allem mit seiner eindrücklichen Atmosphäre zu packen - beeindruckende Band.

ACID WITCH kommt dann aus einer ganz andere Ecke. Räudig, metallisch und seit dem 2008er Rundling "Witchtanic Hellucinations" auch mit einem gewissen Kultfaktor versehen. Während ich diese Scheibe nach wie vor verehre, fand ich die diesjährige EP "Midnight Movies" mit vier 80er Jahre Trash (ohne H!)-Horrormovie-Soundtrack-Covern aber verzichtbar. Und leider nutzt sich das Ganze auch live mit diesem bratzig-räudigen Herumgelärme ziemlich schnell ab. Nach BOTANIST und KAYO DOT ist mir das ein ganzes Stück zu bieder und eintönig geraten.

Anmerkung am Rande: Da auch noch das renommierte Roadburn-Festival am selben Wochenende in Tilburg stattfindet, treffen sich dort ACID WITCH, KAYO DOT und BOTANIST am Samstag bereits wieder, während TOMBSTONES schon am morgigen Freitag vor Ort ist. Es ist eh fast das gesamte Doom Over Leipzig auch in Tilburg anwesend: RUSSIAN CIRCLES, HELMS ALEE, MINSK, FLOOR, UZALA, EAGLE TWIN, SUBROSA (also der komplette DOL-Mittwoch, Donnerstag und Freitag pendelt vermutlich in Fahrgemeinschaften zwischen Leipzig und Tilburg bzw. umgekehrt hin und her). Die Doom-Hauptstädte Europas sind damit also festgelegt.

[Stephan Voigtländer]

Und Freitag ist es geworden, Wochenabschluss. Und UZALA. Traditionell geht es also los. Das Trio legt seinen Schwanengesang auf seinen Doom, der sich durch Watte watend über das nicht zur Ruhe kommende UT Connewitz legt. Die erste halbe Stunde macht Appetit auf das, was da heute noch kommen wird. Ganz etwas anderes spielen uns jetzt die bärtigen Gesellen von EAGLE TWIN vor, so etwas wie der Geheimtipp, wie in einigen Vorfreudegesprächen zu vernehmen ist. Das Ganze ähnelt einem einzigen Stück Musik, welches nach irgendeinem Konzept hier durchgespielt wird, es gibt Tausende von Songideen und Wechseln in den Stimmungen, nachvollziehbar ist es, wenn das die Leute jetzt schon abfüllt. Durchhaltevermögen ist angesagt.

Und gleich der nächste Brocken hinterdrein. MINSK, alte Post-Metal-Haudegen, die die Säbel auspacken. In strengen Minuten singen, nein, brüllen nicht weniger als fünf Sänger gleichzeitig der Menge ihre Botschaften entgegen. Auch hier: viele Nebel, viel Druck, riesenhoher Sounddruck, die Zuschauer stehen, werden aber von der Wand liebevollst überrollt. Das muss ein Durchatmen zur Folge haben. Also raus mit uns.

Aus einem sonnigeren Teil der USA kommen nun an diesem US-Abend die drei Musiker von FLOOR. Und sie werden meine Favoriten dieses Freitags werden. Der singt ja! Und das passt! Mit hoher und sehr versierter Stimme schaffen es die Typen aus Florida, die Retro-Doom-Eskapaden sehr spannungsreich zu lassen. Jedes Stück mit mindestens einer Überraschung - gefällt ausnehmend gut und wird hiermit als Geheimtipp meinerseits gehandelt. Morgen ist wieder Stephan dran. Gut so, denn ich bin erst mal mit Doom ziemlich abgefüllt ... für heute.

[Mathias Freiesleben]

Also übernehme ich wieder, um vom samstäglichen Höhepunkt, dem begehrtesten, weil am schnellsten ausverkauften Tag des DOL 2015 zu berichten. Obwohl angeblich alle Tage ausverkauft sind, ist es unter Woche, z.B. am Donnerstag, schon recht überschaubar, während es am Samstag erwartungsgemäß ein regelrechtes Gedränge gibt. Trotzdem ist die Stimmung sehr gut und jederzeit entspannt.

SUBROSA wurde verpasst, was angesichts euphorischer Augen- und Ohrenzeugenberichte über den Doom/Sludge mit betörendem Frauen- und rauem Männergesang recht ärgerlich ist. Doch steht als Nächstes ein wunderbares Franzosen-Doppel als Entschädigung auf dem Programm. Wie auch schon das Tour-Package FLOOR und MINSK als auch RUSSIAN CIRCLES und HELMS ALEE beim DOL Zwischenstation machte, sind es heute nun die beiden Franzosenbands MONARCH! und YEAR OF NO LIGHT, die den Festivalaufenthalt praktischerweise in eine anderthalbwöchige Mini-Europatour einbetten.

MONARCH! lässt im wahrsten Sinne des Wortes den Boden erbeben. Die Brüllfrau gibt eine Art Hohepriesterin an ihrem Altar aus Kerzen, zwischendurch haucht sie kurz Flüstertöne zwischen die brachialen Songs. Spektakulär auch der Klampfentausch per Wurf, allerdings fehlt den Songs insgesamt etwas der Fluss. Megamonsterdröhnung mit - wie Mattes es nennt - Schwanengesang.

Auf YEAR OF NO LIGHT hatte ich mich im Vorfeld schon sehr gefreut. Teilweise Slomo-Doom wird geboten, aber durch die Doppel-Drums mit ordentlich Schmackes versetzt. Das Melodisch-Sphärische im YONL-Sound geht ein bisschen unter, was trotz des guten Auftritts etwas schade ist, da dies durchaus eine Besonderheit in der Musik der Franzosen darstellt. Nichtsdestoweniger gehen die mitreißenden Songs auch live ordentlich unter Haut. Sehr schön.

Zum krönden Abschluss dann AMENRA. Die Doom-Stars auf diesem Festival der großen Namen dürfen gleich zwei Mal ihr Können zeigen. Zunächst als ruhige Akustik-Variante, was zwar seinen Reiz hat, aber sich auf Dauer auch etwas zieht. Der Kontrast zum nach kurzer Umbaupause folgenden Orkan ist derb, zumal der Sound erstklassig ist. Unglaublich wuchtig und transparent zugleich. Die Songs elektrisieren die Luft, pumpen sich in die Körper - ein würdiger Headliner. Auch Klanghölzer nimmt man mal zu Hilfe, aber dominiert wird die Show von dem dem außerordentlich kraftvollen Sound der drückenden Riffs. Furios und superb.

Beim letzten Song wird es aber für meinen Geschmack doch etwas übertrieben mit dem Showgebaren. Es ist nicht das erste Mal, dass bei AMENRA so ein zutätowierter Bandfreund an einem Seil mit zwei Haken, die durch seine Brustwarzen gestochen sind, hochgezogen wird, was ich - nun ja - eher albern finde. Für mich hätte es das nicht gebraucht, um den AMENRA-Gig absolut klasse zu finden.

Insgesamt also hatte das Doom Over Leipzig in seiner 2015er Auflage allerlei Interessantes und Großartiges zu bieten. Enttäuschungen gab es keine, weder bei den Bands (okay, ACID WITCH hat mich wirklich nicht überzeugt) und schon gar nicht beim Ambiente und der Organisation des Festivals. Im nächsten Jahr gerne wieder.

[Stephan Voigtländer]

Redakteur:
Stephan Voigtländer

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