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Dream Theater - Wantagh

28.08.2007 | 20:59

25.08.2007, Nikon at Jones Beach Theater

Bei diesem Paket dürfte vielen Progheads das Wasser im Mund zusammenlaufen: DREAM THEATER, REDEMPTION und INTO ETERNITY sieht man nicht alle Tage gemeinsam auf einer Bühne! Da der Headliner kürzlich erst in meiner Ex-Wahlheimat Berlin Station machte, sind es vor allem die Kanadier, die mich den weiten Weg zum Jones Beach, Long Island, antreten lassen. Als größtes Hindernis entpuppt sich dabei die Strecke von meiner New York Wohnung in der Lower Eastside zur Penn Station, denn wegen irgendwelcher Bauarbeiten muss ich zunächst runter nach Brooklyn fahren, um von dort aus wieder in Richtung Norden gondeln zu dürfen. Etwa eine Stunde später erweist sich der Rest des Weges als reinstes Zuckerschlecken: Mit der blitzsauberen Long Island Railroad geht es fünfundvierzig Minuten lang gemütlich über's Land, mit Zwischenstopp in Jamaica und Zielrichtung Babylon - um-die-Welt-reisen kann so einfach sein ... Am Bahnhof Freeport laufe ich einfach dem erstbesten Langhaarigen hinterher zum extra bereitgehaltenen Sonderbus, der uns direkt zum "Nikon at Jones Beach Theater" bringt.

Die Zeit reicht leider nur noch für einen kurzen Blick auf's Meer, bevor ich die Location in Augenschein nehme. Eine Zwei-Mann-Blues-Kapelle im Innenhof fungiert als inoffizieller dritter Opener, zahlreiche Burger- und Süßkram-Stände sorgen für das leibliche Wohl, ein wenig Jahrmarkt-Tinnef in Form von elektrisch beleuchteten Plastik-Rosen soll wohl Jungverliebten das Geld aus der Tasche ziehen, und der Merchandising-Stand bietet eine riesige Auswahl an DREAM THEATER-Shirts feil. Nur Alkohol in jeglicher Form sucht man hier vergebens. Also erst mal einen Kaffee schlürfen - ist doch ganz schön frisch hier, so Open Air am Meer ... Von dem ich auch von meinen Sitzplatz aus, ca. 50 Meter von der Bühne entfernt, noch ein Stück erspähen kann.

Überpünktlich beginnen INTO ETERNITY mit 'Nothing' ihr halbstündiges Set, und ich muss erst mal schlucken: Die hohen Screams, die Neuzugang Stu Block auf "The Scattering Of Ashes" eingeführt hat, sind schon herber Tobak für meine Ohren. Aber vor allem die bereits anwesenden DREAM THEATER-Fans staunen nicht schlecht. "Die vielen fragenden Blicke sagen mir, dass ihr keine Ahnung habt, wer wir sind", leitet Stu die Bandvorstellung ein. Und nimmt gleich vorweg, dass die Fans der Lokalmatadore ja als "open-minded" bekannt seien und die Band sich daher herzlich dafür bedankt, dass sie auf dieser Tour mit dabei sein darf. Ob es nun wirklich an der Aufgeschlossenheit des Publikums liegt oder einfach an dem sympathischen Charme des Sängers: Die Stimmung steigt merklich von Song zu Song. Die Leistung, die allen voran Gitarrenzauberer Tim Roth und Stimmwunder Stu erbringen, ist aber auch wirklich beachtlich. Während früher Ex-Gitarrist Rob Doherty für die härteren Gesangs-Parts verantwortlich war, hangelt sich Stu mühelos von Death-Grunts über Black-Metal-Screams bis hin zu den klaren Passagen, in denen er von Tim unterstützt wird. Und somit erstrahlen ältere Sachen der Sorte 'Spiralling Into Depression', 'Elysium Dream' und das finale 'Beginning Of The End' in neuem Glanz, überzeugen auch 'Severe Emotional Distress' oder 'Timeless Winter' vom aktuellen Album auf der ganzen Linie. Und was Tim seiner Klampfe entlockt, ist sowieso nicht von dieser Welt. Toller Auftritt!

REDEMPTION stehen stilistisch gesehen schon eher in der Tradition des Headliners, wobei ich mit der Formation um FATES-WARNING-Goldkehlchen Ray Alder bisher nicht so recht warm geworden bin. Und daran ändert auch der heutige Auftritt nichts. Natürlich hat Ray eine ziemlich knuffige Art, über die Bühne zu tapsen, selbstverständlich steht sein Gesangstalent außer Frage. Mir gefällt aber seine ruhige, emotionale Seite besser, und REDEMPTION geben im Vergleich zu seiner Stammformation schon eine ganze Ecke mehr Gas. Gegen Ende wird Ray sogar mächtig aggressiv und knallt seinen Mikroständer mehrmals mit voller Wucht auf den Boden - das hätte man von diesem introvertiert wirkenden Kerl nicht erwartet. Vor allem aber merkt man den Kaliforniern den Spaß an, mit dem sie ihre zeitlosen Prog-Metal-Songs zocken, und das inzwischen etwas zahlreichere Publikum ist schnell auf ihrer Seite.

Dies ist mittlerweile mein drittes bestuhltes Konzert in den USA, und somit überrascht es mich nicht mehr, dass sich die Fans erst zu den ersten Takten des Headliners fast geschlossen von ihren Plätzen erheben. Unter visuellen Gesichtspunkten ist das heute der beeindruckendste DREAM THEATER-Auftritt, den ich bisher erleben durfte. Auf der riesigen Leinwand im Bühnenhintergrund läuft zunächst eine Art filmische Retrospektive ihres bisherigen Schaffens, bevor die Band selbst das bombastische Intro zum Besten gibt. Die Lichtanlage bedeckt fast die ganze Bühnendecke und liefert im Laufe der Show immer neue Farbspiele. Und selbst die kleine rote Stehlampe in der rechte Ecke wird stimmungsfördernd beleuchtet. Mike Portnoy thront hinter seinem überdimensionalen Drumkit, während Jorden Rudess die linke Bühnenecke mit seinen zahlreichen Tasteninstrumenten blockiert. Ja, das Traumtheater war schon immer ein Meister der Selbstinszenierung, aber heute setzen die New Yorker noch einen drauf. Selbst der sonst eher zurückhaltend wirkende Tieftöner John Myung geht richtig aus sich heraus, und Gitarrist John Petrucci posiert einige Male am vorderen Bühnenrand, um eines seiner zahlreichen Soli zu zelebrieren. Und Soli gibt es heute in allen erdenklichen Varianten. Sänger James LaBrie, der sich wie bereits kürzlich in Berlin in bestechend guter Form präsentiert, verschwindet oft minutenlang von der Bühne, während vor allem Rudess seine "Spielzeuge", stolz wie ein Kind am Weihnachtsabend, präsentiert. Die neueste Errungenschaft scheint eine Art Synthesizer mit Sensoren zu sein, jedenfalls zeigt die Großaufnahme seiner langen Spinnenfinger, die in solchen Momenten auf der Leinwand eingeblendet wird, keinerlei Bewegung auf der Tastatur, während er dieser Wundermaschine sphärische Töne entlockt.

Ich gebe zu, dass ich mit der DREAM THEATER-Diskographie nicht halb so vertraut bin, wie ich es sein sollte, und die Titel, die mir am besten geläufig sind, sich inzwischen kaum noch in der Setlist wiederfinden. Die Musik pendelt grob gesagt zwischen der Aggressivität des "Systhematic Chaos"-Albums und (so scheint es) Improvisationen mir nicht näher bekannter Songs, die von den Fans begeistert gefeiert werden, mir aber manchmal etwas zäh und anstrengend erscheinen. Wovon ich allerdings nicht genug bekommen kann, sind die Video-Sequenzen, die den Auftritt begleiten. Auf der Leinwand gibt es abwechselnd kurze Filme, Naturbilder oder einfach nur Kaleidoskop-artige Animationen, zu denen die Musik den passenden Soundtrack liefert. Am allergroßartigsten ist jedoch ein Comic-Film, in dem das "North American Dream Squad" aka DREAM THEATER eine Armee von weiblichen Marionetten-Figuren von einem großen, wolfsähnlichen Monster befreit. Als Waffen dienen gut platzierte Drumstick-Geschosse (Portnoy), Feuerspuckende Gitarrenhälse (Petrucci), wellenartige Bass-Schwingungen (Myung) sowie LaBries giftiger Atem und Rudess' messerscharfe Spinnenfinger. Natürlich huldigen die befreiten Damen das NADS gebührend, bevor das Monster in einem finalen Kampf schließlich besiegt wird. Ganz großes Kino!

Was mich allerdings wundert, ist dass das Jones Beach Theater nicht einmal zur Hälfte gefüllt ist - der komplette obere Rang ist leer, und auch der untere zeigt viele lichte Reihen. Ich hatte irgendwie angenommen, dass DREAM THEATER bei einem Heimspiel ganz Long Island um sich herum scharen, aber weit gefehlt. Trotzdem machen die wenigen Anwesenden genug Lärm für ein ganzes Fußballstadion, und als ich nach zwei Stunden Show den langen Heimweg antrete, erblicke ich nichts als glückliche Gesichter.

Redakteur:
Elke Huber

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