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ENSLAVED/VREID - Jena

18.02.2005 | 11:11

10.02.2005, Rosenkeller

Wie lange hatte man darauf warten müssen? Endlich setzen ENSLAVED wieder Fuß auf europäisches Festland, für genau einen Gig in Ostdeutschland. Mit dabei ist norwegische Verstärkung: VREID treten die Nachfolge von WINDIR an.

21.00 Uhr ist Einlass im Rosenkeller und eine lang Schlange versperrt den Weg zum Club. "Sold out" steht auf dem Konzertplakat vor der Tür, "No hope" hat jemand noch darüber gekritzelt. Für einige war der Besuch heute wahrscheinlich wirklich vergebens, denn als man nach einer geschlagenen Stunde Anstehen endlich in den Club hinuntersteigt, ist der Saal dort schon bis zur Tür gefüllt. Wer noch reinkommt, sieht jedenfalls nichts vom Konzert.

VREID haben bereits zwei Songs gespielt. Das folegdne 'Songen At Fangen' versucht einen zwar gefüllten aber skeptisch nach vorne blickenden Saal zu begeistern. So richtig gelingt es nicht. Kommentare wie "Na, zumindest fehlt es der Musik nicht an Abwechslung!", machen klar, was den Jungs fehlt: Ausstrahlung. Sicher bieten die Songs vom Debütalbum "Kraft" einige überraschende spielerische Elemente, auch wissen VREID zweifelsohne etwas mit ihren Instrumenten anzufangen, aber mitreißend wirkt die eigenartige Metal-Rock-Mischung mit SATYRICON-Einflüssen noch lange nicht. Da weht ihnen der Geist der vergangenen WINDIR doch ein bisschen zu großspurig voraus, wenn sie überall mit überschwänglichem Lob bedacht werden. Als sie das WINDIR-Cover 'Destroyer' spielen wird der Unterschied zu den Qualitäten der alten Songs besonders deutlich - da keimt echt noch mal ein melancholisch düsteres Black Metal-Feeling auf. Als Sahnetüpfelchen gibt's dann noch ein SEPULTURA-Cover: 'Troops Of Doom' geht ordentlich ab, ist sauber gespielt und animiert die Leute zum Headbangen. Dennoch, irgendwie fehlt der Band das Charisma und so bleibt nach dem Auftritt heute eher ein enttäuschter Eindruck bestehen.

Setlist VREID:

Helvete
Unholy Water
Songen At Fangen
Wrath Of Mine
Destroyer
Eldast Ut An A Gro
Evig Pine
Troops Of Doom
Raped By Light

"Have some bear Germany" begrüßt Grutle das Jenaer Publikum - er sagt's ganz richtig, denn unter den Anwesenden finden sich auch extra aus Hamburg und Kiel angereiste Fans. Leider ist die Sache mit dem Bier nichts so einfach: einmal im Publikumspulk vor der Bühne eingekesselt gibt es keinen Ausweg mehr. So gestaltet sich die Wartezeit bis alle klangtechnischen Probleme beseitigt sind, weniger entspannend. Zur Not müssen halt die Zitate von der letzten Harald Schmidt-Show zum Langeweiletotschlagen herhalten.

Nachdem auch "der Mann vom Haus" noch mal an den Amps geschraubt hat, geht es plötzlich ganz unvermittelt los. Kurz und schmerzlos feuert Grutle ein fauchendes 'Lunar Force' in die Menge und keine Sekunde später schwingen die Kopfmatratzen im wilden Takt der neuen ENSLAVEDschen Klangausgeburten. Im Hintergrund laufen auf der inzwischen zum festen Bestandteil der Bühnenshow gewordenen Leinwand verworrene Videosequenzen im Wechsel mit dem ENSLAVED-Logo ab. Der optische Overload und die geballte Gitarrenwand lassen keinen Kopf kühl. Da schießt einem das Blut in die grauen Zellen und lässt göttliche Funken überspringen, denn diese Show ist übermenschlich.

Stellt sich bereits nach 'Lunar Force' das Gefühl ein, dass der Kopf irgendwie verloren gegangen ist, wird der Ich-Verlust mit dem folgenden 'ISA' komplett. Lautes Grölen tönt aus der Publikumsmitte, als Grutle den Song ankündigt und die nächste Runde im Kampf um das Verschmelzen von Bewusstsein und Musik beginnt. Augen zu und eingetaucht in die tighten Gitarren, die weltfernen Keyboardmelodien - Augen auf und geblendet von dem Gleisenden Licht, verwirrt von den umherschwirrenden Leuchtpunkten. Die Lichtshow passt bestens zur Musik.

Das war kaum vorstellbar, ob der Winzigkeit der Bühne, auf welcher ENSLAVED hier vor circa dreihundertfünfzig Leuten spielen. Mehr passen einfach nicht rein in den Rosenkeller. Umso hitziger ist die Atmosphäre, dicht an dicht drängen sich die Leute, eigentlich ist kaum Platz zum Headbangen, aber man macht es trotzdem. Erst recht, als ein alter "Frost"-Klassiker gezückt wird: 'Loke' lässt Höllenfeuer los. Da glühen echte Black-Metal-Urgesteine wieder auf.

Die Anfeuerungen von vorn die Arme in die Luft zu reißen sind gar nicht mehr nötig. Der Saal tobt. In bester Laune brüllt Grutle ein gewaltiges "Prrrrost!" mit rrrollendem Rrrrr in die Menge und prostet ihr mit der Flasche zu. "Upps, es ist ja nur Wasser", stellt der trinkfeste Norweger daraufhin kritisch fest. Beim nächsten Mal findet dann aber standesgemäß ein Bier seinen rechten Platz in der kräftigen Wikingerhand.

'The Dead Stare' bringt wieder Ruhe in den aufgewühlten Fanpulk, die Köpfe kühlen sich etwas ab. Auch der psychedelische "Mardraum"-Song 'Ormgard' schlägt ruhigere Wogen. Dann kommt der Song, welcher laut Grutle "düpp-düpp-düpp" geht: 'Bounded By Allegiance', schon jetzt ein Klassiker. 'As Fire Swept Clean The Earth' setzt noch einen drauf, ist an psychedelischer Tiefenwirkung kaum noch zu toppen, da wird echte Dunkelheit offenbart. Auf der Leinwand schlagen sich zwei Männer gegenseitig die Köpfe blutig, im Publikum besteht Gefahr auch so zu enden. Und ENSLAVED kennen keine Gnade. Der 'Fenris' wird wiederbelebt. Er packt den Nacken mit scharrrfen Fängen, lässt nicht mehr locker, bricht fast das Genick. Dann der erste Song vom "Vikingligr Veldi"-Album: 'Lifandi Liv Undir Hamri'. Den haben ENSLAVED in Europa noch nie life gespielt. Das sind Hammerschläge mitten auf den Kopf. Cato am Schlagzeug ist der Schläger.

Wie selig wird das Gemüt doch bei dem eher ruhigen 'Return To Yggdrasil'. Meisterlich ergänzt Keyboarder Herbrand Larsen die klaren Gesangsparts. Er ist ein sonderbarer Vogel, absolut konzentriert bei der Sache wandern seine langen dürren Finger über die Tasten, während die Augen gerade aus in den Saal starren, vorbei an Ivar, der unablässig die Matte schüttelt. Ganz unscheinbar steht auf der anderen Seite Gitarrist Arve und entlockt seinem Instrument die unwirklichsten Lines. Schaut man sich diese Band an, bleibt nur ein Schluss: ENSLAVED haben das perfekte Line Up gefunden. Hier stimmt einfach alles und die Harmonie zwischen den Mitgliedern, die trotzdem jeder für sich als ziemliche Individualisten dastehen, überträgt sich ungebrochen auf das Publikum.

Schade nur, dass es heute keine Zugabe gibt. Die Band muss sofort weiter. Nur ein Song fehlt noch, der erste, den ENSLAVED jemals aufgenommen haben: 'Slaget I Skogen Bortenfor'. Ja, da ist Black Metal Krieg. Obwohl man sich bei diesem Song nur schwer entscheiden kann, ob er nicht vielleicht doch eher einem Technoinferno gleicht. Tanzbar ist er auf jeden Fall. Am Ende siegt aber doch der Drang noch einmal mit aller letzter Kraft den Kopf ins Verderben zu schicken.

Schwitz, eigentlich haben ENSLAVED ja ganz schön lang gespielt. Mehr kann man fast gar nicht mehr verlangen. Schade nur für alle jene, die trotz Karte im Vorraum hängen bleiben, weil einfach nicht mehr Leute in den Konzertraum passen. Wer weiß, wann ENSLAVED das nächste Mal wieder in der Gegend spielen und das auch noch für acht Euro? Da sollen sich andere Bands mal ein Beispiel daran nehmen!

In jedem Falle war dieser Abend nach den eher lauen Veranstaltungen der Vergangenheit ein echter Höhepunkt und so verlässt man mit tiefer Zufriedenheit und innerlich noch immer glühend den Rosenkeller, hinaus in die kühle Nachtluft eines eisigen Winters. "ISA..." dröhnt es noch in den Ohren nach.

Setlist ENSLAVED:
Lunar Force
ISA
Loke
Dead Stare
Ormgard
Bounded By Allegiance
As Fire Swept Clean The Earth
Fenris
Lifandi Liv Undir Hamri
The Return To The Yggdrasill
Slaget I Skogen Bortenfor

Redakteur:
Wiebke Rost

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